Warum man Besucher im Ruhrgebiet besser nach Duisburg als nach Dortmund bringt

Viel zu entdecken gibt es im Landschaftspark Duisburg Nord. Foto(s): Robin Patzwaldt

Das mit dem Strukturwandel im Ruhrgebiet ist ja bekanntlich so eine Sache. Wirklich gut gelungen ist er bisher keiner der großen Städte in der Region. Es gibt dabei zudem gravierende Unterschiede. Manche Metropole hat ihn offenkundig schon besser gemeistert als andere.

Zu den Großstädten, wo es noch immer am meisten zu tun gibt, zählt aus meiner Sicht zweifelsohne Duisburg. Schon rein optisch präsentiert sich Duisburg im Jahre 2023 ganz anders als zum Beispiel Dortmund. Der Westen des Ruhrgebiets ist im 21. Jahrhundert insgesamt noch immer deutlich mehr geprägt von Relikten der Schwerindustrie und den Resten aus der Zeit der großen Zeit des Reviers vor rund 50 oder mehr Jahren. Im Osten, wo ich seit dem Beginn der 1970er-Jahre beheimatet bin, sieht man große Schlote, Zechen und Stahlwerke inzwischen hingegen nur noch vereinzelt. In der Region rund um Duisburg prägen sie hingegen noch viel deutlicher sichtbar das aktuelle Stadtbild.

Was sich im Alltag häufig als nachteilig erweist, das

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1986 revisited: Wie Bochum schrumpft

 

Für eine andere Baustelle ist mir ein fast vergessenes Stück Stadtanalyse wieder in die Hände gefallen. 1986 erschien "Umbruch der Stadt. z.B. Bochum", drei Autoren, darunter Herausgeber Michael Krummacher. Ich habe es eher durchblättert, ein Geschenk zum Umzug, mochte die kargen Fotoaufnahmen aus Innenstadt und Vororten, aber weniger das in Thesen zugespitzte Bändchen aus dem Germinal-Verlag. Was da stand, war dem Neurevierbürger zu trist. Heute lese ich es mit anderen Augen.

 

Foto: ruhrbarone

Die Autoren beschrieben Bochum als eine "shrinking city", als eine typische Stadt mit altindustriellem Erbe, eine Stadt, die nicht nur altert, die auch von vielen jungen Menchen verlassen würde. Die Stadtoberen Bochums, seinerzeit Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck, wollten von der anstehenenden Schrumpfkur oder einer sozial-tektonischen Plattenverschiebung in Bochum etwa zwischen Norden und Süden nichts hören. OB Eikelbeck kümmerte sich als Sanitärfachmann lieber um Spaßbäder, um Starlight, um mehr Stadtautobahnen und weniger besetzte Viertel. Ich weiß noch, wie verdattert Eikelbeck war, als eine Studentendemo vor seinem Rathaus stand und von ihm Solidarität gegen geplante Strellenstreichungen an der Ruhr-Universität einforderte. Die Uni hatte der OB weniger auf dem Plan (dass immerhin hat sich geändert).

Spannend sind die Aussagen des Buches zu Opel. Da hat sich seit 23 Jahren kaum was getan, nur die Zahl der Beschäftigten, die Krise um Krise weniger wurden. Nochmal, geschrieben 1986: Opel ziehe sein Management in der Schweiz zusammen, was einer Abkopplung von der Produktion gleichkomme. Die  EDV werde zentral gesteuert, die Werke würden enthauptet. Bochum habe sehr schlechte Karten, weil anders als in Rüsselsheim keine Entwickler vor Ort sind, und natürlich würde GM sowieso keine Gewerbesteuer zahlen, weil die Gewinne in die Staaten flössen, wir kennen das Spiel.

Ich habe mit Krummacher, der seit 1989 Professor an der evangelischen FH in Bochum ist, über Buch und Bochum gesprochen. Bochum ("fühle mich hier urban gut aufgehoben") sei nicht nur sein Wohnort auch ein interessanter Forschungsgegenstand, weil die Stadt so typisch sei für Ruhrgebietsstädte, in den Statistiken meist den Durchschnittswert der Region abbilde. Diese Durchschnittstadt erlebe also weiterhin einen starken Umbruch, "keinen Wandel", so der Politologe. Die Stadt habe seit dem Buch enorm eingebüßt, von 420.000 nach der Eingemeindung von Wattenscheid auf nur noch 370.000. In guten wirtschaftlichen Zeiten erhole sich die Stadt ein wenig, doch gelinge es den Revierstädten nicht, sozial und wirtschaftlich zu anderen Großstädten in NRW aufzuschließen.

