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Über die Ironie kreativen Leerstands im Ruhrgebiet

Der kreative Wandel des Ruhrgebiets ist eine Farce. Obwohl klar sein sollte, dass soziale Bewegungen und auch Hausbesetzungen die herrschende Ordnung derzeit nicht erschüttern, sondern die städtische Ökonomie eher stimulieren, überbietet sich die Ruhrgebietsbürokratie mit zynischen Regulationsweisen, wie dem Schutz von Arbeitsplätzen in der Leerstandsverwaltung, Fluchtwegen und Brandschutz. Von unserem Gastautor Von Tino Buchholz.

Von Dortmund  über Essen  bis Duisburg lässt sich nur schwer erkennen, was sich durch die Kulturhauptstadt 2010 verändert hat. Was durch die Industrie weggefallen ist, ist offensichtlich, der Leerstand ist erdrückend. Allein in Duisburg stehen 12000 Wohnungen leer und der Leerstand der acht größten Ruhrgebietsstädte umfasst die Fläche einer Neunten Stadt. Land for Free ? Fehlanzeige.

Eigentlich wollte ich gestern Abend meinen Film „Creativity and the Capitalist City“  in Duisburg diskutieren und den Besetzer/innen sowie der Stadtpolitik zu dem Kunststück gratulieren, Leerstand über Umwege zu nutzen. Mein Film dokumentiert den Höhepunkt der institutionalisierten, zivilen Hausbesetzung in den Niederlanden bzw. Amsterdam 2009/2010. Er ist aber mehr als ein Dokumentarfilm über Amsterdam. Der Film thematisiert die Rolle der Kreativität in der westlichen, kapitalistischen Stadtentwicklung, und zeigt verschiedene Wege zu bezahlbarem Wohn- und Arbeitsraum, Squatting, Anti-Squat und eine zivilisierte, niederländische Synthese wie städtische Institutionen mit Konflikten im Raum umgehen können. Es geht also um ‚“Brutplätze“ in Amsterdam, das Recht auf Stadt oder eben Anti-Squat: Wohnen als Job.

[vimeo 23883848]

Das Kunststück der Hausbesetzung ist mindestens dreigeteilt. Zum einen ist da die politische Frage, um was für ein Kunststück es sich handelt, wenn Menschen ein leerstehendes Gebäude mit guten Argumenten besetzen? Die politische Frage schwankt zwischen Legalität und Legitimität der Aktion. Ökonomisch lässt sich die Frage ebenfalls mindestens zweifach aufgliedern: aus der Eigentümerperspektive (eher BWL) oder aus nachbarschaftlicher/ städtischer Perspektive (eher VWL). Letztlich geht es bei der Raumfrage um eine soziale sowie kulturelle Frage, welche Logik, Politik, Ökonomie Anerkennung durch die Menschen findet. Durch die demokratische Brille gesehen, ist dieser Aktivismus nicht außergewöhnlich.

Der rigorose Schutz des Eigentums zum Selbstzweck (bei Leerstand) ist politisch nur schwer zu rechtfertigen. Das haben soziale Bewegungen immer wieder deutlich gemacht. Man kann die Bedrohung leerstehender Spekulationsobjekte durch Hausbesetzer auch nur schwer mit bewohnten Häusern oder Mittelklassehaushalten gleichsetzen, weil diese ihr Eigentum nutzen. Der Versuch einer Gleichsetzung gerät leicht in Legitimationsprobleme oder/ und Realitätsverlust. Insofern heißen die Argumente hauptsächlich Leerstand und Nutzung.

