„Wir müssen die muslimischen Frauen vom Kopftuch befreien“

Lebt seit 1992 in Deutschland: die Schriftstellerin Safeta Obhodjas. Foto: privat

Die aus Bosnien stammende Autorin Safeta Obhodjas spricht über Gewalt muslimischer Männer gegen Frauen, Verhüllungszwang, den Einfluss der sozialen Medien, die Rolle der Linken, und warum kritische Musliminnen wie sie vom Kulturbetrieb ausgegrenzt werden

Sie sind während des Bosnienkriegs vor den Serben nach Deutschland geflohen. Hier werden sie als liberale Muslimin sowohl von Islamgegnern wie von radikalen Muslimen angefeindet. Wie verkraften sie das?

Safeta Obhodjas: Wenn sie mich angreifen und bedrohen, Frauen übrigens viel häufiger als Männer, versuche ich einen Dialog oder eine Konfrontation. Wenn das nicht geht, ziehe ich mich zurück. Aus allem, was ich erlebe, mache ich meine Literatur. Ich habe keinen anderen Ausweg.

Was wirft man Ihnen vor?

Obhodjas: Muslime sagen, ich würde sie beleidigen. Und nun werde ich auch noch beschuldigt, eine Verräterin und Zionistin zu sein, weil ich das Massaker an Israelis vom 7. Oktober 2023 verurteilt und mehr auf der Seite von Israel stehe. Das verzeihen mir meine Leute auf dem Balkan nicht. Und auch viele Linke hier nicht.

In ihren Büchern schildern sie, wie früher muslimische Frauen und Mädchen in Bosnien zur Verschleierung gezwungen wurden. Nun tragen im säkularen Deutschland immer mehr muslimische Frauen Hijab und zum Teil sogar Vollverschleierung. Wie wirkt das auf sie?

Obhodjas: In Bosnien war es eine islamische Tradition, die uns von den Osmanen geblieben war. Muslime haben sich dort lange Zeit abgeschottet, auch durch die Verschleierung der Frauen. Und daran waren nicht nur die Männer schuld. Frauen wollten ihr Gesicht nicht Angehörigen anderer Nationalitäten und Glauben zeigen. 1953 hat die kommunistische Führung das verboten. Meine Mutter und meine Schiegermutter wurden durch dieses Enthüllungsgesetz vom Gefängnis der Burka befreit. Für sie war das eine Tragödie, weil sie keine Bildung hatten. Ich gehörte zur ersten Generation muslimischer Mädchen, die ohne Probleme zur Schule gehen konnte. Meine Eltern konnten kaum lesen und schreiben. Und ich wurde schließlich Schriftstellerin.

Also auch für sie selbst eine Befreiung?

Obhodjas: Ja, wir hatten in Bosnien 50 Jahre große Freiheit von der Religion und Tradition. Wir Frauen konnten uns entwickeln und Karriere machen. Nach dem Krieg wurde vieles davon zurück gedreht. Hijab und Burka wurden wieder erlaubt. Die Enkeltöchter der Frauen, die davon befreit worden waren, fanden es auf einmal wieder romantisch und etwas besonderes, das zu tragen. Und in ihren Gemeinden wird das unterstützt.

Woher kommt das?

Obhodjas: Das liegt sehr stark am Einfluss aus den arabischen Ländern, vor allem den Golfstaaten. Sie haben viel Geld gegeben für prachtvolle Moscheen und an die vielen armen Kriegswitwen, damit sie einen Hijab oder eine Burka tragen. Durch die sozialen Medien und die Debatte um Identitätsfragen wird das heute noch verstärkt. Das Paradoxe: Die Enkelinnen der Kommunisten, die uns damals befreit haben, stolzieren heute gestylt mit Minikleidern, aber sagen uns, dass Hijab und Burka etwas Fantastisches seien und angeblich zu muslimischen Frauen passen.

