Wie Frauen für ihre Rechte in der Bekleidungsindustrie kämpften

Streikende Bekleidungsarbeiterinnen in Gelsenkirchen im Jahr 1961
© StadtA Ge, FS III, 12469, 01 (Foto: Kurt Müller) Quelle: Rubin – Ruhr-Universität Bochum


In den 1970er-Jahren brach in NRW ein ganzer Industriezweig weg. Doch kaum jemand erinnert sich daran. Das könnte mit dem Geschlecht der ehemaligen Beschäftigten zusammenhängen.

Mit geschätzt 700.000 Beschäftigten arbeiteten in der Textil- und Bekleidungsindustrie in NRW einst fast so viele Menschen wie im Bergbau. Heute weiß das allerdings kaum noch jemand. Warum der Industriezweig wegbrach, ohne dass seine Existenz im kollektiven Gedächtnis hängengeblieben ist, erforscht Alicia Gorny vom Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Sie beleuchtet vor allem die Rolle der Frauen, die mehrheitlich in der Branche arbeiteten. „Es wird gern behauptet, die Arbeiterinnen hätten den Untergang der Bekleidungsindustrie sang- und klanglos hingenommen. Das ist ein Irrtum“, sagt Gorny. Über ihre Forschung berichtet das Wissenschaftsmagazin Rubin der RUB.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich Standorte wie Bochum, Wattenscheid, Gelsenkirchen oder Essen zu Hochburgen der Bekleidungsindustrie. Doch der Boom hielt nicht lange an. Mit den Billiglöhnen in Südeuropa, später in Asien, konnten deutsche Produktionsstandorte nicht mithalten. In den 1970er-Jahren meldete ein Betrieb nach dem anderen Konkurs an und verschwand.

Dass sich der Niedergang eines riesigen Industriezweigs ohne Aufsehen vollzog, liegt laut Alicia Gorny unter anderem daran, dass es sich um kleine und mittelständische Unternehmen handelte, die für sich genommen jeweils viel weniger Menschen beschäftigten als eine Zeche. Zwar berichteten die Medien über Firmen, die Konkurs anmeldeten, aber die Information blieb nicht nachhaltig hängen. Es gab aber durchaus Gruppen, die die Tragweite der Lage erfassten. Die mehrheitlich weiblichen Mitglieder der Gewerkschaft Textil-Bekleidung organisierten zahlreiche Proteste und machten auf die wachsende Konkurrenz aus Asien aufmerksam. „Die Politik wusste, dass die Branche starb“, bringt Alicia Gorny es auf den Punkt.

Die Wissenschaftlerin durchsuchte nicht nur Zeitungsarchive, sondern wertete auch Korrespondenzen des damals FDP-geführten Wirtschaftsministeriums aus. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Bekleidungsindustrie geopfert wurde – was nicht schwerfiel, weil mehrheitlich Frauen in diesem Sektor arbeiteten. Nach damaliger Einschätzung konnten diese sich alternativ mehr um den eigenen Haushalt kümmern; als ausschlaggebend galt das Gehalt des Mannes.

In den 1970er-Jahren sah sich die exportstarke Bundesrepublik gezwungen, den Aufbau von Industrien in den damaligen Schwellenländern zu unterstützen und Waren zu importieren – um im Gegenzug neue Märkte für den Export zu erschließen. Die Schwellenländer sollten lieber in der Bekleidungsbranche erstarken als im Technologiesektor, in dem Deutschland selbst Ambitionen hatte. „Die Politiker sahen auch keine Notwendigkeit, dass Frauen Arbeit hatten, weil sie ja noch einen Ernährer zuhause hatten. Außerdem herrschte die Meinung vor, dass es in der Bekleidungsindustrie sowieso keine schönen Jobs gäbe“, führt Gorny aus.

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3 Kommentare

  1. #1 | der, der auszog sagt am 15. September 2022 um 14:38 Uhr

    Ruhrbarone goes Gender Studies…

    oder: Ich weiß nicht wirklich, was ich von dieser Meldung, die offenbar von der RUB-Genderwissenschaftlerin Alicia Gorny initiiert wurde, halten soll, denn Gorny geht von Vorraussetzungen aus, die so nicht stimmen. Den ersten Quark gibt es gleich zu Beginn in der Einleitung:

    „In den 1970er-Jahren brach in NRW ein ganzer Industriezweig weg. Doch kaum jemand erinnert sich daran. Das könnte mit dem Geschlecht der ehemaligen Beschäftigten zusammenhängen.“

    In Sachen Erinnerungskultur schließt die Autorin hier von sich auf andere, so dass das einzig Wahre an dieser Einleitung die Feststellung ist, dass in den 1970er Jahren die Textilindustrie in NRW wegbrach. Die Vermutung, dass die unterstellte Erinnerungslücke mit dem Geschlecht zu tun hat, zeigt dann eindrucksvoll wo lang der Hase/ die Häsin laufen soll.