Vor allem bei öffentlichem Eigentum kann der maßgebliche Indikator für den Schutz des Leerstand nur schwer mittels Kapital und Immobilienspekulation vermittelt werden (wie z.B. das Museum am Ostwall in Dortmund ), sondern muss sich mit dem öffentlichen Interesse vereinbaren lassen. Und Brandschutz? Nun ja, bildlich gesprochen, erzeugt soziale Interaktion meist Wärme, oft Reibung, Leidenschaft und manchmal Hitze. Die Frage des Feuers mag berechtigt sein, nur würde ich gerne unterscheiden wollen zwischen einem Funken, einer Flamme und einem Flächenbrand. Die Feuerwehr ist heute zum stärksten Gegner von Hausbesetzer/innen avanciert, findet sich aber auch immer wieder instrumentalisiert für Gründe, die im verborgenen bleiben. Für die Stadtgesellschaft bleibt jedoch die Frage: Was passiert wenn nicht passiert? Wozu gibt es Feuerlöscher und die Feuerwehr?

Wie die jüngste Vergangenheit zeigt, gibt es jedoch Menschen im Ruhrpott, die sich im Leerstand nicht länger einrichten und verwalten lassen wollen, sondern selber einen Unterschied machen. Das ist auch der Stoff aus dem die Träume, und die Immobilienblasen, anderer kreativer Städte sind. Ich denke hier an Barcelona, London, Berlin, Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen etc. Hier wird der subversive Charme der Hausbesetzer/innen toleriert, instrumentalisiert und dann vom Immobilienmarkt absorbiert. Die Konflikte bei Hausbesetzungen entzünden sich also weniger an der Tatsache der Besetzung, sondern an der Vereinahmung durch die Kulturindustrie und die Immobilienwirtschaft. Nicht ohne Ironie hat sich Amsterdam durch die Duldung von Besetzungen einen beachtlichen Wettbewerbsvorteil im Vergleich zu anderen kreativen Städten verschafft. Die Konflikthaftigkeit der Hausbesetzung wirkt also eher nach innen und führt viel eher zu Verwerfungen innerhalb politischer Initiativen, als dass der Kapitalismus damit nicht umgehen könnte. Nach außen ist das Bild zunächst ein Impuls für städtisches Leben, Pluralität, Aktivität, aber auch für Aufwertung, neue Märkte und gentrification.

Die westeuropäische Hausbesetzung der Gegenwart ist entweder still (stille Besetzung), und wenn laut dann kämpferisch oder kulturell motiviert. Letzteres schien zu einer gängigen Methode in der kreativen Stadtentwicklung zu werden. Vordenker, Richard Florida, hat die Besetzung des Hamburger Gängeviertels explizit begrüßt und hat auch vorher schon Sätze gesagt wie: Es ist egal, ob eineR lange Haare hat und Haschisch raucht, so lange hinterher Musik, Graphik, Software oder Halbleiter dabei herauskommen. Diese Flexibilisierung des „kreativen“ Kapitalismus ist im Ruhrpott schlicht nicht angekommen.

Alle drei Initiativen (Essen, Dortmund, Duisburg) haben den stadtpolitischen Zeitgeist überschätzt und sind mit einer fast identischen Strategie „kultureller Belebung“ gescheitert. Wer auf die Kulturhauptstadtlyrik vertraute, hätte eigentlich von einem Erfolg ausgehen können. Hat das Ruhrgebiet die kreative Phase des Kapitalismus verschlafen? Oder übersprungen? Wie ist der kreative Strukturwandel gemeint? Der Punkt ist, frei nach Richard Florida könnte alles ganz einfach sein und hätten vor allem gut ausgebildete, weiße, Mittelklasse „art-squatter“ nichts zu befürchten. Natürlich findet eine Selektion in gute vs. böse Besetzer/innen statt. Ganz so einfach ist es offensichtlich nicht. Die Hausbesetzung scheint noch immer (oder schon wieder) einen Kraftakt zu bedeuten, in die kapitalistische Raumproduktion zu intervenieren, der ohne ausreichend commitment, Ausdauer, Mobilisierung, konsequente Öffentlichkeitsarbeit und den Druck von der Strasse (siehe Köln  & Hamburg  ) nicht auskommt.

