Wehrpflicht per Losverfahren – ein schlechter Witz in Uniform

Hindernisbahn der Bundeswehr (Foto: Peter Ansmann)
Bei der Bundeswehr. (Foto: Peter Ansmann)

Dass Deutschland angesichts der aktuellen Bedrohungslage seine Verteidigungsfähigkeit stärken muss, steht außer Frage. Die Welt ist unsicherer geworden, und die Bundeswehr hat über Jahre hinweg vor sich hinvegetiert – schlecht ausgestattet, unterfinanziert, strukturell überfordert. Dass hier etwas geschehen muss, ist keine Streitfrage.

Doch das, was die Bundesregierung nun als „Neuanfang“ verkauft, ist in Wahrheit ein halbgarer Rückschritt – und obendrein ein Affront gegen jedes moderne Verständnis von Gleichberechtigung.

Gleichberechtigung? Nur, wenn’s passt

Eine Wehrpflicht nur für Männer im Jahr 2025? Ernsthaft? Wir leben in einer Gesellschaft, die Gleichstellung auf die Fahnen schreibt, die über Gendergerechtigkeit in jeder Lebenslage diskutiert – und dann soll ausgerechnet beim Thema Dienst an der Gesellschaft plötzlich wieder das alte Rollenbild gelten? Männer als Pflichtige, Frauen als Freiwillige? Das ist nicht nur inkonsequent, das ist diskriminierend. Gleichberechtigung darf keine Einbahnstraße sein, schon gar nicht, wenn es um so fundamentale Fragen wie staatsbürgerliche Pflichten geht.

Ein Losverfahren als staatliches Glücksrad

Doch die eigentliche Farce beginnt erst mit dem nächsten Schritt: Das Verteidigungsministerium will – weil es ja „nicht alle braucht“ – den Kreis der Einberufenen im Ernstfall (Bedarfswehrpflicht) per Losverfahren bestimmen. Man stelle sich das einmal vor: junge Männer eines Jahrgangs warten darauf, ob das Schicksal sie trifft – nicht im Krieg, sondern in der Lostrommel des Staates.

Eine Wehrpflicht nach dem Zufallsprinzip, ein Pflichtdienst per Glücksrad. Das ist keine Politik mit Verantwortung, das ist politisches Feigenblattdenken. Wer ernsthaft glaubt, so lasse sich Akzeptanz für einen verpflichtenden Dienst erreichen, hat die gesellschaftliche Realität völlig aus den Augen verloren.

Schweigen statt Aufschrei

Und was mich fast noch mehr irritiert als diese Idee selbst, ist das Schweigen derer, die es betrifft. Wo bleibt der Protest der jungen Generation, die sonst zu Recht laut wird, wenn es um soziale Gerechtigkeit oder Klimaschutz geht? Warum regt sich hier kaum Widerstand gegen eine derart ungerechte und willkürliche Regelung? Vielleicht, weil man sich ohnmächtig fühlt. Oder weil das Thema „Bundeswehr“ in vielen Köpfen immer noch irgendwo zwischen Desinteresse und Fremdscham verortet ist.

Verantwortung ja – Willkür nein

Aber genau das ist das Problem. Wenn der Staat anfängt, Grundprinzipien von Gleichheit und Fairness zu relativieren – und die Gesellschaft dazu schweigt –, dann ist das ein gefährlicher Präzedenzfall. Wehrfähigkeit ja – aber bitte mit Augenmaß, Vernunft und Gerechtigkeit. Alles andere ist kein sicherheitspolitischer Fortschritt, sondern ein Rückfall in Denkweisen, die längst überwunden schienen.

