Gentrifidingsbums: Ich möchte den Gorny ja lieben, aber ich schaff‘ es einfach nicht

Cover - Nautilus Verlag

Während Dieter Gornys ECCE im Ruhrgebiet noch mit großem Geld und Blähvokabeln Richard Floridas windige Thesen aus „The Rise Of The Creative Class“ (2002) nachbetet und damit meist ahnungs- also hilflose Politiker an der Ruhr mächtig beeindruckt, kümmert sich nicht nur ECE bereits darum, aus der angeblich heiß ersehnten Ruhr-Stadt der Kreativen schon heute eine unternehmerische Stadt der Investoren zu machen.

Wie solche kultur- und wirtschaftspolitischen Strategien zusammenhängen, kann man aus Christoph Twickels klar und kenntnisreich geschriebener Streitschrift „Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle“ erfahren, die ich unten vorstelle. Am 5. Oktober kommt Autor Twickel persönlich um 19.30 Uhr in die Dezentrale von „Schlimm City“ (Mülheim/Ruhr). Dort müsste er sogar den mitveranstaltenden Soziokulturellen und Künstlern die Leviten lesen. Denn gerade sie sind es, die mit kulturellem Engagement und künstlerischer Arbeit oft erst abgewirtschaftete urbane Räume so gründlich aufwerten, dass sie Begehrlichkeiten bei jenen Immobilien-Großmogulen wecken, die lieber kalkuliert auf ein Biotop für Banker und Besserverdienende spekulieren, als dass sie widerständige Fantasie freisetzen für eine soziale Stadt aller.

Gentrification oder Gentrifizierung heißt jener Prozess, der unterm Strich entweder die Schickimickisierung eines Stadtviertels für Auserwählte vorantreibt oder im Gegenteil vielleicht die Möglichkeit eröffnet, eine Stadt kulturell und sozial verdichteter Unterschiedlichkeit leben oder gar wiederaufleben zu lassen.
Christoph Twickel fragt sich in „Gentrifidingsbums …“, ob es eine Alternative gibt zu jener allgegenwärtigen Koalition von Politik, Wirtschaft, Immobilienhaien, Think tanks und Lobbyisten, der die Stadt nur noch als Beute erscheint. Bedeutet Gentrifizierung notwendig, dass der von global-deregulierter Wirtschaft wundersam ausgehungerte Nationalstaat und damit die Länder und Kommunen aus Finanznot ihren Grund und Boden ohne große Auflagen nur noch verscheuern und verschleudern –  in der oft vergeblichen Hoffnung, dass Investoren Arbeitsplätze schaffen und neue Kaufkraft und damit Steuern „generieren“?

Der Kreislauf: Abwertung, Aufwertung, dann Verwertung
Parallel dazu lassen bankrotter Staat und Kommunen die Städte, städtisches Leben verwahrlosen. Ausgerechnet Kulturmacher und Künstler sind heute immer öfter gern gesehene Zwischennutzer öder Orte, leerstehender Handels- oder Industrieruinen, ja ganzer heruntergekommener Viertel: um ihnen neues Leben einzuhauchen. Denn mit den Künstlern und Kulturfreaks kommen schließlich Menschen, die ohne staatliche (Finanz-)Hilfe oder Investitionen aus der Wirtschaft marode Räume instand setzen, Ateliers und Lofts ausbauen, kleine Gewerbetreibende, Selbstständige und Gastronomie anlocken, auch politischen Initiativen Freiräume verschaffen …

C. Twickel -Nautilus

So wird aus einem „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ oft ein Szeneviertel. Danach aber hat der Künstler als Lückenbüßer meist schnell ausgedient, oft ohne dass er es selbst schon weiß. Mit ihm und seinesgleichen, dem ganzen hippen kreativen Prekariat, werben bereits die Immobilienmakler in ihren Broschüren für ‚stylishes‘ Wohnen und Arbeiten. Sie hatten präventiv schon länger aufgekauft, was nach guter Rendite zu riechen begann. Jetzt wollen sie ernten, was sie nicht gesät haben,  locken also Unternehmen, Yuppies, Bionade-Bohemiens an und mit ihnen vollendet sich die „Lattemacchiatisierung“ der einst verkommenen Gegend. Mieten, Lebenshaltungskosten, Grundstückspreise steigen rapide und die letzten kleinen Arbeiter oder Angestellten verlassen die Häuser – wie all die anderen sozial Deklassierten zuvor. Und auch die Künstler werden bald gehen (müssen) und sich eine neue Ecke in der Stadt suchen, die sie gentrifizieren können, die sie also – als nützliche Idioten – durch kulturelle Aufwertung der Immobilien-Verwertung zuführen dürfen.

Die Stadt als Gemeinwesen wird zur Stadt als gemeines Wesen
Klingt’s larmoyant? Als Akademiker, der jetzt gut drei Jahrzehnte in Schule, freier Kulturarbeit und Literaturförderung gearbeitet hat, wird es für mich als zukünftigen Rentner (so der jährliche Bescheid) bestenfalls eine Rente um 1.300 Euro plus geben, immer vorausgesetzt, ich schaffe ein Alter von 65 ½. Bis dahin werden Inflation, Besteuerung von Renten und sehr wahrscheinlich Rentenkürzung (wegen immer neuer „Bankenschirme“ usw.) die Kaufkraft weiter entwerten. Dennoch, mit dieser Rente werde ich schon zu den Privilegierten eines kreativen Prekariats gehören, von dem Floridas Jünger wie Gorny hierzulande nie sprechen, wenn sie die Creative Class, die Kreativwirtschaft insgesamt beschwören als Mittel, um in der globalen Standortkonkurrenz das Ruhrgebiet „gut aufzustellen“, zu „positionieren“ und von Kreativquartieren träumen: „Für ecce ist dieses Kreativ.Quartier der ideale Ort, um gemeinsam mit den Partnern aus Kunst, Kultur, Medien, Wirtschaft und Politik die Arbeit für die Kreativwirtschaft und die Region fortzuführen. Langfristig soll so die Metropole Ruhr zu einer gefragten Kultur- und Kreativregion Europas werden.“

Mit Courage anders sein: schwierig
Was wird das für ein Ruhrgebiet werden, das – anderen Möchtegernmetropolen zum Verwechseln ähnlich – vor allem die gehypten Exzellenz-Kreativen als Schmiermittel prosperierender Wirtschaft anbetet, um sie buhlt und ganze Quartiere, Stadtkerne, gar Städte nach ihren Bedürfnissen neu ordnen will? Wer wird im Gegenzug enteignet, wenn sich die vermeintlich alles zum Guten wendenden „Creative Professionals“ die Städte aneignen dürfen, um Profit zu machen als Diener vieler Herren in Finanzkasino, globalen Unternehmen oder als selbstständiges Bill-Gates-Imitat?

Wie wollen wir leben?
Mit 66 plus werde ich langsam hineinwachsen in die „A-Gruppe“ der Alten, Armen, Arbeitslosen, Ausländer, Andersdenkenden, alternativen Arschlöcher, für die nur noch wenig Platz sein wird auf den Plätzen des Erfolgs und der Gewinner. Wer sich solch schrecklichen Orte der Ausgrenzung ansehen will, kann heute schon Berlins Potsdamer Platz mit Sony Center ff. oder besser gleich Manhattans Kern besichtigen: „Kauf oder stirb“, heißt hier der stille inhumane Imperativ. Und selbst aus dem Oberhausener Centro bin ich einmal getürmt, bevor ich kotzen musste. Ohne Angst anders sein, das kann an diesen Stätten allein der, der wirklich Geld genug hat, um nur als zahlender Kunde angenehm aufzufallen oder sich Bodyguards zu halten, die selbst den Security-Dienst einer Mall einschüchtern.

Aneignung von Stadt sollte immer auch das Ende der Enteignung ihrer schwächsten Bewohner sein
Es darf also nachgedacht werden über alternative Kultur als bloßes Ornament einer Turbo-Gentrifizierung, es darf widersprochen werden einer „Creative Class“ und den Propagandisten einer Kulturwirtschaft, die von Kunst als Ästhetik des Widerstands gar nichts mehr wissen will. Es muss gesprochen werden über marodierendes Finanzkapital, das aus Städten tote Orte macht, in denen ökonomisch Erfolgreiche inzestuös im eigens für sie inszenierten Ambiente hausen und sich gegenseitig feiern. Die Verlierer und Verlorenen dagegen, jene also, die – mit den Augen des Geldes gesehen – zum menschlichen Müll gehören, wo bleiben sie in den Städten von  morgen? „Wir müssen draußen bleiben“, das steht schon heute nicht mehr allein auf Schildern vor Metzgereien, die damit Hunde meinen. Das Gebot gilt bereits mehr oder weniger sichtbar längst für all die neuen privatisierten Hochglanz-Konsum- und „Erlebnis“-Räume plus Umgebung, die einst einmal öffentlich allen zugänglich waren.
Twickel fordert auch deshalb von Kulturvermittlern und Künstlern, dass sie sich im Rahmen einer Gentrifizierung engagieren, die sich explizit als emanzipatorische Bewegung für das Recht auf Stadt versteht. Also als soziale Bewegung der Teilhabe, die nicht abgelöst werden darf von künstlerischen Prozessen. Auch diese Einsicht macht die Intelligenz und Warmherzigkeit der Streitschrift Twickels aus.

Also nicht vergessen:
Gentrifidingsbums & Strange Kebab/ Christoph Twickel & Ralf Thenior lesen und diskutieren
Mittwoch, 5. Oktober 2011, 19.30 Uhr
DeZentrale in SchlimmCity (ehemaliges Ruhrbania Büro, Gardinen Hase)
45468 Mülheim
Eintritt: 250,- SchlimmCityDollars ( 7 Euro)
Karten unter fon 0208.99 31 60
info@ringlokschuppen.de oder www.ringlokschuppen.de/spielplan und www.derticketservice.de/ringlokschuppen

Disclaimer: Der Autor dieses Beitrags ist übers Literaturbüro Ruhr Mitveranstalter der Lesung

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59 Kommentare

  1. #1 | Stefan Laurin sagt am 22. September 2011 um 10:21 Uhr

    Wow – was für ein Text. Daran, dass Gorny und seine dümmlichen Kofferträger und seine noch dümmlicheren öffentlichen Finanziers die von Dir beschriebenen Themen wie Prekarisierung nicht erwähnen, zeigt sich was den Akteueren von ECCE, Städten, Land und Wirtschaftsförderung fehlt: Qualität. In New York werden solche Fragen von Initiativen der Stadt thematisiert und auch bei Florida nehmen sie breiten Raum ein. (Aufwertung der Dienstleistungsjobs). Sagt man das einem der steuerfinanzierten Minderleister, die über das Thema schwadronieren, schaut man in verdutzte, doofe Augen, denn lesen tun die Herrschaften ja kaum mehr als die eigenen, schlechten Broschüren.