Wenn man sich den niederländischen Kuschelkurs zwischen Stadtpolitik und Hausbesetzer/innen der letzten 20 Jahre anguckt, muss man eines feststellen: Der niederländische Konsens ist auf handfesten Konflikten, Wohnungsnot, Straßenschlachten und Häuserkampf der 60er/ 70er/ 80er Jahre aufgebaut. Der Kampf ist nun schon über 30 Jahre her und nimmt das niederländische Parlament seit Oktober 2010 die Radikalisierung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen in Kauf. Im Bewusstsein der Menschen ist das Leerstandsargument aber weiterhin verankert, d.h. die Legitimität der Besetzung (bei Leerstand) überdauert die Kriminalisierung durch die nationale Politik.

Kurzum, wer Kreativität und Leben in den Städten will, muss vor allem das Leerstandsargument in die Öffentlichkeit und Medien tragen. Räumung für Leerstand muss öffentlich, politisch begründet werden. Das Recht auf Stadt  bietet hier einen Ansatz, Stadtpolitik der ersten Person zu machen, Stadt selber zu machen, und die Legitimität der Entscheidungen aus den Stadtverwaltungen zu hinterfragen. Im Falle einer Räumung „ohne Alternative“ haben Hausbesetzer/innen, historisch aber immer einen Weg gefunden und es im Zweifel schlichtweg wieder getan.

Tino Buchholz gehörte zu den Sprechern von UZDO

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23 Kommentare zu “Über die Ironie kreativen Leerstands im Ruhrgebiet

  • #1
    Stefan Laurin

    Vielen Dank für den Gastbeitrag Tino. Besonders spannend finde ich die Frage nach dem Ordnungsrecht, das ja mittlerweile als Hebel genutzt wird, alles zu verbieten was nicht passt – und das praktischerweise ohne jede inhaltliche Diskussion: Ob Zentren, Festivals oder kleine Kulturprojekte: Mit dem Ordnungsrecht bekommt man alles klein.

  • #2
    tino

    ja, die besetzung macht eigentlich den kleinsten ärger, danach geht’s erst richtig los mit der ordnung (feuerwehr, bauordnung, gesundheitsamt…) und nicht zu vergessen die polizei und der lärmschutz. die lage + nachbarschaft ist überaus wichtig

  • #3
    Arnold Voß

    Ich habe mich zum Thema Leerstand und Zwischennutzung hier schon an anderer Stelle aus gegebenem Anlass ausführlich aus der Sicht der Immobilienwirtschaft geäußert:

    http://www.ruhrbarone.de/vom-sinn-und-unsinn-der-zwischennutzung/

    Beim Thema Ordnungs- Bau- und Gesundheitsrecht, dass ja besonders bei Leerständen in öffentlichen Gebäuden gerne zu Hilfe gezogen wird, ist mit zu bedenken, dass es als strategisches Instrument eingesetzt wird.

    Es geht dann gar nicht mehr um den Zweck des Rechtes , sondern um die Tatsache, dass sich mit diesem Recht bei buchstabengetreuer Auslegung immer etwas finden lässt, was eine Besetzung bzw. die praktische (Zwischen)Nutzbarkeit formalrechtlich unmöglich macht und damit im Ernstfall den Polizeieinsatz quasi erzwingt.

    Politische Gründe müssen dann garnicht mehr angegeben werden, bzw. wird eine Diskussion darüber mit rechtlichen Gründen abgewendet. Gleichzeitig werden Ersatzräume in Aussicht gestellt, die am Ende gar nicht wirklich zur Verfügung stehen, bzw. nur zu Bedingungen die die Besetzer nicht akzeptieren können.

