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Was passiert, wenn nichts passiert?

Am Mittwoch, den 13.10 hat die AG Kritische Kulturhauptstadt zu einer Art Vorab-Bilanz der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 geladen. Von unserem Gastautor Tino Buchholz

Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben“ hieß es und wurde so die Vermarktung und die Selektivität des offiziellen Programms kritisiert und außerplanmäßige Veranstaltungen wie der Euromayday Ruhr oder die Hausbesetzungen in Essen / und Dortmund besonders hervorgehoben. Unter den Anwesenden waren Vertreter lokaler Initiativen, Zentren und städtischer Bewegungen, wie das AZ Mülheim, SZ Bochum, UZ Dortmund und andere.

Am Anfang stand eine Diskussion um das Papier der Veranstalter „Metropolenträume in der Provinz“ welche die Metropolendiskussion im Ruhrgebiet als Marketingkampagne identifiziert, die aber letztlich am Kirchturmdenken widerstreitender lokaler Fürsten scheitert. Das Potential für urbane Veränderung und emanzipatorische Formen der Aneignung dieses Ballungsraums spielen in dem Papier der AG keine ernstzunehmende Rolle.

Der Metropolbegriff ist sicherlich überladen mit außergewöhnlichen Standortfaktoren der Produktivität, Geschichte, Architektur, Tourismus, Kreativität und allerlei ästhetischen Idealen (nicht nur) europäischer Urbanität. Der Metropolbegriff krankt – nicht nur im Ruhrgebiet – vor allem an zwei Merkmalen: an der Idee universeller Konsumierbarkeit (touristisch sowie alltäglich) und an fehlendem commitment (Bekenntnis, Hingabe, Initiative) von Menschen vor Ort, den Begriff inhaltlich anders zu besetzen.

Wenn man den Metropolbegriff ganz nüchtern als Agglomeration von Menschen im Raum nimmt, trifft das für das Ruhrgebiet (5,5 Mio.) so erstmal zu. Was bei Kritikern hier aber sofort mitschwingt, sind die dominanten Bilder etablierter global cities – London, Paris, Berlin – die mit herrschaftlichen Altbauten und prestigeträchtigen Neubauten aus Stahl und Glas die öffentliche Meinung und den Raum dominieren.

Keinen Eintritt zahlt hier keiner mehr. Was die Kritiker dabei zu vergessen scheinen, ist, dass diese Bilder von ebensolchen Marketingstrategen platziert werden, denen sie die Kulturhauptstadt Europas nicht abnehmen wollen. Der Fetisch und Konsumcharakter westlicher Stadtideale zeugt nicht nur von einem ausgeprägten Eurozentrismus, sondern läuft Gefahr, tatsächlich provinziell zu wirken. Der neue Provinzialismus bzw. die neue Engstirnigkeit besteht dann darin, dass global cities einem Schema folgen und letztlich alle Metropolen gleich aussehen. Klar ist der Ruhrpott Metropole, aber was für eine?

Der Stadtentwicklungsdiskurs im Ruhrgebiet mutiert schnell zu einer verkürzten Abhandlung scheinbar naturgegebener unternehmerischer Stadtentwicklung (inkl. Betriebsräte:), wo die arbeitende Bevölkerung außen vor ist und die Verantwortung stets nach oben delegiert wird. Das neue Selbstbewusstsein der noch jungen Recht auf Stadt Bewegung das Recht auf Differenz, Mitbestimmung, Raumaneignung (vor allem in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Dortmund), demokratische Stadtentwicklung in die eigenen Hände zu nehmen, scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben.

Linke Kritik an der Festivalisierung von Stadtpolitik scheint noch immer damit beschäftigt, die Regierbarkeit zu problematisieren/ delegieren, anstatt die Möglichkeiten der Streitkultur in einer Demokratie sowie die Eigeninitiative sozialer Bewegungen – des Protests und Widerstands – auszuschöpfen. Die Frage der Totalität des Kapitalismus und systematische Vereinnahmung steht freilich im Raum, sollte aber kein Totschlagargument gegen städtische Bewegungen sein

Die Vereinnahmung durch die ökonomische Verwertungslogik geht immer nur soweit, wie die Menschen dies passiv zulassen bzw. aktiv reproduzieren.

Das war in Paris, Berlin, Hamburg, Frankfurt der 1970er, 1980er Jahre auch nicht anders. Auch hier hat sich nur etwas bewegt, weil sich Menschen nicht mit ihrer Situation abgefunden haben, sondern neue schufen. Weil sie sich kollektiv organisierten und z.B. der eine Teil des Kollektivs für den anderen mitarbeitete, während diese demonstrierten, oder aber den Laden schlichtweg zumachten. Das commitment zu politischem Handeln im Alltag und vor allem auch zur Stadt, scheint gegenwärtig zu wenig ausgeprägt.

