Tafeln: „Wir wollen und können niemanden ganz versorgen“

Jörg Sartor ist der Chef der Tafel in Essen Foto: Laurin


Lebensmittel, Energie, nahezu alles, was man braucht, um gut durch den Winter zu kommen, wird teurer. Besonders hart könnte es für die Menschen werden, die auf Unterstützung durch die Tafeln angewiesen sind: Den Vereinen gehen die Spenden aus.

Werner S. (Name geändert) ist 67 Jahre alt. Seit drei Jahren kommt er regelmäßig zur Ausgabestelle der Essener Tafel im großen Wasserturm an der Steeler Straße. „Ich habe lange im Straßenbau gearbeitet“, erzählt der noch immer kräftige Mann mit dem grauen Igelhaarschnitt, „aber ich bekam einen Herzinfarkt.“ Zehn Jahre habe er dann für 450 Euro im Monat gejobbt und kaum etwas für die Rente eingezahlt. „Die ist nun knapp. Wenn ich alle Kosten abziehe, bleiben mir 200 Euro im Monat zum Leben.“ S. hat einen kleinen Garten, in dem auch Gemüse anbaut. „Aber ohne die Tafel würde es eng werden. Die Qualität hier ist gut, die Menge auch und die Mitarbeiter sind ungeheuer freundlich.“ Mit ein paar Dutzend anderer Tafelkunden, die meisten im Seniorenalter, steht er im Hinterhof des Wasserturms und wartet darauf, sich an den Tischen im Inneren des Wahrzeichens bedienen zu können: Kartoffeln, Mandarinen, Auberginen, aber auch Wurst und Käse gibt es hier. Einmal in der Woche können sich alle, die eine Bezugskarte haben, hier und an den anderen zwölf Verteilstellen in der Stadt versorgen. „Wir bieten unseren Kunden“, sagt Jörg Sartor, der 1. Vorsitzende des Vereins Tafel Essen, „eine Ergänzung zu ihrer Lebensmittelversorgung an. Wir wollen und können niemanden ganz versorgen.“ 1600 Haushalte haben eine Bezugskarte für die Tafel. Sartor schätzt, dass jeder Haushalt zwischen drei und vier Mitglieder hat. „Wir helfen um die 6000 Menschen in Essen besser über die Runden zu kommen. Von allen, die in der Stadt HartzIV, Wohngeld oder die Grundrente bekommen, erreichen wir nur einen kleinen Teil. Allein in Essen reden wir hier von weit über 100.000 Menschen.“ Sartor ist 67, seit 18 Jahren bei der Tafel dabei und als ehemaliger Steiger auf Zechen im Ruhrgebiet gewohnt, Menschen zu organisieren und anzuleiten. Kumpelhaft, mit klaren, deutlichen Worten und einer großen, menschlichen Nähe.

Im Moment hat die Essener Tafel wieder einen Aufnahmestopp. Neue Kunden werden nicht angenommen, dafür werden die Bezugskarten älterer und behinderter Kunden verlängert, die wie alle anderen eigentlich nach einem Jahr erst einmal nicht mehr zur Tafel kommen könnten. Sartor will gerecht sein, macht sich Gedanken, wie er die Vergaben organisiert. Als er vor vier Jahren einen Aufnahmestopp für Ausländer verhängte, weil alte Menschen kaum noch eine Chance hatten, in den Kundenkreis aufgenommen zu werden, wurde er als Rassist beschimpft. „Das ging aber nur zwei Tage so. Dann kamen Journalisten zu Besuch, schauten sich unsere Arbeit an und das Thema war vom Tisch.“

Zur Gerechtigkeit gehört es für den ehemaligen Bergmann auch, dass Geringverdiener eine Chance auf den Bezug der kostenlosen Lebensmittel haben, die von der Tafel verteilt werden. „Theoretisch hat jeder der arbeitet mehr Geld als jemand, der vom Staat unterstützt wird. Aber in der Praxis sieht das ganz anders aus: Wer arbeitet, muss tanken oder sich eine Monatskarte kaufen, zahlt für die Kinder, wenn sie die Schulmensa benutzen oder in den Kindergarten gehen.“ Und nicht alle, die arbeiten, wollen Geld vom Staat, auf dass sie eigentlich ein Anrecht haben: „Ich habe einen syrischen Kunden, der stolz ist, sein eigenes Geld zu verdienen. Der will nicht zu den Ämtern.“ Aber Hilfe, sagt Sartor, würde er benötigen: „Für ihn und seine Familie hat er nach Abzug alles Kosten gerade einmal 300 Euro im Monat.“

In Sartors Büro sind fast alle Tische voll bepackt mit Kartons voller 30-Euro-Gutscheine, die in unterschiedlichen Geschäften eingelöst werden können. „Die gibt es zu Weihnachten statt der Päckchen, die wir früher hatten.“ Gespendet wurden sie von Unternehmen oder die Tafel hat sie aus Geldspenden gekauft. „Wir verteilen sie ab Anfang Dezember. Die Oma kann dafür ein Geschenk für ihre Enkel kaufen oder sich einen Wunsch erfüllen.“ Auch wenn sie arm ist.