  • #4
    teekay

    Ein guter Beitrag. Man muss nicht tief in die Governmentalitaets-Forschung einsteigen, um die Reaktionen des ‚Staates‘ zu verstehen. Jeder Staat hat eine natuerlich Angst, dass an der Peripherie, jenseits des Mainstreams usw. sich Bewegungen bilden, die er nicht messen, zaehlen und kategorisieren kann. Was in China die Angst vor Falun Gong ist, ist dann im Ruhrgebiet der Umgang mit kreativen Raeumen-Buerger machen etwas, das der Staat nicht verstehen und kontrollieren kann-und das ist automatisch gefaehrlich. Darauf kann es nur eine Reaktion geben, naemlich ‚Recht und Gesetz‘ anwenden und durchsetzen. Das Paradoxe zeigt sich in Duisburg ganz gut: Waehrend der Staat gegen Besetzungen vorgeht nutzen bulgarische und rumaenische Zuwanderer (eher nicht der ‚kreativen Klasse‘ im Florida’schen Sinne zugehoerig) Graubereiche aus und ‚besetzen‘ mehr oder weniger ausserhalb staatlicher Kontrolle Strassenzuege in Hochfeld. Allerdings ist das so paradox auch wieder nicht: Die Schule in Laar ist staatliches Eigentum waehrend die Osteuropaer am Staat vorbei leben und geduldet werden und Teil einer prekaeren Marktwirtschaft werden, die am deutschen Staat gar nicht interessiert ist. Bei aller Kritik sind das schwierige theoretische, ja sogar philosophische Fragen, die eine Stadtverwaltung mit alten Gesetzen und Regeln und keiner ‚Portokasse‘ kaum loesen kann. Der Staat kann nicht loslassen, oder sich zurueckziehen aus den Teilen ueber dier er noch verfuegt. Kommt keine Hundertschaft nach Laar werden in 2 Jahren vielleicht Polizei-Stellen gestrichen. Die Staedte merken, dass sich die Welt veraendert und koennen und wollen wenig dagegen tun. ‚Wenn wir zu innovativ sind, dann bekommen wir in 2,5 Jahren bei den Wahlen vielleicht 4% weniger Stimmen und ich habe dem Klaus doch versprochen, dass er auf die Liste kommt‘. In der digitalen Welt braucht es eben nicht nur ein neues Urheberrecht fuer Musik, sondern auch fuer viele andere Bereiche in denen ‚Buerger‘ und ‚Staat‘ aufeinandertreffen. Im Moment heisst die Antwort fast immer ‚Aber in der Verordnung von 1973 steht doch…‘. Der zweite wichtige Punkt ist allerdings, dass Stefan Laurin und Tino Buchholz ’space‘ als Resource und Kapital im Ruhrgebiet ueberbewerten. Und wenn im Ruhrgebiet noch so viele Wohnungen und Flaechen und Gebaeude leer stehen-Berlin wird eben als ‚Start-up Metropole‘ gefeiert. Mag sein, dass Berlin in 20 Jahren zu teuer wird und Menschen tatsaechlich ins Ruhrgebiet ziehen-aber ich wuerde nich darauf wetten. Wer zieht denn aus London nach Wales oder wenigstens nach Nordengland wo Lebenshaltungskosten 30-40% niedriger sind? Und wem Amsterdam zu teuer ist, der kann ja nach Dortmund ziehen. Macht halt keiner. Warum klingt ‚Arm, aber sexy‘ fuer Berlin trendy und fuer’s Ruhrgebiet eher peinlich? Sicher, man sollte immer experimentieren. Vielleicht dauert es 5 Jahre oder mehr, aber ein ‚weicher‘ Kurs was kreative Raeume angeht kann ja nicht schaden. Was gab es nicht fuer einen Hype um illegale/’illegale‘ Clubs in Berlin! Aber dazu braucht es auch mehr Wowereits und weniger Sauerlands in verantwortlichen Positionen. Die Gefahr ist leider gross, dass viele Staedte ‚verkommen‘ und die Politiker dann nach mehr Polizei, Subventionen und Staat im weitesten Sinne rufen. ‚Urbane Terroristen‘-ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir. Angst, Verunsicherung, Drohkulissen wirken staerker als ‚lass‘ doch die jungen Leute mal machen‘. Wer kreativ sein will, der kann sich doch einen Kleingarten pachten-hat doch frueher auch gereicht ;)!