  2. #2 | Arnold Voss sagt am 22. September 2011 um 12:14 Uhr

    KLasse Text, Gerd. Ich habe den Prozess der Gentrifizierung in New York einmal komplett beobachten können und zum großen Teil auch selbst mitelebt.

    https://www.ruhrbarone.de/gentrification-in-new-york-city-die-williamsburgh-story/

    Im Berliner Wedding, wo mein Büro ist, geht es jetzt auch Schritt für Schritt los. Der Stadtteil liegt einfach zu nah am schon völlig gentrifizierten Prenzlauer Berg bzw. grenzt er direkt daran an.

    Im Ruhrgebiet schätze ich den Gentrifizierungsdruck insgesamt allerdings als viel geringer ein. Die selbsternannte Metropole Ruhr ist keine Boomtown und in diesem Zusammenhang kann man sogar froh drum sein.Aber urbane Erneuerung und den Zuzug junger kreativer junger Leute könnte die Ruhrstadt sehr wohl gebrauchen.

  3. #3 | Gerd Herholz sagt am 22. September 2011 um 12:59 Uhr

    #2 Arnold:
    Danke für den Link, lese ich.
    „Aber urbane Erneuerung und den Zuzug junger kreativer junger Leute könnte die Ruhrstadt sehr wohl gebrauchen.“
    Sehe ich auch so. Twickel geht’s ja vor allem um die sozialen Rahmenbedingungen von Gentrifizierung und für die wäre Kreativ-„Wirtschaft“ eher kein Garant. Da werden viele kreative ‚working poors‘ gebraucht und der Rest der i.e.S. nicht-„kreativen“ Stadtbewohner interessiert auch nicht sehr.

    Im Ruhrgebiet würde es schon enorm helfen, wenn man vorhandene Strukturen kreativer Arbeit in allen Bereichen sanft entschlossen und im Dialog mit den dort Arbeitenden ausbauen würde. Was aber geschieht und immer deutlicher geschehen wird, ist zumindest im teilsubventionierten Kulturbereich die Demontage erfolgreichen Personals und guter Einrichtungen.
    Siehe als eines von zahlreichen Beispielen:
    https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/nord/Stadt-Duisburg-dreht-Traditionseinrichtung-kulturiges-den-Geldhahn-zu-id5061494.html

  4. #4 | teekay sagt am 22. September 2011 um 13:13 Uhr

    Artikel ist sehr interessant, Buch klingt vielversprechend. Gibt es die Moeglichkeit eines ebooks?

  5. #5 | Sven Halen sagt am 22. September 2011 um 13:25 Uhr

    ein toller artikel! allerdings finde ich es etwas hart, die kreativen und künstler als „nützliche idioten“ zu bezeichnen. es ist ja nicht so, als ob sie gern den boden für die heuschrecken bereiten. erstens sind sie selber am ende von der gentrifizierung betroffen, zweitens sind sie oft in einer derart prekären lage, dass es um das tägliche überleben und das fortführen der eigenen arbeit geht – da bleibt kein platz, gemeinsam programme und konzepte für eine „gute gentrifizierung“ zu entwickeln. ich kenne genug kreative im ruhrgebiet, die vielleicht auch nichts vom politischen gerede über kreativwirtschaft halten, die aber durch ruhr 2010 und den ganzen rattenschwanz erstmals aufträge und ein auskommen hatten. das ist letztlich eine entscheidung, die jeder für sich selber treffen muss.
    außerdem ist gentrifizierung ein prozess, nicht ein zustand, und sie beschert den betroffenen stadtteilen ja durchaus auch positives – demografische vielfalt, neue perspektiven, infrastruktur etc.
    generell finde ich es gut, über gentrifizierung mal nicht nur als „das böse“ schlechthin nachzudenken, sondern zu differenzieren und sie als existentes phänomen zu begreifen, auf das man einwirken kann. (das, so habe ich den artikel verstanden, scheint twickel in seinem buch ja auch zu tun.)
    im übrigen stimme ich arnold voss zu: bis man sich in der „metropole“ ruhrgebiet ernsthaft sorgen wegen der gentrifizierung machen muss, werden wohl noch ein paar jährchen ins land ziehen.

  6. #6 | Sven Halen sagt am 22. September 2011 um 13:27 Uhr

    ergänzung @ #3: da stimme ich natürlich auch zu. aber duisburg ist momentan auch wirklich das fieseste beispiel 😉

  7. #7 | Arnold Voss sagt am 22. September 2011 um 13:43 Uhr

    @ Sven Halen

    Gerade das Ruhrgebiet böte die Möglichkeit mit einer anderen, weniger verdrängenden und nicht rein immobilienroientierten Form der Gentrifizierung zu experimentieren, bzw. diese zu fördern. Das wiederum könnte Vorbildcharakter für andere Städte haben.

    Allerdings nur für die in denen der Marktdruck eine bestimmte Schwelle noch nicht überschritten hat. In echten Boomregionen/Städten sind die negativen Seiten der Gentrifizierung kaum aufzuhalten.Ansonsten siehe vertiefend dazu meine Ausführungen an anderer Stelle in diesem Blog.

    https://www.ruhrbarone.de/vom-sinn-und-unsinn-der-kreativen-klasse-und-der-kreativquartiere/

    https://www.ruhrbarone.de/vom-sinn-und-unsinn-der-zwischennutzung/

  8. #8 | Sven Halen sagt am 22. September 2011 um 14:05 Uhr

    @ Arnold Voss

    Stimmt. Das Ruhrgebiet hat in so vielen Dingen so viel Potential und könnte ein ganz wunderbarer, fortschrittlicher Ort sein, an dem neue Konzepte Schule machen etc. – leider scheitert es immer wieder an den selben Hindernissen: kurzsichtige lokale Politik und ein überholtes Selbstverständnis als Malocherregion ohne Ambitionen, das man auch als Minderwertigkeitskomplex bezeichnen könnte.
    Bzw., um das zu präzisieren, könnte man vielleicht sagen: entweder die Ambitionen sind unrealistisch überhöht (siehe Dortmunder U) oder sie sind nicht vorhanden (siehe Kleinstadtdenken, siehen Duisburg). Ein realistischer Ansatz, der sowohl Potentiale berücksichtigt und fordert, als auch existente Probleme anerkennt, existiert bisher nicht. Und solange jede Stadt hier ihr eigenes Süppchen kocht, wird das sowieso nix …

  9. #9 | Will sagt am 22. September 2011 um 14:27 Uhr

    Ich konnte Christoph Twickel bei einer Konferenz erleben, wo er über das Gängeviertel in Hamburg referierte. Mir gefällt seine Herangehensweise an das Thema. -> https://willbee.de/wp/?p=499

    Ich finde die Idee von Arnold Voss, dass das Ruhrgebiet als Experementierfeld für eine polyrationale Herangehensweise der Quartiersaufwertung sein könnte und sollte, großartig. Aufwertung, man muss noch nicht unbedingt von Gentrifizierung sprechen, haben viele Ortsteile der Ruhrstadt bitter nötig. Kommunal sinnvoll ist es zu überlegen, wie man diesem Problem begegent. Die Ruhrstadt ist, wie bereits erwähnt keine Boomregion, nein sie ist sogar eine schrumpfende Region. Da ist man schlecht beraten Vorbilder in Hamburg, Berlin oder New York à la Florida heranzuziehen.

    Die Ruhrstadt braucht endlich genug Selbstbewusstsein ihre spezifische und fast einmalige Ausgangssituation auch als solche zu betrachten und dafür geeignete Strategien zu entwickeln, die im besten Falle später auch noch als Vorbildcharakter dienen werden.

  10. #10 | Gerd Herholz sagt am 22. September 2011 um 20:24 Uhr

    #4 teekay: ebook? ich glaube nicht. mehr infos beim verlag unter:
    https://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-726-2.html

    #5 sven halen: „…dass es um das tägliche überleben und das fortführen der eigenen arbeit geht – da bleibt kein platz, gemeinsam programme und konzepte für eine “gute gentrifizierung” zu entwickeln.“
    stimmt schon. ist ein dilemma. aber twickel geht’s genau darum: die komplexen rahmenbedingungen von gentrifizierung und die eigene rolle dabei zu reflektieren. dass kulturmenschen und künstler gar nicht dazu kommen, ist schon teil ihrer arbeitsbedingungen und des problems.

    #7,8,9 arnold, sven, will: „Gerade das Ruhrgebiet böte die Möglichkeit mit einer anderen, weniger verdrängenden und nicht rein immobilienorientierten Form der Gentrifizierung zu experimentieren, bzw. diese zu fördern.“
    ja, da läge eine chance. stattdessen arbeitsteilung unproduktiv: soziokulturelle, künstlerinitiativen, aber auch städtische kultureinrichtungen usw. krebsen immer weiter rum oder stehen auf der kippe, während allein die nomadisierenden prediger der creative class, die politikflüsterer (die gerne gegen subventionierte kultur wettern) die dicksten subventionen einstreichen, wobei kunst und kultur dabei kaum entstehen dürften, nicht einmal das niveau von kulturangeboten fürs publikum scheint gehalten werden zu können.

    vielleicht haben ja einige von euch zeit am 5.10. zu twickel nach mülheim zu kommen?!

  11. #11 | Melanie von Hurt sagt am 23. September 2011 um 04:42 Uhr

    Jepp, seit Monaten mal wieder ein treffender Blog mit realismus und tiefgang auf den Ruhrbaronen!

  12. #12 | Sven Halen sagt am 23. September 2011 um 10:17 Uhr

    # 10 herholz: ich werde auf jeden fall versuchen, am 5. vorbeizukommen – wenn meine prekäre lage mir zeit dafür lässt 😉

  13. #13 | Katharina Thiel sagt am 23. September 2011 um 10:32 Uhr

    @Teekay: Ja, das Buch ist auch als eBook erhältlich. Z.B. hier: https://www.amazon.de/GENTRIFIDINGSBUMS-Oder-eine-Stadt-ebook/dp/B005F4NXV4

    aber auch in allen gängigen eBook-Shops…

  14. #14 | DH sagt am 23. September 2011 um 11:28 Uhr

    Es ist sogar noch paradoxer: Christophs Buch, das ich sehr schätze, und die Gänge-Viertel-Bewegung machen die Stadt Hamburg nun noch populärer als es jede „Kreative Stadt“-Kampagne des lokalen Stadtmarketings je schaffen würde.

