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Liebe Friedensbewegung: Ich muss mich bei Dir entschuldigen!

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Was mich im Moment wirklich begeistert, ist die deutsche Friedensbewegung. Hunderttausende waren gestern auf den Straßen, um für den Frieden in der Ukraine zu demonstrieren. Kaum eine Stadt, in der es am Abend keine Lichterketten zu sehen gab. Margot Käßmann ist längst auf dem Weg in die Ukraine und es kursieren Boykottaufrufe gegen Russland. Auch die Wirtschaft zieht mit: Tengelmann wird keine Krim-Ananas mehr anbieten! Konstantin Wecker ist so empört, dass es ihm die Stimme verschlagen hat. Putin kann, das ist allen klar, diesem Druck nicht standhalten. Es kann nur noch Stunden dauern, bis er vor der deutschen Friedensbewegung kapituliert – zur Zeit sitzt er ja bekanntlich bibbdernd hinter den Mauern des Kreml.

Es ist der zweite große Erfolg der Friedensbewegung innerhalb weniger Monate: Auch ein militärisches Eingreifen des Westens in Syrien konnte durch lautstarke Proteste verhindert werden. Was für ein Glück für die Syrer – friedlich und glücklich leben sie nun unbehelligt von jedem Imperialismus zusammen in ihrem wunderschönen Land, in dem es in jeder Stadt nun eine Friedenswerkstatt gibt, in der die selten aufkommenden Konflikte in langen, ernsten Diskussionen einvernehmlich gelöst werden.

Ich schrieb mehrmals, dass die Friedensbewegung die dümmste aller sozialen Bewegungen sei. Was für ein Unsinn: Gerade die letzten Monate haben gezeigt, dass nur sie den Weg kennt, wie Konflikte ohne Blutvergiessen zum Wohle aller Menschen gelöst werden können.

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36 Kommentare zu “Liebe Friedensbewegung: Ich muss mich bei Dir entschuldigen!

  • #1
    Fragende

    Was will diese Glosse eigentlich aussagen, außer, dass einem abseits von Zynismus zur Weltlage heuer wenig einfällt?!
    Es ist ja richtig, auf Widersprüche der Friedensbewegung hinzuweisen – aber Beiträge wie dieser sind weder analytisch, noch appellativ. Sie setzen nur einen stinkenden Haufen, der aber leider noch nicht einmal als Denkmal taugt.
    „Die Friedensbewegung“ gibt es genauso wenig wie „die“ Linke, gleichwohl können kritisch denkende Menschen wohl zu jeder Zeit mit guten Argumenten kriegerische Interventionen als genauso hilflos wie naive Friedenswünsche entlarven. (Kapitalistisches) Interesse an Krieg muss besser analysiert werden, als es die Friedensbewegung gerade tut, auch muss die Überwindung von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus & Co wohl anders als mit Pace-Fahnen in deutschen Fußgängerzonen erreicht werden – Polemiken, die sich nur als Häme darstellen, werden die Yoga-gegen-Imperialismus-Fraktion im Ergebnis jedoch nur bestärken.

  • #2
    Reinard Schmitz

    Ja, kann ich nachfühlen. Da bleibt einem alles im Halse stecken, nur der Sarkasmus geht noch raus. Wenn niemand versucht, Vorhersehbares zu verhindern, dann geschieht das, was die Strategen so wollen. Wir dürfen uns dann wundern und erregen.

  • #3
    keineEigenverantwortung

    Wenn ich in meinem Speicher nach Erinnerungen an die großen Aktionen der Friedensbewegung denke, fallen mir Begriffe wie (Vietnam-Krieg, Pershing II, Nato-Doppelbeschluss, Balkan-NATO-Einsatz, Irak) ein.

    Dabei ging es im Wesentlichen gegen die eigene Regierung oder gegen die NATO/USA.

    Habe ich jetzt eine sehr selektive Wahrnehmung oder ist der Eindruck richtig, dass es nur gelingt, Personen zu motivieren Demos zu organisieren bzw. zu demonstrieren, wenn es gegen die eigene Regierung/NATO/USA geht?

