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Zur Erinnerung an Pete Seeger: „We shall overcome“ – Ein Folksong als musikalisches Victory-Zeichen der sechziger Jahre.


Soziale Bewegungen schaffen sich ihr eigenes Liedgut. Das galt für die Arbeiterbewegung ebenso wie für die neuen sozialen Bewegungen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Vor allem ein Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung schwappte in den sechziger Jahre gemeinsam mit anderen sogenannten Folksongs auch nach Europa herüber: „We shall overcome“. Eng verbunden mit dem civil rights movement, mit Martin Luther King, den Protestmärschen gegen die Rassendiskriminierung und den Vietnamkrieg der Vereinigten Staaten von Amerika. Und mit Pete Seeger. Von unserem Gastautor Horst Delkus.

Wann „We shall overcome“ das erste Mal meine Ohren erreichte, weiß ich nicht mehr. Und ob von Peter Seeger, Joan Baez, Peter, Paul and Mary oder Harry Belafonte gesungen auch nicht. Vielleicht habe ich es sogar – als 13-, 14-jähriger – das erste Mal in meiner (evangelischen) Jugendgruppe am Lagerfeuer gehört.  Keine anderes Lied hat meine frühe Politisierung in den sechziger Jahren  mehr begleitet, als „We shall overcome“. Es war meine Hymne. Auch meine Hymne eines anderen Amerikas.

Das Lied hat einen einfachen Text, eine einfache Melodie, und einfache Botschaften:  Wir werden es schon schaffen. Wir werden in Frieden leben. Schwarz und weiß zusammen. Wir haben keine Angst. Die Wahrheit macht uns frei… Und die suggestiven Wirkungen entfalten sich gerade dann, wenn das Lied nicht von einem Solointerpreten sondern in der Masse gesungen wird. In Deutschland wurde ja generell auf Demos wenig gesungen. Das Singen war uns durch die Nazis vergrault. Eher wurden Parolen skandiert, mit klatschenden Händen oder erhobenen Fäusten: „Hoch die… – „Nieder… – Weg mit…“. Bestenfalls noch lustige Sprüche a´la: „Oma, runter vom Balkon, unterstütz den Vi-etkong!“ Oder: „Bürger, lasst das Gaffen sein, marschiert mit uns und reiht euch ein.“

Doch „We shall overcome“ wurde immer wieder mal angestimmt. Als Mutmacher, als Kraftlied, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz. Durch die dreifache Wiederholung der Liedzeilen werden die Hoffnungen bestärkt, wirkt jede  Zeile besonders eindringlich: We shall overcome. We shall all be free.  We shall live in peace. Bei einigen Strophen wird das “some day” zu einem „today“, zum „hier und heute”: We walk hand in hand – today. Und vor allem: We are not afraid – today: Wir haben keine Angst – gerade heute nicht. Verstärkt wird jede Aussage zusätzlich durch eine sich nach jeder Strophe wiederholende Bekräftigung: „Deep in my heart, I do believe (we shall overcome some day).“

Das Lied stammt  ursprünglich von einem ein Gospel-Song ab: „I`ll overcome some day“. Pete Seeger – der in den vierziger Jahren mit Wood Guthrie wie eine Hobo auf fahrende Güterzüge sprang und dann in irgendwelchen verrauchten Kneipen spielte – berichtet, dass das Lied 1946 bei einem Streik von Arbeiterinnen einer Tabakfabrik in South Carolina von den Streikposten gesungen wurde, um sich bei Laune zu halten. Dabei wurde aus dem „I“ ein „We“. Und eine neue Zeile entstand: „We will win our rights“. Auf Umwegen über eine Schule, die von zwei der streikenden Frauen besucht wurde, lernte er dann das Lied kennen, schrieb einige Zeilen dazu („We walk hand in hand“, „The whole wide world around“) und veröffentlichtes es als „We shall overcome“ in einem Lieder-Bulletin. Guy Caravan trug es kurze Zeit später, 1952, auf der Gründungsversammlung des Student Non-violent Coordinating Committe in North Carolina vor. Von dort verbreitete sich das Lied im ganzen Land. Es wurde so populär, dass selbst US-Präsident Lyndon B. Johnson in einer Rede vor dem Kongress am 16. März 1965 gegen die Diskriminierung von Schwarzen ausrief: „We shall overcome“. Martin Luther King soll vor dem Fernseher geweint haben , als er diesen Satz hörte.

„We shall overcome“ wurde rasch zu einer international verbreiteten Hymne der Menschenrechtsbewegung. Bischof Desmond Tutu führte das Lied in die südafrikanische Anti- Apartheid Bewegung ein. Und zu DDR- Zeiten sang es der Jazz-Musiker Manfred Krug und das Ensemble „Lyrik-Jazz-Prosa“ gemeinsam mit dem begeisterten Publikum. Gesungen wird das Lied immer noch.  Zum Beispiel als Abschlusslied bei der Verleihung des Aachener Friedenspreises 2005 an den amerikanischen Friedensaktivisten Roy Bourgois und die Schauspielerin Hanne Hiob. Und als EU –Kommissar Günter Verheugen im März 2006 in einem Interview die Frage nach seinem Lieblingslied gestellt wurde, lautete die Antwort:  „We shall overcome“.

Mittlerweile ist „We shall overcome“ zu einem Generationen übergreifenden Lied geworden:  So sangen am 23. September 2001 in New York auf der Gedenkveranstaltung „Prayer for America“ für die Opfer des Terrorangriffs auf das World Trade Center zigtausende Menschen jeden Alters und aller Konfessionen mit, als der Harlem Boys & Girls Chor „We shall overcome“ anstimmte. Bei der Zeile „We are not afraid today“ verwandelte sich das Yankee-Football-Stadion in ein einziges Meer wehender „Stars `n Stripes“-Fahnen. Und im österreichischen Linz sangen die Teilnehmer eines Trauermarsches anlässlich des Todes des Afrikaners Yankuba Ceesay – der 18-jährige Gambier starb am 4. Oktober 2005 im Hungerstreik wegen seiner Abschiebehaft – zum Abschluss  ebenfalls dieses alte Lied für Menschenrechte.

Der einfache Text, die einfache Melodie, die einfache Botschaft, der Appell, eine humane, friedliche Utopie zu verwirklichen, bewegt immer noch. We shall overcome. Some day. Danke, Pete!

Horst Delkus, Jahrgang 1952, lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Singt selten und nicht besonders schön. Hört lieber – und veröffentlicht als freier Autor und Journalist Beiträge im Radio, in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern.

 

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