    Auch das Kritische, das „Anders anders sein“-Wollen wird letztlich zur Standortqualität („Let’s keep Austin weird“). Insofern trifft das Argument, Künstler, die sich in depravierten Stadtteilen ansiedeln, seien nützliche Idioten, letztlich auch diejenigen, die genau das kritisieren – alles jüngst schön beschrieben im „kapitalistischen Realismus“:
    https://www.campus.de/wissenschaft/politikwissenschaft/Politische+Soziologie.40373.html/Kapitalistischer+Realismus.94570.html?PTBUCH=BUCH

    Ungeachtet dessen ist dieser Diskurs natürlich notwendig; nicht, weil die seinerzeit von der Kulturhauptstadt ausgerufenen Kreativquartiere absehbar mit Supergentrifizierung zu tun bekommen würden, sondern weil er grundlegende Mechanismen von Stadtentwicklung offen legt.

    Man sieht aber auch, dass sich rund um die „Kreative Stadt“ längst eine Art semiotische Bulimie breit gemacht hat: „Bedeutungsfressattacken, die sich mit Brechanfällen abwechseln“ – so nennen das Metz und Seeßlen in ihrem tollen, dicken Buch über Blödmaschinen.

  15. #15 | Geh doch mal hin ;) sagt am 23. September 2011 um 11:46 Uhr

    22.Sep 2011: Post von Dieter Gorny

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Kultur- und Kreativwirtschaft erhält national und international eine wachsende Anerkennung als Wirtschaftsfaktor und Innovationsmotor.

    In der Metropole Ruhr konnten insbesondere mit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 zusätzliche Impulse zur Stärkung der Branche gegeben werden.

    Diese Impulse aufzunehmen und in nachhaltige Entwicklungen zu überführen ist ein gemeinsames Anliegen des european centre for creative economy (ecce) und der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH, die in diesem Jahr erstmals gemeinsam die Jahrestagung Kultur- und Kreativwirtschaft Ruhr veranstalten.

    Auf der Tagung erwartet Sie ein vielseitiges Programm mit hochkarätigen Rednern und spannenden, thematisch aktuellen Workshops, das die Schnittstelle zwischen Kreativität und Innovationen in den Fokus nimmt.

    Einen Höhepunkt bildet die Verleihung des Preises „u_do‘‘ für junge Kreative aus der Metropole Ruhr sowie das im Vorfeld der Jahrestagung stattfindende Matchmaking: „Student trifft Unternehmen – Unternehmen trifft Student“.
     
    Wir möchten Sie zu dieser 3. Jahrestagung sehr herzlich einladen und würden uns freuen, Sie zu der Veranstaltung am Donnerstag, den 20.10.2011 im Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität begrüßen zu dürfen.
     
    Bitte melden Sie sich bis zum 14.10.2011 unter https://de.amiando.com/kreativ_wirtschaften.html für die 3. Jahrestagung Kultur- und Kreativwirtschaft Ruhr an.
     
    Wir freuen uns auf Ihr Kommen und verbleiben mit den besten Grüßen
      
    Prof. Dieter Gorny                                                                             Thomas Westphal
    Direktor                                                                                               Geschäftsführer
    european centre for creative economy                                                   Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH
     

  16. #16 | Anton Kowalski sagt am 23. September 2011 um 12:13 Uhr

    Toller Beitrag, interessante und informative statements und links. So gefallen mir die „Ruhrbarone“! Hier noch ein link zum selbständigen und kreativen Prekariat:
    https://www.sfs-dortmund.de/v2/rubriken/publikationen/datenbanksuche/index.php?Id=1251

  17. #17 | Gerd Herholz sagt am 23. September 2011 um 13:07 Uhr

    stadt duisburg schreddert kultur & kreative, stefan hat heute im ruhrpiloten schon darauf hingewiesen: https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Rettung-kultureller-Angebote-in-Duisburg-bleibt-unwahrscheinlich-id5089977.html

    das ist ruhrgebiets-spezial-gentrifizierung vom feinsten: die kreativen vertreiben, bevor ihnen mit kunst und kultur überhaupt die aufwertung eines viertels ansatzweise gelingen kann. lieber leerstände und verwahrlosung einleiten und direkt aus den ruinen investoren anbeten. nach loveparade (gutachten!), küppersmühlen-millionengrab macht sich duisburg über die vollstreckung von haushaltskürzungen weiter lächerlich. die umverteilung läuft, ödnis unterm bankenschirm.
    und die anderen städte werden folgen (oder tun’s schon). ja, da haben kulturhauptstadt und ecce aber echt nachhaltige impulse gegeben & und in dortmund werden sie dann bei ihrer tagung den geladenen gästen weiter ein U für ein X vormachen; siehe # 15. anything goes, aber wohin?

  18. #18 | Stefan Laurin sagt am 23. September 2011 um 13:15 Uhr

    Gerd: Im Ruhrgebiet ging es beim Thema Kreativwirtschaft nie um Kreative. Für die interessiert sich hier niemand. Es ging nur darum unter diesem Motto staatliche Fördergelder abzugreifen – für was, war den meisten Politikern absolut egal.

  19. #19 | Gerd Herholz sagt am 23. September 2011 um 13:49 Uhr

    Stefan: Stimmt. Was das z.B. für Literaten/Autoren bedeutet, habe ich zuletzt in einem WAZ-Kultur-Seiten-Beitrag über S. von Radecki noch einmal am Beispiel Michael Klaus‘ erwähnt. Der starb vor wenigen Jahren an Krebs leidend und an der Armutsgrenze krebsend in GE-Buer. Freude hielten ihn mit ein paar Euro über Wasser. Dabei hatte Michael das freche Schalke-Musical geschrieben, ein Schimanski-Drehbuch, Glossen für die FR, den WDR, Satiren und Romane. Er war also durchaus gar nicht schlecht im Geschäft, aber gut leben davon? Pustekuchen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Klaus
    und
    https://www.literatur-archiv-nrw.de/lesesaal/Essays/Carmina_Buerana__Ein_Nachruf_auf_Michael_Klaus/seite_1.html
    Über Menschen wie Michael Klaus werden die Kreativwirtschafts-Hohepriester in ihren Luxusbüros wahrscheinlich nur (heimlich) lachen: „Wie kann man nur so blöd sein, vom Schreiben halbwegs leben zu wollen?“

    # 14 DH: Schöner Tipp zu „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ bei Suhrkamp. Kenn ich nicht, fällt aber ins Lesehunger-Beuteschema. Einen eben ergoogelten Link ergänze ich mal zu einer anregenden Besprechung:
    https://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/m/metz_seesslen.htm

  20. #20 | Stefan Laurin sagt am 23. September 2011 um 13:58 Uhr

    @Gerd: Der Kreativwirtschafts-Hype nutzt den Kreativen gar nichts sondern nur eine Klasse von Schnorrern, wie sie sich bei ECCE herumtreiben.

  21. #21 | DH sagt am 23. September 2011 um 15:09 Uhr

    @#17: Soviel Geografie muss sein: Neben jeder Schlimmcity gibt es auch eine Superschlimmcity.
    @#20: Schönes Beispiel für einen Brechanfall (s.o.).

  22. #22 | Sven Halen sagt am 23. September 2011 um 16:21 Uhr

    # 17 herholz: wenn es „nur“ kürzungen wären – leider wird ja auch aktiv gegen alternative (und von städtischer finanzierung unabhängige) kulturangebote vorgegangen: https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Ordnungsamt-Duisburg-schraenkt-DJs-im-Club-Goldengruen-ein-id5005380.html

  23. #24 | Andreas sagt am 24. September 2011 um 09:42 Uhr

    @ Arnold Voss #7 & Gerd Herholz

    „Gerade das Ruhrgebiet böte die Möglichkeit mit einer anderen, weniger verdrängenden und nicht rein immobilienroientierten Form der Gentrifizierung zu experimentieren, bzw. diese zu fördern.“

    Das ist ein Paradoxon:

    Gentrifizierung, die nicht verdrängt, ist keine Gentrifizierung.

    Auch bei diesem Satz frage ich mich, ob er nicht einen unauflösbaren Widerspruch enthält:

    „Twickel fordert auch deshalb von Kulturvermittlern und Künstlern, dass sie sich im Rahmen einer Gentrifizierung engagieren, die sich explizit als emanzipatorische Bewegung für das Recht auf Stadt versteht.“

  24. #25 | Walter Stach sagt am 24. September 2011 um 13:38 Uhr

    Interessante Diskussion, auch für mich als unmittelbar nicht Betroffenem und nicht Beteiligtem.Ich befürchte, daß die große Mehrheit in Politik und Adminstration im Ruhrgebiet nicht fähige und/oder nicht willens ist, sich mit dem Diskussionsinhalt auseinanderzusetzen. Konkrete Anregung: Zusammenfassung aller dieser Disk.-beiträge in einer Vorlage für den nächsten Kulturausschuß in einigen Kommunen, um dort -zum ersten Male?- Grundlage für eine thematisch umfassende Diskussion zum Thema Kreatiwirtschaft „vor Ort/im Revier“zu sein, und mit einigen Betroffenen/Beteiligten als beratende, sachkundige Teilnehmer?Vielleicht findet sich ja eine Fraktion, ein Ratsmitglied,ein sachkundiger Bürger, um in diesem Sinne in seiner Kommune aktiv zu werden. Noch eine Anmerkung: Wenn ich als interessierter, aber nicht sachkompetenter Bürger mit Künstlerinnen/Künstlern aus der Region zusammen bin, und dabei auch über „Kreativwirtschaft“ diskutiert wird, habe ich regelmäßig den Eindruck,daß die betroffenen/beteiligten Personen zunächst und vorrangig darüber nachdenken, ob und inwieweit eine Realisierung der jeweiligen Idee für sie unmittelbar und ganz persönlich von Vorteil sein kann, was angesichts der häufig unzureichenden materiellen Lebensgrundlage selbstverständlich , aber eben auch ein wesentlicher Grund dafür sein könnte, daß das Miteinander in der Kultur-Kunstszene bei der Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Ziele, z.B. im Bereich der Kreativwirtschaft, außerordentlich problematisch ist. Problemlösungen? Ich habe keine. Allerdings sollte bedacht werden, daß dann,wenn die Kunst-/Kulturszene im Bereich der sog.Kreativwirtschaft weniger auf sich selbst, auf Eigenorganisation, auf Eigeninitiative setzen sollte, sondern primär oder gar ausschließlich auf die „öffentliche Hand“ baut,bleibt am Ende von den Kreativen, der Kreativiät nichts übrig.Das ist -sh.einleitend-kein Plädoyer gegen die Notwendigkeit eines quantitativ und qualitativ anderen Umganges „der öffentlichen Hand“ im Ruhrgebiet mit der Kultur-/Kunstszene, wenn es um die sog.Kreativwirtschaft geht, sollte aber nach dem Motto erfolgen: Soviel Freiraum für die betroffenen/beteiligten Menschen wie eben möglich, und kommunale/regionale „Hilfe“ inhaltich, finanziell, organisatorisch nur soweit unbedingt erforderlich!Stefan, ich hatte schon vor einigen Monate bei den Ruhrbaronen darauf hingewiesen, daß ein Blick über den Tellerand nach Berlin,München,London,Paris den Kommunen/der Region helfen könnte, aus dortigen Problemlösungen im Bereich der Kreativwirtschaft zu lernen.Das Rad muß nicht immer wieder neu erfunden werden. Selbstverständlich geht es dann nicht darum, sh.Beitrag „eins zu eins“ Problemlösungen aus anderen Metropolen auf die Ruhrmetropole zu übertragen -sh.Beitrag 4, Will-, sondern es geht darum,aus der Vielzahl unterschiedlichster Problemlösungen in den verschiedenen Metropolen das jeweils Beste, das jeweils am besten für das Ruhrgebiet passende herauszusuchen.Kann das, sollte das Gorny/ECCE leisten? Auch danach habe ich seinerzeit bereits gefragt.

