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Grüne im Glück

In einer Forsa-Umfrage sind Grüne und SPD gleich auf. Grüns kann sich freuen – für die SPD ist das eine Katastrophe.

Es ist eine Momentaufnahme, aber sie hat mehr als Symbolgehalt: SPD und Grüne liegen in einer Forsa-Umfrage beide bei 24 Prozent.   In Berlin überlegt sich Renate Künast (Grüne) als OB-Kandidatin gegen Wowereit (SPD) anzutreten und auch in Baden-Würtemberg scheint ein Grüner Ministerpräsident nicht mehr ganz ausgeschlossen zu sein.

Fast jede vierte Stimme für die Grünen – das zeigt, wie gering in dieser Gesellschaft der Zusammenhalt geworden ist. Die unterschiedlichen Fraktionen dieser Gesellschaft haben immer weniger miteinander zu tun, fühlen sich immer weniger füreinander verantwortlich und haben immer weniger Berührungspunkte. Und wenn man ehrlich ist: Anders will man es ja auch gar nicht mehr haben.

Die Grünen sind die Partei für Leute, die wenig Probleme haben und sich Sorgen machen können über abstrakte Fragen. Grünen Wähler verdienen gut und wenn nicht, werden sie es irgendwann wahrscheinlich tun. Oder es ist ihnen nicht so wichtig. Postmaterialisten eben. Man ist links oder war es und schätzt am Linkssein den Lifestyleaspekt. Damit wir uns nicht falsch verstehen:  Auch das sehe ich nicht als verwerflich an. Lifestyle, die Definition seiner selbst über Produkte, ist eine gute kapitalistische Errungenschaft. Wenn es einem besser geht, weil man ein Bio-Würstchen gekauft hat, ist das eine feine Sache. Hauptsache es wirkt. Nur klar ist: Postmaterialismus muss man sich leisten können. Viele Wähler der Grünen können das.

Bei der Klientel des SPD sieht das ein wenig anders aus. Hartz IV ist für die meisten Grünen ein theoretisches Problem. Für Teile der traditionellen SPD-Wähler ist es Realität. Sie wollen gefördert , nicht gefordert werden. Leistungslosen Zugang zu finanziellen Ressourcen verspricht die Linkspartei – also wird sie gewählt.

Für viele Grüne ist der Klimawandel eine große Bedrohung. Ihre Wähler wollen die Wirtschaft ökologisch umbauen. Für sie eine lässige Angelegenheit, die sie entweder nicht betreffen wird oder von der sie profitieren werden. Ein Facharbeiter in einer Aluminumhütte oder bei einem Automobilhersteller ahnt, dass er bei diesem Prozess schnell hinten rüber kippen kann. Und eine SPD, die sich eng an die Grünen bindet, verliert bei diesen Menschen an Glaubwürdigkeit.

Das Besondere an den Grünen und ihren Wählern ist, dass sie sich selbst nicht als Klientel- und Lifestylepartei empfinden, sondern glauben, im gesamtgesellschaftlichen Interesse zu handeln. Das erlaubt ihnen, weit in das traditionelle, bürgerliche Lager hinein zu wirken. Bei der SPD, der FDP oder der Linkspartei ist das anders. Ihre Ideen wirken auf das andere Lager abschreckend oder obskur. Ihre Forderungen haben nicht den moralischen Überbau. Atomkraft, Klimawandel – immer geht es um das große Ganze. Wie popelig erscheinen da die Fragen des Alltags, für die die Grünen auch nur selten realistische Antworten haben?

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20 Kommentare zu “Grüne im Glück

  • #1
    Malte

    Zitat „Die Grünen sind die Partei für Leute, die wenig Probleme haben und sich Sorgen machen könne, über abstrakte Fragen“

    Denn sie wissen nicht, was sie tun!

    M.

  • #2
    BesorgterBürger

    Forsa-Umfragen und SPD… da war doch was?
    Güllner meint, die SPD verliere Stimmen, weil sie zu stark Anti-Atom ist.
    Wenn die anderen Umfrageinstitute die SPD nun einiges besser sehen als Forsa…

    kommt da nicht der Verdacht, dass Güllners Forsa der SPD Angst machen will, um ihren politischen Kurs zu beeinflussen?

  • #3
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Besorgter Bürger: Güllner rät der SPD nicht zu einem Pro-Atomkurs, sondern dazu, sich um die Alltagsprobleme ihrer Klientel zu kümmern.

  • #4
    Lars

    „Fast jede vierte Stimme für die Grünen – das zeigt, wie gering in dieser Gesellschaft der Zusammenhalt geworden ist. Die unterschiedlichen Fraktionen dieser Gesellschaft haben immer weniger miteinander zu tun, fühlen sich immer weniger füreinander verantwortlich und haben immer weniger Berührungspunkte.“

    Gesellschaftlichen Zusammenhalt habe ich noch nicht aus Wahlergebnissen lesen können?

    Sollte man sich vor der Sterotypen-Eintütung der Standardwähler, nicht lieber überlegen wo die Versäumnisse der „Volksparteien“ sind?

    Beispiel: CDU / FDP: Atompolitik, Steuerpolitik, Gesundheitspolitik, Wirtschaftspolitik, Entwicklungshilfepolitik – alles an der Mehrheitsmeinung vorbei kommuniziert.