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mike_mh
mike_mh
2 Monate zuvor

Herr Patzwaldt, ich stimme ihnen in eigentlich allen Punkten hier zu, wobei ich mich in der letzten Zeit persönlich gefragt habe,warum hier einige Politiker so schrill vor Russland warnen, wenn man seinen eigenen „Laden“ nicht in den Griff bekommt. An der grundlegenden Struktur der Bundeswehr wurde nix gemacht und die Debatte um die Wehrpflicht hat doch allen vor Augen geführt, dass anscheinend kein Wille vorhanden ist, seinen eigenen Warnungen zu glauben, sonst würde wortwörtlich so ein Mist an Gesetz nicht rauskommen.

„Und was mich fast noch mehr irritiert als diese Idee selbst, ist das Schweigen derer, die es betrifft. Wo bleibt der Protest der jungen Generation, die sonst zu Recht laut wird, wenn es um soziale Gerechtigkeit oder Klimaschutz geht? Warum regt sich hier kaum Widerstand gegen eine derart ungerechte und willkürliche Regelung? Vielleicht, weil man sich ohnmächtig fühlt. Oder weil das Thema „Bundeswehr“ in vielen Köpfen immer noch irgendwo zwischen Desinteresse und Fremdscham verortet ist.“

Da muss man erstmal die Ebenen betrachten:

  1. Das Gesetz muss verabschiedet werden, viel Spaß bei der Debatte in den nächsten Tagen.
  2. Es müssen erstmal Strukturen geschaffen werden um alle Anzuschreiben (Hallo Datenschutz, fragen Sie mal beim BW Reserveverband nach)
  3. Es müssen genügend Raum und Ausbilder für die Freiwillig Wehrdienstleistenden geschaffen werden.
  4. Es muss ein Verfahren zum „Lose“ geschaffen werden (vielleicht eine Tombola?)
  5. Es müssen genügend Raum und Ausbilder für die für „Zwangsverpflichteten“ geschaffen werden.
  6. Die „Auserwählten“ müssen erstmal gezwungen werden einen Fuß in die Kaserne zu setzen.

Sie sehen, viele Hindernise. Aber es stellen sich ja ganz andere Fragen. Welche Sanktionen soll es geben für:

  1. Personen, welchen Ihren Fragebogen nicht zurück schicken (bei Hunderttausend versendeten Musterbriefen)?
  2. Für Personen, welche zur Musterung nicht erscheinen?
  3. Welche trotz Einberufung Ihren Dienst nicht antreten?
  4. Für Personen, die während des Dienstes die Kaserne verlassen und nicht wiederkommen?

Die jungen Menschen werden einfach mit den Füßen abstimmen. Oder den Wehrdienst aktiv verweigern. Ich bin mir sicher das sehr viele Fragebögen wortwörtlich im Müll landen, es wird behauptet nie eine Brief erhalten zu haben, irgendwelche vom Staat (!) geförderte NGOs werden Seminare anbieten, wie man den Dienst umgehen oder aktiv Sabotieren kann.

Personen wie Philipp Gangolf Balthasar werden von Papi wahrscheinlich ein Auslandsjahr spendiert bekommen, während der Kevin einfach unter dem Radar fliegen wird, da man nicht genügend Polizisten haben wird, um alle zuhausgebliebenen einen Besuch abzustatten. Und über die Doppelstaatler ist ja noch gar nicht gesprochen worden, was ist mit denen?
Und da es keine Zivile Dienstpflicht geben wird sind diese auch Fein raus.Die heutigen neuen Bundeswehrfans seit 2022 haben fast 70 Jahre lang Zeit gehabe, alles militärische in diesem Land zu verdammen und schlecht zu reden, dass ist die Konsequenz. Fragen sie mal beim Autor von „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ nach, der ist wenigsten im Gegensatz seiner Kumpanen bei seiner Ablehnenden Haltung geblieben.
Sie sehen, die ganze Wehrpflichtdebatte ist so Scheinheillig, dass man nicht weiß ob man nur Kopfschmerzen von Kopfnicken hat oder schon in den Eimer sich übergeben möchte.

Und das Thema „Geschlechtergerechtigkeit“ ist noch nicht mal angekratzt.

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