  25. #26 | Arnold Voss sagt am 24. September 2011 um 15:00 Uhr

    @ Andreas # 24

    Rein definitorisch würde ich ihnen recht geben, Andreas. Zumindest was die gängigen Definitionen bzw. das fachliche Verständnis von Gentrification betrifft. Die ist auch so in den Köpfen der davon real und potentiell Betroffen gelangt, das Gentrification als negative Stadtteilentwicklung aufgefasst wird.

    Nun passiert der Zuzug von Kreativen aber in der Regel erst einmal unter der Bedingung von Leerständen und niedrigen Mieten wegen des vorherigen partiellen oder grundsätzlichen Niedergangs eines Stadtgebietes. Es gibt also Stufen der Gentrifizierung, die erst einmal Vorteile für den Stadtteil bietet. Belebung, soziale Erneuerung und Investitionen die keinen Verdrängungseffekt haben. Siehe auch noch mal meine ausführliche Phasenbeschreibung in dem Beispiel aus NYC verlinkt in #2. Die letzte Phase in dieser Zeit habe ich dort als die goldene Phase der Gentrifizierung bezeichnet.

    Befindet eine Stadt sich nicht generell in einer Boomsituation kann Erneuerung von unten durch die sogenannten Kreativen in dieser Stufe auch verharren, bzw. die kommenden Stufen der sogennanten Yuppiesierung und der damit einhergehenden Verdrängung vermeiden bzw. erheblich abmildern. Dies kann erst recht gelingen, wenn sich Leerstände und Unternutzung, wie z.B. im Ruhrgbiet nicht nur in einem Stadtteil häufen sondern sich über mehrer Stadtteile, ja sogar Städte verteilen und die sogenannten gut verdienen jungen oder auch schon in die Jahre gekommen Urban Professionals diese Region nicht auf der obersten Stufe ihre Standortprioritätenliste haben.

    Walter Stach #25 liegt hier für das Ruhrgebiet grundsätzlich richtig wenn er schreibt: „Soviel Freiraum für die betroffenen/beteiligten Menschen wie eben möglich, und kommunale/regionale “Hilfe” inhaltich, finanziell, organisatorisch nur soweit unbedingt erforderlich!“ Aber das (Zu)Lassen ist im Ruhrgebiet leider als Planungsgestus nicht sehr ausgeprägt. Die überregulierte deutsche Bau- und Planungsgesetzgebung tut dann noch das ihrige hinzu. Vermischt mit systematisch hochgehaltenen und zugleich illusionären Metropolenträumen, sprich der Hoffnung selbst Boomtown zu werden, ergibt sich daraus ein klebriger Brei aus sinnlosen bis kontraproduktiven Subventionen bei fast Nullförderung für die, die wirklich was von unten voranbringen könnten.

  26. #27 | Andreas sagt am 24. September 2011 um 15:14 Uhr

    @ Arnold Voss #26

    „Rein definitorisch würde ich ihnen recht geben, Andreas.“

    und nur das zählt! Oder:

    „Es gibt also Stufen der Gentrifizierung, die erst einmal Vorteile für den Stadtteil bietet. Belebung, soziale Erneuerung und Investitionen die keinen Verdrängungseffekt haben.“

    „Belebung, soziale Erneuerung und Investitionen die keinen Verdrängungseffekt haben“ sind noch keine Gentrifizierung – zur Gentrifizierung gehört per Definition die Verdrängung der „Armen“ durch „Reiche“. Und wie diese Verdrängung verhindert werden soll, wenn denn erst einmal ein Quartier „aufgewertet“ ist, bleibt mir ein Rätsel.

  27. #28 | Pommes oder Pommery, Sushi oder Sekt? | Ruhrbarone sagt am 25. September 2011 um 09:43 Uhr

    […] und „Lattemacchiatisierung“ stehen in Gerd Herholz’ Artikel für Gentrifizierung. „Bionade“? „Latte Macchiato“? Gibt’s hier nicht. Unser Gastautor […]

  28. #29 | Gerd Herholz sagt am 25. September 2011 um 10:55 Uhr

    # 24, 26: Andreas & Arnold: Rein von der Begrifflichkeit, wie sie b-i-s-h-e-r verstanden wurde, stimme ich Dir zu, Andreas. Aber Begriffe können sich ja auch verändern, in neue Kontexte eingebunden werden, neue Inhalte bekommen. Viele emanzipatorische Bewegungen haben negativ besetzte Begriffe ‚umgepolt‘ und sie im Kontext neuen Selbstbewusstseins eingesetzt.

    Ansonsten gehe ich da in Arnolds Richtung, stelle mir auch vor, dass im Ruhrgebiet nur an wenigen Orten eine Gentrification im klassischen Sinne eine Rolle spielt/spielen wird, sondern eher der Streit um eine Erst-, Neu- oder Wiederbelebung urbaner Räume. Und in diesen Prozessen kann man natürlich von den Gentriifizierungsvorgängen und -diskussionen anderswo lernen, auch wenn sich die in jeder Stadt jeweils anders darstellen. Das kritiklose Übertragen kreativwirtschaftlicher Modelle und/oder der Ideologeme und Sprache à la Florida helfen da im Ruhrgebiet wenig weiter. Eine platte Übertragung von Anti-Gentrifizierungs-Debatten (wie zum Hamburger Gänge-Viertel) dürfte auch keine Lösung sein. Aber Twickel macht den Horizont auf für eine Diskussion um den Zusammenhang von Belebung urbaner Räume, „verdichteter Unterschiedlichkeit“ und sozialen Prozessen, deren Paradigmen eben nicht Kreativwirtschaft und Stadt der Investoren sind, sondern eine „Stadt für alle“. Da wird’s dann auch fürs Ruhrgebiet sehr interessant.

  29. #30 | Gerd Herholz sagt am 25. September 2011 um 11:15 Uhr

    # 25 Walter Stach: Da haben Sie den Nerv getroffen mit ihren Sätzen:
    „Ich befürchte, daß die große Mehrheit in Politik und Adminstration im Ruhrgebiet nicht fähig und/oder nicht willens ist, sich mit dem Diskussionsinhalt auseinanderzusetzen. Konkrete Anregung: Zusammenfassung aller dieser Disk.-beiträge in einer Vorlage für den nächsten Kulturausschuß in einigen Kommunen, um dort -zum ersten Male?- Grundlage für eine thematisch umfassende Diskussion zum Thema Kreatiwirtschaft “vor Ort/im Revier”zu sein, und mit einigen Betroffenen/Beteiligten als beratende, sachkundige Teilnehmer?“

    Ja, und nicht nur im Kulturausschuss, sondern auch in den Ausschüssen für Wirtschaft…, Wirtschaftsförderung, Soziales, Familie, Jugend …

    Eines der Probleme um die Diskussion von Stadtentwicklung ist doch, dass da hochspezialisierte Fachleute und/oder auch Lobbys von außen die oft ehrenamtlichen Kommunalpolitiker in den Ausschüssen jederzeit über den Löffel balbieren: mit unverständlicher Sprache, Einschüchterungsrhetorik, Präsentationen und Alpha-Lady- oder Männchen-Gehabe ff.
    Dagegen hilft nur: Sapere aude.

  30. #31 | DH sagt am 25. September 2011 um 12:10 Uhr

    @Arnold (#26): „Befindet eine Stadt sich nicht generell in einer Boomsituation kann Erneuerung von unten durch die sogenannten Kreativen in dieser Stufe auch verharren, bzw. die kommenden Stufen der sogennanten Yuppiesierung und der damit einhergehenden Verdrängung vermeiden bzw. erheblich abmildern.“

    Hast Du ein Beispiel? Für’s Verharren, inkl. Vermeiden?

  31. #32 | Andreas sagt am 25. September 2011 um 12:41 Uhr

    @ Gerd Herholz #29

    „# 24, 26: Andreas & Arnold: Rein von der Begrifflichkeit, wie sie b-i-s-h-e-r verstanden wurde, stimme ich Dir zu, Andreas. Aber Begriffe können sich ja auch verändern, in neue Kontexte eingebunden werden, neue Inhalte bekommen. Viele emanzipatorische Bewegungen haben negativ besetzte Begriffe ‘umgepolt’ und sie im Kontext neuen Selbstbewusstseins eingesetzt.“

    Erklär mir mal, wie du da irgendetwas „umpolen“ willst, wer soll da irgendetwas „umpolen“? Hier ein wenig „Kontext“:

    Berlin: da geht es – bisher – vor allem um diese Bezirke:

    Berlin-Prenzlauer Berg – 147.383 Einwohner

    Berlin-Mitte – 79.496 Einwohner

    Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – 271.169 Einwohner

    498.048 Einwohner: Das sind nach der wikipedia-Defintion 5 Großstädte, in der die Gentrifizierung in vollem Gange ist: Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, Mieten steigen, eine massive Verdrängung von Einkommensschwachen stattfindet.

    Die Verdrängten müssen woanders hin, also steigen als Folge in ganz Berlin die Mieten.

