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Essen auf dem Weg zu Kik-Stadt

Wie sich ein Einkaufszentrum auf eine Innenstadt auswirkt, kann man gut in Essen sehen. Die Entwicklung der Innenstadt zeigt: Ihren Ruf als Citykiller haben sich die Malls redlich verdient.

Glaubt man der Essener Wirtschaftsförderung (EWG) und der WAZ erlebt die Essener Innenstadt zur Zeit einen bemerkenswerten Aufschwung. Gerade zu segensreich scheint sich das Einkaufszentrum Limbecker Platz auszuwirken.

„In den innerstädtischen Fußgängerzonen hat sich die Nachfrage für Ladenlokale deutlich belebt, wie die EWG – Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH registriert. Die

Limbecker Straße, die schon seit 1927 als Fußgängerzone angelegt wurde, hat zahlreiche neue Highlights zu bieten. Internationale und nationale Einzelhändler haben Essen für sich entdeckt.“

Zufrieden listet die EWG die Einzelhändler auf, die sich in Essens Mitte niedergelassen oder ihr Engagement verstärkt haben: Ein Adler-Modemarkt, das türkische Eigenlabel Citystar und das zu Takko gehörende Modelabel „1982“.

Auch die WAZ gibt Entwarnung:

Die Zahl der unansehnlichen „Outlet“-Geschäfte und Handyshops auf der Limbecker Straße ist erkennbar kleiner geworden. Stattdessen steigt die optische Qualität der gesamten Straße derzeit deutlich. Es zeigt sich: die Limbecker Straße erholt sich.

Allerdings weiß die WAZ auch von Problemen:

Doch Makler Eckhard Brockhoff übt Kritik: „Das Niveau der Neu-Ansiedlungen steigt nicht. Es ist ganz raus aus der Stadt.“ Die Mietpreise, vor allem auf der Kettwiger Straße, sind bekanntlich seit dem Start des Einkaufszentrums teilweise um 40 Prozent gefallen. Auch Immobilien-Dienstleister Jones Lang Lasalle (Frankfurt) attestiert Essen jetzt erneut eine unrühmliche Ausnahme-Stellung im bundesdeutschen Vergleich: „Steigende Mieten in jeder dritten Stadt – lediglich in Essen sorgt der Zuwachs an innerstädtischen Einzelhandelsflächen für rückläufige Mieten.“

Adler, Citystar, Takko-Tochter 1982 – wenn eine Stadt solche Billigheimer als Ansiedlungserfolge in der Innenstadt feiert, ist das kein gutes Zeichen. Wir reden hier immerhin von  Essen und nicht von Bebra. Noch. Denn wenn man durch Essen geht, was ich heute Mittag bei strahlendem Sonnenschein gemacht habe, fällt eines sofort auf: Ein massiver Abwertungsprozess hat eingesetzt. Auf der Limbecker Straße, ganz in der Nähe zum Einkaufszentrum Limbecker-Platz, dominieren die Billigläden. Und auch in der  frisch renovierten Rathaus-Galerie, dem ehemaligen City-Center sieht es eher düster aus: Vor allem in hinteren Bereich stehen viele Läden lehr. Und der neue „Ankermieter“ ist der Moderamscher Adler. Das alte C&A Kaufhaus an der Kettwiger – leer.

Ganz bitter ist es Abseits der Fußgängerzone: Die Linden-Galerie und die Theater-Passage sind am Samstag menschenleer.  Fast wirkt es so, als ob eine Neutronenbombe detoniert wäre: Die Gebäude stehen noch, nur die Lebewesen sind verschwunden. Endzeitstimmung.

Essen wird zur Ramschstadt – zumindest in den Teilen der Innenstadt, in denen überhaupt noch Menschen zu sehen sind. Die gesunkenen Mieten öffnen die Mitte für Billigheimer, die sich Ladenlokale in den Innenstadtlagen der Großstädte normalerweise nicht leisten können. Normalerweise – überall wo es große  Einkaufszentren gibt, nutzen  sie ihre Chance und drängen aus den Stadtteilzentren und Randlagen in die City. Essen-Mitte ist auf dem Weg zur Kik-Stadt. Alles, was nicht direkt an der Fußgängerzone liegt, ist eine kaufmännische Todeszone. Wenn die Mietverträge auslaufen, werden nicht wenige Händler aufgeben. Die beiden von mir beschrieben Galerien können sich dann noch nicht einmal für Ramscher öffnen, denn die bevorzugen natürlich die besseren Lagen mit hoher Publikumsfrequenz.

Bald eröffnet in Dortmund die Thier-Galerie – dann wird man wohl eine vergleichbare Entwicklung in der Dortmunder Innenstadt erleben. Der Bochumer Rat sollte mal in die Nachbarstädte fahren, bevor er den Bau einen ECE-Einkaufszentrums auf der Fläche des heutigen Landgerichts genehmigt. Das ist ein netter Blick in die Zukunft als Resterampe.

Aber was soll ein Rat machen? Im Ruhrgebiet hat ein Wettrüsten der Einkaufszentren begonnen. Recklinghausen, Bochum, Essen, Dortmund, Duisburg und viele weitere, kleinere Zentren in den Mittel- und Kleinstädten des Reviers ruinieren die Innenstädte – auch die der Kommunen, die sich dieser Entwicklung – noch – verweigern.

Hier ist die Landesregierung gefragt. Vor ein paar Jahren wurden von Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) Einkaufszentren auf der grünen Wiese verboten. Die Innenstädte sollten geschützt werden. Die Einkaufszentrenbetreiber haben reagiert und ziehen jetzt in die Innenstädte. Sie vernichten sie von innen. Die Landesregierung muss diese Entwicklung stoppen –  oder erklären, dass ihr die Zukunft der Innenstädte egal ist.

 

 

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50 Kommentare zu “Essen auf dem Weg zu Kik-Stadt

  • #1
    DAMerrick

    Eins verstehe ich nicht.
    Die Läden verschwinden ja nicht.

    So weit ich weiss wechseln sie in die Einkaufszentren. Es ist ja nicht so das die ganzen „höherwertigen“ Geschäfte aus der Stadt ziehen.

    Ich weiss das es früher mal so war das sich alle gewehrt hatten das Geschäfte in die Innenstädte dürfen. Nach einer Übergangszeit wo alle den Untergang heraufbeschworen haben, waren die Geschäfte in der Innenstadt und alle waren zufrieden.

    Jetzt ist es andersrum, die Geschäfte ziehen in die Einkaufszentren, wir haben wieder eine Übergangszeit die vielleicht auch 5 Jahre dauert aber in der Zeit werden sich die Innenstädte wandeln. Vielleicht werden aus den ehemealigen Geschäften Wohnungen.

    Ich weiss es nicht, ich weiss nur das sich die Gewichte zwar verlagern aber man nicht den absoluten Downfall prophezeihen muss.
    Das wurde immer wieder versucht, sei es bei Fabriken, der Robotik oder dem Computer. Und es ist nie eingetreten. Einfach weil die Menschen Wandel mit Untergang verwechselt haben.

    Und das Gleiche auch hier.

