Vom Citoyen zum „Unternehmensbürger“

Über den Menschen als „soziales Kapital“ und „die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“ (Corporate Social Responsibility;CSR)

Vor der Lektüre der vollständigen Rede Josef Ackermanns (siehe Link) oder auch nur der hier unten zitierten Textstellen empfehle ich dringend, zunächst meinen Ruhrbarone-Beitrag „Mich mangeln die Wörter“ (2) – Heute: „Werte demonstrieren“ vom 7. März 2011 zu lesen.

Doch nun endlich alle Bühnen frei, Vorhang auf für Josef Ackermann auch in Bochum.
Mr. Steckel, tear down your wall!
Begrüßen Sie herzlich Dr. rer.oec. Ackermann (Dissertation: „Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen“ ), European Banker of the Year 2009, Josef Ackermann, den Klavierliebhaber, Sänger, Mäzen, Freund der Künste, Geistesriesen, Sprachmagier, „Nathan der Weise“ des globalen Finanzkapitals, Freiheitskämpfer für re-regulierte Märkte,  den begnadeten Elite-Darsteller, Meister ökonomischen Regietheaters, den Mann, der sich niemals zu fein ist, auch einmal einzuspringen als grandioser Kulissenschieber oder Souffleur großen politischen Schauspiels, when the show must go on.

Die Kunst braucht Menschen wie Dr. Josef Ackermann. Es lebe die Gunst! Verzeihung: Es lebe die Kunst! Natürlich.
Lassen Sie mich hier in Bochum unserem hoch verehrten Herrn Dr. Ackermann nur kurz  das folgende Gedicht widmen. Ich danke Ihnen:

Schlaft ruhig, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid traulich gegen ihre Macht,
die sie – nur euch zu dienen – erworben haben!
Wacht darüber, daß eure Herzen randvoll sind,
wenn mit der Überfülle eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Nützliche, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund erwartet!
Seid nicht zu unbequem, seid Öl, seid Öl, nicht der Sand im Getriebe der Welt!

Herr Dr. Ackermann, Sie haben das Wort.

“Der Stellenwert von Corporate Social Responsibility (CSR) in der Deutschen Bank
Dr. Josef Ackermann
Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee
Deutsche Bank AG
(…)
– Es gilt das gesprochene Wort –„

Zitiert nach:
http://www.deutsche-bank.de/medien/en/downloads/CSR_PK_Rede_JA_final_version.pdf :

„(…)
Als unsere wichtigste soziale Verantwortung betrachten wir es (…), international wettbewerbsfähig zu sein, Gewinne zu erwirtschaften und als Unternehmen zu wachsen. Nur so können wir dauerhaft Wert schaffen für unsere Aktionäre, Kunden, Mitarbeiter und für die Gesellschaft insgesamt – als Anbieter attraktiver Produkte und Dienstleistungen, als Arbeitgeber, als Steuerzahler und auch als Mäzen.“
(…)
„Unsere zweite Priorität als guter Unternehmensbürger sehen wir darin, negative gesellschaftliche Externalitäten in unserem Tun zu vermeiden oder anders ausgedrückt: Unser Geld auf sozial und ökologisch möglichst verantwortungsbewusste Weise zu verdienen. Die gesellschaftlichen Folgen unseres Handelns dürfen uns nicht egal sein. Unternehmen und Manager – zumal in der Finanzbranche – sind auf Vertrauen angewiesen. Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg ist ohne Vertrauen nicht denkbar. Vertrauen beruht auf Glaubwürdigkeit. Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf und die Glaubwürdigkeit der Deutschen Bank auf Spiel zu setzen.“
(…)
„CSR ist für uns weder Opfer noch Alibi, weder Ablasshandel noch Reparaturauftrag. Wir geben der Gesellschaft hier nicht etwas zurück, wir achten vielmehr darauf, dass wir ihr nichts nehmen. Wir betreiben hier nicht Wohltätigkeit mit dem Geld unserer Aktionäre, sondern tätigen sinnvolle Investitionen in unsere eigene Zukunft – und zugleich in die der Gesellschaften, in denen wir operieren.
(…)
„Mit unserem Kunstengagement wollen wir Kreativität entwickeln, als Quelle von Innovation, Wachstum und Mehrwert.“
(…)
„Meine Damen und Herren, am glaubwürdigsten ist Engagement, wenn es ganz persönlich ist. Der ehrenamtlichen „Leistung aus Leidenschaft“ unserer Mitarbeiter kommt daher für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu. Ihr persönliches Engagement hat sich im vergangenen Jahr gegenüber 2006 schon mehr als verdoppelt. Im Rahmen unseres Corporate Volunteering Programms investierten sie weltweit fast 20 000 Tage in gemeinnützige Projekte.“
(…)
„Lassen Sie mich zusammenfassen: Die Deutsche Bank versteht CSR als Investition in ihre eigene und in die Zukunft der Gesellschaft. Ziel all unseres Handelns als verantwortungsbewusster Unternehmensbürger ist es, soziales Kapital zu schaffen. Soziales Kapital, mit dessen Hilfe auch privates Kapital gedeihen kann.“

