„Mich mangeln die Wörter“ (1) – Heute: das Alleinstellungsmerkmal!

Beim Kampf um die kulturelle Hegemonie in allen gesellschaftlichen Bereichen wird vor allem die Sprache missbraucht. Sprachmuster erzeugen Denkmuster und schon Viktor Klemperer schrieb in „LTI – Sprache des Dritten Reiches“: „Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da“. Vieles von dem, was heute locker-flockig als sprachliche Mode daherkommt, als Imponiervokabel, Bläh- und Dummdeutsch oder als bewusste Lüge, verklärt den Blick auf gesellschaftliche Missstände mehr, als dass es Zusammenhänge kritisch beleuchtet. In loser Folge soll die Kolumne „Mich mangeln die Wörter“ Sprachkritik als Ideologiekritik betreiben und hoffentlich auch etwas Vergnügen bereiten.

Massenmenschhaltung. Gammelfleisch für Hund und Herrchen. In den
Doppelhaushälften der Vorstadt-Legebatterie quillt Analogkäse aus allen
TV-Kanälen. Ob als 1-Euro-Jobber in der Suppenküche oder als
Charity-Lady im Pomp&Plüsch-Palast: Je ähnlicher sich die Menschen als
industriell verfüllte Zucht-Zombies werden, desto mehr betonen sie –
mal exzessiv, mal armselig – kleinste Unterschiede in Konsum,
Lifestyle, Ego-Marketing. Eines der vielen Gleichschaltungs-Mantras fürs
Anderssein heißt dazu „Be creative!” Erfinde dich neu, benutze und verbrauche
alles und jeden: die virtuelle Welt, die realen Dinge,
lebendige Menschen, dich selbst. Machbarkeitswahn, Kauf-Rausch –
inklusive All-you-can-fuck-Garantie bis das letzte Viagra verbraucht ist.

Als Krisenverlierer oder Elite-Darsteller, aber immer als verbrauchte
Verbraucher treten wir uns dann gegenüber. Ob einer von Menschlichkeit
noch träumt, wen interessiert’s? Ich zeige dir stattdessen, was ich
mir leisten kann, was ich mir nehme, einfach rausnehme, nicht nur durch
Kaufen. Just do it/Yes I can/Das Beste oder nichts/Weil ich es mir wert
bin.
Und gemeinsam mit den geklonten Charaktermasken zahlen auch Tausende
gesichtsloser Firmen, Konzerne, Städte, Regionen dafür, ihr schwammiges
„Profil zu schärfen“. Alles will heute Marke werden. Und was fehlt
dazu? Ein „Alleinstellungsmerkmal“!
In den klassischen Duden hat es dieses Dummdeutsch noch nicht
geschafft, doch gab es einst unter dem Duden-Label ein ‚Wörterbuch der
New Economy‘, herausgegeben vom ‚Trendbüro‘. Und da fand sich unter
dem Stichwort „Unique-Selling-Proposition“: „[engl. für: einzigartiges
Verkaufsargument] Das USP ist ein Alleinstellungsmerkmal, ein
Nutzenversprechen …“
„Alleinstellungsmerkmale“ (ASMs) geben ausnahmslos vor, genau dieses
oder jenes Produkt habe allein selig machende Eigenschaften. Ein solch
überspanntes Image-Produkt sollte fürs Ruhrgebiet die
Kulturhauptstadt Europas sein. 365 Tage lang inszenierte sich Ruhr.2010
über die eigene An- und Niederkunft als Erlöser, als Messias der
Region – mein Kulturreich komme, mein Wandel geschehe. Zwischen Local
Heroes, Loveparade und mühsam aufgeblasenen kleinen gelben Ballons war
das Ruhrgebiet – für Momente auch von außen grell sichtbar – so
abgründig und hochfahrend, wie es tatsächlich ist.

Aber 2011? Was bleibt an „Alleinstellungsmerkmalen“? Industrieruinen,
Halden? Schwerindustrielle Leichen, Altlasten, von allen guten Geistern
verlassen, z.T. künstlich, z.T. mit Kunst und Kultur beatmet? Manches
lebt, manches simuliert im Wachkoma so etwas wie Industriekultur. Die
Zeche Zollverein wurde schon 2001 zum Unesco-Welterbe ausgerufen – wie
auch das Weltkulturerbe Völklinger Hütte an der Saar, Blaenavon
Industrial Landscape in Wales und weitere 906 Welt-Erben in 151 Ländern.
Massenweise Alleingestellte.
Also nichts mit „Alleinstellungsmerkmalen“ fürs Ruhrgebiet? Doch, ja,
die größte Dichte an Theatern, Museen … und Arbeitsämtern weltweit.
Was aber auch erst noch zu beweisen wäre. Wenn man im Großraum New York,
Paris oder Mexico City wirklich einmal all die kleinen und mittleren
Museen mitzählte, die Off-Theater, Off-Off-Galerien und das ganze
Mega-Out-Prekariat. Ach, machen Sie das doch selbst.