  • #2
    Rambo

    Obwohl ich sicherlich zu den schärferen Kritikern von Einkaufszentren und der ECE im besonderen gehöre, muss ich hier teilweise widersprechen. Theaterpassage und Lindengalerie waren immer schon Totgeburten, da beide gar keine Passagen sind, man also nicht von irgendwo nach irgendwo kommt. Zudem sind in beiden nur hochspezialisierte Nobelgeschäfte, die naturgegebenermaßen eher weniger Laufkundschaft anziehen und vermutlich von einem Käufer pro Woche, der ein Sofa für 20000 Euro ordert, überleben können. Unzweifelhaft dagegen ist, dass das Schicksal der Viehofer Str. durch den limbecker Platz endgültig besiegelt ist. Auf der Kettwiger sind – siehe C&A – leichte, aber noch nicht katastrophale Ausdünnungstendenzen zu verzeichnen. Der Prozess auf der Limbecker Straße scheint mir noch nicht abgeschlossen. Zwar sind da tatsächlich etliche Billigläden zu finden, noch prägen aber Zara, Müller, Grüterich, Goertz das Bild. Mango renoviert sogar gerade. Problematisch wird der Prozess, wenn im Limbecker Platz die ersten Geschäfte aufgeben – was zweifellos passieren wird – und dann ein Sog entsteht, dem die vorgenannten Läden nachgeben. Dann wird die Limbecker Straße innerhalb kurzer Zeit zur Ramschmeile werden.

  • #3
    Stefan Laurin Artikelautor

    @DAmerrik: Die Innenstadt war immer ein Ort de Handels. Das Zentrum fast jeder Stadt ist der Marktplatz. Es gab Proteste gegen Kaufhäuser – sie verdrängten den klassischen Händler, der oft auch Handwerker war (Schneider, Schuster, Hutmacher etc.) und boten vor allem industriell produzierte Ware. Die Kaufhäuser waren also auch ein Ausdruck veränderter Produktionsbedingungen – sie waren das Handelsäquivalent zur Fabrik. Sie machten auch die Innenstädte attraktiver und werteten sie als Einkaufsstandort weiter auf – auf Kosten der Stadtteilzentren. Das ging allerdings nur, weil die Mobilität gestiegen war: Man kam mit dem Bus oder der Tram schnell und immer preisgünstiger in die Mitte. Aber: Die Mitte blieb Mitte blieb Stadt blieb öffentlicher Raum. Das Einkaufszentrum ist etwas anderes: Es ist Innenstadtersatz. Es will nicht mit seinem Umfeld kommunizieren. reinfahren – parken – kaufen – was essen – ab in den Wagen und wieder weg. Das – legitime – Interesse der Shoppingcenterbetreiber ist, dass der Kunde sein Geld möglichst nur innerhalb des Centers ausgibt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Diese Folgen kann man wollen. Man kann sagen: Die alte europäische Stadt ist tot, wir bauen überall Center hin und für das was drumherum liegt, lassen wir uns irgendwann irgendwas einfallen. Man sollte aber nicht so tun, als ob ein Center einen Innenstadt aufwertet. Es killt sie. Und man sollte die Menschen entscheiden lassen, ob sie das wollen. Und zwar bevor so ein Citykiller gebaut wird.

  • #4
    Jan

    Der Limbecker Platz hat in der Essener Innenstadt einen beispiellosen Modernisierungsdruck ausgelöst. Direkt vor den Toren des LP hat Deichmann zeitgleich mit ECE die Abrissbirne geschwungen und parallel zum LP draußen seinen modernen Neubau eröffnet, die zweite Filiale zieht innerhalb des Bereichs Kettwiger Str. in einen gerade neben dem Münster entstehenden Neubau um. Das C&A-Gebäude steht deshalb leer, weil für den neuen Mieter ab Jahresende kernsaniert wird!
    Im City Center hat man sich denkbar dumm angestellt – für den Umbau zur Rathaus Galerie brauchte man viel Platz für seine Wanderbaustellen und hat seine Mieter vor die Tür gesetzt. Die standen jetzt vor der Wahl, den Betrieb mehrere Monate komplett einzustellen oder nahtlos durch Umzug in den Limbecker Platz oder die Innenstadt weiter zu verkaufen. Ein schlechteres Timing war kaum möglich! Die Wiedereröffnung fand mit gewaltigem Leerstand und einem DSDS-Frettchen vor 40 Zahnspangenträgerinnen statt. Wenig später wurde die Geschäftsführung entlassen – sie hinterließ einen Mietvertrag mit der Firma Adler und einen grandiosen Boden mit Essens größter überdachter Schneematschpfütze!

    Citystar kenne ich jetzt persönlich nicht, aber beim ersten Googeln hat mit textilwirtschaft.de beruhigt. Ein H&M-Zulieferer, der mit einer Migrantenzielgruppe selber mal sein Glück versucht, bedeutet nicht den Untergang der Innenstadt.
    Ebensowenig kenne ich 1982, aber schon EDEKA und NETTO beweisen, dass Mütter und Töchter sich nicht immer ähneln müssen! Ein Abweichen von den Takko-typischen Fachmärkten auf der Grünen Wiese macht schon Mut, dass es sich hierbei nicht nur um einen jungen Klon handelt.
    Weder Citystar noch 1982 werden die Limbecker in eine zweite Kö verwandeln, dafür ist das Potential auch zu begrenzt. Aber man muss schon vor dem Limbecker Platz sehr blind gewesen sein, um einige Ramschläden damals zu übersehen. Der LP war auch nie ein Mittel um die Nordstadt (inkl. Kopstadtplatz) wiederzubeleben – sie ist gleich tot. Ebensowenig taugt die „kaufmännische Todeszone“ in den Nebenstraßen für einen Vorher-Nachher-Vergleich, die blühte auch vor zehn Jahren nicht, auch wenn ich die jetzige Beschreibung etwas drastisch finde.
    Auch in der Theater-Passage oder der Lindengalerie drohte nie die Gefahr einer Massenpanik. Das war immer schon eine hochpreisige Nebenlage, in der wenig gebummelt wurde – die fuhr man eher zielgerichtet an. Da werden aber auch gewaltige Margen aufgeschlagen, die viele im Internetzeitalter nicht mehr zu zahlen bereit sind. Wer früher in der Lindengalerie eine exklusive Schreibtischlampe teuer kaufte, schaltet heute den Zwischenhändler aus und spart online dreistellig.

    Neu ist am Limbecker Platz (70.000m²) übrigens nur die halbe Verkaufsfläche (35.000m²), die andere Hälfte entspricht den abgerissenen früheren Gebäuden am Standort. Das eigentliche Problem ist wohl, dass dort jetzt etwas verkauft wird, was wirklich jemand haben möchte – das musste zu alten Karstadtzeiten ja niemand befürchten.
    Klar, das die Makler in den Fußgängerzonen nicht mehr Höchstpreise für angegammelte Bauten älteren Datums verlangen können. Früher waren die nämlich das, was unlängst zum Unwort des Jahres gewählt wurde: alternativlos.
    Mich würde eher mal interessieren, wie sich über die Jahr die Durchschnittspreise für die jeweils jüngsten 100.000m² entwickelt haben, vor dem Hintergrund der aktuellen Bautätigkeit dürfte das die interessantere Zahl sein.

  • #5
    Jan

    @Stefan Laurin
    Und man sollte auch nicht aus einem WAZ-Artikel herauskopieren, was gerade passt, und weglassen was der eigenen Darstellung des C&A-Hauses als Leerstand ungewisser Zukunft widerspricht. Derselbe WAZ-Artikel nennt nämlich schon laufende Bauarbeiten für Primark als Grund, warum das Haus derzeit geschlossen ist.

