4

Wählt doch was ihr wollt – oder lasst es.

Einhörner sind immer die Anderen. (Foto: Piratenpartei Deutschland/ Flickr/ cc by 2.0)

Die Oberlehrer und Volkserzieher lesen vor jeder Wahl, wohl vermehrt in Deutschland, dem Land der Oberlehrer und Volkserzieher, den Bürgerinnen und Bürger die Leviten. Sie wissen nicht nur, wieso der Bürger zu dumm ist, selbst zu entscheiden, was er wie wählen will, sondern auch, dass mit den Leviten in der benannten Phrase nicht ein Volksstamm, sondern das Buch Levitikus, das 3. Buch Mose, gemeint ist. Während letzteres Faktenwissen ja noch auf einem langweiligen Soziologen- oder Politologenabend „Pepp“ (oder wie auch immer man dies nennen darf) bringen würde, ist ersteres anmaßend und nervig.

Die Orte der Mahn- und Strafpredigten waren bisher und traditionell Medien, insbesondere solche, mit einem feingeistigen bis menschheitsrettenden, vulgo: linken, Anspruch, oder Selbstverortung. In Zeiten der Sozialen Medien potenziert sich dies maximal. Belehrende Artikel werden nicht nur geteilt, sondern durch eine Myriade (und das ist echt viel) von Facebookpostenden und Twitterzwitschernden mit eigenen Kommentare versehen. Im Fokus des Belehrens stehen dabei derzeit drei Thesen: a) AfD wählen, ist genauso wie NSDAP wählen vor 1933, b) Nicht wählen ist AfD wählen, c) die PARTEI wählen ist auch AfD wählen. Deswegen hat der aufrechte Demokrat dreierlei zu tun: er darf nicht AfD wählen, er muss wählen gehen, und er darf auch nicht die PARTEI wählen.

Gut, könnte man einwenden, wieso spricht da keiner von DER RECHTEN? Oder davon, dass NSDAP nach 1933 wählen auch nicht gut gewesen wäre? Davon, dass NSDAP-Vergleiche immer die Gefahr der Relativierung von Shoah und NS-Herrschaft mit sich bringen? Oder davon, dass erhöhte Wahlbeteiligungen in den letzten Jahren vor allem der AfD genutzt haben? Über all dies könnte man sprechen, doch darum soll es hier nicht gehen.

Es soll um die allgemeine Arroganz gehen, dem Bürger das Recht absprechen zu wollen, oder ihn zumindest mit moralischem Druck zu bedenken, nicht das zu wählen – oder eben auch nicht, was er wählen will – so er denn überhaupt wählen will. Wähler sind nicht dumm. Und auch nicht dümmer, im Mittel, als der Autor dieser Zeilen, oder irgendein Autor irgendeines Medium, geschweige denn irgendein Oberlehrer. Viele Wähler sind derzeit nur ehrlicher: sie wissen, dass wenn sie eine demokratiebejahende Partei wählen, die realistisch über 5% kommt, sie aller Voraussicht nach Angela Merkel ein weiteres Mal als Kanzlerin erhalten werden – eben so wird es sich wohl am Sonntag mit Blick auf CDU/CSU, SPD, FDP und GRÜNE verhalten.

Was macht man also, wenn man Merkel nun so gar nicht will: man wählt eine Partei, in der es einen rechtsradikalen Flügel gibt, die AfD, oder man wählt eine Partei, die derzeit ihre Spitzenkandidaten stolz mit schwarz-rot-gold bebildert und Zusammenarbeit mit der AfD nicht ausschließen mag, die LINKE. Man könnte stattdessen aber auch gar nicht wählen gehen. Und genau das sieht das deutsche Wahlrecht explizit vor. Wir sind nicht Belgien, mit seiner Wahlpflicht, und ich habe nie verstanden, was gut daran sein soll, wenn man Menschen dadurch zur Wahl bringt, dass man ihnen ersatzweise Geldstrafen anbietet.

Andere Menschen, die Merkel nicht wollen sagen sich dann: ach komm, dann wähle ich halt eine der kleinen Parteien, die, wie bei jeder Bundestagswahl zuhauf, antreten. Sie tun dies entweder aus Überzeugung, oder weil sie glauben, dadurch zumindest nichts zu wählen, was sie nicht wollen. Nun kommen aber die Oberlehrer mit ihren drei Thesen.

Die AfD-Wähler interessieren die Oberlehrer und Volkserzieher nicht in ihrem Wahlverhalten, und wenn, dann nur anders herum: sie fühlen sich in ihrem Weltbild bestätigt, in dem eine (Pseudo)Elite ihnen sagen will, was gut ist und was nicht, und für sie nichts Anderes als Verachtung übrig hat.

Dass Nichtwähler sich durch die belehrende Ansprache motivieren lassen würden, wählen, und dann auch noch demokratisch wählen zu gehen, stuft den Nichtwähler zu einem gedankenverlorenen Wesen herab, der einfach nur verpaßt hat, dass die Bundestagswahl ansteht: „Was? Bundestagswahl? Das war dieses Jahr? Cool, dass die FAZ mich daran erinnert hat, die ich ja regelmäßig in meine sonst politikfreie Facebook-Chronik gespült bekomme.“ So mag man sich gerne den Nichtwähler vorstellen. Aber dass er wirklich so ist, daran glaubt wohl ausserhalb gewisser Filterblasen niemand. Nichtwählen ist eine legitime Entscheidung. Sie muss nicht begründet werden, so wie keine Wahlentscheidung begründet werden muss. Jeder Bürger ist frei darin, nicht wählen zu gehen. Es ist sein Recht. Wieso sollte man ihm dies absprechen, oder davon ausgehen, dass er (immer noch) nicht verstanden hat, was er da tut?