Es gibt auch gute Seiten: Seinerzeit habe die Stadt nichts von den Schrumpfungs-Thesen hören wollen, das sei jetzt ganz anders. Auch habe Bochum als Hochschulstandort, als Kultur- und Freizeitstadt viel zu bieten, auch Zukunft. Und doch macht die Wirtschaftskrise, vor allem die starken Konjunktureinbrüche im Stahl und das drohende Aus für Opel dem Wissenschaftler größte Sorgen. Industrielle Kernarbeitsplätze seien nicht mal so eben aufzufangen, sagt Krummacher: Der Umbruch der Stadt, Schrumpfung, soziale Spaltungen, das alles würde sich dadurch "dramatisch beschleunigen".

Auf Kurzarbeit

Duisburg. Bruckhausen. Vorbei am "Schwarzen Diamant". Steht wohl leer. Hier ist Abrissgebiet, Brachland, hinten stehen Hochöfen verziert mit Ringelsöckchen. Dann Werkstore, links. Rechts: Dunkles Glas, das Verwaltungsgebäude von ThyssenKruppSteel macht sich schmal zur Straße, verschalt mit angelaufenen Stahlplatten. Oder Kupfer? Auf der gefrorenen Grünfläche eine dunkelrostige Bramme. Ein gepflasterter Weg führt zu ihr wie zu einem Ehrenmal.

Foto:ruhrbarone.de

Besucherparkplätze in Terrassen, Ebenen, Levels. Auf einer grauen Leitplanke sind Namensschilder angebracht. Fischedick, Schultkamp, Wiefel – Namen halt. Dazu das Auto, kleine Fahrzeuge, Ford, Peugeot. Und doch: Herr Fischedick wird sich jeden Morgen um 7:30 Uhr aufgehoben fühlen: Für mich wurde reserviert. Schlanke Männer in gedeckten Anzügen huschen ins Kasino. Ins Kasino? Die Frauen im Foyer, im Kostüm halten sich Klemmbretter vor die Brust. Warmes, weiches Licht hinter einem Blockrahmen im 1970er Braun.

Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße kaum ein Auto. Über der Mauer öffnet sich ein Spalt breit Werk. Es knirscht, zischt, poltert, rumpelt. Keine Menschenseele, Waggons. Im Betriebsratgebäude am Tor 1 ist es warm. Männer begrüßen sich, stupsen sich in ihre Bäuche. Vertrauensköper. Erste Etage, rauchen, eine russische Schachtel liegt im Mülleimer. Ein Steinbock gezeichnet wie das Kamel, die gleiche Cremefarbe, Importware.

In der Vertrauenskörperleitung. Bürostühle um vier große Schreibtischplatten. Ein Telefon im Teleskopschwenkarm. Kaffeemaschine, Küchenpapier. Klarsichtbeutel mit Buttons, 67 steht auf rotem Grund. Verschränkte Arme der Kollegen: ich sach mal, Kurzarbeit. Maximal fünf Tage im Monat, dazu zwei Urlaubstage – mehr als sieben Schichten ist nicht erlaubt. Das regele eine Betriebsvereinbarung. Das haben sie erkämpft. Finde ich gut – nur was bringt das, wie lange hält das, wenn die Krise da ist. 90 Prozent nehmen die Arbeiter mit nach Hause, nicht einmal zehn Prozent wird eingespart. Wie lange wollen die sich das leisten, wenn kaum verkauft wird. 14.000 Mitarbeiter in Duisburg, brennende Hochöfen. In Beekerwerth auf Halde, da stapele sich das Material, da krisse Tränen inne Augen, sagt der VK-Leiter.
Und hat der Konzernchef nicht auch gesagt: so, die letzte Stahlkrise hat fünf Jahre gedauert, mal sehen wie lange es diesmal geht? Krise. Und? Haben sie Zahlen vorgelegt fürs laufende Jahr? Nö.

Die Gewerkschaft wisse natürlich was los ist. Schlimm ist es. Da drüben hinter dem Grünspan, im Kasino und den dunklen Anzügen, die schlanken Herren und Damen, die wollen nicht raus damit. Die trauten sich nicht. Stattdessen: Kostensenkungsprogramme. Aber das machen alle, ich hab so ein Bauchgefühl, sagt der Betriebsrat – ein ungutes. Ob die den Tarifvertrag einhalten? Was die Tarifrunde im März bringt? Es wird spannend.  Bis Ende März, ist mal sicher, werde hier kurzgetreten, kurzgearbeitet. Fünf Schichten im Monat – das regelt die Betriebsvereinbarung in Duisburg-Bruckhausen an der Kaiser-Wilhelmstraße.

Doch noch was: Wenn das Werk in Brasilien schon Brammen liefern würde, sagen sie, dann gute Nacht Marie. Oder mal so gesagt: "In weiser Vorausicht hat unser Management die Verzögerung der Bauarbeiten in Südamerika billigend in Kauf genommen."