  • #6
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Der Limbecker Platz sollte durchaus den Norden der Essener Innenstadt revitalisieren. Das erklärte damals der Chef der damalige Essener Wirtschaftsförderung Georg Arens zumindest. Er sprach von der Re-Gentrification der Essener Nordstadt. Und so, als Revitalisierungsprogramm, wurde das Einkaufszentrum auch verkauft – wie überall und wie immer. Die sinkenden Margen der Makler sind mir ebenso egal wie die sinkenden Einnahmen der Vermieter. Die haben mit ihren Bruchbuden viele Jahrzehnte gut verdient, ohne viel zu investieren. Wenn das Geschäftsmodell jetzt nicht mehr klappt, haben sie Pech. So ist der Kapitalismus und so mag ich ihn :-).
    Was mir Sorgen bereitet ist, dass die billigeren Mieten die Ramscher anziehen. Mir hat mal MFI – ich weiß, andere Liga als ECE – erklärt, dass die durch ein Einkaufszentrum entstehenden Leerstände jungen Einzelhändlern mit innovativen Ideen Raum geben würden. Eine niedliche Vorstellung, die natürlich nicht stimmt. Es kommen die Billig-Ketten und nicht die jungen, wilden Einzelhändler. Ein weiteres Problem dass ich mit den Centern habe: Was wird mit den Kisten in dreissig/vierzig Jahren? Sie zerstören gewachsene Strukturen und werden, wie jedes Gebäude, als Ruine enden. Als Ruine in einer kaputten Innenstadt.
    Und natürlich geht es nicht nur um Essen. So ein Citykiller hat ja auch Auswirkungen auf das Umland. Fahren Sie doch mal nach Gladbeck. Oder Buer. Oder Gelsenkirchen-Mitte. Auch dort spürt man die Auswirkungen des Einkaufszentrumswettrüsten.
    Zu Pirmark: War ein Versehen, können sie jetzt glauben oder auch nicht.
    Wie gesagt, das kann man alles machen. Aber vorher sollte man die Bürger fragen, ob sie so eine Entwicklung für ihre Städte wollen oder nicht. In Bochum wurde über den Erhalt eines (!) Gymnasiums abgestimmt. Die Befragung über die künftige Struktur der Innenstadt halte ich für wichtiger. Davon ab: Mich würde mittlerweile mal interessieren wie Sie wirklich heissen. Mit offenen Karten zu spielen wäre nur fair.
    PS: Über die Frage des öffentlichen Raums haben wir noch gar nicht gesprochen. Aber auch dazu machen wir noch etwas. 🙂

  • #7
    Urmelinchen

    Darüber, dass Bochum sich noch einmal Gedanken über den Bau des ECE machen könnte und gar einen Besuch in die Nachbarstadt unternehmen wird, brauchen wir uns keine Gedanken machen. Das wird in Bochum nicht passieren, denn schließlich wird das ECE ja gaaaaaaaaaaaaaaaaanz anders werden, mit einem völlig anderen Konzept, so wie das „Musikzentrum“.

    PS: Wenn man mal einen Tag erwischt, an dem man die Gewissheit hat, von nichts und niemandem erschüttert zu werden, sollte man einen Ausflug ins Souterrain der Bochumer Stadtbadgalerie wagen. Gruuuuuuuselig! Leerstand.
    Ein Blick auf den Massenbergboulevard lässt den Grusel in Angst umschlagen: (=> Die Bochumer Stadtväter und -mütter glauben, wenn etwas Boulevard heißt, wird es gaaaaaaaaaaaaanz doll schick werden, und zwar ganz von alleine.) Handybilligläden usw. Gewachsener Einzelhandel sieht anders aus.

  • #8
    WWWollie

    Leider trifft der Artikel voll und ganz zu.
    Ich wohne seit meiner frühsten Jugend in der Essener City und mit meinen mittlerweilen 40 Lenzen habe ich die Haupeinkaufsstrassen noch nie so qualitativ und quantitativ schlecht gesehen. Ich behaupte das weitere Firmen, wie zB Ansons/P&C sich das auch nicht sehr lange anschauen.
    An sonnigen Wochenenden wird der Eindruck etwas geschönt. In der Woche jedoch sehe ich auf meinem Heimweg eine im Vergleich zu anderen Zeiten kaum belebte Innenstadt.
    Die Rathaus Galerie hat durch den Weggang des Saturn Marktes einen richtigen Tiefschlag bekommen. Da scheint auch ein, meiner Meinung nach, gelungener Umbau nicht geholfen zu haben.
    Ein bisschen Hoffnung bringt vielleicht der Neubau neben der Münsterkirche und ein evtl. neuer Mieter im ehemaligen C&A Gebäude. Jedenfalls wird dort gebaut. Gebaut wird ja auch dieses Hotel gegenüber dem Europahaus.
    Aber vielleicht täusche ich mich ja auch und alles wird gut!? 😉 Glück auf!

  • #9
    Bürokratenfeind

    1960 war ich mit meinem Vater in der Kettwigerstraße einkaufen, bevor wir eine Nachmitagsveranstaltung im Casanova, seinerzeit ein klassisches Variete, besuchten. Die Kettwiger war damals eine der „Prachtstraßen“ des Ruhrgebiets.
    Es gab Vollbeschäftigung. Der Bergbau, Krupp und andere zahlten gute Löhne.
    Es war Kaufkraft vorhanden. Wie sieht es damit heute aus? Steigt die Kaufkrauft wieder an, dass es sich lohnt ein Einkaufzentrum zu bauen? Ich glaube eher nicht. Hier wird Kaufkraft nur umgeschichtet. Kaufkraft bestimmt auch, mit welcher Ausstattung diese Zentren gebaut werden. Wenn ich die Ruhrgebiets-Einkaufzentren mit denen im anglo-amerikanischen Raum (z.B Vancouver, San Francisco, Edmonton, usw.) vergleiche, habe ich den Eindruck, dass im Ruhrgebiet immer eine Sparversion aufgelegt wird. Nach dem Motto, für die Gimpel im „Revier“ reicht es schon, wenn das Ding nur kräftig glänzt und abwaschbar ist. Die Laufwege sind schmal, eine Ruhezone ist oftmals gar nicht vorhanden, und die „Fresszonen“ haben Ballermann-Niveau (CentrO). Das schrecklichste dieser Art, das ich kenne, steht aber nicht im Ruhrgebiet, sondern in der „Metropole“ Chemnitz.

  • #10
    Locke

    Wenn man sich ansieht, was für seltsame Gestalten auf der Viehoferstrasse rumlungern, braucht man sich über die ganzen Ramschläden nicht zu wundern.

  • #11
    Scharlih Bo

    In Krefeld ist über die Jahre die gleiche Entwicklung wie in Essen zu beobachten. Wer etwas auf sich hält, lebt auf dem Land und kauft billig irgendwo auf der grünen Wiese ein (wofür haben die Deutschen denn ihr blechernes Fortbewegungsmittel?).

  • #12
    Arnold Voß

    @ Jan

    Mich würde auch schon interessieren wer sie wirklich sind, aber letztlich ist es mir – offen gesagt – egal, denn mir ist hier vor allem an einer verständlichen und zugleich qualifizierten Diskussion gelegen, zu der sie zweifellos beitragen. Leider halten viele andere, die das auch könnten, gerade im Ruhrgebiet selbst, öffentlich eher die Klappe. Aber das ist ein anderes Thema.

    Ich bin kein prinzipieller Gegner von Einkaufszentren und ich habe auch zum Limbecker Platz bislang keine eindeutige fachliche Position. Siehe : http://www.ruhrbarone.de/limbecker-platz-andere-zentren-werden-den-preis-zahlen/

    Ich sehe jedoch in Anbetracht der Gesamtlage der Region weitere Einkaufszentren, egal ob zentral oder dezentral angesiedelt, egal ob offen oder geschlossen gestaltet , als gefährlich für die hiesige (Innen)Stadtentwicklung an. Die Abwertungsprobleme die damit verbunden sind überwiegen nach meiner Einschätzung eindeutig die Aufwertungschancen.

    Die Frage ist allerdings was besser wäre. Da nur dagegen sein meistens nicht viel hilft, habe ich mich auch zu dieser Frage schon ausführlich zusammen mit drei anderen Fachleuten geäußert. In einem Büchlein mit dem Titel: Das CESA-Konzept – Centren-Entwicklung durch Standortallianzen. Zweifellos nicht der Stein der Weisen aber doch ein redlicher Versuch ein Antwort zu finden.