    Wen interessiert schon das Morden südl. der Sahara usw. ?

    Insgesamt muss sich jeder Organisator/Demo-Teilnehmer immer überlegen, ob er für seine Ideen oder nur gegen etw. demonstriert.

    Auch in der Ukraine gibt es ja viele Gruppen mit eigenen Interessen. Also sollten Wahlen entscheiden. Es ist sicherlich auch möglich, dass viele Einwohner der Krim lieber zu Rußland gehören würden.

    @1: Welcher Krieg wird nicht aus monetären Kriegen geführt? Es geht doch immer um Land/Macht und damit um Geld. OK, natürlich nicht offiziell.

  • #4
    Falco Zanini

    Sehr schön und ein absoluter Volltreffer. Ich wundere mich seit ein paar Tagen jeden Tag ein bisschen mehr…

  • #5
    Frank

    Es ist wohlfeil, der Friedensbewegung vorzuwerfen, dass sie sich in ihrem Protest gegen die eigene Regierung richtet. Aber das ist eigentlich im Wesentlichen das einzige, das Demonstrationen wirklich erreichen können: Die Haltung der Bevölkerung im eigenen Land zum Handeln der Regierung beeinflussen und so dafür sorgen, dass sich Dinge ändern. Was soll eine Demo gegen Putin bringen, die nicht vor Putins Haustür stattfindet?

  • #6
    KClemens

    Alle Achtung! Gelungener Kommentar.
    Bisher hat m.W. nur Broder dieses Thema behandelt.

  • #7
    Movimenta del Pace

    Liebe Ruhrbarone,
    ich bin zutiefst gerührt und begeistert von eurem Engagement. Wie ihr vom Bürgerkriegsgeschüttelten Syrien, wo ihr euch ein Bild von der Lage gemacht und mit allen Parteien gesprochen habt, direkt zum Maidan gejettet seid, wo ihr euch ein Bild von der Lage gemacht und mit allen Parteien gesprochen habt, um dann eilends ein Interview mit Assad zu führen und direkt danach ab nach Moskau, wo Putin euch Rede und Antwort gegeben hat.
    Also echt, das hat was.
    Wenn ihr noch mehr Interesse an den Dingen habt, empfehle ich ein Gespräch mit Marina Weissbrand, die am Maidan war und dem jungen Fotografen (ehemaliger Essener, nun in Berlin), der in Syrien war.

    beste grüße
    Movimenta del pace

  • #8
    Robert Müser

    Warum sollten die Friedensbewegten sich auch rühren, handelt es sich doch um „legitimierte“ Handlungen eines „lupenreinen Demokraten“ …?

  • #9
    paule t.

    @ #3 | keineEigenverantwortung sagt am 2. März 2014 um 12:04
    „Habe ich jetzt eine sehr selektive Wahrnehmung oder ist der Eindruck richtig, dass es nur gelingt, Personen zu motivieren Demos zu organisieren bzw. zu demonstrieren, wenn es gegen die eigene Regierung/NATO/USA geht?“

    Das ist auch mein Eindruck. Aber m.E. liegt das einfach an der Logik des Demonstrierens in einer demokratischen Gesellschaft: Direkte Willensbekundungen wie Demonstrationen u.Ä. sind dann das Mittel der Wahl, wenn eine Meinung zum Ausdruck gebracht werden soll, die von den dazu – im Wortsinne, nämlich durch durch Wahlen – „Berufenen“, den politischen Repräsentanten, nicht hinreichend zum Ausdruck gebracht wird oder auich innerhalb der Politik umstritten sind.
    Dass ein russischens Eingreifen in der Ukraine abzulehnen ist oder der syrische Bürgerkrieg zu verurteilen, ist aber so allgemeiner Common Sense in unserer Politik, dass Demonstrationen zu diesen Themen schlicht unsinnig wären.