  • #5
    tino

    @ all

    der kapitalismus ist ein system, dass auf die gewinnbringende herstellung von waren aus ist. dafür sucht er stets neue märkte etc. die hausbesetzer_initiative mag hier zwar zunächst einen umweg gehen, fügt sich dann aber durchaus in das schema „alternativer“ produktion ein. oder kann sich dem zumindest schlecht entziehen.

    der punkt ist, dass sich der kapitalismus im zuge der neuen sozialen bewegungen (frieden, frauen, umwelt) sehr flexibel gezeigt hat, ausnahmen von der regel zuzulassen und dann zu vereinnahmen. jedes legalisierte haus kann hiervon berichten. in der sozial-demokratischen ära der niederlande, hat man die hausbesetzung aber gar nicht als legal betracht, sondern ihren illegalen status zu bestimmten konditionen GEDULDET. die duldung brachte mit sich, dass herrschende regulationsweisen, wie brandschutz, hygiene etc. außen vor blieben, da die nutzung illegal war. die nutzung war dann auf eigene gefahr. sozialdemokrat/innen können mit solchen lösungen also durchaus umgehen, und die systemfrage bleibt unberührt

  • #6
    Arnold Voss

    @ Tino

    Die sozialdemokratische Ära im Ruhrgebiet dauert jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit und hat in dieser Zeit Illegalität, außer im Kampf gegen den Faschismus, noch nie geduldet. Die Ruhr-SPD hat sich hier nie als innovative Kraft sondern als Ordnungsmacht verstanden die zugleich die kulturelle Hegemonie des sogenannten kleinen Mannes anstrebt. DULDEN, ZULASSEN und EXPERIMENTIEREN sind für den ein Graus, und zwar unabhängig davon ob er im Kapitalismus oder im Sozialismus zu leben gezwungen ist.

  • #7
    teekay

    @ Tino. Historisch betrachtet durchaus richtig-die Sozialdemokratie hat ja auch im Ruhrgebiet neue Hochschulen gegruendet z.B-ist allerdings schon ein Weilchen her…Ich bin mir nicht sicher, ob in der aktuellen Situation Parteizugehoerigkeit wirklich (noch) einen Unterschied macht. Und in NL weht ja auch gerade ein anderer Wind, wenn z.B. die Abschaffung der Entwicklungszusammenarbeit diskutiert wird-ein sehr ’sozialdemokratischer‘ Sektor, der viele junge Leute und kleine Organisationen anzieht. Und natuerlich hast du recht, was die kapitalistischen Dynamiken angeht-aber ist denn die ‚Antwort‘ des Ruhrgebiets nicht eine Rentner- und ‚Unterschichtenkonsuminfrastruktur‘ aufzubauen und zu erhalten? Outlet-Centre in Hamborn oder 1-Euro-Laeden in ehemaligen Fussgaengerzonen? Wie gesagt, in Berliner Start-Ups mag Venture-Kapital auf kreative Koepfe treffen, aber wo ist der ‚Markt‘ im Ruhrgebiet?

  • #8
    Arnold Voss

    @ Teekay

    Die Gründung der Hochschulen im Ruhrgebiet war, nachdem alle anderen großen Agglomerationen schon genug davon hatten ,keine wirkliche Innovation sondern ein Akt nachholende Gerechtigkeit.

    Das hat die SPD allerdings immer schon gegenüber andere großen politischen Ordnungsmächten ausgezeichnet: ein programmatisch verankerter Sinn für den sozialen Ausgleich.

    Das ist ihr trotz ihrer im Ruhrgebiet besonders tief sitzenden strukturellen Biederkeit natürlich hoch anzurechnen. Kreativität ist allerdings was anderes. Wer darüber selber nur sperlich verfügt kann sie auch nur schwerlich, geschweige denn erfolgreich, fördern.

  • #9
    DH

    Ich find’s gut, dass Tino Buchholz hier die niederländischen Erfahrungen für die hiesige Debatte nutzbar macht. Die stadtplanungspolitische Praxis in den Niederlanden zeigt nämlich, dass ein sehr rigides Planungsverständnis einerseits und die aktive Duldung von experimentellen Freiräumen andererseits sehr gut zusammengehen können.