    Und die Gentrifizierung strahlt auch direkt in andere Bezirke aus, z.B. nach Berlin Wedding:

    Was macht im Wedding eine Privatschule, die als Standard-Einkommenseinstufung für die Festlegung des Schulgeldes diese Einkommensgrössen nennt:

    – mehr als 130.000 Euro im Jahr

    – weniger als 130.000 Euro im Jahr

    Eine Kritik zu dieser Privatschule, damit man auch mal versteht, was mit „Gentrifizierung“ gemeint ist:

    „Es gibt »Clubs«, die die Kinder nach dem Unterricht (jeden Tag bis 16:00 Uhr) besuchen können. Diese gehen in der Regel bis 17:30 Uhr. Erfahrungsgemäß sind gerade die kleineren Kinder zu dieser Uhrzeit kaum noch in der Lage chinesisch oder Musikinstrumente zu lernen.“

  32. #33 | Walter Stach sagt am 25. September 2011 um 15:16 Uhr

    Unabhängig vom Inhalt unseres Disk.themas, läßt sich aus den einzelnen Beiträgen unschwer erkennen, daß nach wie vor Politik und Administration in den Kommunen des Ruhrgebietes entweder gar nicht oder nicht hinreichend bereit sind,sich endlich an den von mir immer wieder herausgestellten Handlungsmaximen zu orientieren: 1. Transpararenz -nur die schafft Akzeptanz. 2.)Beteiligung -aus Betroffenen Beteiligte machen und 3.)Rechenschaft -permanent, öffentlich,umfassend. Und der transparente, bürgerbeteiligte Prozeß zur Thematik „Kreativwirtschaft in der Stadt X; Probleme der Gentrifizierung oder wie auch immer formuliert“ hat zu beginnen, bevor(!!) durch die Verwaltung irgend etwas Inhaltliches, z.B. für eine Beratung in einem Ausschuß, vorgegeben wird – bestenfalls kann es zu Beginn des Prozesses eine sehr allgemeine Problembeschreibung seitens der Verwaltung geben.Auch die Organisatition- und Prozeßhoheit für solche Verfahren muß nicht zwangsläuftig bei der Stadt liegen, die dann Bürger als Beteiligte an dem Prozeß teilnehmen läßt, sie kann auch bei einer Bürgerorganisation, z.B. bei einem Bürgervereine im betr.Stadtquartier liegen, der dann Vertreter der Stadt aus Politik und Verwaltung als ihrerseits Beteiligte einbindet.Obwohl den einleitend genannten Handlungsmaximen inhaltlich nur selten widersrpochen wird, sind sie zumindest im Ruhrgebiet nicht bestimmend für das politische und administrative Handeln in den Kommunen . Ich hatte in einem vorangegangen Beitrag zum Thema angeregt, auf der Basis der hier laufenden Disk.beiträge eine Vorlage für eine Beratung im Kulturausschuß(besser in mehreren Fachausschüssen -sh.Herholz- oder sogar im Hauptausschuß) zu erstellen. Das könnte durch die Initiative einer Fraktion, eines Ratsmitglied, eines sachkundigen Bürger in Gang gesetzt werden. Oder sollten die Bürger selbst, z.B. in einer Bürgerinitiative -stadtweit, stadtteilbezogen?-das Thema zu ihrem (!)Thema machen und selbst einen Prozeß in Gang setzen,steuern und zielgerichtet vorantreiben?Aber………..wer wäre dazu bereit und dazu in der Lage -zeitlich,organisatorisch? Zur Zeit habe ich ein klein wenig Hoffnung, daß auch die kommunale/regionale Poltik und Adminstration registriet , daß die Piratenpartei über Berlin hinaus immer mehr Zustimmung zu finden scheint, nicht wegen grundsätzlich neuer Sachinhalt ihrer Poltik, die ich nicht erkenne, sondern deshalb, weil eine ihrer zentralen politischen Fordrung die nach einer grundsätzlich unbegrenzten Transparenz des gesamten öffentlichen Handelns ist einhergehend mit der Forderung nach einem Mehr an Bürgerbeteiligung. Werden Politik und Administration im Ruhrgebiet vielleicht deshalb im Eigeninteresse mehr als bisher -z.B. wenn es um die hier disktuierte Problematik geht-auf Transparenz, Beteiligung,Rechenschaft setzen?Mir geht es dabei nicht um das Verkünden von Dogmen, frei von Bedenken und frei von Fehlern, sondern darum, daß es eine Selbstverständlichkeit für Politik und Adminstration zu sein hat, ihr gesamtes Denken und Handeln stets an den Geboten der Transparenz, der Beteiligung, der Rechenschaft auszurichten. Ich meine, bei Beachtung dieser drei Prinzipien wäre z.B.die heute bei den Ruhrbaronen angesprochen Problematik in Bochum im Zusammenhang mit einem Stadtteilerneuerungsprojekt nicht, jedenfalls nicht so, existent.Ich befürchte aber, daß für die CDU im Revier und für meine hier sehr strukturkonservative SPD das alles uninteressant ist -„man“ hat ja stets Wichtigeres zu tun-.Aber gibt es da nicht noch die „Grünen“? Oder warten die wie alle anderen auch darauf, daß Piraten in die kommunalen Parlamenten einziehen und für Transparenz, Beteligung,Rechenschaft kämpfen -unterstützt von vielen Bürgern!

  33. #34 | Arnold Voss sagt am 26. September 2011 um 14:16 Uhr

    @ Andreas @ DH

    Sorry, dass ich jetzt erst antworte, aber ich muss auch noch Geld verdienen. Deswegen erst mal in gebotener Kürze und deswegen vielleicht nicht ganz befriedigend:

    Gentrification ist im Kern eine Dymanisierung der Stadt- oder Stadtteilentwicklung unter Marktbedingungen. Natürlich lässt die sich nicht beliebig aufhalten. Gerät eine Stadt obendrein in den internationalen Fokus des Immobiliengeschäftes, was in den letzten Jahren zunehmend für Berlin gilt, wird in bestimmten Stadtteilen die Dynamik der Aufwertung noch zusätzlich beschleunigt.

    Auch Verdrängungen sind bei solchen Prozessen normal. Niemand hat in einem marktwirtschaftlichen System ein Recht an einem bestimmten Ort für immer zu bleiben, wenn er dort die Mieten nicht (mehr) bezahlen kann bzw. nicht zur Wohneigentumsbildung fähig ist um der Verdrängung zu entkommen. So weit so gut oder auch nicht gut. Kommt drauf an aus wessen Perspektive man das ganze betrachtet.

    Stellen sich also 3 Fragen:

    1. Wie kann diese Dynamik gestoppt werden, bzw. soll man das überhaupt?

    2. Gibt es Rahmenbedingungen die einer solche Dynamik ihre Schattenseiten nimmt?

    3. Ist das dann noch Gentrification?

    Zu 1:

    Veränderungen waren immer Teil der städtischen Entwicklung. Man kann sie nicht verbieten und man sollte es auch nicht, wenn man es könnte. Eine Stadt ist Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse mit all den dazugehörigen Konflikten und in der Stadt werden sie auch vorrangig ausgetragen. Eine Dynamik kann also nur durch eine Gegendynamik aufgehalten bzw. abgebremst werden. Beides zusammen macht eine Stadt/Region aus, die sich weiterentwickeln will.

    Das Ruhrgebiet muss sich weiterentwickeln, wenn es nicht auf Dauer in einen generellen Abwärtstrend geraten will. Mehr Dynamik ist hier also überhaupt erst mal nötig um eventuelle Gegendynamiken zu erzeugen.

    Zu 2:

    Wenn eine Stadtregion weder in den nationalen noch den internationalen Fokus der Immobilienwirtschaft geraten ist und auch in absehbarer Zeit nicht geraten wird, dann entsteht dort ein Schonraum für eine Stadtentwicklungsdynamik von unten. Diese Dynamik kann, wenn sie sich rechtzeitig auf von außen gesetzte Dynamiken/Gegenentwicklungen vorbereitet, z.B. durch genossenschaftliche Eigentumsbildung und starke soziale Vernetzung, einer potentiellen Verdrängung entgehen.

    Das Ruhrgebiet hat diese Chance wenn es seine eigenen aktuellen kreativen Potentiale mobilisiert und zugleich an alte Traditionen solidarischer Wohnformen anknüpft. Sollte es dann jemals in eine Situation wie Berlin geraten, wäre es dann wohlmöglich besser darauf vorbereitet.

    Im übrigen sind die Auffangpotentiale an preiwertem Wohnraum außerhalb der Gentrifizierungsbezirke für eine internationale Metropole, zu der sich Berlin nun historisch gesehen ein zweites Mal mausert, überdurchschnittlich groß. New Yorker würden über die dortige Gentrifzierungsdebatte nur müde lächeln.

    Zu 3:

    Mir ist das kleben an bestimmten Definitonen auch wissenschaftlich immer suspekt geblieben. Unterhalb der systematischen beobachten Empirie und ihre oft selbstreferentiellen Verwurstung in sogenannte Gesetzmäßigkeiten geschieht in der Stadtentwicklung permanent und real zu viel, als das man zu einem klaren Entweder-Oder kommen kann. Erst recht wenn man sich bei den Gentrifizierungserfahrungen von den dynamischen Metropolen löst um zu einer räumlich differenzierteren Betrachtung zu kommen.

    Sie können für das Ruhrgebiet sowieso keine Referenzgröße sein. Da sind andere Gegenden interessanter und dazu fehlen leider entsprechende Untersuchungen.

  34. #35 | Andreas sagt am 26. September 2011 um 14:47 Uhr

    @ Arnold Voss #34

    Wenn es um das Ruhrgebiet geht, würde ich sowieso nicht von „Gentrifizierung“ sprechen. Das Ruhrgebiet erfüllt nicht die Kriterien, die z.B. bei wikipedia genannt werden:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung

    „(…) Zumeist sind innenstadtnahe Stadtteile von METROPOLEN von derartigen Vorgängen betroffen (…)“

    1. Wie kann diese Dynamik gestoppt werden, bzw. soll man das überhaupt?

    Keine Ahnung wie „diese Dynamik“ zu stoppen ist. Ich fände es aber wünschenswert, wenn ich nicht immer grössere Gebiete Berlins zur „no go area“ erklären müsste: tödlich langweilig, was die Bourgeois’ aus Berlin machen.

    2. Gibt es Rahmenbedingungen die einer solchen Dynamik ihre Schattenseiten nimmt?

    Daran zweifle ich. Siehe die Debatten im Berliner Wahlkampf zum Thema. Eine überzeugende Lösung konnte niemand anbieten. Aber der Hinweis darauf, dass es woanders noch schlimmer ist – „New York“ – macht die Sache kein bisschen besser.

    3. Ist das dann noch Gentrification?

    Wenn man Definitionen zu Schall und Rauch erklärt, sollte man besser nicht weiter reden, worüber denn noch?

  35. #36 | Arnold Voss sagt am 26. September 2011 um 18:08 Uhr

    @ Andreas

    Ich erkläre Definitionen nicht zu Schall und Rauch, obwohl es viele schlicht sind. Gerade in der Planungswissenschaft. Ich sage nur, dass sie manchmal nicht sehr hilfreich sind.

    Es gibt z.B. auch außerhalb von Metropolen Umwandlungsprozesse mit hoher Daynamik. Die sind dann in der Regel aber kleinteiliger und für die Gesamtstadt nicht so gravierend. Szeneviertel haben sich sogar im Ruhrgebiet entwickelt, und es gibt auch kleinere Verdängungsprozesse z.B. in Essen Rüttenscheid.