    Demonstrationen u.ä für die eigene Regierung und deren Verbündete oder gegen die sowieso erklärten Gegner dieser Regierung findet man deswegen mit gutem Grund eher in autoritären Regimen.

  • #10
  • #11
    discipulussenecae

    Ich weiß gar nicht, was Ihr alle habt! Die weise Genossin Sevim Dagdelen hat hinreichend klar und deutlich gezeigt, daß alle Bemühungen des großen Präsidenten Wladimir ‚Väterchen‘ Putin darauf abzielen, wieder einmal den Faschismus zu zerschlagen. Ohne die uneigennützige Hilfe der heldenhaften Armee des großen Rußlands hätten Faschisten, Nationalisten, Antisemiten und andere böse Menschen doch freie Hand!

    „Mit den ukrainischen Faschisten als treibende Kraft eines gewaltsamen Umsturzes ist man dabei, das nächste Frankensteinmonster zu schaffen. Man beschwört die Geister des Faschismus in Europa wieder herauf, um ein ultranationalistisches Regime in Kiew zu etablieren, das die Ukraine als Frontstaat gegen Rußland etabliert. Das Land selbst wird behandelt als sei es jetzt schon ein Protektorat. Die Frage ist, ob man diese Geister auch wieder los wird.“

    (http://www.sevimdagdelen.de/de/article/3431.tabubruch.html)

  • #12
    Frank

    @Paule #9
    Es gab in Deutschland auch Demos für Dinge, die Common Sense sind. Z. B. nach den Angriffen in Hoyerswerda. Wenn die innere Empörung groß genug ist, geht man auch auf die Straße, wenn es keine Gegenmeinungen (oder nur wenige) gibt.

    @Friedensbewegung #7
    Ich lese Ihren Beitrag so, dass man (Sie?) Putins Einmarsch in die Ukraine nachvollziehen kann, wenn man auch mit ihm gesprochen hat, richtig?
    Ach ja, haben Sie ja mit Bush sen. und jun. auch getan. Sorry, hatte ich schon vergessen.
    Und: Geben Sie Ihre Erkenntnisse doch mal zum Besten. Aber bitte aus Sicht der Zivilbevölkerung.

  • #13
    AndreaMKM

    @ #7 | Movimenta del Pace
    Ein treffender Kommentar +1 , aber ob Herr Laurin ihn versteht, bezweifle ich leider.
    Er lässt sich halt leicht andere zu kritisieren , wenn man im -sicherlich- warmen Wohnzimmersessel hockt!

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  • #15
  • #16
    Mimi Müller

    Herr Laurin,

    wir sitzen allesamt zu Hause, nehmen entweder Globuli oder beten ( ich mach beides: sicher ist sicher ) und warten auch weiter geduldig auf Ihre friedensstiftenden Beiträge aller Art.

  • #17
    Arnold Voss

    @ Andreas Lichte

    Es ist schon Krieg Andreas. Die Russen sind schon einmarschiert und umzingeln das ukrainische Militär auf der Krim.

  • #18
  • #19
    mr darkkness

    Jaja, es ist sicherlich ein Triumph für Freiheit und Demokratie, wenn eine demokratisch gewählte Regierung (dass diese korrupt bis auf die Knochen war tut dabei nichts zur Sache, das ist die unsere auch) von einem dumpf-nationalistischen und teilweise offen faschistischen Mob aus dem Amt geputscht wird. Und dass Vertreter dieses faschistischen Mobs nun mit in der Regierung sitzen – geschenkt. Ebenso, dass dies mit tatkräftiger Unterstützung der „Gemeinschaft der Demokraten“ geschah und geschieht.