Zu weit fortgeschritten ist das links-liberale, konsumistische Bequemlichkeitsdenken, wo Dienst nach Vorschrift und kreativer Widerstand zusammen gedacht werden und wo sich nach getaner Arbeit, in der alternativen Revoluzzerkneipe gepflegt ausgekotzt wird – and back to work (and holiday… and work again).

Letztendlich ist das kein raumspezifisches Ruhrpott Phänomen, sondern ein Soziales, Ökonomisches, Politisches der (post)modernen Arbeitsgesellschaft, der kreativen Klasse, digitalen Boheme, der mobilen Wohlstandskinder dieser Zeit.

Die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hat das Thema Kreative Arbeit in die Arbeitermetropole eingeführt. Diese Kreativität nun selbstbestimmt zu praktizieren und nach allen Regeln der Kunst & Demokratie durch zu buchstabieren – d.h. die Definition von Arbeit sowie von Stadt neu zu denken – sollte lohnenswert sein. In was für einer Stadt wollen wir leben?

Was passiert, wenn nichts passiert?

Stadt ohne Geld ist das richtige Thema zur richtigen Zeit. Mit der viermonatigen Veranstaltungsreihe geht das Schauspiel Dortmund neue alte Wege – des politischen Theaters – das alltägliche Theater des Städtischen samt marktradikalen Pathos’ im globalen Standortwettbewerb zu dekonstruieren. „Hat schon mal jemand eine Immobilienblase platzen sehen“?

Das Leerstandsargument (Neunte Stadt) ist öffentlich platziert und so wird die Stadt ohne Geld zur Vision – und Geld Teil Problems. Wenn das Spektakel der Kulturhauptstadt am 31.12. endet, ist durchaus einiges an Kreativität und Bewegung in der Arbeitermetropole Ruhr angekommen. Inwiefern sich die städtischen Bewegungen verstetigen, liegt vor allem an ihrem commitment zu einer anderen Stadt, pottzigen Metropole Ruhrpott. Oder sie ziehen weg. Martialische Polizeieinsätze gegen Abweichungen von der Norm (wie am 13.08 in Dortmund // UZDO ) werden auch in Zukunft die Öffentlichkeit irritieren, städtische Interessenskonflikte kennzeichnen und bei gegebener Repression demokratische Legitimationsprobleme für die Stadtpolitik aufwerfen. Die Reihe „Stadt ohne Geld“ des Schauspiels Dortmund endet am 03.02. mit der Kapitulation, wobei noch unklar ist, wer am Ende kapituliert.

Tino Buchholz ist einer der Sprecher der UZDO-Initiative und Stadtsoziologe//University of Groningen ergänzen

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5 Kommentare zu “Was passiert, wenn nichts passiert?

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  • #2
    Arnold Voss

    „Klar ist der Ruhrpott Metropole, aber was für eine?“

    Tut mir leid, aber die beiden Satzteile schließen einander logisch aus. Ansonsten danke für diesen interessanten Beitrag.

  • #3
    Dirk Haas

    Keine Textkritik von mir an dieser Stelle; jedoch: zumindest den Versuch einer Antwort auf die formelhafte Frage „Was passiert, wenn nichts passiert?“ hätte ich schon gern gelesen.

    Übers Metropolendings ist hier schon ein Dutzend Mal debattiert worden. Dass nun neben der Kulturhauptstadt auch die Kritische Kulturhauptstadt den Metropolenbegriff fürs Ruhrgebiet retten will, ist reichlich kurios.

    Ich denke, das nahe Ende des Kulturhauptstadtjahres ist ein guter Zeitpunkt, überholte Begriffe wie „Metropole“ und „Provinz“ endgültig zu verabschieden. Reden wir lieber, wie in Grand Paris, von „ville intense“ und „ville légère“: Das passt besser zur Urbanografie des Ruhrgebiets und ist frei von traditionellen Stadtbildern.

    Off topic: Was ist eigentlich aus Jens Kobler geworden?

  • #4
    Arnold Voss

    Ich wünsche dem Ruhrgebiet nichts mehr als eine neue städtische Bewegung und einen neuen Diskurs über seine Zukunft, der unabhängig von den Notwendigkeiten der Festivalisierung und des (Stadt)Marketings verläuft.

    Das Theater in Dortmund ist damit allerdings überfordert, denn städtische Bewegungen finden nun mal nicht im Theater statt. Wenn überhaupt, sind sie selbst Real-Theater, dass seinen Ort jedoch auf der Straße hat.

    Das Subjekt dieses dringend notwendigen Dramatisierung der Wirklichkeit ist mir allerdings bislang nur schemenhaft klar und das gleiche gilt für seine konkreten Ziele für die Zukunft des Ruhrgebietes. Da möchte ich ins gleiche Horn Blasen wie Dirk.

    Im Moment scheint mir diese „Bewegung“ eher eine vereinzelter Prozess, angestrieben von versprengten und zugleich wenigen Kräften zu sein.

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