Bei den Sekt- und Sektentreffen der Creative Economy gehört die
inflationäre Behauptung von „Alleinstellungsmerkmalen“ zu einer
dreisten Scharlatanerie, die sich die Aura des Religiösen wie auch des
Künstlerischen nur leiht, weil das wirklich Schöpferische ebenso
fehlt wie das Widerständige. Hinter den Kulissen allerdings laborieren
Wirtschaftsförderer, Kulturverweser und Werbeagenturen übernächtigt an
ihren ASMs, scheitern daran und lügen sie schließlich herbei. Heulen des
Morgens erschöpft in die Kissen, weil sie genau diese Art freudloser
Konkurrenz noch aus der pubertären Jungengruppe kennen: Wer hat den
Längsten?
Und wer den Längsten damals nicht hatte, der rasiert sich heutzutage
gründlich die Scham, dann sieht er jetzt zumindest länger aus. Und
wenn er dann auch noch allein stehend steht, ist immerhin ein Teil gut
aufgestellt, gut positioniert im globalen Verkehr, unumstößlich in
Stellung gebracht, Priapus sei Dank. Und keiner der dauererregten
Werbepäpste oder CEOs, die die Wörter, die Sprache in die Mangel
nehmen, merkt mehr, dass da etwas zu kurz kommt, etwas
fehlt, dass es an etwas mangelt. Vielleicht – wie eine Romanfigur
Jürgen Lodemanns im schönsten Ruhrdeutsch delirierte – weil ihn
selbst längst die Wörter mangeln; ja, auch mich mangeln sie, all die
makellosen Mängelwörter.
Es scheint genau dies auch das offensichtliche
„Alleinstellungsmerkmal“ des Ruhrgebiets zu sein: dieser Mangel,
dieser trostlose Überfluss an Mangel – und geschwätziger
Sprachlosigkeit. Aber damit kann zum Beispiel Bottrop im
Metropolenvergleich fast schon wieder mithalten, so zentral gelegen
zwischen Beirut, Bombay, Berlin und Bilbao.

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12 Kommentare

  1. #1 | Hanno sagt am 23. Februar 2011 um 15:37 Uhr

    Schöner Text.

  2. #2 | Helmut Junge sagt am 23. Februar 2011 um 16:24 Uhr

    Du meine Güte, Gerd Herholz, was hast du für eine flotte Sprache. Bin schon ganz durchgemangelt.
    Ich hab ein paar mal schmunzeln müssen, aber lachen werd ich erst, wenn ich ganz sicher bin, alles verstanden zu haben. So! Das hast Du davon.
    Trotzdem bin ich begeistert.

  3. #3 | teekay sagt am 23. Februar 2011 um 17:05 Uhr

    Schoen Richard Florida und der ganzen kreativen Klasse in die Nuesse getreten…sehr prima :)!

  4. #4 | Perik Hillenbach sagt am 23. Februar 2011 um 20:17 Uhr

    @#3 Teekay: Und was soll daran toll sein?

  5. #5 | Ulrich Straeter sagt am 24. Februar 2011 um 12:25 Uhr

    Wenn man schon den Slogan „Mich mangeln die Wörter“ benutzt, sollte man wenigstens angeben, woher er stammt, nämlich von Jürgen Lodemann.