    Die ECE ist für mich auf dem Gebiet der Einkaufszentren, sofern man dieser überhaupt unter bestimmten regionalen Bedingungen für stadtentwicklunspolitisch sinnvoll erachtet, auch nicht mehr innovativ genug. Strategisch und taktisch mittlerweile zwar mit allen Wassern gewaschen aber städtebaulich und architektonisch eher bieder, ja langweilig, was natürlich auch am erfolgsträchtigen Grundkonzept eines Einkaufszentrums liegt, das im Interesse der Aktionäre offensichtlich auf keinen Fall geändert werden darf.

  • #13
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan @Arnold: Ich bin übrigens auch nicht prinzipiell gegen Einkaufszentren. In den A-Lagen wachsender Städte können sie die nötige Einzelhandelsfläche schaffen. In Frankfurt (Zeil) scheint das zu funktionieren. Nur im schrumpfenden Ruhrgebiet geht es nicht um die Verteilung von Zuwächsen. Hier geht es darum angesichts des demographischen Wandels und des wirtschaftlichen Niedergangs die Kerne der Innenstädte halbwegs attraktiv zu halten. Einkaufszentren binden Kaufkraft auf Kosten der anderen Lagen und beschleunigen so den Niedergang der Innenstädte, der Stadtteilzentren und der Nachbarstädte.

  • #14
    Erika

    Wer von der alterden Gesellschaft will sich noch über schmuddelige mit Kaugummie verklebte Wege begeben? Regen und Wind ausgesetzt sein?
    Lieber kurze Wege, Kaffee trinken und sehen, das will die neue Gesellschaft, nicht den alten Hauseigentümer die Taschen füllen. Warum auch, die haben sich lange gegen investitionen gewehrt, man denke nur an einer Überdachung..

  • #15
    Mous

    Duisburg machts richtig und baut diese Konsumtempel wenigstens in die Innenstadt direkt hinein – Ein Glück das Multicasa damals gestoppt wurde.

  • #16
    Bürokratenfeind

    „Lieber kurze Wege, Kaffee trinken und sehen, das will die neue Gesellschaft, nicht den alten Hauseigentümer die Taschen füllen. “

    „Nicht den alten Hauseigentümer die Taschen füllen“. Das ist nur ein Teilaspekt. Die Hausbesitzer waren und sind in vielen Fällen Pohlbürger, die ihre Einnahmen in Essen versteuern und den Überschuß dort auch ausgeben. An ihre Stelle treten Interessengruppen, deren Steuern nicht nach Essen fließen. Dadurch sinkt die Kaufkraft noch einmal.

  • #17
    Scharlih Bo

    „Lieber kurze Wege, Kaffee trinken und sehen, das will die neue Gesellschaft, nicht den alten Hauseigentümer die Taschen füllen.“

    Aber den konzernierten Beutelschneidern und Sklavenknechtern die Konten aufstocken, datt kommt mir auch ziemlich asozial vor, Erika, oder nicht?

  • #18
    Jan

    @Stefan, Arnold
    Ich hab auf Euren Wunsch ausnahmsweise mal eine aussagekräftigere E-Mail-Adresse hinterlegt, als Autoren können Sie das hoffentlich sehen. Öffentlich im Kommentarbereich beschränke ich mich aber wie alle anderen Nicht-Autoren unter diesem Artikel auf meinen Vornamen.

    Aber zur Sache:
    Was wäre das Alternativszenario zum Limbecker Platz gewesen? Vor dem Hintergrund der Pleite von SinnLeffers, vor dem Hintergrund, dass sich für Karstadt offenbar das Vollsortimentwarenhaus nicht mehr gelohnt hat? Heiße Nachfolgekandidaten für das SinnLeffers-Haus wären in jedem Fall auch C&A und Saturn gewesen – auch eine Aufteilung nach dem Vorbild des Boecker-Hauses zwischen den beiden wäre denkbar gewesen. Beide hatten gute Gründe, mit ihrer alten Situation unglücklich zu sein. Saturn am Ende einer Sackgasse des noch nie besonders lebhaften CityCenters – Saturn nutzte dem Citycenter, umgekehrt funktionierte das nie: wer bis in diesen entlegenen Winkel vorgedrungen war, hatte Saturn als Ziel immer fest im Kopf, Laufkundschaft des CC konnte man dort kaum abgreifen. C&A verfügte über viele übereinandergestapelte enge Einzeletagen – längst nicht mehr zeitgemäß. Nicht umsonst mutmaßt der besagte WAZ-Artikel übrigens auch, dass Primark die oberen Etagen des Essener Hauses als Deutschlandzentrale nutzen will.
    Addiert man hierzu ein Shop-in-Shop-Konzept im alten Karstadt nach Vorbild des RRZ, vielleicht sogar mit eigenen Eingängen, hätte sich auch hieraus ein gewaltiger Mietermagnet entwickelt – allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass die überregionale Auswirkung (Zentralitätskennziffer) so stark gewesen wäre. Die Weiterentwicklung Limbecker Platz Alt hätte auch weniger neue Anbieter nach Essen gelockt und somit weniger neuen Umsatz. Das große Stühlrücken wäre so oder so gekommen, aber ohne großes Aufbruchssignal, ohne das irgendwer verstanden hätte, dass Modernisierungen dringend notwendig sind. Unterm Strich wäre das Alternativszenario nicht besser.
    Möglicherweise hätte die Rathaus Galerie (30.000m²), die wahrscheinlich dann immer noch das alte CityCenter wäre, ohne 35.000m² Mehrfläche innerhalb der Innenstadt noch eine bessere Auslastung: aber ist eine verknappungsbedingte Kundenfrequenz wirklich ein Ausdruck der Wertschätzung für diesen künstlichen Standort? Der Brückenkaufpark Porscheplatz ist eine Kopfgeburt der 60er/70er Jahre, er hat keine über hundertjährige Einzelhandelstradition. Er sollte das Stirnrunzeln über einen entlegenen Rathausstandort abmildern – Geschäfte hatten die Aufgabe, dem Rathausbesucher vorzugaukeln, die Stadtverwaltung sei noch immer in zentraler Lage beheimatet.
    Teilöffentliche Planungen neigen dazu, solche Ergebnisse zu produzieren: politischer Wille macht gerne blind für harte Zahlen – auch die Stadtbadgalerie Bochum reiht sich da ein, oder das Gildehofcenter in Essen. Öffnet sich die städtische Schatulle nur einen Spalt breit, wittern Investoren ein Geschäft, bei dem auch ein Flop sie noch in die Gewinnzone bringt.

    Und außerhalb des Paralleluniversums, in dem der Limbecker Platz nie gebaut wurde: wo ist die Grenze zwischen gut und böse? zwischen Killer und Gekilltem?
    Der moralische Unterschied zwischen ECE und Credit Suisse, mittlerweile Eigner der Rathaus Galerie – innerstädtische Einkaufszentren betreiben sie beide. Ich bin leider zu jung, um die frühen Auswirkungen des City Centers auf das Umfeld zu beurteilen – aber nimmt ein gekillter Killer eine lupenreine Opferrolle ein?