(Anhaltender Beifall)

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14 Kommentare

  1. #1 | Werner Jurga sagt am 28. Juli 2011 um 23:41 Uhr

    Das hat er aber schön gesagt, der Herr Dr. Ackermann! Wunderschön.

  2. #2 | BlaBlaMeter sagt am 29. Juli 2011 um 09:52 Uhr

    „BlaBlaMeter – Gehaltlosen Texten auf der Spur

    Eine Software untersucht Texte systematisch nach heißer Luft, Gehalt und Aussagekraft. „Ich ärgere mich über die aufgeblasenen Sprüche und das Worthülsengeflecht“, sagt der Entwickler Bernd Wurm (…)“

    der Tagesspiegel, 25.07.2011, Andreas Maisch: https://www.tagesspiegel.de/medien/gehaltlosen-texten-auf-der-spur/4419286.html

    (kann mal jemand Ackermann durch das BlaBlaMeter schicken, um festzustellen, wie hoch Ackermann „Bullshit“-Faktor ist?)

  3. #3 | Arnold Voss sagt am 29. Juli 2011 um 10:29 Uhr

    Dazu braucht man kein Blablameter. Man kann Ackermanns Ausführungen in einem Satz zusammenfassen: Gemeinnutz ist wenn es mir selber nutzt. Mit einem Wort: GemEigenNutz. Als Eigenschaftswort: gemeigennützig.

  4. #4 | Helmut Junge sagt am 29. Juli 2011 um 10:40 Uhr

    @Werner,
    mag sein, dass das schön klingt,
    aber es zeigt doch in erster Linie betriebwirtschaftliches Denken.
    Ackermann suggeriert, dass, wenn er gute Arbeit macht, also Gewinne für die Deutsche Bank herauswirtschaftet, dass dies auch gut für die gesamte Gesellschaft sein würde.
    Klar, um diese Gewinne zu erzielen, benötigen Banker sicher genau die Eigenschaften, die er aufzählt.
    Ackermann wird vermutlich sogar glauben, was er sagt, aber sein Denken ist eben nicht wirklich auf das wohl des Gesamten hin orientiert, sondern an den Interessen seiner Deutschen Bank ausgerichtet.
    Mit der uralten Idee, Eigenutz als Allgemeinnutz zu erklären, bekommt er immer Applaus, sofern er das richtige Publikum vorfindet.
    Aber wir erleben zur Zeit doch gewaltige Finanzaktivitäten auf den Weltmärkten, die ganze Staaten in den Bankrott treiben.
    Da mischt doch auch die Deutsche Bank mit.
    Die Regeln, von denen Ackermann spricht, werden aber sicher präzise eingehalten.
    Aber Altruismus ist ja auch nicht mit genannt worden, widerspricht auch jedem betriebswirtschaftlichem Konzept.
    Deshalb halten die sich bei der Griechenlandhilfe auch reichlich vornehm zurück.