    Zum kreativen Ruhrgebiet und seinen Brachen: Auf die „Neunte Stadt“ und „Land for Free“ wird ja immer wieder verlinkt; insofern muss ich dazu nichts schreiben. Nur soviel: das charmante Gewusel umtriebiger Raumpioniere hätte auch RUHR.2010 samt sämtlicher Unterabteilungen gerne gesehen, nur waren sie nicht bereit und konzeptionell nicht in der Lage, die damit notwendigerweise verbundenen Konflikte und Unwägbarkeiten mitzugehen.

    Es gibt bei relevanten Teilen der hiesigen Eliten zweifelsohne eine Sehnsucht nach unorthodoxen Raumpraktiken, die der Idee vom großen Möglichkeitsraum Ruhrgebiet ein wenig Leben einhauchen könnten. Es ist jedoch bisher eine überwiegend feuilletonistische, keine sozial oder politisch begründete und sich äußernde Sehnsucht; deshalb funktionierten ja auch die Kunstprojekte, die solche Aspekte im eben künstlerischen Format thematisierten, sogar meist ganz gut.

    Experimentelle Freiraume im Echtbetrieb sind aber etwas anderes, und man sah es an den oft wahnsinnig unbeholfenen Aktionen rund um „Kreativquartiere“, dass dieser Schritt im Ruhrgebiet noch weitestgehend aussteht. Die „Farce“, von der Tino oben zu Recht spricht, ist eine, die zum großen Teil diesem momentanen Unvermögen geschuldet ist, die „Kulturhauptstadtlyrik“ in wirksames Handeln außerhalb eines Eventformats zu übersetzen.

    Es mag sie immer noch geben, die sozialdemokratischen Betonköpfe, denen alles Experimentelle ein Graus ist, aber sie sind nicht mehr entscheidend. Sie sind nicht das Problem.

  • #10
    tino

    @ teekay und alle

    „rentner- und unterklasseinfrastruktur aufbauen“, schon klar. ich denke auch, dass die alters- bzw. generationenfrage hier ganz zentral ist (wer parlamentarisch, außerparlamentarisch und außerdem politik macht). meine generation (1980plusminus) hat hier bisher deutlich zu wenig gemacht. der ruhrpott bietet aber auch verdammt viele nischen, in denen es sich prima aushalten lässt. eine art metropolitanes slow life, das sehr erfrischend ist, wenn man aus amsterdam kommt.

    Darüber hinaus sind in den niederlanden natürlich sehr viele sozen, linke, grüne vor 30 jahren bei den besetzungen dabeigewesen und danach in die institutionen gegangen. die heutigen städtischen institutionen sind durchsetzt mit leuten mit bewegungshintergrund. 1980 zählte NL 40.000 hausbesetzer/innen und Amsterdam allein 20.000. heute sind es ca. 2000 in ganz NL. die hausbesetzung ist natürlich auch hier stark kulturalisiert; wenn heute punkrock besetzungen stattfinden, dann nerven die meist die nachbarn…

    Ich hab das u.a. hier noch ein bisschen weiter ausgeführt:
    http://www.2010lab.tv/blog/kreativitaet-als-letzte-ware
    http://www.2010lab.tv/blog/kreativitaet-als-letzte-ware-teil-2

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  • #12
    tino

    einen link will ich hier noch platziert wissen: Das Kreativitätsskript von Jamie Peck (Wirtschaftsgeograph aus Vancouver, Florida Kritiker & Erzähler meines Films)

    Hier schreibt er (übersetzt auf dt.):
    http://www.eurozine.com/articles/2008-11-19-peck-de.html
    „Kreativität ist der letzte Schrei. Wenn es um Stadtentwicklung geht, erfreut sich ein Skript wachsender Beliebtheit, das besagt, eine Epoche machende Creative Economy – ebenso cool wie leistungsfähig, beseelt von menschlichem Talent pur – sei dabei, einen verknöcherten, in Bürokratie erstarrten Kapitalismus abzulösen … Städte müssten „die neue Klasse der Kreativen durch hippe Viertel, eine Kunstszene und eine schwulenfreundliche Atmosphäre anziehen – oder sie gehen den Weg Detroits“