    Vor allem aber sind die eigentlichen Einflussfaktoren unsichtbar, die Einkaufsstadt hat sich eben nicht nur da verändert, wo die Bagger rollten und sich die Kräne drehten – man kauft heute anders. Boecker war lange als generationenübergreifendes Familienkaufhaus erfolgreich, aber schon vor zwanzig Jahren hörten die Jungen auf, dort einzukaufen, wo ihre Eltern sich einkleideten, auch wenn es dort eine „junge Ecke“ gab. Statt der Zielgruppe „FÜR ALLE“ entstand die Generation H&M und immer mehr Teilzielgruppen wurden von spezialisierten Einzelhändlern bedient – gerade im Textilbereich brach eine ganze Gattung von Händlern weg, Boecker war zweimal insolvent, bei der zweiten Sanierung wurde der Standort Essen geschlossen. Vor dem Hintergrund sind auch die Karstadtkrisen zu verstehen. Das Ergebnis sind die aufgeteilten Häuser, meist mit einem Fitnessstudio im Obergeschoss, die sich in vielen Innenstädten finden – diverse Bautätigkeiten vollziehen nur noch einen Wandel, der längst da ist. Und entscheidender ist der Wandel.

    An dem Artikel kritisiere ich, dass er eine zu einfache und zu eindeutige Schwarz-Weiß-Antwort gibt. Und die Primark-Nachnutzung des C&A-Hauses ist nur ein Beispiel einer Grauzonentatsache – in diesem Fall aber eine, bei der klar war, dass sie Ihnen hätte bekannt seinen müssen. Ich habe mein Erlebnis von der „feierlichen“ Wiedereröffnung der Rathaus Galerie auch nicht verschwiegen – und das, obwohl mir niemand hier nachweisen kann, dass ich da war.

  • #19
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Das Kernproblem ist die Größe des Centers und die Ausweitung der Handelsfläche in einer Region die tendenziell deutlich schrumpft, sind die Auswirkungen auf die Nachbarstädte und die Stadtteilzentren. Das Problem ist das Einkaufszentrenwettrüsten. Vernünftig wären statt einem großen Zentrum mehrere kleine verteilt auf die Innenstadt gewesen. Oder Umbauten im Bestand. Ein BID hätte aufgebaut werden können. So hätte die Innenstadt attraktive werden können. Jetzt verliert sie als ganzes an Attraktivität. Das City-Center ist mir egal – ich erwähne es nur, weil die Stadt Essen es vor Jahren als Beispiel für die positiven Auswirkungen des Limbecker Platzes genannt hat: Jetzt wo ECE kommt wird auch im City Center investiert und es wird eine neue Blüte erleben hieß es. Das ist ja nun nicht eingetreten. Was auch nicht eingetreten ist ist die Aufwertung der Innenstadt. Ausserhalb des Limbecker Platzes geht es bergab. Dass das Center selbst funktioniert ist keine Überraschung: ECE versteht ihr Geschäft. Marktführer wird man nicht umsonst. Klar ist aber auch: In wenigen Jahren wird sich Essen sehr darum bemühen müssen, seine Innenstadt zu retten. Zu den Bausünden Rathaus-Abriss, City-Center hat sich eine neue gesellt: der Limbecker Platz. Ich hab mal einen ECE-Mann gefragt, wie viele Center des Ruhrgebiet verträgt. Er gab keine Antwort. Aber eines ist doch auch klar: ECE hat kein Interesse an einer Intakten Innenstadt – das ist PR-Getöse. ECE hat ein Interesse an einem intakten Center. Und das ist legitim. Alles andere ist doch Kitsch. Ich will nur dass die Leute sich klar machen was aus ihrer Innenstadt wird, wenn so ein Center kommt. Und was aus den Zentren im Ruhrgebiet wird, wenn viele kommen. Ich möchte, dass man sich Gedanken macht, in was für einer Stadt man leben will. Und auch mal regional denkt. Entscheiden sich die Leute für die Centren und gegen das traditionelle Konzept von Stadt – alles ok. Das ist ihr Recht. Ich bin kein „Wutbürger“ der nicht mir Veränderungen leben kann. Wenn es mir nicht mehr gefällt, zieh ich einfach weg. Bochum ist die vierte Stadt in der ich lebe. Es können gerne noch ein paar dazukommen.

  • #20
    Claudia

    Lieber Stefan, es wäre schön, wenn Du die Berichterstattung ein wenig objektivieren könntest, z.B. indem Du die einzelhandelsrelevanten Kennziffern heranziehst (wie Zentralitätskennziffer, Filialisierungsgrad etc.). Noch schöner wäre es, wenn Du die Quelle richtig nennen würdest. Auch wenn wir uns länger nicht gesprochen haben: Ich arbeite nach wie vor bei der EWG – Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH – und nicht bei der wmr! Herzliche Grüße, Claudia

  • #21
    Stefan Laurin Artikelautor

    Liebe Claudia,
    sorry für den Tippfehler – ich habe ihn schon korrigiert. Der Zentralisierungsgrad etc. ist für die Geschichte nicht wirklich wichtig. Das Essen insgesamt als Standort durch den Limbecker Platz gewonnen hat, würde ich nie bezweifeln. Nur zeigt einem ein Gang durch die Essener Innenstadt (und die Nachbarstädte wie Gladbeck) auf wessen Kosten das geschehen ist. Das ist ja das bedauerliche an der ganzen Sache.
    Viele Grüße,
    Stefan

  • #22
    Jan

    @Stefan
    Auch wenn Sie nicht darauf eingegangen sind, aber offenbar das Szenario „Kein neuer Limbecker Platz, Sog ins SinnLeffers-Haus, Shop-in-Shop im alten Karstadt“ nicht das gleiche Empörungspotential, obwohl die Auswirkungen für den Rest der Innenstadt die gleichen gewesen wären.
    BIDs sehe ich recht kritisch, in der Hamburger Variante können bis zu 33% in NRW bis zu 25% der Mitglieder zwangsrekrutiert werden. Unterm Strich werden bei BIDs städtische Aufgaben auf die Grundstückseigentümer abgewälzt, die Einkaufsstraße wird auch auf Kosten der Eigentümer aufgehübschst, die gar kein Ladenlokal zur Vermietung haben. Die Fußgängerzone wird zum virtuellen Einkaufszentrum – zentral gemanagt, aber ohne Hausrecht.

    Natürlich ist ECE auch an einem funktionierenden Umfeld interessiert. Eine isolierte Verkaufsfläche von 70.000m² (ein Achtel unter dem CentrO) kann ohne eine neu geschaffenes Umfeld wie in Oberhausen (Promenade, Kino, Musicaltheater, angrenzende Gewerbeansiedlungen) wenig reißen. Als Teil eines größeren Standortes mit rund 230.000m² (?) Verkaufsfläche profitiert der Limbecker Platz davon, dass die Auswahl in fußläufiger Entfernung größer ist, als das gemäß eigenem Platzangebot selbst bei optimalem Branchenmix möglich wäre.

    Und natürlich bedeutet Einkaufsstadt auch, dass Waren sogar an Bürger benachbarter Städte verkauft werden – unter Umständen sogar solche Waren, die in der Heimatstadt theoretisch erhältlich wären. Und das war auch schon zu einer Zeit so, als die Ruhrgebietsstädte noch wuchsen.

  • #23
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Das ist doch jetzt wirklich PR. Das Ziel jedes EKZ-Betreibers ist es, die Käufer möglichst lange in seinen Räume zu halten und dort die Kaufkraft abzuschöpfen. Dass war auf der Grünen Wieso so und das ist jetzt in den Innenstadt-EKZs auch so. Das Umfeld ist sekundär. Die BIDs sind die einzige Möglichkeit, in den Innenstädten etwas zu schaffen, was mit den EKZs zumindest teilweise gleichziehen kann. Und ja, die Fußgängerzone wird bei diesem Modell zu einem virtuellen EKZ ohne Hausrecht – sie bleibt nämlich öffentlicher Raum. Aber mal eine Frage: Wie viele EKZs verträgt denn ihrer Ansicht nach das Ruhrgebiet so?

  • #24
    Jan

    @Stefan
    Jeder Vermieter von Ladenlokalen freut sich, wenn bei seinen Mietern die Umsätze stimmen – ist so etwas verwerflich? Aber keiner profitiert, wenn das gesamte Umfeld in Trümmern liegt – dafür kann man von dessen Lockpotential zuviel abgreifen.