Ich habe dieses Interview etlichen Medien angeboten. Sie haben entweder nicht reagiert, abgesagt oder ihre Zusagen zurückgezogen. Das bestätigt die Aussage der Autorin, dass Stimmen aufgeklärter Musliminnen unerwünscht sind und ignoriert werden. Zum Glück gibt es solche unabhänginge Blogs. Ludwig Greven

Auch in Deutschland verhüllen sich viele Musliminnen.

Obhodjas: Es liegt am Druck aus ihrem sozialen Umfeld. Sie wollen bessere Musliminnen sein und ins Paradies kommen. Wir haben uns viel davon seit 2015 hierher geholt. Bis dahin hatte ich Gesprächspartnerinnen in den Integrationszentren, den Schulen und an den Universtitäten. Das ist vorbei. Frauen aus Syrien und anderen arabischen Ländern haben die Burka mitgebracht. Manchmal denke ich, sie wurden gezielt geschickt, um als Vorbilder zu dienen. Muslime haben sich hier oft abgeschottet. Auf einmal kommen Frauen, die verehrt werden, weil sie das tragen und sich wie echte Muslima benehmen. Und in den sozialen Medien erzählen gut aussehende muslimische Männer, wie Frauen sich verhalten und kleiden sollen, damit für sie das Paradies garantiert ist.

Reicht das als Erklärung?

Obhodjas: Die Welt ist im Wanken. Und in solchen Unsicherheiten greifen Menschen zu Traditionen und Religionen als etwas Festes in ihrem Leben. Das Schlimme ist, dass das von den Frauen überwacht wird. Sie erziehen ihre Töchter entsprechend und hetzten Männer gegen ihre Frauen auf, die sich nicht ihren Vorstellungen gemäß benehmen und kleiden. Väter und Brüder töten muslimische Frauen in sogenannten Ehrenmorden. Aber die Tradition geben die Frauen weiter.

Stecken dahinter auch Bemühungen konservativer und radikaler Muslime, unsere westlichen Gesellschaften ihre Vorstellungen aufzudrücken?

Obhodjas: Das ist ihre Strategie. Und wie! Das eine ist das Rollenbild der traditionellen islamischen Frau. Wenn ein Mädchen in der Klasse mit Hijab auftaucht, wächste der soziale Druck auf die anderen, dasselbe zu tun. Das zweite sind Politikerinnen, die aus der Türkei oder arabischen Ländern stammen und unsere Parteien infiltrieren, vor allem in der SPD, bei den Grünen und den Linken, um das salonfähig zu machen. Andere sagen, wir wollen nicht rassistisch sein. Sie propagieren Diversität und Buntheit und leisten damit der Islamisierung Vorschub.

Gerade Linke und Grüne haben für die Befreiung der Frauen gekämpft. Und unterstützen nun ihre Unterdrückung im Namen des Islam?

Obhodjas: Das ist völliger Irrsinn. Die Frauen sind in muslimischen Familien der Anker. Von ihnen hängt ab, wie die Kinder erzogen werden. Und von das aus verbreitet sich das in die Gesellschaft. Die Jungs dürfen alles, die Mädchen dürfen nichts: Das ist das Bild, das sie weitergeben. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir deshalb bei den Frauen anfangen. Ich habe da allerdings nicht viel Hoffnung, weil sich das seit vielen Jahren sehr negativ entwickelt. Aus dieser Ecke werde ich am meisten angegriffen. Auch von deutschen Frauen, weil ich sage, dass Burka, Nikab und das Kopftuch Gefängnisse sind. Wenn Frauen das lange tragen, in ständiger Angst, etwas falsch zu machen, können sie sich nicht mehr an die Freiheit gewöhnen, selbst wenn sie den Schleier ablegen.

Die Verteidiger des Kopftuchs und der Verschleierung behaupten, es sei ein religiöses Zeichen und dürfe deshalb nicht verboten werden, wie es die CDU-Frauen gerade fordern. Stimmt das?