    Einem jedem, der noch einigermaßen bei Verstand ist, sollte klar sein, dass der Konflikt in der Ukraine vitale Interessen Russlands berührt. KEINE russische Führung kann es sich leisten mit Sevastopol den einzigen ganzjährig eisfreien Hafen der russischen Marine preiszugeben. Dies käme dem Verlust der Schwarzmeerflotte gleich. Eine russische Führung, die das zulassen würde, könnte den eigenen Laden direkt dichtmachen. Es ist davon auszugehen, dass in russischen mitlitärischen Planungen dies ein Worst-Case-Szenario darstellt, das notfalls mit allen Mitteln verhindert werden muss. Auch um den Preis eines schwerwiegenden und weitgehenden militärischen Konflikts. Es sei an dieser Stelle auch mal daran erinnert, dass der ach so freiheitliche Westen ohne mit der Wimper zu zucken sich über internationales Recht hinwegsetzte und setzt, wenn man die eigene vitalen Interessen tangiert sah bzw. sieht.

    Und all jene, die jetzt hier „rumheulen“, weil in Putins Russland Homosexuelle diskriminiert werden (was ohne Zweifel zu kritisieren ist), seien daran erinnert, dass es nicht einmal 20 Jahre her ist, als in diesem Land der §175 aus dem StGB gestrichen wurde. Es ist also noch gar nicht allzu lange her, dass auch bei „uns“ Homosexuelle per Gesetz diskriminiert wurden.

    Wohlfeiles, weil einfaches Bashing der politisch strunzdummen deutschen Friedensbewegung ist angesichts der Situation in der Ukraine daher eher unter dem Stichwort „post-pubertär“ abzulegen. Die aktuelle Lage birgt de-facto das Potenzial für einen Krieg von größerem Umfang und mit unkalkulierbaren Folgen.

  • #20
    Arnold Voss

    @ Andreas Lichte # 18

    Das ist hier nicht wie in der Schule, Andreas. Hier darf man auch ungefragt was sagen/schreiben. :-)

  • #21
  • #22
    Arnold Voss

    @ Mr. Darkness # 19

    „Einem jedem, der noch einigermaßen bei Verstand ist, sollte klar sein, dass der Konflikt in der Ukraine vitale Interessen Russlands berührt. KEINE russische Führung kann es sich leisten mit Sevastopol den einzigen ganzjährig eisfreien Hafen der russischen Marine preiszugeben.“

    Wo haben sie gelesen, dass die neue Ukrainische Regierung dem russischen Militär ihren Schwarz-Meer-Hafen wegnehmen wollte?

  • #23
  • #24
    Stefan Laurin Artikelautor

    Mr Darkness: Und was haben die Russen von einer Schwarzmeerflotte, die jederzeit wenn es Ärger gibt von der NATO daran gehindert werden kann, ins Mittelmeer zu kommen? An den Dardanellen kommt man schlecht vorbei…

  • #25
    sttn

    In der Freidensbewegung gibt es überwiegend Menschen die gerne ab und zu für ihr schlechtes Gewissen demonstrieren. Um mehr geht es da nicht und Helden die wirklich für Frieden sind und ihren Arsch riskieren, gibt es nicht in der Friedenbewegung.

  • #26
    68er

    Was ich Herrn Laurin bisher immer zugute gehalten habe, war sein engagiertes Eintreten gegen Rechtsradikale. Daher könnte man fragen, wieso er zum Thema Ukraine in den letzten Tagen keinen Artikel zu den Leuten von SWOBODA geschrieben hat, die gerade in der ukrainischen Übergangsregierung u.a. die Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten, des Umweltministers und des Generalstaatsanwaltes besetzen.

    Da sind teilweise lupenreine Antisemiten und Rechtsradikale in der Partei, man schaue sich nur die Fahnen und Abzeichen an:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Allukrainische_Vereinigung_„Swoboda“

    Laut Wikipedia wurden im Dezember 2012 „Swobodas Parteichef Tjahnybok und sein Stellvertreter Ihor Miroshnychenko vom Simon-Wiesenthal-Zentrum auf Platz 5 seiner „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ gesetzt. Tjahnybok hatte behauptet, die Ukraine werde von einer „jüdisch-russischen Mafia“ regiert und Miroshnychenko die Schauspielerin Mila Kunis als „dreckige Jüdin“ bezeichnet.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Allukrainische_Vereinigung_„Swoboda“#Geschichte

    „Swoboda fordert die Einführung des Merkmals „ethnische Zugehörigkeit“ im Personalausweis sowie ethnische Quoten bei der Besetzung von Stellen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Allukrainische_Vereinigung_„Swoboda“#Programmatik

    SWOBODA kooperiert daher konsequenterweise mit der NPD und wird gleichzeitig von Aussenminister Steinmeier hofiert:

    http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58805

    (Wäre das nicht endlich ein Grund für Walter Stach, aus der SPD auszutreten?)

