Trump zieht

Trump und seine dritte Ehefrau Melania bei einem Wahlkampfauftritt 2016 Marc Nozell from Merrimack, New Hampshire, USA Lizenz: CC BY 2.0

Heute vor einem Jahr, er selbst wusste es natürlich noch nicht, war Steve Bannon auf dem Zenit angekommen. Sein Partner-in-Crime und politische Raison d’être Donald Trump hatte gerade vor der „largest audience to ever witness an inauguration, period“ (Sean Spicer) den Amtseid auf die amerikanische Verfassung abgelegt und damit jetzt ganz offiziell den Finger auf dem Roten Knopf. Ob und wann dieser und andere Knöpfe auch gedrückt wurden, war allerdings mindestens so sehr Bannons Entscheidung wie Trumps, da waren sich politischen Beobachter einig –Bannon selbst sowieso.

Heute, da der Trump’sche Albtraum noch immer andauert und inzwischen in sein zweites Amtsjahr eintritt, können wir zumindest mit einer gewissen Erleichterung festhalten, dass Steve Bannon die mit ihm verknüpften apokalyptischen Befürchtungen zu enttäuschen verstanden hat. Er überwarf sich zunächst mit der erweiterten Trump-Familie und plauderte dann auch noch eine Spur zu freimütig mit Michael Wolf darüber. Der Rest ist Geschichte, „Sloppy Steve“ ist bei seinem ehemaligen Protegé Trump unten durch und, da jetzt auch journalistisch-propagandistisch wertlos, außerdem von Geldströmen abgeschnitten und schließlich und endlich auch bei Breitbart rausgeflogen.

Gerade dieser letzte Punkt ist dabei von besonderem Interesse. Die, nun ja, Nachrichtenplattform, die den Präsidentschaftswahlkampf noch entscheidend zu Trumps Gunsten mitgeprägt hatte, verschwand ausgerechnet nach Trumps Machtübernahme ziemlich in der Versenkung. Bis zum Sommer war die Seite selbst aus den Top 300 des Alexa-Webseitenrankings verschwunden, und erst nach Bannons Rückkehr konnte sie sich einigermaßen erholen. Im November 2017 überflügelte sie sogar kurzzeitig die Webpräsenz der Washington Post im nationalen amerikanischen Ranking, doch den entscheidenden gesellschaftlichen Einfluss, den sich das Portal im Schreckensjahr 2016 erworben hatte, gewann man nicht mehr zurück. Spätestens mit Bannons Abgang zu Beginn des aktuellen Jahres war Breitbart wieder das geworden, was es in Prä-Trump -Zeiten immer gewesen war: Eine Plattform für radikale Meinungen am rechten und rechtslibertären Rand des politischen Spektrums, ergänzt um vereinzelte, durch die entsprechenden Spinschablonen gepressten Nachrichtenfragmente.

Da es für die gesellschaftliche Relevanz jenseits der klar umrissenen Zielgruppe von Tea-Party-Fanatikern, Medienparanoikern, Weltuntergangspropheten und Proto- oder Vollrassisten aber noch gewichtigere Zugpferde braucht, konnte Bannons Abschied nicht das Ende der Breitbart-Saga sein. So überrascht es auch nicht, dass Breitbart keine zwei Wochen nach Bannon mit einer bemerkenswerten Personalie aufwartete: Caroline Glick, Redakteurin und eine der bedeutendsten Kolumnistinnen der Jerusalem Post, stieß zum Team der Seite.
Das erstaunte einige, die um die journalistische Integrität der JPost wussten, für Glick selbst war dies jedoch der krönende Abschluss einer Entwicklung, die seit Langem öffentlich zu beobachten gewesen war: Schon im Wahlkampf hatte sie zu den wenigen Stimmen innerhalb Israels gehört, die Trump nicht allein aufgrund seiner republikanischen Parteizugehörigkeit, sondern aus Prinzip unterstützten. Dabei war sie auch nicht zimperlich, als es darum ging, des Kandidaten ständige Ausrutscher einzuordnen: Der New York Times legte sie nach deren Berichterstattung über das berüchtigte Pussygrabbing-Tape und die „angeblichen Opfer von Donald Trump“ beispielsweise nahe, ein ähnlicher Einsatz bei den Berichten über die Konzentrationslager der Nazis im Zweiten Weltkrieg hätte viele Leben retten können. (http://www.jpost.com/Opinion/First-100-days-470563)