  5. #6 | Gerd Herholz sagt am 29. Juli 2011 um 13:25 Uhr

    … ha! Auch mal Gedichterätsel und nicht nur schöne Bilderrätsel. Ist aber wirklich einfach. Welches Gedicht (Gedichtende) habe ich im Text parodiert? Na?

  6. #7 | Gerd Herholz sagt am 29. Juli 2011 um 13:30 Uhr

    #3 Arnold: Schön. Also ein Sprach-Bastard aus ziemlich „gemein“ und sehr „eigennützig“!? Steht ja schon im Grundgesetz, Art. 14 (2) : Eigentum verpflichtet. Zu nichts.

  7. #8 | Helmut Junge sagt am 29. Juli 2011 um 13:33 Uhr

    @Gerd
    Günter Eich

  8. #9 | lebowski sagt am 29. Juli 2011 um 13:48 Uhr

    Schau an, die alte Dame Ackermann kommt zu Besuch.

  9. #10 | Gerd Herholz sagt am 29. Juli 2011 um 13:58 Uhr

    #8 Helmut: Gelöst! Beim nächsten Mal wird’s echt schwieriger. Versprochen.

  10. #11 | Gerd Herholz sagt am 29. Juli 2011 um 14:08 Uhr

    #9 Lebowski: Der Verweis auf Dürenmatts „Der Besuch der alten Dame“ ist wirklich gut. Man muss sich noch einmal seine Eingangsszene ff. durchlesen.
    Wie da jeder vor dem Geld seinen Kotau macht. Dann muss man Claire Z. in Güllen nur durch ‚Sponsor in XY-RuhrStadt‘ ersetzen. Wenn der Sponsor kommt, werden alle zu Mitläufern des großen Geldes – und dann zu Mittätern.

    Um Gegengift zu verabreichen, greife ich auch noch einmal in die Zitatenkiste:

    Baruch D’Espinoza: „Ich will nie an Projekten arbeiten, die nur deshalb für einige nützlich sind, weil sie anderen schaden.“

    Günther Anders: „Keine Arbeiten anzunehmen und durchzuführen, ohne diese davor darauf geprüft zu haben, ob sie direkte oder indirekte Vernichtungsarbeit darstellen. Die Arbeiten, an denen wir gerade teilnehmen, aufzugeben, wenn diese sich als solche direkten oder indirekten Vernichtungsarbeiten erweisen sollten.“

    (Zitiert nach Robert Menasse: Permanente Revolution der Begriffe. S. 23)

    O.k., rigoros, hart durchzuhalten, aber doch eine Mahnung, auch für einen selbst.

  11. #12 | Helmut Junge sagt am 29. Juli 2011 um 14:58 Uhr

    @Gerd,
    gibt es gut lesbare zeitgenössische Literatur (Romane), die sich mit dem modernen globalen Bankenwesen und seinen Repräsentanten, und seinen Tricks beschäftigt?
    Arnold hat gestern in einem Kommentar seine Einschätzung sehr prosaisch formuliert.
    https://www.ruhrbarone.de/ackermann-stoiber-und-ein-pr-unternehmen/comment-page-1/#comment-94736

    Ich war dann der Meinung, daß es mit Sicherheit dazu Literatur geben müsse.

    https://www.ruhrbarone.de/ackermann-stoiber-und-ein-pr-unternehmen/comment-page-1/#comment-94741

    Da hatte ich schon an Dich als Experten gedacht.