    Wer denn will, kann laut Definition dann auch da schon von Gentrification sprechen. Ab welchem Maß sind den Umzugsbewegungen normal und ab wann sind sie Verdrängung? Ich wüsste nicht wo das innerhalb der Gentrifzierungstheorie genauer geklärt wäre.

    Und natürlich kann städtische Entwicklunsgdynamik durch Politik gestoppt, zumindest aber gebremst werden. Es kommt schlicht drauf an über wieviel Macht sie verfügt und wieviel Dynamik sie selbst hat.

    Man muss städtische Grundstücke z.B.nicht verkaufen, man kann sie auch verpachten. Es ist die Verschleuderung städtischen Grund- und Wohnungseigentums, die in den letzten Jahrzehnten mit dafür gesorgt hat, dass die Gestaltungsfähigkeit kommunaler Planung und Politik so sehr abgenommen hat.

  36. #37 | Andreas sagt am 26. September 2011 um 19:48 Uhr

    @ Arnold Voss #36

    schön, hier ergibt sich vielleicht Übereinstimmung, du schreibst:

    „Man muss städtische Grundstücke z.B.nicht verkaufen, man kann sie auch verpachten. Es ist die Verschleuderung städtischen Grund- und Wohnungseigentums, die in den letzten Jahrzehnten mit dafür gesorgt hat dass, die Gestaltungsfähigkeit kommunaler Planung und Politik so sehr abgenommen hat.“

    Wie findest du das:

    https://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/156762/index.html

    „Neue Mitte für Berlin

    Das Forum Museumsinsel in Berlin

    Um den Publikumsmagneten Museumsinsel schlummern noch viele ungehobene Diamanten Berlins. Der Unternehmer Ernst Freiberger investiert nun 300 Millionen Euro in das „Forum Museumsinsel“, das größte private Bauprojekt in Berlin.

    Vor dem Bodemuseum drängen sich die Touristen. Die Museumsinsel ist das kulturelle Aushängeschild Berlins. Die andere Spree-Seite bleibt bislang so gut wie unbeachtet. Dabei tummeln sich hier architektonische Kulturgüter wie etwa das alte Telegraphenamt, das Bauhaus von Walter Wolff oder die ehemalige Frauenklinik der Charité von Martin Gropius. Das Areal umfasst 33.000 Quadratmeter, die seit der Wende im Dornröschenschlaf lagen. Der Berliner Unternehmer Ernst Freiberger hat die denkmalgeschützten Immobilien nach und nach gekauft. Er plant dort seit 2001 und hat beobachtet, wie sich Berlins Mitte entwickelt. (…)

    Berlin verkauft sein Tafelsilber

    Für 33 Millionen Euro hat der Unternehmer Freiberger 2007 das Areal der Charité an der Spree vom Land Berlin gekauft. Denkmalschutzexperte Nikolaus Bernau sieht aber genau darin ein grundsätzliches Problem: Berlin verkaufe sein Tafelsilber. Das Gelände der Charité war seit Jahrhunderten im öffentlichen Besitz. Durch den Verkauf geht es nun unwiderbringlich verloren. „Das sind Gelände, die seit vielen Jahrunderten in öffentlicher Nutzung sind“, so Bernau. „Die Gebäude der Frauenklinik der Charité sind architekturhistorisch hoch bedeutende, erstklassige Bauten. Das ist ein Art Architekturmuseum, das für die Stadt sehr wichtig ist. Man fragt sich doch oft: Bringt es der Stadt so viel Geld, dass es sich lohnt, so etwas aufzugeben oder nicht doch weiter öffentlich zu nutzen?“ (…)

    Hotel, Wohnungen, Büros

    Freibergers Forum Museumsinsel hat gute Chancen, ein Erfolg zu werden, meint auch Nikolaus Bernau. Problematisch aber findet er, dass in Berlin-Mitte derzeit zu viele ähnliche Projekte entstehen. Genau gegenüber, im Postfuhramt, ist zum Beispiel auch ein Umbau geplant mit – man ahnt es – Hotel, Wohnungen, Büros und einem lebendigen Platz.

    „Das eine Projekt ist möglicherweise eine ganz große Chance für die Stadt“, so Bernau. „Das wird sich auch nach den Debatten mit der Denkmalpflege zeigen. Das eine Projekt ist aber nur ein Teil von vielen und die sind alle gleich gestrickt. Dadurch ändert sich die gesamte Struktur der Berliner Innenstadt und das ist große Debatte in Berlin: Wie weit bleibt die Stadt bei sich selbst, wenn wir alles nach und nach an die Wohlhabenden und die Touristen übergeben?“ (…)“

  37. #38 | Super-Markt der Super-Reichen | Ruhrbarone sagt am 28. September 2011 um 11:34 Uhr

    […] baut „die neuen privatisierten Hochglanz-Konsum- und »Erlebnis«-Räume“, über die Gerd Herholz in seinem Artikel zur Gentrifizierung schreibt: „»Wir müssen draußen bleiben«, das steht schon heute nicht […]

  38. #39 | DH sagt am 28. September 2011 um 20:01 Uhr

    Neues aus Großhasenheide (Berlin) zum Projekt „milde Gentrifizierung“:
    https://www.katzundgoldt.de/w_hauptstadt.htm

  39. #40 | Arnold Voss sagt am 28. September 2011 um 22:28 Uhr

    @ DH

    Danke für den Link. KLasse Comic.

    Hier im oberhippen Viertel Williamsburg in New York City vermeiden mittlerweile viele Deutsche ihre Muttersprache zu benutzen, auch wenn sie nur mit Deutschen reden, um nicht provinziell zu wirken.

    Keiner der hier auch lebenden Latinos, oder der polnischen Einwanderer würde auch nur auf den Gedanken kommen, das zu tun, wenn sie mit Ihresgleichen sprechen. Die Orthodoxen Juden gleich um die Ecke sprechen untereinander Hebrew oder jiddisch. So hört man dann doch noch ein paar deutsch klingende Wort auf den hiesigen Straßen.

    Und natürlich auch noch von den Uncoolen unter den deutschen Touristen, die einfach nicht begriffen haben, weche Sprache man heute in hippen Stadtteilen zu sprechen hat.

  40. #41 | Till Beckmann sagt am 28. September 2011 um 23:37 Uhr

    „Schickimickisierung“ – mein Wort des Jahres.
    Danke für diesen Artikel.

  41. #42 | Helmut Junge sagt am 29. September 2011 um 21:37 Uhr

    @Andreas (37),
    Wenn jemand solch ein Riesengelände für den doppelten Preis des derzeitigen Bodenrichtwertes kauft, wie das in Deinem Beispiel der Fall ist, erwartet er aber doch, langfristig gesehen, daran zu verdienen. In meinem Wohngebiet hat sich der Bodenrichtwert innerhalb von 10 Jahren verdoppelt.
    Solange muß aber jemand, der eine Siedlung ausschließlich für Besserverdienende aus der Retorte dort hinstellen will, gar nicht zu warten. Offenbar gibt es für solche Projekte „Reiche unter sich“ zur Zeit eine größere Nachfrage. Wenn dann erst mal das Viertel steht, wird selbstredend der Bodenrichtwert über dem Ankaufswert liegen.
    Ähnlich wäre es auch, wenn einzelne kleinere Grundstücke in größer Zahl verkauft würden. Auch dann würde der Bodenrichtwert hoch ansteigen. Auch dann.
    Warum also machen es Kommunen so, daß sie lieber an Einen, statt an viele verkaufen?
    Warum? Wie können die zuständigen Minister so etwas den entscheidenden politischen Gremien so erklären, daß die so etwas mitmachen?
    Das muß ja auf jeden Fall als Superdeal für die Stadt dargestellt werden.
    Es muß, gegen jede Logik gearbeitet, und für so ein Projekt Stimmung gemacht werden. Und das kann so ein Minister meist gar nicht alleine.
    Da helfen merkwürdige Gutachten, da helfen salbungsvolle Worte, dazu benötigt man in den politischen Gremien Politiker, die sich für das Projekt stark machen.
    Wir reden hier über einen Prozeß, an dem viele Kräfte beteiligt sind. Salbungsvolle Worte mit eindrucksvollen Blähvokabeln spielen im Parlament, aber auch außerhalb, eine wichtige Rolle.
    Das solche „Reiche unter sich“-Viertel so im Trend liegen, ist zwar nicht neu, denn schon die Schickimickisierung der lezten Jahrzehnte war ja eine Materialschlacht.
    Wer nicht mithalten konnte, war schnell out.
    Wenn ich eine Wertung dieser Entwicklung und dieser damit verbundenen Lebensauffassung abgeben wollte, würde ich das Wort mit einem „ismus“ versehen.
    Also: Schickimickismus! So klingt es etwas abfälliger, paßt dann aber gut zur Kritik an der angesprochenen Gentrifidingsbums.

  42. #43 | Andreas Lichte sagt am 30. September 2011 um 12:17 Uhr

    @ Helmut Junge

    „Schickimickismus“ finde ich viel zu harmlos:

    Ich sehe an jeder Ecke, dass der Ausverkauf Berlins in vollem Gange ist.

    In dem von mir in Kommentar # 37 zitierten Artikel heisst es ja auch:

    „Das eine Projekt ist aber nur ein Teil von vielen und die sind alle gleich gestrickt. Dadurch ändert sich die gesamte Struktur der Berliner Innenstadt und das ist große Debatte in Berlin: Wie weit bleibt die Stadt bei sich selbst, wenn wir alles nach und nach an die Wohlhabenden und die Touristen übergeben?”

    Ich kann die Verharmlosung, die Arnold Voß hier in den Kommentaren betreibt, nicht nachvollziehen:

    Es gibt keine „Gentrifizierung light“ – eine Gentrifizierung ohne Verdrängung ist wie Mord ohne Opfer …

  43. #44 | Arnold Voss sagt am 1. Oktober 2011 um 00:55 Uhr

    @ Andreas

    Ich bin selbst von der Gentrifizierung betroffen. Das war jetzt das letzte Mal, dass ich hier die Miete in Williamsburg/Brooklyn noch bezahlen konnte. Wenn ich im nächsten Jahr wieder komme muss ich mir eine preiswerteren Stadtteil suchen und der ist natürlich weiter von Manhattan weg.

    Wenn im Wedding/Berlin am Ende das gleiche passiert wie im Prenzlberg dann werde ich mit meinem Büro da auch weg müssen. Ich hatte nie genug Geld, um Wohneigentum zu bilden bzw. selbst ins Immobiliengeschäft einzusteigen. Zumindest nicht zu den Konditionen, die meinen räumlichen Bedürfnissen entsprachen. Obendrein macht Wohneigentum ziemlich abhängig, denn man verschuldet sich in der Regel langfristig.