    Möchte Herr Laurin in einem solchen Land leben?

    Die Krise in der Ukraine ist daher nicht so einfach, wie sie in den westlichen oder den russischen Medien dargestellt wird. Es geht um geostrategische Machtverhältnisse, um nationalistische Strömungen, um Geschichte, Demokratie und viel Geld.

    Kiew, der Ort, an dem mit der Gründung der „Kiewer Rus“ im Jahre 882 die Wiege des russischen Staates stand, ist für die meisten Russen nicht irgend ein Ort.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Russlands#Kiewer_Periode_.28882.E2.80.931240.29

    Und die Krim war bis 1954 Teil Russlands und wurde, damals vom Ukrainer Chruschtschow an die Sowjetische Republik Ukraine abgetreten. „Anlass war das 300-jährige Jubiläum des Vertrags von Perejaslaw von 1654, bei der sich der von Polen bedrängte ukrainische Kosakenstaat dem Schutz des russischen Zaren unterstellt hatte.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Krim#Nachkriegszeit

    Auf der Krim, ebenso wie in weiten Teilen der Südostukraine wohnen überwiegend russischsprachige und sich selbst als Russen fühlende Menschen. Diese fühlen sich nicht ohne Grund durch die Ankündigungen der Rechtsradikalen SWOBODA bedroht.

    „Außenpolitisch befürwortet die Partei den Austritt aus allen „eurasischen Bündnissen mit Zentrum in Moskau“, insbesondere der GUS, die Schaffung einer Baltikum-Schwarzmeer-Achse, den Status einer Atommacht für die Ukraine und den Beitritt des Landes zur NATO.“ (Wikipedia)

    „In ihren Wahlprogrammen und den programmatischen Aussagen ihres Kandidaten zur Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2010 forderte Swoboda unter anderem die Abschaffung der Autonomie der Krim, die Abschaffung des Sonderstatus von Sewastopol sowie ein Programm für eine Integration der Krim in den ukrainischen Staat.“ (Wikipedia)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Allukrainische_Vereinigung_„Swoboda“#Programmatik

    Wer das konsequent durchdenkt, kann zumindest erahnen, wieso Russland befürchtet, dass die Stationierung der Schwarzmeerflotte auf der Krim gefährdet sein könnte. Und wieso sich auch nach berichten westlicher Korrespondenten (z.B. heute bei WDR5) viele Menschen auf der Krim von den russischen Militärs eher beschützt fühlen als bedroht.

    Wie gesagt, die Sache ist nicht so einfach, wie sie uns in den Medien vorgegaukelt wird. Bei einem Übertritt der gesamten Ukraine zum westlichen Block, würde Russland sowohl geopolitisch als auch wirtschaftlich erhebliche Verluste erleiden. Dass Putin, der auch nach meiner Einschätzung – ebenso wie Georg W. Bush, Dick Cheney, Henry Kissinger und Co. – kein lupenreiner Demokrat ist, handeln wird, wenn er nicht als schwacher Mann dastehen will, hätte jeder wissen müssen, der dabei mithalf, den Konflikt zu schüren.

    Es wäre daher vom Westen klüger gewesen, sich in Kiew von den Rechtsradikalen fern zu halten, auf eine friedliche Revolution zu bestehen und den Menschen durch Abstimmungen die Möglichkeit zu geben, ihr Land so zu ordnen, wie sie es für richtig erachten.