Mit solchen Volten ist Glick ist bis heute eine Galionsfigur jener Sorte trumpfreundlicher Intellektueller geblieben, die man in Deutschland vor allem in bestimmten Fraktion der Antideutschen finden kannd: Desillusioniert ob der ausgebliebenen Demokratisierung des Nahen Ostens unter den Neocons und zerfressen von einem manischen, jede politische Räson hinter sich lassenden Hass auf all things Obama, erkennen sie in Trump eine Figur, die in ihrer unangepassten Rohheit zugleich synthetisch und kathartisch daherkommt, die auch in Fragen der Nahostpolitik alles Vorangegangene aufnimmt und wegwischt und somit den Weg bereitet für ein klares, besseres Neues. Oder wie Glick es selbst ausdrückt (http://www.breitbart.com/jerusalem/2018/01/17/jerusalem-post-columnist-caroline-glick-joins-breitbart-news/):

„As the U.S. under President Trump moves beyond the failed appeasement strategies of the Obama administration and the failed democratization strategies of the Bush administration, it is imperative for the discourse in America to be based on objective reality, about the Middle East, and about the world as a whole.“

Zwei Dinge lassen sich aus Glicks Ankunft bei Breitbart ablesen. Erstens: Nur weil Steve Bannon sich im Kampf um den Posten des trumpistischen Chefideologen ein bisschen verzettelt hatte, wird Breitbart den Kampf um die rechtsöffentliche Meinungshoheit noch längst nicht verloren geben. Lotta continua!
Und zweitens, noch wichtiger: Auch wenn die Mitglieder des Anti-Trump-Milieus sich leicht gegenseitig eines anderen Eindrucks versichern können, so ist der Kampf für Trump für dessen Proponenten noch längst kein reines Rückzugsgefecht geworden. Obwohl das stetige Rinnsal an Lecks, Peinlichkeiten und Skandalen aus dem Weißen Haus inzwischen zum reißenden Strom angeschwollen ist, gilt auch heute noch: Trump zieht. Selbst nach einem der chaotischsten Jahre in der jüngeren Geschichte amerikanischen Regierungshandelns gibt es sehr wohl immer noch konservative Intellektuelle wie Glick, die sich weiterhin für ihn in die Bresche werfen. Die politische, kulturelle und mediale Spaltung, an der Medien wie Breitbart ihren wesentlichen Anteil haben, wird sich auch im neuen Jahr mit jedem weiteren Regierungstag Trumps weiter vertiefen.

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2 Kommentare

  1. #1 | Gerd sagt am 20. Januar 2018 um 21:07 Uhr

    Reicht es nicht dass der staatliche Rundfunk permanent gegen Trump trommelt? Hier etwas Gegengift:

    "Die ARD und das Erbe Karl-Eduard von Schnitzlers

    Das ist vorbei, dachte ich. Solche offensichtliche Staatspropaganda könnte es heute nicht mehr geben, dachte ich. Doch ich lag falsch. Der schwarze Kanal feiert in der ARD seine Auferstehung in berichten über Präsident Trump."

    https://unbesorgt.de/ein-jahr-trump-das-feuilleton-berichtet-aus-dem-lande-mordor/

  2. #2 | Klaus Lohmann sagt am 21. Januar 2018 um 13:42 Uhr

    @Gerd: Würden die Trump-Bewunderer denn jubeln, wenn wir uns nationalistisch-komplett von der nun mal Kraft seiner potenten Mitteilungsgewalt jeden Tag aufs Neue einprasselnden Trumpel-Mania abschotten, indem wir die Mauer wieder hochziehen – natürlich um ganz Deutschland und auf den Grenzen von '37?

    Und PS: Pöbel- und Fäkalsprache wie im verlinkten Pamphlet ist nicht der Bringer, weder mit noch ohne Trumpel. Schade um den Strom.

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