    Aber es gibt nun mal kein Recht auf dauerhafte Bleibe bei immer gleichbleibender Miete. Nicht mal im genossenschaftlichen Wohnungsbau. Erst erst recht nicht im freien Wohnungsmarkt. Wenn mehr in einen Stadtteil siedeln wollen als Wohnungen vorhanden sind, dann gibt es auf Dauer nur zwei Möglichkeiten: Weiterer Neubau oder Verdrängung. Oft sogar beides denn die Neubauflächen reichen oft nicht aus, bzw. sind dort die Mietkosten bzw. die Preise für Wohneigentum nicht zu bezahlen.

    Wenn alte Menschen nicht mehr wegwollen ist das nachzuvollziehbar und sollte per Gesetz bzw. per Mietrecht geschützt werden. Unser Mietrecht sieht dafür sowieso schon bei langer Mietdauer eine entsprechende Kündigungsfrist vor. Aber wenn z.B. jüngere Leute die über viele Jahre sehr günstig gewohnt haben, daraus ein Recht herleiten, dass das immer so bleiben muss, weil sie ja die ersten waren, die den Kiez für sich endeckt haben, dann gibt es dafür keine nachvollziebare Begründung.Das ist dann nämlich nichts anderes als die „Gated Community“, die sie woanders kritisieren.

    Generelle nachfrageproduzierte Mietsteigerungen können auf Dauer nur durch mehr Wohnungsbau gestoppt werden. Vor allem durch mehr genossenschaftlichen Wohnungbau, der eben den Genossen mehr Schutz und mehr Mitbestimmung bietet als der freie marktorientierte Wohnungsbau. Das obendrein zu Genossenschaftsanteilen sie sich auch Leute mit geringerem Einkommen leisten können.

    So beschissen jede Art von Verdrängung für den einzelnen sein mag. Was die Kreativen betrifft, liegt aber genau darin die mittelfristige Chance von solchen Gegenden wie dem Ruhrgebiet. Dass junge ideenreiche aber eben nicht vermögende junge Leute ins Ruhrgebiet kommen, weil sie vom hippen aber immer teurer werdenden Berlin die Nase voll haben. New York verliert zur Zeit immer mehr Künstler und Kreative in Richtung Detroit. Es hätte niemand für möglich gehalten, dass jemand der sich an New York gewöhnt hat, dahin gehen würde. Um keinen Preis. Passiert aber seit gut 2 Jahren mit zunehmender Tendenz. Und Detroit ist jetz der heiße Tip für die Kreativen in den USA.Und Detroit hatte das dringend nötig.

  44. #45 | DH sagt am 1. Oktober 2011 um 09:43 Uhr

    Detroit, die DIY-Stadt. Wer das Promovideo noch nicht gesehen hat (3 Teile):
    https://www.palladiumboots.com/video/detroit-lives#part1

    Alle Ambivalenzen, die das Thema begleiten, sie finden sich dort.

  45. #46 | Andreas Lichte sagt am 1. Oktober 2011 um 09:52 Uhr

    @ Arnold Voß #44

    Ich hab Mittwoch mit Stefan telefoniert, sagte:

    „Ich hab auch eine Mieterhöhung bekommen. Und ich wohne im un-hippen Teil des un-hippen Wilmersdorf. Diese Mieterhöhung gab’s nur, weil der Berliner Mietspiegel gestiegen ist, meine Vermieterin hat nichts am Haus gemacht …“

    Stefan, sinngemäss: „Hier gibt’s noch billige Wohnungen …“

    Stefan macht einen Witz darüber, was du als Utopie entwirfst: „… Leute ins Ruhrgebiet kommen, weil sie vom hippen aber immer teurer werdenden Berlin die Nase voll haben.“

    Seit ich in Berlin bin, fahre ich mit dem Fahrrad drauflos: Die Richtung weiss ich noch, dann lass ich mich überraschen. Neulich bin ich im Wedding gelandet: „Das ist ja noch ein bisschen wie früher! Hier gibt’s sogar noch ein Fabrikgebäude, das noch nicht zu Tode renoviert wurde, und gegenüber steht eine echte Ruine!“

    Ein paar Strassen weiter war ich plötzlich in einer anderen Welt: Ganz ruhige Wohnstrasse, aufgeräumt, und die ersten Sanierungen: Ökö-Haus … ich hatte nicht gemerkt, dass ich die Grenze zu Pankow überfahren hatte.

    Bei einer anderen Erkundungstour bin ich in der Flora-Str. in Pankow gelandet: die kannte ich noch von kurz nach der Wende, als total verschlafen, für Studenten. Jetzt schreibt der TIP einen Artikel darüber: Als Beispiel dafür, wie ein „Kiez“ total umgekrempelt wurde. Den TIP-Artikel habe ich nicht gefunden, dieser ist auch o.k.:

    https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/kieze-im-wandel/348303/348304.php

    „Kieze im Wandel – FLORASTRASSE – Baustelle Pankow“

    Das sind nur Beispiele für das, was ich oben schrieb: „Ich sehe an jeder Ecke, dass der Ausverkauf Berlins in vollem Gange ist.“

    Ich fände es sinnvoll, das Problem beim Namen zu nennen: Was in Berlin läuft, ist knallharte Verdrängung, „dadurch ändert sich die gesamte Struktur der Berliner Innenstadt“, siehe oben, und „Innenstadt“ wird immer grösser, ist schon mehr als Mitte, Prenzlauerberg, Friedrichshain-Kreuzberg.

    Den Betroffenen zu sagen, dass sie kein Recht auf Bleiben haben, dass sie doch umziehen können, kommt mir vor wie der Spruch: „Geh doch rüber, wenn es dir hier nicht passt!“

  46. #47 | Arnold Voss sagt am 1. Oktober 2011 um 13:10 Uhr

    Andreas, mir wäre es auch lieber, wenn Mieten nicht steigen würden. Und auch keine Mietspiegel. Ich habe mein ganzes langes Leben lang Miete bezahlt.

    Mein Vermieter im Ruhrgebiet hat über 25 Jahre nichts an der Wohnung gemacht. Die Mieten sind drumherum gefallen, auch der Mietspiegel, weil in dieser Zeit die Gegend abgekackt ist . Meinem Vermieter wäre im Traum nicht eingefallen, deswegen die Miete von sich aus zu senken.

    Im Wedding habe ich dann ein schönes Loft für wesentlich weniger Geld gefunden. Berlin drum herum. Das war attraktiv und ich bin mit meinem Büro dahin gegangen. Obendrein bin ich in meinem Privatleben begeisterter Tangotänzer und Berlin ist mittlerweile die europäische Hauptstadt für diesen Tanz und seine internationale Szene. Und im Wedding gleich bei mir um die Ecke ist mein Lieblingtanzschuppen.

    Aber wegen meiner speziellen Wohninteressen bleibt der Immobilienmarkt nicht stehen. Was wäre denn die politische Forderung um das zu verhindern? Mietstopp im Wedding? Mietstopp in ganz Berlin? Miethalbierung im Ruhrgebiet? Mietstopp weltweit für alle Künstler? Verstaatlichung aller Wohnungen? Staatliche Mietkommission? Zu der man dann besondere Connections haben muss, um ein billige Wohnung in hipper Lage zu kriegen?

    Einfach nur rufen “ Nein, ich will hier nicht weg“, oder „Hier soll/darf kein anderer mehr hinziehen weil ich schon hier bin“ ist nicht sonderlich demokratisch. Und wer sollte denn bestimmen, wer wo leben darf, wenn nicht der Markt. Was würdest du denn tun, wenn du Hausbesitzer wärst, und du würdest mehr Miete bekommen können. Drauf verzichten? Weil du deine Mieter so liebst?

    Natürlich sollen und müssen sich Mieter wehren, wenn es ihnen an den Kragen geht. Natürlich müssen sie sich organisieren und politischen Druck ausüben. Aber mittelfristig muss dazu kommen, die alte Idee der Genossenschaft wieder mehr in den Fokus der Wohnungspolitik zu nehmen. Andere Miet- und Wohneigentumsformen zu finden. Aber auch dann sind Konflikte unvermeidlich. In eine tolle Gegend, egal aus welchem Grunde die Menschen sie dafür halten, wollen nämlich meistens mehr als dahin passen.

  47. #48 | Andreas Lichte sagt am 1. Oktober 2011 um 13:29 Uhr

    @ Arnold Voß

    hier kannst du den Konjunktiv durch den Indikativ ersetzen: „Was würdest du denn tun, wenn du Hausbesitzer wärst …“

    Am Ende läuft es darauf hinaus: „Machen doch alle so …“

    Oder in der abstrakten Variante, Zitat Arnold:

    „Und wer sollte denn bestimmen, wer wo leben darf, wenn nicht der Markt.“

    Amen!

  48. #49 | Arnold Voß sagt am 2. Oktober 2011 um 12:48 Uhr

    Ja, Andreas, alle suchen ihren Vorteil. Auch die die sagen sie täten es nicht. Auch die, die sich lieben. Warum sollte Jemand, verdammt noch mal, nach seinem Nachteil suchen, Andreas? Erklärs mir.

    Und nun die Gretchenfrage: Wer sollte denn aus deiner Sicht darüber entscheiden wo wer wohnt, wenns denn partout nicht der Markt sein soll?

  49. #50 | Andreas Lichte sagt am 2. Oktober 2011 um 13:00 Uhr

    @ Arnold Voß

    „Und nun die Gretchenfrage: Wer sollte denn aus deiner Sicht darüber entscheiden wo wer wohnt, wenns denn partout nicht der Markt sein soll?“

    Ich glaube kaum, dass du derjenige bist, der hier „Gretchenfragen“ stellen sollte …

    „Der Markt wird’s schon richten“, das hättest du vor ein paar Jahren noch sagen können, ohne dass irgendwer gewagt hätte, dir zu widersprechen. Aber wenn inzwischen schon bekennende Konservative mehr effiziente Kontrolle der Märkte fordern, kann ich nur sagen: „Schöne Grüsse an die Ewig-Gestrigen!“

  50. #51 | DH sagt am 2. Oktober 2011 um 13:30 Uhr

    Arnold, den Markt als freies Spiel der Kräfte gibt es nicht, er ist immer Ausdruck von Machtverhältnissen; insofern ist Gretchens Frage ein wenig unseriös.

    Wenn in eine „tolle Gegend“, in die alle wollen, nur diejenigen kommen oder diejenigen bleiben dürfen, die über die meiste (finanzielle) Macht oder die geringsten Skrupel verfügen, dann ist das natürlich zivilisatorische Steinzeit.

    Da braucht es schon Aushandlungsprozesse, die nicht per Geldbeutel oder Repression entschieden werden.

  51. #52 | Arnold Voss sagt am 2. Oktober 2011 um 14:31 Uhr

    Dirk, das ist mir schon klar. Ich bin kein Apologet des Marktes. Auch wenn mich Andreas gerne so hinstellt. Und genau deswegen will ich von ihm eine Antwort. Ist es der Staat? Oder wer soll der Mediator sein?