    Wenn man heute eine Abstimmung machen würde, würde sicherlich die Krim bevorzugen, unabhängig zu sein oder sich Russland anzugliedern. Gleiches wird möglicherweise auch für die Industriegebiete im Südosten gelten, in denen die großen Städte Donezk und Charkiw (russ. Charkow) liegen. Wenn es keine demokratische Abstimmung gibt, wird Putin versuchen militärische die Sache zu lösen und Europa und die Nato müssten sich entscheiden einen möglicherweise Dritten Weltkrieg zu beginnen. Denn eine Verschiebung der Machtbalance hätte auch erhebliche Auswirkungen für andere Staaten in der Gegend. Bei einem Krieg in dem Russland verwickelt ist, drohen sämtliche derzeit schwelenden Konflikte wieder aufzuflammen. Georgien könnte z. B. die Gunst der Stunde nutzen in Abchasien einzumarschieren, der Tschetschenien-Konflikt könnte wieder stärker aufflammen. Syrien und der Iran würden überlegen, wie sie reagieren sollen, wenn Russland als „Schutzmacht“ wegzubrechen droht.

    Wer Frieden in Europa will, sollte sich zunächst informieren und dann Stellung beziehen. Mir gefällt Putin nicht, Janukowitsch nicht und auch nicht Klitschko, Timotschenkow und vor allem gefallen mir die Leute von SWOBODA nicht. Ich will freie Wahlen auch hinsichtlich der einzelnen Landesteile, damit es kein zweites Jugoslawien gibt. Und Garantien der NATO, dass die Schwarzmeerflotte weiterhin auf der Krim stationiert bleibt.

  • #27
    Stefan Laurin Artikelautor

    @68er: Wenn die Russen eine Nato-Garantie nötig haben, dass ihre Schwarzmeerflotte in det Krim bleiben darf, können sie die auch gleich aufgeben. Sie ist sowieso ein symbolisches Relikt: Im Schwarzen Meer macht sie keinen Sinn, im Konflikt mit dem Westen kann sie nicht eingesetzt werden – sie käme nie durch die Dardanellen. Swoboda? Finde ich übel – ich finde da fast alles übel, genau wie sie: Timoschenko, Putin – alles Mafiosi, nur mit weniger Stil und Charme als Tony Soprano. Ich glaube nur nicht, dass Putin als Antifaschist in die Ukraine einmarschiert ist – das ist lächerlich und Propaganda.
    Antisemitismus ist im übrigen in ganz Osteuropa weit verbreitetes Übel und keine Spezialität von Swoboda:
    http://www.welt.de/politik/ausland/article125252346/Wie-antisemitisch-sind-die-Maidan-Demonstranten.html
    Insgesamt: Alles sehr kompliziert. Deshalb bezog sich ja mein Text auch nicht auf die Ukraine, sondern auf den Pazifismus in Deutschland, der immer laut wird, wenn es gegen die USA und Israel geht, aber bei den Regimen im Iran, Syrien oder Russland gerne beide Augen zudrückt. Mag sein, dass es daran liegt dass die alten Recken der DKP nahen Friedensbewegung noch immer wissen, wer sie früher mal bezahlt hat.

  • #28
    Andreas Lichte

    @ 68er #26

    sehr guter Kommentar!

    deine Zusammenfassung leistet mehr, als die öffentlich-rechtliche Sonderberichterstattung zur Ukraine in gefühlten 100 Stunden

  • #29
    Helmut Junge

    Kann jemand, der den Antisemitismus normalerweise bekämpft, in gewissen Ausnahmen ein Bündnis mit eindeutigen Antisemiten eingehen? Wie geht das? Wenn einem die Richtung paßt, kann man auch mit denen? Wenn darauf die Antwort „ja“ ist, bricht vermutlich ein Damm. Dann werden wir hier in der BRD bald kunterbunte politische Bewegungen haben, Braun eingeschlossen.