Obhodjas: Es ist im Islam selbst sehr umstritten. Im Koran steht es nicht eindeutig. Das Kopftuch ist auch daraus entstanden, dass muslimische Männer mehrere Frauen haben dürfen und oft auch Konkubinen hatten. Deshalb haben die Frauen entschieden, dass die Ehefrauen Kopftuch tragen, um ihren Status als ehrenwerte Frauen zu zeigen. Daraus hat sich am Ende auch die Burka entwickelt. Die Frauen wurde damit als Besitz bestätigt, nicht ihre Fähigkeiten.

Die Verschleierung hat also viel mit Sexualität zu tun. Frauen, die sich nicht bedecken, gelten als unehrenhaft, als Freiwild?

Obhodjas: Ja. Früher galt die Kopftuchpflicht deshalb für Mädchen auch erst ab der Geschlechtsreife. Heute tragen oft schon kleine Mädchen lange Kleider und Hijab.

Weshalb gibt es nicht mehr Widerstand dagegen? Warum wird es hingenommen, dass sich das immer mehr ausbreitet?

Obhodjas: Viele sind damit überfordert und blenden das aus. Selbst gebildete Frauen wollen damit nichts zu tun haben. Und wenn sie sich kritisch äußern so wie ich, bekommen sie sofort eine Kannonade von Shitstorm, vor allem von Linken. Mir wird ständig vorgeworfen, ich sei zu rechts. Wer hält das auf Dauer aus? Also ziehen sie ihren Kopf ein. Die Medien, Schulen und Universitäten befördern das. Sie prägen unsere Gesellschaft mit ihrem moralischen Rigorismus. Kritikerinnen wie ich werden gecancelt. Mehrere Veranstaltungen von mir wurden im vergangenen Jahr abgesagt, weil ich diese Art von Diversität kritisiere. Ich bekomme als Autorin keine Zutritt mehr zu Kultureinrichtungen. Verlage veröffentlichen nur das, was politisch in ist. Und das ist heute, Migranten als Opfer der Deutschen darzustellen. Dabei sind Musliminnen Opfer dieses Islam.

Also müssten sie eigentlich ermutigt werden, sich davon zu emanzipieren?

Obhodjas: Es passiert das Gegenteil: Musliminnen werden wie andere Migranten in der Opferrolle gehalten. Dabei müssen wir sie vom Kopftuch befreien.

Gleichzeitig erleben wir regelmäßig Gewalttaten von muslimischen Männern gegen Frauen und Mädchen. Hängt das mit dem islamischen Frauenbild zusammen?

Obhodjas: Die Frauenfeindlichkeit bringen sie oft mit. In ihren Heimatländern sind Frauen für sie außerhalb der Ehe tabu. Hier wird ihnen auch durch die sozialen Medien vermittelt, dass sie jede Frau haben können. Aber sie erleben, dass es gar nicht so ist. Das steigert ihre Wut, erst recht wenn sie sich nur unter Männern bewegen. Dazu kommen die sozialen und psychischen Belastungen. Das entlädt sich dann oft in Gewalt gegen Frauen. Und wenn sie Familien mitbringen, wollen manche Frauen hier freier leben. Aber sie lassen das nicht zu, weil sie die Frauen als ihren Besitz betrachten.

Sie schreiben schon lange dagegen an. Warum dringen sie damit nicht durch?

Obhodjas: Weil immer noch viele der Vorstellung anhängen, es müssten sich nur alle lieb haben, dann wird alles gut. Das ist eine völlig Illusion. Das frustriert mich als Autorin und als Mensch. Dieses Scheitern tut mir sehr weh. Nicht so sehr für mich. Ich werde irgendwie überleben. Aber für unsere Gesellschaft und die junge Generation, die mit dieser Fehlentwicklung leben müssen.

Safeta Obhodjas, 1951 in Pale geboren, lebt seit 1992 in Deutschland. In ihrem neuen Buch „Deutschland als Heimat?“ wie in früheren Büchern, Essays und Theaterstücken in Bosnisch und Deutsch befasst sie sich mit der häufig gescheiterten Integration muslimischer Frauen und ihrem Leben zwischen den Kulturen.

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