    Beispiel: SPD: Beliebigkeit und Machthunger, wer sich heute so gegen seine eigenen Reformen stellt, als hätten die anderen sie gemacht, verliert einfach tiefgehend an Glaubwürdigkeit. Das Agenda-Mantra wird der SPD noch lange anhängen. Außer der Rollerückwärts hat die Partei noch keine klare Zukunftsvision für die nächsten Jahre auf den Tisch gelegt.

    Kein Wunder, dass die Bürger jetzt in Umfragen für die Grünen stimmen. Immerhin vertreten die zumindest in den populitischen Gebieten die aktuelle Mehrheitsmeinung.

    Ob die Umfragen nachher auch Wahlergebnisse sind, dass wage ich noch zu bezweifeln.

    Aber noch mehr,… dass diese Umfragen auf mangelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt hinweisen. Der ist zwar leider zu beklagen, aber als Indikator dafür eigenen doch eher andere dinge.

    Fehlende Altenpflege, wegschauen bei Gewalttaten, Obdachlosigkeit, und und und…

    Das einzige was diese Umfragen wirklich zeigen ist ein Vertrauensverlust in die Volksparteien und der ist hausgemacht. Wer wagt sich denn heute noch zu sagen… Das Wahlverspreochen XY der SPD (beliebig austauschbar auch mit Grün / CDU / FDP / andere) wird nach der Wahl auch 100%ig umgesetzt.

    Aus meiner Sicht rächen sich in diesen Umfragen nur die Bürger, die sich von ihren Volksparteien alleingelassen fühlen.

  • #5
  • #6
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Koelneruwe: Stimmt. Wäre interessant. Und nach Stadt und Land. In vielen Großtsädten müssten die Grünen jetzt vor der SPD liegen – in einigen könnten sie die stärkste Partei sein.

  • #7
    Pete Kelly

    „Wenn es einem besser geht, weil man ein Bio-Würstchen gekauft hat, ist das eine feine Sache.“ Lach. Stimme den Ausführungen weitgehend zu, aber die SPD hat Bismarck, die Nazis und den Staatssozialismus überlebt. Die Genossen werden auch eine Wellness-Partei der überreifen BRD aussitzen.

  • #8
  • #9
    pmn

    Zu dumm nur, dass gerade der Aufwind in den aktuellen Umfragen zeigt, dass das, was hier über die Grünen geschrieben wird, falsch ist. Das gleiche Gerede hat doch sonst immer dafür hergehalten, zu erklären, warum die Grünen keine Volkspartei werden können und sich auf „ihr“ Millieu versteift hätten, sich nur um sich selber drehten. Das trifft auf „den Grünenwähler“ nun noch weniger zu als damals.

  • #10
    Arnold Voss

    Kann es nicht einfach sein, dass die Grünen zu Anfang weit vor der Mehrheitsmeinung lagen und nun, nach dem sich die Mehrheitsmeinung, wie üblich nur langsam, verändert hat, von ihr eingeholt worden sind?

  • #11
    amo

    @ Stefan Laurin,

    die gesellschaftlichen Probleme sind die gleichen und betreffen alle. Die Fage ist nur, wer ist bereit diese heute anzugehen und auch den Leuten zu sagen, dass im Leben man nicht alles kostenlos bekommt.
    Meiner Meinung haben die Menschen im Land zu einem großen Teil vestanden, dass etwas sich ändern muss. Dies ist der große Unterschied zu der Gruppe der Bewahrer (CDU/SPD).
    Beispiele dafür gibt es viele und in allen Bereichen.
    Staatsverschuldung, Klimawandel, Verkehr, Sozialversicherung (Rente u.a.).

    Die Grünen verlagen eben nicht Wohltaten für den Geldbeutel des eigenen Klientels und sind deshalb für viele wählbar (auch die Grünen/Grünen Wähler fahren mit dem Auto und sind von der Ökosteuer betroffen, Vermögens- und Erbschaftssteuer betrifft eher auch grüne, bürgerliche Wähler). Wenn manche Bevölkerungsgruppen jede Steuer nur als Gängelung der Bevölkerung durch den Staat empfinden, haben viele aber die Notwendigkeit/Zweckmäßigkeit verstanden.

    Die hingegen FDP versprach Steuersenkungen und es kam nur die Senkung für Hotels heraus. Wo ist da das System?

  • #12
    matthias andré richter

    http://www.youtube.com/watch?v=ET56Qr_f-1E

    Dem ist in diesem Zusammenhang nichts hinzuzufügen.
    Ex-Gruen und stolz darauf!

  • #13
    Frank (Frontmotor)

    Mir fällt auf, dass immer die Parteien zulegen, die eine ganze Weile lang einfach gar nichts kommunizieren. Das hat die FDP VOR der BTW 09 gemacht, und die Grünen schweigen SEIT der BTW.

    @Stefan: Was die Entsolidarisierung angeht, gebe ich Dir recht Die SPD hat bei der BTW auch nicht von ihrem Einsatz für die OPELander profitiert. Selbst Arbeiter dachten und wählten da: Was habbich davon, bin ja nicht OPEL.

    In Berlin wird Künast den Wowi beerben. Da muss die Recklinghausener gar nicht viel für tun, denn Wowi hat schon lange keine Lust mehr.

  • #14
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Frank: Das stimmt. Es scheint sich für Parteien zu lohnen, Projektionsflächen für das Lebensgefühl ihrer Wähler zu sein. Die Piraten findet man ja auch umso besser, je weniger man von ihnen weiß. :-)

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  • #18
  • #19
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Malte: Das Buch von Jan Fleischhauer ist auch sehr gut – und witzig geschrieben.

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