    Als Sohn eines Bergmanns aus dem Ruhrgebiet und einer Näherin aus Gronau (Westfalen), dessen halbe Familie mütterlicherseits über drei Generationen in der Spinnerei bzw. Zwirnerei der Firma Gerrit Van Delden in Gronau malocht hat, war das Thema Textilindustrie immer ein Thema und ist es noch heute, weil jede Fahrt zu unserer Verwandtschaft an den alten mächtigen und das Stadtbild prägenden Industriebrachen von Van Delden vorbei führt. In einem dieser Industriekathedralen befindet sich das deutsche Rock- und Popmuseum, und auch das Jazzfest Gronau, eines der renommiertesten Jazzfestivals in Deutschland, findet alljährlich eingebettet in der Ruinenkulisse der Textilfabriken statt,
    Im Ruhrgebiet mag es zutreffen, dass Bergbau und Stahlindustrie die Textilbranche in den Schatten stellen, zumal die Textilindustrie nicht künstlich am Leben gehalten wurde, wie etwa die Kohleindustrie.

    Für Städte außerhalb des Ruhrgebietes, in denen die Textilindustrie der größte Arbeitgeber war, gilt das aber nicht und das sind einige Städte, die sich in NRW wie an eine Perlenkette aufgereiht vornehmlich am Niederrhein und dann weiter nördlich im Grenzbereich zu den Niederlanden durch Westfalen schlängeln um sich dann im Emsland bis tief nach Niedersachsen hinein fortzusetzen..

    Wachgehalten wird die Erinnerung nicht nur durch Erzählungen in Familie und Nachbarschaft, den imposanten Industriebauten und herrschaftlichen Unternehmervillen in Borken, Bocholt, Gronau, Ochtrup oder Rheine, sondern auch durch eine Vielzahl von Museen, die sich der Textilindustrie widmen. Hier ein Paar Beispiele, die vom Ruhrgebiet aus bequem mit dem Auto zu erreichen sind:

    Deutsches Textilmuseum Krefeld
    Bandwebereimuseum Elfringhausen bei Hattingen
    Textilmuseum Bocholt (Kreis Borken)
    Textilmuseum Nettetal (Kreis Viersen)
    Stadt- und Textilmuseum Nordhorn (Grafschaft Bentheim, direkt hinter der Grenze zu NRW)
    Tuchmachermuseum Bramsche (Landkreis Osnabrück)

    Die im Artikel erwähnte Erinnerungslücke hat weniger mit dem Geschlecht zu tun, sondern mehr mit dem Umstand, dass sich die Textilindustrie im Ruhrgebiet keine 30 Jahre lang hat halten können, im Gegensatz zu Kohle, deren Förderung erst vor vier Jahren eingestellt wurde. Stahl- und auch die Chemieindustrie gibt es heute noch.

    Meine persönliche Meinung: Alicia Gorny vom Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum versucht hier krampfhaft sich die Geschichte der Textilindustrie so zurechtzubiegen, dass sie in ihre ideologischen Genderförmchen passen. Schade eigentlich.

    PS.:
    Es gab neben Kohle-, Stahl-, Chemie- und Textilindustrie übrigens noch einen fünften Industriezweig im Ruhrgebiet der auch fast vollständig weggebrochen ist: Die Glasindustrie. Je nach Blickwinkel könnte auch hier der in der Einleitung gemachte Feststellung gelten: Kaum jemand erinnert sich daran. Aber dann müsste ja auch der Untergang der Glasindustrie mit dem Geschlecht zu tun haben.

  2. #2 | Bochumer sagt am 15. September 2022 um 18:08 Uhr

    @1 In der Glasindustrie waren nur Tranz(parente) Menschen beschäftigt. Ich frage much, was das Wirtschaftsministerium hätte machen sollen, um den Weggang nach Südeuropa zu verhindern. Die Staaten waren ja in der EG. Gibt es Zitate zu dem Wegfall der weiblichen Jobs?

  3. #3 | Wolfram Obermanns sagt am 16. September 2022 um 11:17 Uhr

    #1
    Natürlich spielte das Geschlecht der Beschäftigten eine Rolle. Was hat bis in die 80’er hinein auch die SPD für einen ideologischen Kampf gegen die „Doppelverdiener“ geführt. Die Leistung der Frauen wurde medial und politisch als luxuriöses Zubrot dargestellt.
    Der Widerspruch den „der, der auszog“ gegen Gorny erhebt ist der Widerspruch gegen eine verengte Wahrnehmung der sozial Privilegierten.
    Wenn die Genderstudies nun so darauf hinweisen, weist dies einerseits auf die perpetuiert verfestigte soziale Schichtung und andererseits auf Diskriminierungserfahrungen von Frauen bis in die jüngste Geschichte hinein hin.

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