    Eine ruhrgebietsweite Stadtplanung wird es erst dann geben, wenn auch die Gewerbesteuer in ein zentrales Stadtsäckel fließt. Linke Tasche, rechte Tasche ist erst dann ein Problem, wenn sich die Taschen an derselben Jacke befinden.

    Es geht aber nicht um die Frage, wieviele EKZ sollen es denn sein, sondern unterm Strich für wieviele Standorte, für wieviele Ober-, Mittel-, Unterzentren ist Platz. Und einen Standort definiere ich jetzt mal als alles, was sich von einem Parkplatz aus fußläufig erreichen lässt: das ist bei der Essener Innenstadt inkl. des LP der Fall, in OB gilt das nur für die Warengruppe Wanderbedarf.

  • #25
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Nö. Das sehe ich etwas anders. Zum Teil: Ja, es gibt zu viele Stadtzentren und sie sind nicht leistungsfähig. Da macht, wie in den großen, aber schrumpfenden Städten, Rückbau Sinn. Aber ich will, da wo es noch geht, lebendige Innenstädte und nicht ein bisschen Kram um ein EKZ. Also müssen diese begrenzt werden. Im übrigen nicht durch die Städte sondern durch das Land. Die Städte sind im Augenblick in einer fatalen Spirale, aus der sie nicht die Kraft haben werden, auszusteigen. Das klassische Gefangenendilemma. Das Land muss seine Entwicklungsplanung ändern und den Bau der innerstädtischen EKZs ebenso untersagen oder begrenzen wie es das unter Thoben bei den EKZs auf der grünen Wiese gemacht hat. Und kommen Sie mir bitte nicht mit Moral: Ich habe nichts dagegen, wenn Unternehmen Gewinne machen. Aber ich habe etwas dagegen, wenn dabei gewachsene Strukturen unwiderruflich vernichtet werden und sich ein Monopol oder Duopol aus ECE und mfi bei attraktiven Lagen herausbildet, weil sie mit ihren EKZs alle anderen Lagen entwerten. Einen Wettbewerb der Vermieter um Mieter finde ich ganz attraktiv.

  • #26
    Arnold Voß

    @ Jan

    „…offenbar (hat) das Szenario “Kein neuer Limbecker Platz, Sog ins SinnLeffers-Haus, Shop-in-Shop im alten Karstadt” nicht das gleiche Empörungspotential, obwohl die Auswirkungen für den Rest der Innenstadt die gleichen gewesen wären.“

    Mag sein, dass sie das EKZ Limbeckerplatz als schön empfinden. Für mich ist es dagegen außen eine Lachnummer (MM würde sich im Grabe umdrehen) und innen sehr sehr langweilig. Nichts, was man nicht schon in einem anderen Einkaufszentrum dieser Art gesehen hätte. Alles in allem ein architektonischer und städtebauliche Dünnschiss im Vergleich zum alten Karstadt-Gebäude. Sorry.

    Warum lässt ECE nicht mal Frank O. Ghery ein EKZ bauen? KLar, würde zuviel kosten und das bisherige Konzept sprengen. Aber ECE hätte genug Reserven um sich diesen oder einen ähnlich Architekten zu gönnen und wenigstens einmal zu beweisen, dass ihr auch an architektonischer Innovation und an der Stadt gelegen ist, in der sie investieren.

    Aber das interessiert die Verantwortlichen dort einen feuchten Keks. Egal was sie hier noch an guten Gründen für deren o815 Investments hier vorbringen. Fahren sie mal nach Maastricht. Da können sie sehen, was architektonisch und städtebaulich als EKZ möglich ist, wenn man nicht nur nach Schema-F konzipiert und nach den höchsten Gewinnraten schielt. Die machen da übrigens auch prima Umsätze und das ganze rechnet sich nicht nur für die Investoren sondern auch für die ganze Stadt.

  • #27
    Bürokratenfeind

    # 26 Arnold Voss

    Ja, die Niederländer bauten schon in den 1980er Jahren anständige Wirtschaftsgebäude, als bei uns in den Gewerbegebieten rechteckige „Kartoffelkisten“ noch Mode waren.

  • #28
    Bürokratenfeind

    Mein persönlicher Favourit ist das Stary Browar in Posen, Polen.
    Das Stary Browar ist eine alte Brauerei, die mit großen Aufwand in ein Einkaufszentrum umgebaut wurde. Kunstaustellungen sowie Konzerte, Theateraufführungen und Open-air Festivals im Kunsthof machen die Besonderheit dieses Einkaufszentrum aus. Es hat eine beispielgebende Konzeption.
    Daran sollten sich die Essener, Dortmunder oder Duisburger orientieren.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Stary_Browar

  • #29
    Jan

    @Stefan
    Im Moment ist es durchaus möglich, innerhalb einer bestehenden Zentrenstruktur, die Zentren weiter zu entwickeln – da sind Einkaufszentren eins von vielen Instrumenten. Es ist aber auch nicht Aufgabe einer Stadtverwaltung, planwirtschaftlich zu entscheiden, wer in einer Innenstadt Ladenlokale 1. haben und 2. vermieten darf.
    So kritisch ich die BIDs sehe: aber, wollen die Grundstückseigner so etwas? Eine echte 75%ige Begeisterung wäre ja noch was – aber meist sind es nur 75% Widerspruchsfaulheit mit teuren Konsequenzen. Trotzdem schließt ein Limbecker Platz auch eine BID Kettwiger nicht aus, sie ist nicht wahrscheinlicher und nicht unwahrscheinlicher geworden. Als klassische Einkaufsstraße mit großen Modekaufhäusern (Anson’s, P&C, Appelrath Cüpper) konnte und kann immer noch das Profil geschärft werden – so etwas sollte aber von denen ausgehen, die es am Ende bezahlen sollen.

    @Arnold
    Ein Gehry-EKZ wäre ein Vielfaches teurer, müsste bei gleicher Rendite ein Vielfaches an Miete verlangen und bräuchte dafür Mieter, die ein Vielfaches an Umsatz machen. Essen hat aber nicht ein Vielfaches seiner Kaufkraft.
    Nette Idee, aber nicht umsetzbar.
    Beim Limbecker Platz hat die sehr gewöhnungsbedürftige Grundstücksform die Form des Gebäudes diktiert – die Außenverkleidung hat funktionale Gründe (Parkhausklima im Sommer). Man kann sicherlich darüber streiten, aber eine Posener Klinkermall wäre sicherlich nicht die bessere Fassadenalternative gewesen, auch für die dortigen gesellschaftlichen Räumlichkeiten war in Essen schlichtweg kein Platz.

  • #30
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Nein, es schließt sich aus. Noch mehr Zentren verkraften die Städte im Ruhrgebiet nicht. Und mit Planwirtschaft hat Stadtplanung wenig zu tun. Es geht in dem Fall eher darum, Monopolstrukturen zu verhindern, denn die sind das Ende jeder Marktwirtschaft. Das sah auch Friedman so, dem man kaum als Anhänger der Planwirtschaft bezeichnen kann. Und es ist allemal Aufgabe der Verwaltung eine Stadt zu entscheiden, wo intensiver Handel stattfinden kann und wo nicht. Und in welchen Maßstab das geschehen soll. In den eher schwachen Einkaufsstädten des Ruhrgebiets mit ihren sinkenden Kaufkraft sind Einkaufszentren Citykiller und keine weitere Entwicklung der innerstädtischen Zentren. In bestimmten Lagen Frankfurts oder Münchens sieht das schon ganz anders aus – aber in dieser Liga spielen die Ruhrgebietsstädte nicht.