  • #30
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Helmut Junge: Im Kern ist es in diesen ganze Failed States immer das Gleiche: Man muss sich an die wenigen liberalen Demokraten halten und sie unterstützen – und wenn es nur 5% sind und wenn man sie gegen Swoboda und die russische Armee gleichzeitig unterstützen muss. Ist schwierig, ist aufwendig, aber müsste für den Westen zu machen sein: Finanziell, logistisch und was man sonst noch so benötigt.

  • #31
    KingGhidorah

    @Laurin

    Mir kommt es auch so vor als wollen manche deine These nicht wirklich verstehen… obwohl es solche Zaunpfähle wie das boykottieren der Krimananas drinnen hat… und ich geb dir zu #27 völlig Recht, während jetzt alle etwas von „Furchtbar verwirrend und grauschattiert“ erzählen, wird sobald die USA/Israel in Aktion ist die „Schwarz/Weiß“sicht eingeschaltet….

    … was ich allgemein noch los werden will:
    Man schaue sich doch nur an welche Unabhängigkeits/Freiheitsbewegungen bei uns hoch in Kurs sind… Nahöstliche, Indigene Völker und natürliche Tibet… was da auffällt, sie sind auch solche die den Ruf haben der „kapitalistischen“ Lebensweise zu widersprechen, und deswegen für unsere eigenen „Verzichter“ so interessant sind.
    Während irgendwelche Ostlinge aus der Ukrainischen Steppe die nur nach einen besseren Leben rufen da natürlich nicht punkten kann… und deswegen die Sache so verkompliziert wird.

    PS.: Ja, ich bin auch ein böser Imperialist, mir ist es aber egal ob eine F-15, eine Mig-29 oder eine J-10 die Ordnung vor denen verteidigt die meinen sie müssen mit nackter Gewalt ihre Ziele durchsetzen.

  • #32
    Arnold Voss

    @ 68ger # 26

    „Wenn es keine demokratische Abstimmung gibt, wird Putin versuchen militärische die Sache zu lösen und Europa und die Nato müssten sich entscheiden einen möglicherweise Dritten Weltkrieg zu beginnen“.

    1. Die neue ukrainische Regierung hatte den Wahltermin schon festgelegt. Putin hätte also ohne weiteres diesen Termin abwarten können.

    2. Putin w i r d also nicht die Sache militärisch lösen sondern er tut es d o r t und j e t z t schon , weil er genau diese freien Wahlen nicht will.

    „Ich will freie Wahlen auch hinsichtlich der einzelnen Landesteile, damit es kein zweites Jugoslawien gibt.“

    1. Es kann keine freien Wahlen geben, wenn Russland sich in der Ukraine so aufführt, wie im Moment.

    2. Wenn du wirklich freie Wahlen willst, musst du akzeptieren, dass dann auch Leute in die Regierung gewählt werden, die dir nicht passen.

    3. Überhaupt ist es völlig irrelevant wer von uns hier wen dort gut findet. Das haben die Ukrainer ganz alleine zu entscheiden.

    „Und die Krim war bis 1954 Teil Russlands und wurde, damals vom Ukrainer Chruschtschow an die Sowjetische Republik Ukraine abgetreten.“

    1. Du unterschlägst, dass die Krim eben nicht originäre russisch war, sondern von den Krimtartaren bewohnt wurde, bevor diese von Stalin brutal eliminiert und/oder deprotiert wurden.

    2. Die Tatsache, dass in der Ukraine viele Russen Leben macht die Teile des Landes in denen sie Leben völkerrechtlich noch lange nicht zu Russland.

    Ja, die Sache ist komplizierter als es die hiesige und und die russische Presse uns weismachen wollen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es die russische Armee ist, die zur Zeit in Teile des Landes einmarschiert und nicht die Nato. Der Krieg hat also schon begonnen, und das einseitig. Das sollten auch Pazifisten als das bezeichnen was es ist: eine militärische Aggression.