  12. #13 | Gerd Herholz sagt am 29. Juli 2011 um 19:22 Uhr

    #12 Helmut, Dein Vertrauen ehrt, aber als jemand, der auch immer mit der Konzeption/Organisation von Literaturveranstaltungen i.w.S. zu tun hat, ist es mühsam genug noch einen Rest von Belesenheit und halbwissenschaftlich/literaturkritischem Niveau zu retten. Keine falsche Bescheidenheit, ist so.

    Schnell und nachdrücklich empfehlen kann ich aber den Klassiker zur Figur des Bankers und/oder Spekulanten. Sherman McCoy heißt er in Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Wolfe ist ja (Mit-)Begründer des New Journalism, war Reporter (auch in Wall Street).

    Sehr gut in Deutschland auch Ernst-Wilhelm Händlers „Wenn wir sterben“. Googel mal zu Händler. Er war selbst Geschäftsführer in einem Familienbetrieb. Kann also innere Widersprüche viel besser erfassen als die Schablonen-Schreiber sogenannter Wirtschaftskrimis mit den immergleichen Plots. Und geht natürlich über jede Wallraff-Attitüde des bloßen „Ihr da oben – wir hier unten“ meilenweit hinaus. Sprachlich sowieso.

    Literarisch nicht so ausgereift, aber guten Einblick in Realität & Mentalität des Mittelstands (auch unter Banken-Druck) gibt Burkhard Spinnens „Der schwarze Grat“. Spinnen hat viele Gespräche mit einem Mittelständler geführt, gegenrecherchiert und dann geschrieben. Solche nicht-papierenen Unternehmer-Figuren wie bei Spinnen sind selten.

    Auf dem Theater findest Du Wirtschafts- und Finanzkrise z.B. bei Elfriede Jelinek, „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Besonders Banker, ihr Wahn & ihr Scheitern, werden aber auch vorgeführt in einem schon älteren Stück „Top Dogs“ von Urs Widmer.

    https://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200905
    Hier findest Du Hinweise zu Thomas Mann (Buddenbrooks!), Wilhelm Genazino und Alexander Kluge.

    https://www.transcript-verlag.de/ts1060/ts1060.php
    Hier findest Du Hinweise zu „Ökonomie im Theater der Gegenwart“.

    Und das Komische ist, dass Du mit Deinem Denken an mich so falsch nicht lagst. Meine 1. phil. Staatsarbeit handelte von „Ökonomie und Moral im Werk G.E. Lessings“, da habe ich zu „Minna von Barnhelm“ und „Nathan der Weise“ gearbeitet.
    Schon Nathan konnte dem (aufgeschlossenen) Sultan Saladin, pleite wie der war, Toleranz nur predigen, weil er mit der Fürstenerziehung auch gleich der Kriegskasse Saladins aus der Patsche half. Da arbeitet – im Gewand des historisierenden Dramas – der aufgeklärte, für damalige Verhältnisse welt-handelnde Bürger (Nathan) an der Versöhnung mit dem aufgeklärten Herrscher (Saladin). Aber sowohl die Herrschaftspraxis Saladins als auch die Handelspraxis Nathans bleiben ausgeblendet. Beide können sich als gute und tolerante Menschen gegenübertreten, weil die Niederungen des Gelderwerbs und der Machtsicherung nur ganz am Rande thematisiert werden.

  13. #14 | Helmut Junge sagt am 29. Juli 2011 um 21:19 Uhr

    @Gerd Herholz,
    Gerd,
    Danke, daß Du Dir die Mühe gemacht hast.
    Ich werde die Tipps mal antesten, ob sie mich ansprechen.
    Weißt Du, ich selbst bin kein großer Leser von Belletristik, aber ich habe neue Bekannte, die sind ganz versessen auf diese Sorte Literatur.
    Und mit denen machen wir gelegentlich Lesungen.
    Jeder muß den anderen etwas vorlesen.
    Und dafür muß ich, der ich gar keine Ahnung hab, mich etwas vorbereiten.
    Meine Frau, als gelernte Buchhändlerin, ist da besser dran.

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