Wollen Risikogruppen wirklich Corona-geimpft werden?

Corona Risikogruppe "über 60"
Risikogruppe über 60 Jahre: Ältere Menschen stärker durch Corona gefährdet (Foto: Roland W. Waniek)

Wir alle warten sehnsüchtig auf einen Corona-Impfstoff. Man sollte meinen, dass vor allem die Risikogruppen „mit Vorerkrankungen“ und „über 60 Jahre“ besonders inständig auf baldige Impfung hoffen. Dem ist aber nicht so, besagt eine neue Studie. Im Gegenteil, Menschen mit Vorerkrankungen werden sich seltener impfen lassen als Gesunde. Warum ist das so?

Alle Welt hofft auf einen Impfstoff gegen die Corona-Pandemie. Möglichst bald und möglichst allen Menschen soll er zur Verfügung stehen. Weltweit arbeiten zahlreiche Wissenschaftler an Universitäten und in Pharmaunternehmen mit Hochdruck daran. Die Erwartungen der Weltgemeinschaft sind hoch, der Druck enorm. Schon wird diskutiert, wer zuerst geimpft werden darf und soll.

Risikogruppen zuerst an die Nadel?

Logisch scheint, dass neben medizinischem Personal zuerst Mitglieder der sogenannten Risikogruppen geimpft werden sollen, um sie schneller und besser zu schützen. Das sind Menschen mit Vorerkrankungen und ältere Menschen, die besonders anfällig für das Sars-Cov2-Virus sind. Bei ihnen bricht die Krankheit Covid-19 viel häufiger aus als bei anderen Menschen. Auch nimmt Covid-19 bei ihnen meist einen erheblich schwereren Verlauf bis hin zum Tod. Weniger risikobehaftete Menschen müssten sich daher in der Impfschlange hinten anstellen.

Angst vor Nebenwirkungen

Man sollte also meinen, dass sich Risikogruppen besonders gerne impfen lassen werden. Eine neue empirische Studie des RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung (Essen) und der Hochschule Stralsund lässt jedoch befürchten, dass dies nicht so ist. Sie sagt voraus, dass gerade Menschen unter 60 Jahren mit Vorerkrankungen häufiger vor einer Impfung zurückschrecken werden als gesunde Menschen. Der Grund: Sie haben vor möglichen Nebenwirkungen besonders viel Angst.

Empirische Evidenz

Für ihre Studie haben die Autoren repräsentative, empirische Daten aus den Niederlanden genutzt. In Experimenten wurden die allgemeine Risikobereitschaft und die Neigung zur Absicherung gegen Risiken der Befragten analysiert. Unter anderem wurde auch gefragt, ob man sich gegen Grippe geimpft hat.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Überraschender Weise stellt sich heraus, dass es für die Grippe-Impfneigung irrelevant ist, ob jemand besonders risikofreudig oder -avers ist. Vielmehr kommt es darauf an, ob jemand die möglichen negativen Effekte einer Absicherung vermeiden will. Wer sich nicht gegen Grippe impfen läßt, ist nicht unbedingt risikofreudiger als andere gegenüber der Krankheit Grippe. Vielmehr bewertet er die möglichen negativen Nebeneffekte der Grippeimpfung höher als den Nutzen, vor der Grippe geschützt zu sein. Solche Menschen nennen Forscher die „Vorsichtigen“. Anders ausgedrückt: Nicht die Ängstlichen scheuen die Impfung, sondern die „Vorsichtigen“.

„Vorsichtige“ lassen sich aber besonders häufig in den Risikogruppen „mit Vorerkrankung“ und „über 60“ finden. Ihre „Vorsicht“ führt dazu, dass sie besonders häufig vor einer Impfung zurückschrecken, obwohl sie besonders durch die Krankheit gefährdet sind.

Impf-Paradoxon

Wir haben es hier also mit einem Paradoxon zu tun: Die besonders gefährdeten Risikogruppen neigen eher dazu, den Schutz durch Impfung abzulehnen. Während von der allgemeinen Bevölkerung rund 50% der nicht-„Vorsichtigen“ und rund 45% der „Vorsichtigen“ sich impfen lassen, so ist das in der Risikogruppe „mit Vorerkrankung“ deutlich anders: Hier lassen sich knapp 70% der nicht-„Vorsichtigen“ impfen, aber nur etwas über 40% der „Vorsichtigen“. Eine Differenz von etwa 30 Prozentpunkten, die durchaus relevant ist. Etwas geringer ist die Differenz bei der Risikogruppe „über 60“: Hier lassen sich knapp 80% der nicht-„Vorsichtigen“ und rund 70% der „Vorsichtigen“ impfen (siehe Graphik).

"Vorsichitge" lassen sich seltener impfen, Quelle: RWI Impact Note September 2020
„Vorsichtige“ lassen sich seltener impfen, Quelle: RWI Impact Note September 2020

Und wie ist das bei der Corona-Impfung?

Die Autoren der Studie vermuten, dass es bei einer kommenden Corona-Impfung ähnliche Verhaltens- und Reaktionsmuster in der Bevölkerung geben wird wie bei der Grippeimpfung. Viele Menschen werden sich weniger um das Risiko scheren, selbst infiziert zu werden als um die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung. Und selbst bei den Risikogruppen überwiegt für viele die Sorge um die Nebenwirkungen das Risiko Corona-infiziert zu werden und schwer Covid-19 zu erkranken.

Was kann die Politik tun?