    …oder eben Duisburg, Dortmund (fängt auch alles mit D an:)

    Richard Florida im Interview:
    http://www.salon.com/2002/06/06/florida_22/

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  • #14
    Arnold Voß

    @ DH

    „Nur soviel: das charmante Gewusel umtriebiger Raumpioniere hätte auch RUHR.2010 samt sämtlicher Unterabteilungen gerne gesehen, nur waren sie nicht bereit und konzeptionell nicht in der Lage, die damit notwendigerweise verbundenen Konflikte und Unwägbarkeiten mitzugehen.“

    Das eine geht aber nicht ohne das andere, Dirk, und die zentrale Frage ist doch, wieso sie nicht bereit waren. Für die Konzeption hätten sie schon Leute gefunden, wenn sie sie gesucht bzw. machen lassen hätten. Sogar aus dem Ruhrgebiet selbst.

    Es geht auch nicht(mehr) um die sogenannten Betonköpfe, sondern es geht um eine strukturelle Ängstlichkeit vor nicht steuerbaren Prozesse. Leute die nicht steuerbar sind, deren Energie nicht in Events kanalisiert bzw. darauf begrenzt werden können, werden im Ruhrgebiet nicht sonderlich gemocht. Auch nicht von den Teilen der Eliten, von denen du behauptest, dass sie eine Sehnsucht nach unorthodoxen Raumpraktiken hätten.

    Könntest du da übrigens mal ein paar Namen nennen?

  • #15
    Arnold Voß

    @ Und noch etwas für alle Richard Florida Fans

    http://prospect.org/article/ruse-creative-class-0

  • #16
    Arnold Voss

    @ Tino

    Danke für deine Links. Besonders der Aufsatz von Jamie Peck ist lesenswert. Aber er zeigt nach einer überzeugenden Kritik an Richard Floridas Konzept und Tätigkeit keine Alternativen auf.

    Die Konkurrenz zwischen den Regionen und Städten ist ja keine Schimäre sondern Realität. Natürlich wird sie von den neoliberalen Apologeten und ihren Strategen gerne als Druckmittel übertrieben. Aber für viele Städte sind die sogenannten Kreativen der letzte Strohhalm an dem sie sich bzw. die dort Verantwortlichen festhalten.

    Es ist auch nicht so, dass die Förderung der sogenannten Kreativen Klasse überhaupt keine Erfolge zeitigt. Was Detroit betrifft, so gibt es mittlerweile wirklich Kreative aus New York die dort hingehen. Klar, weil in New York die Gentrifizierung so gnadenlos und schnell verläuft, dass die Leute keine andere Wahl haben als weg zu gehen. Siehe meine ausführliche Beschreibung für den Stadtteil Williamsburg :

    http://www.ruhrbarone.de/gentrification-in-new-york-city-die-williamsburgh-story/

    Aber sie könnten in den USA auch woanders hingehen.

    Es ist auch nicht verwunderlich dass es schon länger eine diesbezügliche Kooperation/kommunikation zwischen Detroit und Berlin gibt. Denn nach Berlin gehen die New York Vertriebenen auch sehr gerne. Siehe :

    http://reboot.fm/2011/05/20/sparkfm-12-detroit-communities/

    Es gibt eine weltweite und hochmobile kreative Szene die sich im Austausch befindet und es gibt Städte die diesbezüglich neu auf der Landkarte erscheinen und dazu gehört nicht nur Berlin sondern z.B. auch Detroit. Und auch dort werden von den Aktivisten nicht nur affirmative sondern kritischen Diskussion geführt. Siehe aus Detroit:

    http://www.rethinkdetroit.org/2011/01/06/detroit-do-it-yourself-city/

    Das Ruhrgebiet ist allerdings bislang nirgendswo auf der Landkarte und daran hat auch die Kulturhauptstadt und LAB2010 nichts geändert.Die beiden Fragen die diesbezüglich im Ruhrgebiet gestellt und diskutiert werden sollten wären für mich:

    Kann das Ruhrgebiet je auf diese Landkarte kommen und vor allem, muss es das überhaupt?