  6. #6 | Kukulka sagt am 24. Februar 2011 um 12:37 Uhr

    Irgendwo am Anfang möchte dieser Text mehr Menschlichkeit in der Sprache einfordern, doch dann kriegt der Autor selbst Angst vor diesem seinen Übermut. Und verkriecht sich hinter Zynismus. Der schafft so herrliche Distanz und niemand muss sich eingestehen, dass eigentlich ein jeder von uns tatsächlich gern etwas Besonderes sein möchte. Nicht immer, aber zumindest ab und zu für einen kostbaren Augenblick Wertschätzung erfahren möchte, oder in der zynischen Sprache: „den Längsten haben will“. Ist das nicht nur allzu menschlich?
    Kritik zu üben ist gut und wichtig. Aber konstruktiv ist sie nur, wenn sie den Kritisierten gegenüber wohlwollend, ja, fast liebevoll – eben voller Menschlichkeit – geäußert wird. Eine zynische Kritik in einer zynischen Sprache verfasst ist leider nichts weiter als der Hirnwix eines frustrierten Intellektuellen, der mit seiner „Abgebrühtheit“ nichts weiter will, als zu beweisen, dass er den Durchblick – und damit den „Längsten“ – hat. Und der damit seine eigenen Aussagen ad absurdum führt, da er die Sprache zur Machtausübung nutzt, sich mit und in ihr über die Kritisierten erheben möchte. Und sich als etwas Besonders darstellen. Schade, sehr schade, vor allem, weil Gerd Herholz im Grunde ein Herz aus Gold hat und dieses intellektuelle Hirngewixe gar nicht nötig hat. Der Kampf um die Wahrhaftigkeit der Kultur in der heutigen Kulturindustrie ist hart und erntet eben nicht die adäquate Wertschätzung, aber Gerd, du Don Quichote, gib nicht auf – lass dich nicht verbittern!

  7. #7 | Gerd Herholz sagt am 24. Februar 2011 um 14:22 Uhr

    #5 Ulrich Straeter

    Bitte Artikel bis zum Ende lesen.
    Da steht deutlich:
    „Und keiner der dauererregten
    Werbepäpste oder CEOs, die die Wörter, die Sprache in die Mangel
    nehmen, merkt mehr, dass da etwas zu kurz kommt, etwas
    fehlt, dass es an etwas mangelt. Vielleicht – wie eine Romanfigur
    Jürgen Lodemanns im schönsten Ruhrdeutsch delirierte – weil ihn
    selbst längst die Wörter mangeln…“

  8. #8 | Arnold Voß sagt am 24. Februar 2011 um 15:01 Uhr

    @ KUKULKA

    Nichts für Ungut, aber ich halte (auch) das Distanzhalten und den Zynismus für eine sehr menschliche Eigenschaft. Erst recht wenn die Verhältnisse um einen herum eher inhuman sind.

  9. #9 | Felipe Gonzo sagt am 26. Februar 2011 um 12:56 Uhr

    Schönes Projekt, die Gewalt der Sprache mit Sprachgewalt zu beantworten. Ich hoffe, es wurde noch nicht alle Munition verschossen! Ein schöner Rausch bisher.. Danke dafür!

  10. #10 | WILFRIED SALUS BIENEK sagt am 26. Februar 2011 um 19:38 Uhr

    Stellen Sie ich vor, Sie haben ein Alleinstellungsmerkmal. Kaum nennen sie es, werden es tausend Mitbewerber ebenfalls haben. In Werbeagenturen nennt man sie „unique selling proposition“. Wo es den „USP“ objektiv nicht gibt, erfinden sie die Alleinstellung. Jacobs Kaffee – mit dem Verwöhnaroma. Keine Definition, dafür ein Wort mit der Substanz Null. Die nächste Kampagne: Jacobs Kaffee – jetzt mit noch mehr Verwöhnaroma. Noch mehr von Nichts. Fürwahr das Alleinstellungsmerkmaligste, was wir Verbraucher nicht gebraucht haben.

  11. #11 | Kuhls Kolumne: STANDARD & KULT » Duisburg, Herholz, Kurowski, Diskussion, Gerd, Duisburger » xtranews - das Placeblog aus Duisburg sagt am 14. Juli 2011 um 21:58 Uhr

    […] noch „Guilty“ und „Lovesick Blues“ durchgezogen, bis Gerd Herholz mit seinem grandiosen „Alleinstellungsmerkmal“ den Horizont klarstellte und die Anwesenden in eine grundsätzliche Diskussion über […]

  12. #12 | Gentrifidingsbums: Ich möchte den Gorny ja lieben, aber ich schaff‘ es einfach nicht | Ruhrbarone sagt am 22. September 2011 um 09:58 Uhr

    […] insgesamt beschwören als Mittel, um in der globalen Standortkonkurrenz das Ruhrgebiet „gut aufzustellen“, zu „positionieren“ und von Kreativquartieren träumen: „Für ecce ist dieses […]

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