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Tobias Huch: Starkes Buch über Kurdistan

Unser Gastautor Peter Ansmann hat das Buch „Kurdistan“ von Tobias Huch gelesen.

Ein Geschenk Gottes an alle Nahost-Experten, Journalisten und politische Analysten: Der Nahe Osten ist die ewige Quelle um die Welt mit Artikeln und Sachbüchern zu den Auseinandersetzungen dieser permanent unfriedlichen Region zu versorgen.

„Kurdistan“ von Tobias Huch – ist ein gerade erschienenes Buch zu dieser Region im Dreiländereck Türkei – Syrien – Irak.

Seit der Neugründung des Staates Israel sind seine Konflikte mit den arabischen Nachbarn ein Dauerthema. Andere Regionen im Nahen Osten sind seit dem arabischen Frühling, der den Zusammenbruch zahlreicher Autokratien mit sich brachte, in den Focus gerückt: Der Bürgerkrieg in Syrien und das Machtvakuum nach dem Sturz Saddam Husseins waren Nährboden für die Terrormiliz Daesch, dem arabischen Akronym für den sogenannten „Islamischen Staat“: Entstanden aus dem Ableger al-Quaidas im Irak durch Amin az-Zawahiri, gewachsen unter einer Gruppe von ehemaligen Geheimdienstlern aus der Saddam-Ära unter ihrem Strategen Hadschi Bakr.

Große Geländegewinne in Syrien, zeitweise war ein Gebiet von der Größe Großbritanniens unter IS-Verwaltung, zeigten der Welt im Jahre 2014, dass hier eine Terrororganisation neuen Typus auf dem Vormarsch ist.  Im ausgerufenen „Kalifat“ erhob der IS Steuern und setzte seine eigene Auslegung der Scharia brutal durch. Durch unfassbare Gräueltaten an der Bevölkerung – und professionelle Propaganda in den neuen Medien – grenzte sich der IS von anderen Terrorgruppen ab.

Im August 2014 starteten die Dschihadisten des IS ihre Jagd auf die Jesiden, Anhänger einer friedlichen Naturreligion: Die Bilder von ihrer Flucht ins Sindschar-Gebirge und dem Leid, dass dort herrschte, gingen um die Welt: Massenerschießungen durch den IS und Entführungen von jesidischen Frauen – die als Sexsklavinnen verkauft wurden – waren an der Tagesordnung.

Ein anderer Kriegsschauplatz im Jahre 2014 war Kobanê, eine strategisch wichtige Stadt unter kurdischer Verwaltung an der syrisch-türkischen Grenze. Versuche des IS, die Stadt einzunehmen scheiterten am Widerstand der YPG (Kurdische Volksverteidigungseinheiten, einem syrischen Ableger der PKK) und der Peschmerga. Der Westen unterstütze den Widerstand durch Luftangriffe auf die Dschihadisten.

Tobias Huch, ehemaliger Internetunternehmer und Aktivist gegen Zensur im Internet, startete zu dieser Zeit – schockiert vom Leid der Menschen im Norden Syriens – erste Hilfsaktionen für die Menschen die vor dem IS auf der Flucht waren. Über die von ihm gegründete Liberale Flüchtlingshilfe und der Aktion Wasser für Kurdistan versorgte er die notleidenden Menschen mit Trinkwasser, Decken und anderen Hilfsgütern.

Seine Erfahrungen aus diesem andauernden Engagement für die Kurden, hat Tobias Huch jetzt in seinem Buch Kurdistan verarbeitet. Im Gegensatz zu „Inside IS“ (Ein Machwerk, auf das Tobias Huch in seiner Publikation ebenfalls kritisch eingeht!) Jürgen Todenhöfers (Fazit zum IS: Tolles Frühstück, kaum Frauen, kein Alkohol, klasse Fahrdienst, gepflegte Bärte – läuft dort!) wirkt – ist –  Kurdistan von Tobias Huch äußerst authentisch. Anders als Fronturlaub von Enno Lenze (Der zusammen mit Tobias Huch in Kurdistan aktiv war.), ist Kurdistan mehr als ein spannender Erlebnisbericht aus einer Kriegsregion.

Mit einem extrem kompakten Rückblick – den ich mir genau in dieser Form im Erdkundeuntericht während meiner Schulzeit in dieser Form zu diesem Thema gewünscht hätte –  geht der Autor auf die Wurzel des Konflikts im Nahen Osten ein. (Stichwort: Sykes-Picot-Abkommen, in dem die Briten und Franzosen nach dem ersten Weltkrieg die arabische Welt und das osmanische Reich aufteilten.) Ausführlich, aber an keiner Stelle langweilig, geht Tobias Huch auf die Geschichte der Kurden ein.

Die wirkliche Stärke des Buches ist die spannende Mischung aus persönlichen Erlebnissen, Eindrücken und Randnotizen aus der Region: Der Fakt, dass die deutsch-französische Panzerabwehrraketen MILAN, ein effektives Instrument der kurdischen Milizen um motorisierte Selbstmordattentäter des IS bei ihren Terrorangriffen abzuwehren, Tausenden von Peschmerga-Kämpfern das Leben gerettet hat ist bekannt. Die Tatsache, dass die MILAN zur Verbreitung dieses Namens bei Neugeborenen in den kurdischen Regionen gesorgt hat war mir bisher unbekannt.

Die unterschiedlichen Teile Kurdistans und ihre Parteien, kurdische Clans und deren Vorgeschichte, die kurdische Medienlandschaft, Wirtschaft, Situation der Frauen, die PKK in der Türkei und ihre Wurzeln, Lage der Kurden in der Türkei und im Iran: Der Autor bietet tiefe Einblicke in die Region, aufgelockert durch Erzählungen von persönlichen Gesprächen und Erlebnissen während seinen zahlreichen Reisen nach Kurdistan. Arye Sharuz Shalicar, ehemaliger Sprecher der israelischen Verteidigungskräfte rundet das Buch mit seinen Erfahrungen mit kurdischen Aktivisten im Berlin der 90er Jahre und einer Analyse der kurdischen Diaspora – eine Gemeinsamkeit mit den Juden – ab.

Fazit: Lesenswert! Kurdistan von Tobias Huch bietet umfangreiche Hintergrundinformationen um den Konflikt zwischen der Türkei und der kurdischen Minderheit zu verstehen. Die klaren Aussagen die der Autor trifft, machen ihm nicht nur Freunde: Die zweite Strafkammer in Ankara, die Tobias Huch wegen Kritik am türkischen Despoten Erdogan als „Terrorunterstützer“ einstuft und sein in der Türkei gesperrter Twitter-Account machen dies ebenso deutlich wie zahlreiche Trolle aus dem Dunstkreis der türkischen AKP und Grauen Wölfe die das Buch – mutmaßlich ohne es je gelesen zu haben – auf Amazon niederwerten.

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