Die Autoren empfehlen der Politik, die Sorgen der Menschen um die Nebenwirkungen des Impfstoffs sehr ernst zu nehmen. Dazu gehört eine Informationspolitik, die gezielt diese Bedenken adressiert. Sie muss zielgruppengerecht sein und die passenden Kommunikationskanäle nutzen. Da die „Vorsichtigen“ überwiegend höher gebildet sind, müssen vor allem seriöse Medien bedient werden – so wie der Blog „Ruhrbarone“.   😉

Es wird also nicht reichen, allen Menschen einen Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Man muss auch sicherstellen, dass er genutzt wird. Dafür müssen Hürden abgebaut werden, nicht zuletzt emotionale.

 

Quellen

Mayrhofer, T. und H. Schmitz: Prudence and Prevention – Empirical Evidence. Ruhr Economic Papers #863

RWI Impact Note „Wer lässt sich impfen?“

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6 Kommentare

  1. #1 | Blenk sagt am 10. September 2020 um 19:04 Uhr

    Ich gehöre zur Risikogruppe, bin unter 60 Jahre alt und werde mich ganz sicher impfen lassen! Ich kenne viele vorerkrankte Eltern, die einer Imfung entgegenfiebern, damit ihr Kinder wieder angstfrei zur Schule gehen können.

  2. #2 | Angelika (die schon länger hier kommentiert - sonst weiß Helmut Junge nicht Bescheid ...) sagt am 10. September 2020 um 19:11 Uhr

    In japanischen Zeitungen (englischsprachige Ausgaben) las ich, dass in Japan zuerst medizinische Fachkräfte und ältere Menschen geimpft werden sollen, wenn der Impfstoff da ist.

    Wäre ich in Japan, dann ginge ich davon aus, dass man sehr sorgsam prüfen wird und sehr… Sie machen alles genau. Alles. Züge fahren pünktlich. Für Verspätungen von Minuten entschuldigen sich die Lokführer. Züge sind sauber. Immer! Straßen, Parks usw. sind sicher. In Räumen für öffentliche Toiletten könnte man ein Picknick veranstalten – so sauber (Es stimmt! Ich habe es selbst gesehen!). Aber natürlich würde der Anblick der WCs usw. doch stören …

    Aber ich bin nicht in Japan.
    Ich bin hier.
    Und habe Angst vor Nebenwirkungen der Impfung. Ich bin Jahrgang 1956 und mein Sohn ist Jahrgang 1988. Und er fährt schon das Programm: Das wird schon alles klappen. Ganz ruhig!…….. Also wenn ich mich dann impfen lasse, dann liegt es an der Überzeugungs- und Beruhigungsarbeit meines Sohnes.

  3. #3 | re sagt am 10. September 2020 um 21:00 Uhr

    Freiwillige vor. Ich habe keinen Drang, mich gegen Corona impfen zu lassen.

    Die Frage stellt sich aktuell auch nicht. Es gibt viele versch. Kandidaten. Wir werden sehen, ob sich ein Stoff durchsetzt. Dann kann man sich mit den möglichen Chancen und Risiken beschäftigen.

    Die Politik hat einen Shutdown geschafft. Danach gab es nicht mehr viel, das funktionierte.
    Wo bleiben die Schnelltests? Aktuell sind wir doch zu dumm, Personen mit Proben in Verbindung zu bringen und das Ergebnis an einem Tag zur Verfügung zu stellen.
    Die Anzahl der Tests in den Regionen ist immer noch unbekannt. Warum soll ausgerechnet ein sicherer Impfstoff schnell zur Verfügung stehen? Wie soll man ihn in der kurzen Zeit testen?

  4. #4 | Helmut Junge sagt am 10. September 2020 um 21:07 Uhr

    HaHa Angelika. Ich, Risikogruppe, würde mich auch nicht sofort impfen lassen. Das ist wie beim Essen.Erst mal gucken, wie es anderen schmeckt.

  5. #5 | Berthold Grabe sagt am 11. September 2020 um 11:53 Uhr

    Es gilt das Selbstbestimmungsrecht, das nur funktional ist, wenn jeder selbst bestimmen kann welches Risiko er eingeht. Freilich muss er auch die Konsequenzen tragen.

  6. #6 | Angelika, die usw. sagt am 11. September 2020 um 15:56 Uhr

    #5 @Berthold Grabe

    Lebte jemand auf einem Planeten ganz für sich allein, dann wäre das so. Er/sie trüge dann alle Konsequenzen mehr oder weniger munter für sich allein, haderte mit sich, lobte sich in Selbstgesprächen. Da wir alle aber nicht so leben, tragen die anderen die Konsequenzen diverser Entscheidungen mit. Abstrakt betrifft es dann 'die Gesellschaft', 'die Krankenkasse', 'den Rentenversicherungsträger', 'die Pflegeversicherung', 'die Wirtschaft' usw. usw.. Bei Schädigungen durch Impfung (Impfstoffe erweisen sich als unverträglich, allgemein oder bei bestimmten Menschen, möglicherweise Dauerschäden, möglicherweise erheblich) trägt 'die Gesellschaft' die Konsequenzen dieser Entscheidung für eine Impfung mit. Bei Schädigungen, weil eben nicht geimpft wurde (aus welchen Gründen auch immer – noch kein Impfstoff da, zu wenig Kapazitäten, um zu impfen, Ablehnung einer Impfung usw.) ist es auch so. Selbstbestimmgsrecht hin oder her.

    Wenn ich nur den Begriff Dauerschäden tippe, wird mir schon wieder mulmig.
    Siehe Kommentar vorher – da werden noch Gespräche in der Familie geführt werden …

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