    Aber auch du könnest mir mal erklären wie denn konkret solche nicht am Geldbeutel orientierten Auswahlprozesse derer verlaufen soll, die alle an einen bestimmten Standort wollen bzw. schon da sind, der aber nicht genug Platz für alle bietet. Frauen, Kinder und Alte zuerst?

    Welche Menschen gehören den z.B. ins Zentrum der Stadt? Oder in ein zentral gelegenes Szeneviertel? Geht Familie vor? Und wie ist es dann mit einer gut verdienen Familie bzw. den Eltern? Muss die warten, bis die Künstler und die armen Familien dran waren?

    Oder gilt generell, wer da ist bleibt? Egal wie arm oder reich, ob Künstler oder nicht ? Zuziehen darf erst einer, wenn von denen die da sind einer freiwillig geht oder verstirbt?

    Und wie ist es mit den sonstigen Kreativen? Wer ist da wichtiger als andere für die Stadtteilentwicklung? Oder sind es vielleicht die Migranten bzw. die Menschen mit Migrationshintergrund? Und unter denen wieder die Kreativen? Oder doch die Familien? Oder vielleicht die Lehrer, weil im Stadtteil Lehrer gebraucht werden?

    Was ich sagen will: mir reicht der Satz „Da braucht es schon Aushandlungsprozesse, die nicht per Geldbeutel oder Repression entschieden werden.“ einfach nicht. Der Repression gehört ganz klar auch mein No. Aber „nicht am Geldbeutel“ eröffnet ein weites Entscheidungsfeld.

    Und das hat sehr wohl auch was mit Macht zu tun, Dirk. Jenseits des Geldes tun sich oft sogar viel rigorosere Interessendurchsetzungen auf, die man nicht dadurch ausschaltet, dass das Geld keine Rolle mehr spielen darf. Ganz im Gegenteil.

  52. #53 | DH sagt am 2. Oktober 2011 um 18:34 Uhr

    „Aber ‚nicht am Geldbeutel’ eröffnet ein weites Entscheidungsfeld.“

    Genau darum geht es. Das Öffnen von Entscheidungsfeldern. Andere Entscheidungsgrundlagen als den Geldbeutel zulassen. Deine vielen Fragen geben ja bereits eine Ahnung von der Weite dieses Feldes. Die Antworten würden in der Regensburger Altstadt anders ausfallen als im Dortmunder Kreuzviertel. Berlin kann vielleicht ein paar mehr einkommenssteuerstarke Bewohner gebrauchen, während München eher dafür sorgen müsste, dass Krankenschwestern überhaupt noch vernünftige Wohnungen in der Innenstadt bekommen. Detroit gibt Leuten, die in die Detroiter Innenstadt umziehen, 2.500 US-Dollar Mietzuschuss im ersten Jahr; Hamburg diskutiert eher über das Gegenteil, nämlich „Soziale Erhaltungsverordnungen“ für St. Pauli, St. Georg usw. – Regeln gehören dort gemacht, wo man sie braucht.

    Und – jetzt argumentiere ich noch immer „innerhalb der bestehenden Ordnung“ – wenn bestimmten Quartieren ein besonderes Städtebaurecht (inkl. Vorkaufsrechten und Preiskontrollen bei Immobiliengeschäften) hilft, dann sollten diese Quartiere es auch bekommen. Ich mach’s mal ganz deutlich: Im Hinblick auf ein städtebauliches Planungsziel à la „Stadt für alle“ sind Prenzlberg (B) oder Glockenbachviertel (M) nicht anderes als Sanierungsfälle.

  53. #54 | Arnold Voß sagt am 4. Oktober 2011 um 14:26 Uhr

    @ DH

    Es mag eine ganze Stadt für alle geben und meine eigene Vorstellung von Urbanität tendiert auch dahin. Offen gesagt finde ich z.B. den Prenzlberg mittlerweile sowas von sozial homogenisiert und touristisiert, dass er für mich – jenseits dessen, dass ich mir dort keine Büroloft leisten könnte – immer langweiliger geworden ist. Es sei denn, man möchte am Abend auf engstem Raum die größte Resto-Auswahl haben.

    Aber auf Stadtteil- oder Quartiersebene wird es nie eine Stadt für alle geben, denn die meisten Menschen ziehen gerne zu Ihresgleichen und bleiben dann auch eher unter sich. Der diesbezügliche soziale Verteilungsmechanismus, der natürlich auch über den Geldbeutel, aber nicht nur darüber läuft, lässt sich auf Dauer durch keine soziale Erhaltungssatzung der Welt aufhalten. Diese Leute werden auch auf politischem Wege, egal von wem gesteuert, ihren diesbezüglichen Einfluss und auch ihr eigenes Staadtteilengagement darauf ausrichten.

    Da kann man schon froh sein, dass die besser verdienende Mittelschicht nicht mehr bzw. weniger als bisher die Land- und Dorfschaft um die Städte weiter mit Reiheneigenheimen unterschiedlicher Preisklassen zupflastern lässt. Jetzt gentrifizieren sie allerdings dafür die zentralen Wohnlagen der attraktiveren Großstädte. D.h. sie richten nachdem stadtökologischen Desaster nun ein stadtsoziales Desaster an.

    Aber wer will sie daran hindern, dass sie am Ende des Prozesses z.B. im Prenzelberg wieder unter sich bleiben wollen. Mit ein paar erfolgeichen Künstlern und Kreativen als soziale Deko. Und natürlich mit ner Menge Freizeit- und Entspannungsgelegenheiten in fussläufiger Nähe, einschließlich der von zuviel Mischung befreiten Kindergärten und Krabbelstuben.

    Und wer will es ihnen am Ende auch noch vorwerfen? Bzw. was soll man ihnen vorwerfen? Dass sie ihre Kinder in einer heilen Welt großwerden lassen wollen? Dass sie, als Eltern, Paare oder Singles mehr verdienen als andere und deswegen auch mehr Miete bezahlen können? Bzw. bereit sind, einen größeren Anteil ihres Gehaltes für die Miete auszugeben, um im Stadtteil ihrer Wahl wohnen zu können?

    Für sie ist z.B. der Prenzelberg kein Sanierungsfall. Viel mehr ist es für sie genau anders herum. S i e haben den Stadtteil saniert und nicht die, die sie verdrängt haben. Die haben ihn entweder verkommen lassen oder dort einfach nur billig gewohnt. Haben Leerstände besetzt und nur notdürftig, d.h. nicht nachhaltig repariert.

    Welchen politischen Grund gäbe es, diese Gesellschaftsschicht zur Rechenschaft zu ziehen? Da bietet sich die zahlenmäßig immer größer werdende internationale Leasure-Class nicht selbst unternehmerischen Reichtums viel eher an. Denn die kauft zur Zeit nicht nur in Berlin alles auf, was in zentralen und szenemäßig attraktiven Lagen zu kriegen ist. Als reine Geldanlage. Oder um höchstens ein paar Wochen pro Jahr dort auch selbst zu wohnen. Aber auch denen ist nur schwer beizukommen.

    Selbst im Ruhrgebiet gab es, im Zuge der Privatisierung, mal den Versuch bei den Arbeitersiedlungen gesetzlich mit dem Milieuschutz zu operieren. Nicht nur, dass er letztlich gar nicht wirklich angewandt wurde, weil er rechtlich sehr problematisch ist. Er hätte auf Dauer auch nicht verhindern können, dass in vielen der früheren Arbeitersiedlungen, oft in für das Ruhrgebiet relativ zentralen Lagen, immer mehr Lehrer, Psychologen, Ärzte und Rechtsanwälte wohnen, die sich im übrigen rührend um den Erhalt des alten Siedlungsbildes bemühen.

  54. #55 | Gerd Herholz sagt am 4. Oktober 2011 um 15:34 Uhr

    # all: Twickel morgen ab 19.30 Uhr in Mülheim. Dank für die wirklich spannende Diskussion hier.
    Gentrifidingsbums & Strange Kebab
    Christoph Twickel & Ralf Thenior
    Mittwoch, 5. Oktober 2011, 19.30 Uhr
    DeZentrale in SchlimmCity (ehemaliges Ruhrbania Büro, Gardinen Hase)
    45468 Mülheim
    Eintritt: 250,- „SchlimmCityDoller“ ( 7 Euro)
    Karten unter fon 0208.99 31 60, info@ringlokschuppen.de oder http://www.ringlokschuppen.de/spielplan
    und
    http://www.derticketservice.de/ringlokschuppen

  55. #56 | DH sagt am 5. Oktober 2011 um 12:20 Uhr

    Oh, Kollege Herholz hat abmoderiert. Gut, wir diskutieren anderenorts weiter. (-:

    Noch ein Lesetipp zum Schluss:
    https://www.testcard.de/titel.php?pid=1303

  56. #57 | Gerd Herholz sagt am 5. Oktober 2011 um 18:21 Uhr

    Oh, Kollege DH! Ne, Herholz hat sich nur bedankt. Sonst nix.
    Schön weiter diskutieren! ;-))

  57. #58 | Andreas Lichte sagt am 6. Oktober 2011 um 19:35 Uhr

    Umsatzsteigerung von 62 Prozent bei Berliner Immobilien:

    „Immobilienmarkt Berlin kräftig im Plus

    Berlin (dpa/bb) – Zuwächse in allen Bereichen: Der Berliner Immobilienmarkt lag im ersten Halbjahr weiter kräftig im Plus. Von Januar bis Juni wechselten Häuser und Grundstücke im Wert von 4,55 Milliarden Euro die Besitzer. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum stieg der Umsatz um 62 Prozent. (…)“

    https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/regioline_nt/berlinbrandenburg_nt/article13645236/Immobilienmarkt-Berlin-kraeftig-im-Plus.html

  58. #59 | Arnold Voß sagt am 9. Oktober 2011 um 11:49 Uhr

    Kurzfristige Umsatzsteigerungen dieses Ausmaßes sind ein deutliches Zeichen für eine kommende Immobilienblase. Die aktuelle Flucht in die Sachwerte kommte dabei natürlich vor allem da an, wo zur Zeit alle meinen, dass sich die Immobilienwerte überdurchschnittlich weiter steigern lassen. Das gilt für Berlin zur Zeit in besonderem Maße.

    Das Problem ist, dass sich solche Steigerungswerte ab ein bestimmten Stufe selbst bestätigen, bzw. sich selbst immer weiter hochpuschen. Denn je mehr glauben, dass die Preise steigen, desto mehr kaufen und desto mehr steigen die Preise. Für die, die Immobilien wirklich nutzen und nicht nur damit spekulieren, ist das allerdings ein fatale Entwicklung.

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