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#Yolocaustleugnung

#Yolocaust ante litteram: Screenshot der Facebook-Seite der DITIB-Jugend Buggingen (Quelle: EUJS).

Lasst uns mal über den #Yolocaust reden. Lasst uns aber nicht darüber reden, dass Shahak Shapira den Titel von dutzenden antisemitischen, Holocaust verlachenden bis leugnenden Seiten genommen hat. Lasst uns schließlich auch nicht über Shapira selbst reden, der sich ganz offensichtlich selbst immer noch nicht darüber im Klaren ist, was er bezwecken will, heißt es doch auf der #Yolocaust-Seite:

Das Verhalten mancher Menschen am Holocaust-Mahnmal bewerten viele als respektlos, ja. Aber die Opfer sind tot, also bleibt es fragwürdig, ob es sie die Bohne interessiert.

Wozu dann die Leute bloßstellen, fragt man sich. Die Anmerkung im Interview, das „Projekt soll[e] keine Anschuldigung sein“, ist ja schon sehr bemüht.

#Holocaustistdoof

Lasst uns auch nicht über die Diskussion reden, die #Yolocaust angestoßen hat und die sich in etwa folgendermaßen zusammenfassen lässt: Gewagt! Clever! #Endlichsagtsmaleiner! Nun lässt es sich vom Balkon gut herunter schreien, dass die Kinder vom Rasen runter sollen, und nichts ist einfacher, als nachträglich gegen Nazis zu sein. „So ne Meine-armen-Juden-Seite teilen, geht halt lockerer von der Hand“, schreibt Mirna Funk ganz treffend, und Chajm Guski führt aus:

Man muss sich nicht umständlich darum kümmern, dass sich jemand diejenigen einsetzt, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten (»Ghettorenten«). Das sind die Rente[n], bei denen solange mit der Auszahlung gewartet wurde, bis die meisten Empfänger verstorben sind.
Man muss sich nicht darum kümmern, dass in Freiburg die letzten Reste einer Synagoge abgerissen werden.

Mit diesem grundsätzlichen Problem haben Juden hierzulande schon seit langem zu kämpfen: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung hat sich weder das deutsche Judentum überlebt, es existiert fort und jenseits der üblichen Klischees „Antisemitismus/ Holocaust/ Orthodoxie„. Noch ist der Holocaust vorbei, solange Kunstschätze nicht zurückgegeben, Verstrickungen und fortlaufende Karrieren immer noch nicht vollständig aufgearbeitet, Firmen- und Amtsgeschichten nicht aufgedeckt sind, der Holocaust auf dem Gebiet der Sowjetunion weitgehend unerforscht ist – um Guskis Liste weiterzuspinnen. Doch damit ist man häufig genug alleine auf weiter Flur, denn mittlerweile befinden wir uns in einer Gesellschaft, die den Schlussstrich bereits gezogen hat — ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, diejenigen zu fragen, die es am allermeisten betrifft.

#Wiedergeilwerdung

Nicht unerheblich beigetragen hat dazu nicht zuletzt dieses Denkmal an die deutsche Wiedergutwerdung, die in Beton gegossene Erinnerung als die höchste Form des Vergessens. Die Zweckentfremdung als touristische Attraktion ist da nur eine logische Konsequenz – ebenso die Tatsache, dass sie die bundesrepublikanischen Befindlichkeiten stört, die sie als Quell des Nationalstolzes bierernst nehmen: Man soll sich an den Holocaust nämlich auf die angemessene Art und Weise nicht erinnern. Überhaupt will man sich seine Exportgüter nicht schlecht reden lassen, ob es nun um Vergangenheitsbewältigung oder Autos handelt.

Und nun kommt der deutsche Jude der Welt, der seinem Titel alle Ehre gibt, und schenkt den Leuten eine weitere Chance (als gäbe es dieser nicht sonst schon genug), sich gegen „damals“ zu positionieren und zu sagen: „Ich erinnere mich daran[, dass ich vergessen habe]. Höcke, erinnerst Du Dich denn nicht?“

#Nazissinddoof

Wo wir bei Höcke sind: Lasst uns auch nicht darüber reden, wie das Projekt Björn Höcke das Maul stopfen soll: Die Demonstration der Tatsache, dass das Berliner Holocaustmahnmal für viele Leute eben über keine Relevanz verfügt, ein Schicksal, das Shapira selbst leider nicht zuteil wurde, geht an Höckes „Kritik“ ja zunächst einmal vorbei.

Denn im Gegensatz zu den Wiedergeilgewordenen erinnert sich Höcke und weiß noch ganz genau, worin die Schande liegt. Es erscheint auf dem ersten Blick als eine Ironie, aber letztendlich ist nur folgerichtig, denn er und seine Nazis sind neben den Juden diejenigen, die am meisten unter der Vergessenheit zu leiden hätten — wenn auch aus anderen Gründen. Ihre ansonsten leere Identität diktiert den Nazis das ständige Vergessen, niemals aber das Vergessenhaben, schließlich basiert auf dem gigantischen Projekt der Ausmerzung jeglicher Differenz ihr ganzer Stolz. Holocaustleugner bilden da keine Ausnahme, lautet ihr Credo doch: „1. Der Holocaust ist nicht passiert. 2. Er sollte schnellstens wiederholt werden.“ (Übrigens kannten die Juden diese Aporie lange vor den Nazis, heißt es doch in Deuteronomium 25:19 sinngemäß: „Du sollst nicht vergessen, zu vergessen!“)

Aber über all dies wollten wir eigentlich gar nicht reden. Lasst uns doch über #Yolocaust selbst reden. Ist doch gut gemacht, und wenn wir mal ehrlich sind: Die Kiddies haben es doch echt verdient.

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3 Kommentare zu “#Yolocaustleugnung

  • #1
    Erick

    Ohne mich jetzt mit dem Macher der Yolocaust Siete groß auseinander gesetzt zu haben, bringt die Seite wohl viel interpretations spielraum mit. gerade die FAQ. ich für mich fand es eine gelungene aktion die peinlichkeit der menschen und die nicht aufarbeitung des geschehenen ins bild zu rücken. vllt. interpretiere ich es falsch, denke aber das er im bildsinne etwas getroffen hat was viele sich schon vorher gedacht haben, vorallem die welche mal am ort waren und menschen bei yoga, selfies und co beobachten konnte.
    das wort selber von realtivierenden seiten zu nehmen mag nicht der klügste schachzug sein, was auch immer sich der ersteller dabei gedacht hat, finde ich den begriff für das projekt treffend finde, ich nehme es auch als berechtigte anschuldigung an all die wahr welche es im wahrsten sinne des wortes mit füßen treten.
    aber ich bin auch nicht all-wissend… die diskussion darum kann aber eine gute und sinnvolle sein.
    danke für den anstoß.

  • #2
    Günter Krajewski

    Künstler sollen machen ( er hat es gut gemacht ), und die Schnauze halten. Erklärungen verwirren nur, weil Jeder seinen eigenen Kopf hat, den er gefälligst benutzen sollte.

  • #3
    Arnold Voss

    Tote ohne ihre Angehörigen und Nachkommen zu denken, denen es eben nicht unbedingt egal ist, was mit, an und auf den Denkmälern für ihre Toten passiert, ist schon vom Ansatz her misslungen. Selbst dann, wenn das Denkmal anonym konzipiert ist.Und Künstler können genauso Idioten sein wie jeder andere.

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