  • #31
    Arnold Voß

    @ Jan

    Nach ihren Prinzipien dürfte Ghery nirgendwo für private Investoren bauen. Tut er aber. Ehe sie ein EKZ von Frank Ghery für völlig unmöglich halten, sollte z.B. die ECE, für die sie hier offensichtlich und durchgängig Partei ergreifen, erst mal bei ihm nachfragen. Antworten wird er auf jeden Fall.

    Und was die in Essen und im Ruhrgebiet dafür ausreichende Kaufkraft betrifft, haben sie sich doch bislang auch keine Sorgen gemacht. Könnte doch sein, dass ein F.Ghery EKZ auch ein vielfaches an Kunden anzieht, und das nicht nur aus der Region.

    Sie plappern hier immer mehr wie ein ganz gewöhnlicher Lobbyist, Jan. Schade, denn das ist unter ihrem Niveau.

  • #32
    Jan

    @Stefan
    Der Monopolvorwurf ist natürlich schnell bei der Hand. Aber dann muss man fragen, welche Anteil woran man jemandem zugesteht, ohne dass dieser als Monopolist gilt.
    Klar ist ECE mit dem Limbecker Platz nach Quadratmetern größter Anbieter von Einzelhandelsflächen in der Innenstadt (der Eigentumsanteil von ECE ist aber nur ein Bruchteil), mit Credit Suisse ist der nächstgrößte Mitbewerber halb so groß, und die ganzen kleineren Anbietern sind zusammen größer als beide zusammen! In Bochum und Duisburg kann man sicher diskutieren, ob CityPoint und Drehscheibe wirklich noch in der Hand von ECE bleiben sollten, wenn ECE nebenan neu baut, und ob MulitDevelopment wirklich noch eine Königsgalerie neben dem Forum besitzen sollte.
    Das sind aber ehe kartellrechtliche Fragen, bei denen unter Umständen noch Regelungsbedarf besteht. Bei einer ruhrgebietsweiten Betrachtung (ggf. unterteilt nach Ober-, Mittel-, Unterzentren) sieht das unterm Strich dann aber auch ganz anders aus …

    @Arnold
    Ich weiß leider nicht mehr, ob es damals einen Architektur-Wettbewerb gab. Natürlich habe ich nicht das Recht, ein Gehry-Verbot auszurufen – habe ich auch nicht getan. Aber ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn ECE nicht einen der teuersten engagiert.
    Natürlich baut Gehry auch für private, aber in der Regel steht der Repräsentationsfaktor dann auch sehr weit im Vordergrund. Wer Gehry engagiert, will die Nummer 1 Landmarke seiner Stadt erschaffen – so etwas kann man natürlich von jedem Bauherrn fordern, aber das sprengt meist dann doch die meisten Kalkulationen.
    Ich wüsste auch mal gerne, ab welchem Preis man sich weltweit am günstigsten bei Gehry einmieten kann – und damit meine ich nicht Museums- oder Bahnhofskioske, sondern wirklich privatfinanzierte Projekte, die sich komplett durch die Vermietung der gesamten Fläche tragen müssen …

    Ansonsten bestreite ich, dass ein Argument gegen einen Gehry-Mindeststandard für Architektur mich automatisch zum Lobbyisten macht.

  • #33
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Jan: Ich meine nicht ein Monopol mit Blick auf die Gesamtflächen sondern ein Monopol auf die Top-Lage. Auch durch die Abwertung des Umfelds reduzieren sich die Lagen, mit denen ein Center im Wettbewerb stehen könnte. Das führt dann zu einer nicht unerheblichen Wettbewerbsverzerrung.

  • #34
    Andreas Lichte

    @ Stefan Laurin

    sehr guter Artikel !

    „CityKiller“ braucht wirklich keiner.

  • #35
    Andreas Lichte

    @ Arnold Voß

    ob Gehry die Blümchen-Tapete auf den Monopolisten-Bunker der ECE klebt, macht doch nicht den Unterschied, oder?

  • #36
    Arnold Voß

    @ Jan

    „Nette Idee, aber nicht umsetzbar.“

    So antworten Presseprecher die amüsant wirken wollen, Jan. Korrekt könnte eine solche Antwort aber nur der geschäftsführende Vorstand geben. Wobei er nicht mal die Wahrheit sagen müsste. Sie verstehen was ich meine?

  • #37
    Arnold Voss

    @ Andreas Lichte

    Architektur mach schon einen Unterschied, Andreas. Im Falle Gherys wäre der Bau mit Sicherheit kein „Monopolisten Bunker“ mehr. Deswegen könnte ein mutiger Investor sich damit auch einen weltweiten Alleinstellungsfaktor verschaffen. Aber ECE ist alles andere als ein mutiger, sprich innovativer Investor.

    Aber es muss eben gar nicht unbedingt ein sogenannter Superstar als superteurer Gestalter sein. In Maastricht z.B. hat ein junges und kreatives Architektenbüro zusammen mit einem kreativen Investor gezeigt, dass ein Einkaufszentren keineswegs so aussehen muss wie ein Einkaufszentrum. Und zwar weil es die Politiker dort so wollten. Solche Leute könnte auch ECE locker bezahlen und die Mieten blieben trotzdem im erschwinglichen Bereich.

  • #38
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Arnold: Würde bessere Architektur, offenere Konzepte, etwas an den strukturellen Problemen ändern, die mit einem solchen Center verbunden sind?

  • #39
    Andreas Lichte

    @ Arnold Voss #37

    Stefan Laurin hat schon für mich geantwortet, siehe Kommentar #38

    Danke !

  • #40
    Arnold Voss

    Was die Wirkung auf das städtische und regionale Umfeld betrifft, insbesondere wenn es nicht boomt sondern schrumpft, wohl nicht. Was das Gebäude bzw. das Ensemble betrifft schon.

    Wenn allerdings wirklich Frank O. Ghery oder ein ähnliches Kaliber antreten würde, dann würde der zusätzliche Besucherstrom wohlmögich sogar die Umkehr, zumindest aber das Aufhalten eines innerstädtischen Schrumpfungspozesses bewirken können. Sicher kann das allerdings niemand vorhersagen.