Bleibt die Sache mit den kleinen Parteien, und aktuell mit der PARTEI, die gerne als Sau durchs Dorf getrieben wird. Übermächtig der Eindruck, dass es da um nichts anderes geht, als sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Halten wir fest: wir sprechen hier über Wähler, die keine andere Partei in den letzten Jahren hat für sich gewinnen, oder auch nur für die Wahl an sich binden, können. Alle anderen Parteien haben also den Wettbewerb um diese Wähler verkackt, oder positiv gesprochen, die PARTEI hat den Wettbewerb um diese Wähler gewonnen, oder eine Mischung, oder eine Kausalabfolge, gleich in welche Richtung, oder eine Korrelation, oder was auch immer. Von diesen Wählern, oder den Wählern der Urbanen, oder der Partei der Humanisten, oder oder oder, nun zu erwarten, dass sie gefälligst eine Partei wählen sollten, die wahrscheinlich in den Bundestag einzieht, und von denen wiederum zumindest nicht die AfD, ist an Anmaßung schwerlich zu überbieten. Denkt man länger darüber nach, dann ist es eigentlich ein Wahlaufruf für die LINKE, zumindest für all jene Wähler, die sicher keine Machtoption von Angela Merkel unterstützen wollen.

Und weil ich nicht will, dass dieser Artikel zum Ende hin kippt, durch eine indirekten Wahlempfehlung meinerseits, sage ich: Wählt doch was ihr wollt – oder lasst es.

RuhrBarone-Logo

4 Kommentare zu “Wählt doch was ihr wollt – oder lasst es.

  • #1
    Walter Stach

    Der letzte Satz hätte für eine Meinungsäußerung per Kommentar gereicht:
    "Wählt doch was ihr wollt -oder lasst es".
    Und so werden sich -wie sollte es anders sein- die "Wahlbürger" am Sonntag verhalten.

    Dass die Parteien, dass Journalisten, dass Politik- (und andere)Wissenschaftlern, dass sog. Prominente pp. im jeweils eigenen Interesse mehr oder weniger lautstark versuchen, das Wahlverhalten zu beeinflusssen, gehört in jeder Demokratie, gehört in einer Parteiendemokratie, gehört in einer Mediendemokratie, gehört in einer "Event-"Demokratie dazu. Ebenso dazu gehört die massive Kritik an Form und Inhalt dieses Wahlspektakels.

    "Oberlehrer"/Volkserzieher"? Alle diese Akteure? Man kann sie so benennen. Ich meine, diese Begrifflichkeiten "gehen hier fehl".

  • #2
    thomas weigle

    In den totalitären Staaten roter und brauner Coleur von 1917 an bis heute, legten es die Machthaber bei ihren Scheinwahlen immer auf eine möglichst hohe Wahlbeteiligung an, am liebsten wäre ihnen 100 plus X gewesen. In der DDR wurden diejenigen, die bis Mittag nicht im "Wahllokal" erschienen waren, gerne zum "Wählen" abgeholt oder von der "fliegenden Wahlurne" heimgesucht.
    Nun man in Erinnerung daran sagen, dass eine möglichst geringe Wahlbeteiligung ein Ausweis besonderer demokratischer Stabilität und Reife ist….
    Auf der anderen Seite ist es so, dass jede Stimme, die nicht den Armleuchtern f.D. gegeben wird, zwar nicht deren absolute Stimmenzahl vermindert, aber deren Prozentanteil. ALSO GEHT WÄHLEN!!!

  • #3
    Walter Stach

    "Also geht wählen"

    Thomas Weigle, das meine ich auch und habe das u.a. hier bei den Ruhrbaronen mehrfach bekundet, u.a. mit dem Hinweis darauf, daß jeder Nichtwähler dazu beitragen kann, daß die AFD prozentual noch besser abschneiden könnte als ohnehin zu befürchten. Und allein das sollte der Nicht-AFD Wähler durch seine Wahl zu verhindern versuchen.
    Und da mag dann eben auch, wie hier bereits mehrfach problematisiert und diskutiert, die Einsicht helfen, daß man sich für das aus jeweiliger Sicht kleinste Übel unter den Parteien jenseits der AFD entscheidet, die für mich nach wie vor nicht nur ein Übel ist, sondern eine große Gefahr für alle Menschen , die weiterhin in einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft leben wollen, die diese auch für ihre Kinder und Kindeskindern zu erhalten gedenken und in diesem Geiste offen sind und offen bleiben wollen gegenüber allem Fremden und gegenüber jedem Fremden -und damit meine ich primär nicht das Fremde und die Fremden "aus dem Ausland".

    Aber….
    Was ich jetzt abschließend angemerkt habe, mag "man" oberlehrerhaft bezeichnen oder in der Kategorie "Volkserziehung" verbuchen. Es ist aber nicht mehr und nicht weniger als meine politische Meinung, um deren Freiheit ich besorgt bin, wenn ich daran denke, daß es irgendwann ‚mal der völkischen – rassistischen-nationalistischen und mit faschistoidem Gedankengut in den " Führungs -zirkeln" durchsetzten Gesinnungsgenossenschaft AFD gelingen könnte, politische Macht in Deutschland zu erlangen -allein oder in Koalitionen mit …….?????

  • #4
    Sebastian Bartoschek Beitragsautor

    Lieber Walter: ich habe deinen doppelten Kommentar sowie den Hinweis auf denselben gelöscht. Ich denke mal das ist ok 🙂 Brauchst du nicht kommentieren, wenn du es OK findest 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.