  • #33
    Puck

    Netter Versuch, Herr Laurin. Aber ich fürchte er kommt nicht an bei denen, die ihre lieb gewordenen Denkmuster partout nicht aufgeben wollen. Weil man als Pazifist automatisch ein guter Mensch ist, weil man sich ja nicht um alles kümmern kann (man hat ja mit USA und Israel schon so verdammt viel am Hals…), und weil man in Deutschland seine Meinung auf gar keinen Fall ändern darf, weil das hierzulande als „umfallen“ diffamiert wird.

  • #34
    Puck

    @KeineEigenverantwortung #3

    Zitat: (…)Wen interessiert schon das Morden südl. der Sahara usw. ? (…) Zitat Ende

    Ja, genau so ist es. Genau das ist so verdammt verlogen.
    Erst wenn diejenigen, die sich nicht mehr morden oder sich ermorden lassen wollen bzw. wg. Zerstörung jeglicher Lebensgrundlage durch Krieg sich als Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen, dann ist man plötzlich interessiert und schickt Frontex zur „Lösung“ des Problems.
    Die Friedensbewegung wäre ein wenig glaubwürdiger, wenn sie nur einmal auch dagegen demonstrieren würde.

  • #35
    keineEigenverantwortung

    @34:
    Naja, die eine Gruppe sieht in Frontex und hohen, gesicherten Zäunen die Lösung, und eine andere Gruppe meint, dass alle Flüchtlinge in Deutschland auf H4-Niveau aufgenommen werden sollen.

    Dass das die Lage in großen Teilen der Welt nicht verbessert und weder hier noch in den Heimatländern sozial ist, interessiert nicht. Lieber einfache Lösungen, einen klaren Gegner (im Regelfall Kapitalismus, Bonzen, USA, …) als sich mit den komplizierten Konflikten zu beschäftigen.

    Auch bei der Demo der Salafisten hätte man erwarten können, dass viele der häufigen Demonstranten, die sich für eine tolerante, frauen- und homsexuellen-freundliche Welt einsetzen, dies zeigen. Aber auch hier scheinen bestimmte Voraussetzungen erfüllt zu sein, bevor man demonstriert. Von wenigen Ausnahmen abgesehen.

    Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

    Man kümmert sich um Küken, sorgt dafür, dass Schweine ihre Schwänze behalten, vergisst aber irgendwie, dass auch Menschen in Krankenhäuser hygienisch gute Verhältnisse brauchen.

    Kontrollen von Betrieben gibt es nur nach Ankündigung, aber man beschwert sich immer laut über die unmöglichen Zustände.
    Fleischindustrie:
    http://www.derwesten.de/wp/wirtschaft/moderne-sklaverei-kritik-an-arbeitsbedingungen-in-fleischindustrie-id8269276.html
    Krankenhäuser:
    http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/warum-amtliche-keim-kontrollen-in-nrw-ins-leere-laufen-id9050209.html

  • #36
    paule t.

    @#12 | Frank sagt am 3. März 2014 um 05:16
    „@Paule #9
    Es gab in Deutschland auch Demos für Dinge, die Common Sense sind. Z. B. nach den Angriffen in Hoyerswerda. Wenn die innere Empörung groß genug ist, geht man auch auf die Straße, wenn es keine Gegenmeinungen (oder nur wenige) gibt.“

    Stimmt, mit dem Beispiel haben sie einen Punkt – mE eine der wenigen Ausnahmen. Aber bei solchen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus, Ausländer- oder sonstige Minderheitenfeindlichkeit geht es immerhin gegen eine Sache innerhalb der eigenen Gesellschaft, und zwar gegen eine, die die Grundwerte dieser Gesellschaft gefährdet und zumindest teilweise klammheimliche Sympathie genießt.

    Demonstrationen gegen nicht verbündete, ausländische Regierungen, die von der eigenen Regierung sowieso kritisiert werden, kenne ich aber nur aus autoritären Staaten (egal welcher Richtung), wie zB Iran oder Nordkorea. Deswegen geht die Kritik dieses Artikels mE schlicht an der Funktion von Demonstrationen in Demokratien vorbei.

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