Essen ist nur einer von 172 Tafel-Vereinen in Nordrhein-Westfalen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar ist die Zahl ihrer Kunden von 350.000 auf über 500.000 gestiegen. Während der Bedarf zunimmt, nimmt die Unterstützung der Tafeln ab, sagt Pressesprecherin Petra Jung vom nordrhein-westfälischen Landesverband der Tafeln in Neuss: „Mit Blick auf Weihnachten gibt es dankenswerterweise Geldspendeneingänge von Privatpersonen und Firmen. Aber die Spender sind verhaltener, verständlich angesichts der Zukunftsangst in Zeiten von Inflation mit steigenden Preisen und drohend hohen Stromrechnungen.“ Die Tafeln nun rufen lauter denn je nach Geldspenden, etwa um Kühlhäuser zu betreiben und ihre Transporter auf Tour zu den Märkten schicken zu können.

Auch die Lebensmittelspenden gingen zurzeit zurück: „Supermärkte kalkulieren warenwirtschaftlich genauer, kaufen weniger ein und vermarkten selbst Lebensmittel, die vor dem Mindestablaufdatum stehen.“ Der Landesverband der Tafel möchte dem verstärkt entgegensteuern und versucht, für Großlieferungen an seine sieben Verteilläger in Siegen, Köln, Dormagen, Gütersloh, Moers, Dortmund, Coesfeld Spenden direkt von den Lebensmittelherstellern zu erhalten. „Fehlproduktionen oder saisonale Ausmusterungen ermöglichen die Lebensmittelrettung in größerem Stil. Tiefkühlpizzen, Joghurts oder Kekse kommen dann gleich sattelschlepperweise in die Verteilzentren.“ Unter der Regie der ehrenamtlichen Logistiker-Mannschaft des Landesverbands werden die Spenden dann auf die regionalen Tafeln umverteilt.

Doch nicht nur die zurückgegangene Unterstützung bereitet den Tafeln Sorgen. Wie alle sind auch sie von der Inflation und der Erhöhung der Energiepreise betroffen. Ihr Räume müssen beheizt, die Lebensmittelager gekühlt werden und die Transporter verbrauchen auf den Tausenden von Kilometern bei ihren Abholtouren teuren Sprit.

Die Landesregierung hat auf die Krise reagiert und stellt den Tafel 1,4 Millionen Euro zur Verfügung. Jede Tafel kann im Winter fünf Monate lang je 1.500 Euro Unterstützung beantragen, um die gestiegenen Energie – und Spritkosten abzufedern. „Das reicht nicht überall“, sagt Jung. Die Tafeln würden sich gerade im Winter über Spenden von Unternehmen freuen oder auch über hilfsbereite Privatleute, die PKW-weise haltbare Lebensmittel für die örtliche Tafel einkaufen. „Wir sind dankbar für jede Idee.“

Bastian Pütters Klientel besucht nur zu einem kleinen Teil die Tafeln. Pütter ist Chefredakteur des in Dortmund und Bochum erscheinenden Straßenmagazins „Bodo“. „Ein großer Teil unserer Verkäufer sind obdachlos oder hangeln sich im Freundes- und Verwandtenkreis von einer nächtlichen Schlafstelle zur nächsten. Geld ist für diese Menschen knapp. Sie können sich kaum noch einen Becher Kaffee oder ein Brötchen leisten.“ Wer auf der Straße lebt und bettelt, spürt, dass auch bei früher großzügigen Bürgern die Geldbörse nicht mehr so locker sitzt. Der Verein, der Bodo herausgibt, betreibt neben dem Magazin auch Anlaufstellen, die längst nicht mehr nur von Obdachlosen besucht werden: „Viele“, sagt Pütter „die jetzt dort um einen Kaffee bitten, kamen bis vor Kurzem noch bis Ende des Monats knapp mit ihrem Geld aus. Nun ist schon am 20. das Konto leer.“

Christoph Schröder ist Armutsforscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise sind auch für ihn die wesentlichen Faktoren, wenn es um Armut geht. „Zumindest im kommenden Jahr“, sagt Schröder, „wird sich an der Inflation nichts Wesentliches ändern. Die Einführung des Bürgergeldes und Einmalzahlungen für Hartz-IV-Empfänger würden die Lage der Betroffenen jedoch abmildern. Ein weiterer Faktor, der seiner Ansicht nach Armut ausmacht, ist allerdings die Arbeitslosigkeit: „Arbeit sichert nicht nur das Einkommen, sondern auch Teilhabe an der Gesellschaft.“ Was das Thema Arbeit betrifft, ist der Wissenschaftler allerdings optimistisch: „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor gut. Nun muss alles dafür getan werden, die Zuwanderer der vergangenen Jahre, die ja häufig auch zu den Armen gehören, durch Integration in Arbeit zu bringen.“ Armut kann also angegangen werden: Mit Unterstützung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und durch die Vermittlung von Jobs

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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Silvius
Silvius
1 Monat zuvor

tja, die Deindustrialisierung des Ruhrgebiets hinterlässt ihre Spuren. aber das Ruhrgebiet verweigert sich auch der wirtschaftlichen Erneuerung, wenn alle ehemaligen Industrieflächen in Industriedenkmäler, Naturschutzgebiete, Wohngebiete und sonst noch für einen Unsinn verwandelt werden. wo sollen denn die neuen Arbeitsplätze entstehen? interessant ist allerdings, dass so eine industriefeindliche Politik von der SPD betrieben wird.

Thomas
Thomas
1 Monat zuvor

Vielleicht könnten welche der letzten Degeneration dort arbeiten. Denen ist es egal wenn es kälter ist. Auch brauchen die kein Auto. Die würde mit ihren Rädern hin und her radeln.

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