    Ach ja, danke für dein Engagement überhaupt, Tino.

  • #17
    tino

    danke arnold, meine letzten informationen vom us sozialforum in detroit 2011 waren da noch sehr viel pessimistischer, was den leerstand in der innenstadt angeht. das kann aber auch amerikanisch verfärbt sein und in der innenstadt passiert es einfach nicht, sondern woanders. ich weiss aber auch, dass der detroit underground (detroit techno) seit den 1980ern für furore sorgt (und sich berlin davon eine gute scheibe abgeschnitten hat). letztlich ist ist es nicht schwer vorzustellen, dass in detroit was passiert.

    ich habe gerade erstmals diesen beitrag hier http://www.ruhrbarone.de/gentrifidingsbums-ich-moechte-den-gorny-ja-lieben-aber-ich-schaff-es-einfach-nicht/comment-page-1/#comments gelesen und bin grad bedient, was die online diskussion angeht.

    ich habe bisher noch nicht in dortmund gespielt und würde mich freuen, meinen film vllt mit den hier vertretenen diskutanten + publikum demnächst in einem dortmunder lichtspiel zu diskutieren.

  • #18
    Arnold Voß

    Ich hoffe, dass das klappt, Tino. Vielleicht können wir uns bei der Gelegenheit auch mal von Angesicht zu Angesicht unterhalten.

    Ansonsten wird hier bei den Ruhrbaronen schon länger und sehr ausführlich zu diesem Stadtentwicklungskonzept diskutiert. Eigentlich schon seitdem das Thema Kreativwirtschaft in Ruhr2010 eingegangen ist. Ist hier halt anders als im LAB2010. Da antwortet dir so gut wie keiner. Es sei denn er wird dafür bezahlt.

  • #19
    DH

    Arnold, dieses ewige Labbaronegerangel ist schon lange nicht mehr lustig. Nimm einfach zur Kenntnis, dass die Autoren dort z.T. ziemlich gute Arbeit machen – auch wenn das Lab nach wie vor ein schwarzes Brett (und kein lauter Stammtisch) ist.

    Tino, Deinen Film würde ich gerne sehen, diskutieren. Und zwar in situ, im Auge des (noch arg lauen) Hurricans: Zeig’ den Film im RWE Forum / Kino im U, im Erdgeschoss des Dortmunder U. ECCE soll Dir den Raum buchen, alle Kosten übernehmen. Und gerne einen Bericht drehen über die anschließende Diskussion. Das Budget ist ja da.

  • #20
    Arnold Voß

    @ DH # 19

    Ich weiß, dass dich das ärgert, Dirk. Nichtsdestotrotz entspricht es der Wahrheit, denn auch ein gut gemachtes schwarzes Brett ist ein schwarzes Brett, und wir hier, dich als Kommentator eingeschlossen, befinden uns in der Regel eben nicht auf Stammtischniveau. Selbst dann, wenn wir manchmal etwas lauter werden.

    Deinen Vorschlag zu Tinos Film finde ich übrigens klasse.

  • #21
    tino

    @ Dirk + Arnold

    danke für den tip, ich will mal gucken, welche Ressourcen ich für eine solche Organisation aufbringen kann. Eigentlich hab ich keine Kapazitäten frei und lasse mich maximal einladen. Vielleicht mögt ihr mir trotzdem außerhalb des Forums schreiben, damit ich eure emails habe und wir die Optionen besprechen können…

    ccc (ät) creativecapitalistcity.org

  • #22
  • Pingback: Filmvorführung von “Creativity and the capitalist city” - Aponaut

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