  • #41
    Detlev Winkler

    Interessante Diskussion, dazu mal einen Aspekt noch vorweg. Grundsätzlich gilt bei Einkaufszentren erst mal der Satz „form follows funktion“, da unterscheidet sich auch ein schottisches, spanisches oder kanadisches Center von seiner inneren Funktionalität kaum von einem seiner hiesigen Geschwister. Ob Kirmesarchitektur drum rum, wie sie von Herrn Gehry für viel Geld gerne und weitgehend beliebig allerorten aufgestellt wird, daran rütteln kann, das glaub ich nicht so recht. Schlichte Fassadenwettbewerbe werden heute in aller Regel gemacht, soweit ich weiß in Essen auch trotz des eher dürftigen Ergebnisses.
    In der Innenstadt findet man im Gegensatz zur grünen Wiese vorteilhafterweise gelegentlich städtebauliche Strukturen, die eine Anpassung des beabsichtigten Centers nötig machen.
    Oder es gibt sie auch nicht oder man will gar keine Rücksichtnahme.
    Es kommt also darauf an, wo und wie und mit welchen Bezügen zum Rest so ein Apparatismus in die jeweilige Innenstadt eingebaut wird, das kann man besser oder schlechter machen.
    Mfi z. B. mit dem Forum in Duisburg und satten 57.00m² gilt ja als durchaus gelungen, was die Integration in sein Umfeld angeht.
    Am Limbecker Platz war dagegen eher tabula rasa angesagt, besonders beim geopferten alten Karstadt mit seiner klassischen Warenhausfassade. Passt nicht ins Konzept, Erhalt zu teuer. Da brauchte man sich anschließend an nichts mehr ein- und anfügen. Dann gibt es eben fff in Reinkultur: Man berauscht sich an der schieren Größe, außen wird ein Blechkleid drangeschraubt und als Sensation gefeiert, drinnen gibt es dann Plazas die Rom, London, Ruhrgebiet oder sonst wie heißen. LP ist halt, so meine Meinung, eher schlecht gemacht.
    Auf ECE mit der Thier-Galerie und 35.000m² in Dortmund – übrigens auch ein ehemaliger Brauereistandort -bin ich mal gespannt. Weniger auf die Geschäfte, die werden sich kaum von anderen Centern dieser Liga unterscheiden. Aber wie das Gebilde sich in Echt in seine Umgebung einfügt. Das es Impulse auslöst kann man am Westenhellweg heute besichtigen. Nicht nur einzelne Immobilien werden saniert / neu errichtet, die unmittelbar benachbarten Ruhr-Nachrichten ordnen beispielweise ihr bislang ziemlich desolates Umfeld komplett neu.
    In Dortmund war es nur überaus schade und dann auch schon wieder fast absurd, dass die lebendige Club-Szene, die sich in den baulichen Anlagen der ehemaligen Brauerei angesie-delt hatte, alternativlos weichen musste, während 300m weiter Millionen für einen Impuls zur Neuschaffung eines „Kreativquartiers“ verbuddelt wurden.
    Trotzdem: Das ein Oberzentrum mit der Funktion von Essen, Dortmund, Duisburg und ich meine auch Bochum ein Center haben sollte, steht für mich außer Frage. Es gibt halt ein Klientel, das dort vorzugsweise gern einkauft und ein Center gehört 2011 eben zu den Angeboten, die man als Einzelhandelsstandort der 1. bis 2. Kategorie parat haben sollte. Idealerweise ein halbwegs gut gemachtes. Umgekehrt kommt kein Besucher mehr in eine Einkaufsstadt, weil dort ein solches Zentrum fehlt.
    Wer also noch keins hat, hat in der eben in dieser Hinsicht schlicht und ergreifend Nachholebedarf.
    PS:
    Und jetzt schon die möglichen Einzelhandelsbrachen von 2030 zu beklagen scheint mir auch etwas weit hergeholt. Im Zweifelsfall haben „wir hier im Revier“ doch Erfahrung damit, zum Thema aufgegebene Standorte fällt uns dann schon was ein (=> z. B. Themenroute Einkaufskultur der Jahrtausendwende :-)).

  • #42
    crusius

    Als die Planungen für den Limbecker Platz fünf Jahren angekündigt wurden, sprach man von 50.000 Besuchern pro Tag (!) [1]. Eine Passantenzählung an vier Wintersamstagen des Jahres 2010 ergab einen – statistisch wohl nicht validen – Schnitt von 7.665 fußläufigen Besuchern des Zentrums [2]. Mir fehlt die Erfahrung, um abzuleiten, was das für die Gesamtfrequenz des Einkaufszentrums heißt. Aber selbst mit den Grundrechenarten und ein bißchen gesundem Menschenverstand dürfte feststehen, daß diese blumigen Versprechungen nicht eingelöst worden sind.

    Zur architektonischen Qualität: Ja, es gab einen Fassadenwettbewerb [3]. Ich kann es mir nicht verkneifen, die „Baubeschreibung“ der Architekten zu zitieren:

    „Die Fassade besteht aus zwei Schichten: Eine geschlossene Haut aus reinweißen Aluminiumelementen schwebt über einer transparenten, gläsernen Basis. Der untere Abschluss wird durch eine sanfte Schwingbewegung gebildet, die sich wie ein Kleid dort hebt, wo funktional wesentliche Akzente zu setzen sind. Ihre Amplitude passt sich der städtebaulichen Umgebung an und wird somit den unterschiedlichen Wahrnehmungen eines Autofahrers bzw. eine flanierenden Fußgängers gerecht. Farbe und Material bleiben unverändert. Funktional bedingte runde Perforationen öffnen die äußere Haut zu einem Drittel. An den Haupteingängen zum Limbecker und Berliner Platz verlässt die Fassade ihre horizontale Spur. Die Taille bleibt, der Saum stellt sich auf. Diese expressive Verformung markiert die Zugänge in der Gebäudeflucht und bildet auf selbstverständliche Art ein Vordach. Kreisförmige Pailletten verdichten sich auf der Fassade an den Eingängen. Tagsüber reflektieren sie den Himmel, nachts wird ihr farbiges Lichtspiel zu einer romantischen Inszenierung.”

    Meine wirklich rein private und durch keinerlei Fachkenntnis getrübte Meinung ist, daß Architekten, die an einem Fassadenwettbewerb teilnehmen, von vornherein ihren Beruf verfehlt haben: Einer Einkaufsmaschine ein Kleid überzuwerfen, halte ich grundsätzlich – selbst wenn es mit Pailletten bestickt ist. Mich erinnern die Dinger eher an Furunkel.

    [1] http://www.skyscrapercity.com/showthread.php?t=202569
    [2] http://www.standortsuchlisten.de/news/GE782_Passantenz%C3%A4hlung+in+Essen.aspx
    [3] http://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen_Fassadenwettbewerb_fuer_Warenhaus_in_Essen_entschieden_19829.html?backurl=http%3A%2F%2Fwww.baunetz.de%2Fmeldungen%2Findex.html&action=kommentieren

  • #43
    crusius

    „halte ich grundsätzlich für das ungeeignete Mittel“ – zu viel gestrichen…

  • #44
    Jan

    OK, dann gab es offenbar einen reinen Fassadenwettbewerb. Verständlich insofern, als das sehr begrenzte Grundstück nur wenig Spielraum bot. Mich würden aber durchaus die übrigen Beiträge des Wettbewerbs und die Jury-Besetzung interessieren.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein unterm Strich massiv anderer Grundriss es ermöglicht hätte, die gleiche Verkaufsfläche (+ Logistikbereiche) und die gleiche Anzahl Parkplätze im Limbecker Platz unterzubringen, ohne nach oben (Gesamthöhe war wahrscheinlich von der Stadt vorgegeben) oder nach unten (deutlich höhere Kosten und längere Bauzeit durch zusätzliche Kosten) auszuweichen.

  • #45
    Benjamin

    Ich halte die Darstellung für vollkommen überzogen und falsch.
    Wie schon von vielen vorher beschrieben sind die genannten Passagen seit je her nicht hochfrequentiert.
    Da ich selbst in der Essener City wohne und täglich die Kettwiger Straße bis zum Hauptbahnhof entlang gehe kann ich sagen, dass die Stadt Tag für Tag voll ist. Generell ist das Konzept der Malls mit Sicherheit fraglich, aber Essen macht das ganze eigentlich recht geschickt. Die meisten Besucher werden vom Hauptbahnhof, über die Kettwiger Straße bis hin zum Limbecker Platz geleitet und gehen von dort aus wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Wer sich in der Essener City bewegt, der macht also keinen Rundlauf, sondern geht von A nach B und den selben Weg wieder von B nach A zurück. Das Ergebnis ist eine höhere Frequentierung für alle Geschäfte. Das in den Auslegern dieser Achse die Mietpreise und damit auch die Geschäftsqualität sinken ist schlichtweg normal und kann auch nicht anders bewerkstelligt werden.
    Wer sich auch die heutige Eröffnung von 1982 angeschaut hat, der wird gesehen haben, dass es ähnlich wie bei Citystar ein angenehmes Geschäft ist, dass nichts mit Ramschläden zu tun hat.

    Also mein lieber Stefan Laurin, erstmal ein bisschen Städtebau lernen und nicht alles sofort schlecht reden. Alleine an den Reaktionen hier müsste dir auffallen, dass der Artikel doch mehr als fraglich ist.

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