3

1000. Sendung: Der Sport1-‚Doppelpass‘ feiert ein trauriges Jubiläum

Der ‚Doppelpass‘ im Jahre 2016. Foto(s): Robin Patzwaldt

Das hatten sich die Verantwortlichen bei ‚Sport1‘ sicherlich noch bis vor wenigen Tagen ganz anders vorgestellt. Da feiert das Flaggschiff des Sport-Spartensenders seine 1000. Ausgabe, eigentlich ein guter Grund zu viel Fröhlichkeit, und dann das: Der Spielbetrieb in der Bundesliga ist ausgerechnet in der Woche vor der Jubiläumsausgabe des TV-Talks zum Erliegen gekommen. Das ist natürlich Pech.

Moderator Thomas Helmer.

Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, wird sich die Sendung am Sonntagmittag diesmal mit Sicherheit einer besonders großen Aufmerksamkeit erfreuen dürfen. Wie geht es in Zeiten des Coronavirus weiter im Profifußball? Was ist aktuell überhaupt los? Welche Auswirkungen hat die Einstellungen des Spielbetriebs für die Klubs? Viele drängende Fragen, die heute am Münchener Flughafen (übrigens ohne Live-Publikum) diskutiert werden können und sollen.

Da wir diese Themen und Fragestellungen aber auch hier im Blog im Laufe der kommenden Tage, Wochen, ja vielleicht Monate noch ausreichend diskutieren können, möchte ich mich hier bei uns heute an dieser Stelle einmal der grundsätzlichen Entwicklung des ‚Doppelpass‘ selber widmen, einer Sendung, die ich zumindest gefühlt schon Zeit meines Lebens regelmäßig verfolge, bei der ich im Jahre 2016 selber sogar schon einmal als Gast von Sport1 im Publikum vor Ort mit dabei sein durfte.

Zunächst einmal gilt es zu würdigen, dass die Sendung seit ihrer Erstausstrahlung im Jahre 1995 sicherlich unbestritten deutsche Mediengeschichte geschrieben hat. Mit wechselnder personeller Besetzung faszinierte der Fußball-Talk von Beginn an, lockt an jedem Bundesligasonntag noch immer ein Millionenpublikum vor die Bildschirme, wenn eine Runde aus Journalisten und Experten ab 11 Uhr zum ‚Stammtisch‘ über das Ligageschehen diskutiert.

In den ersten Jahren geschah dies mit Moderator Rudi Brückner, den ich persönlich schon aus seiner frühen Zeit als Mitarbeiter des WDR-Lokalfunks aus Dortmund kannte, dann viele Jahre lang mit Ex-Sportschau-Moderator Jörg Wontorra, in den vergangenen Jahren, und darauf will ich gleich noch etwas näher eingehen, leider mit Thomas Helmer, dem Ex-Nationalspieler und Verteidiger u.a. von Borussia Dortmund.

Auch wenn sich viele Details der Sendung im Laufe der inzwischen 25 Jahre natürlich verändert haben, so ist das Konzept der Sendung bis zum heutigen Tage weitestgehend unverändert geblieben. Das berühmte ‚Dopa‘-Fon lässt rund um die Werbeblöcke stets auch die Zuschauer kurz zu Wort kommen, das berühmte ‚Phrasenschwein‘ kümmert sich mit einer symbolischen Geldstrafe um allzu große Worthülsendrescher in der Talkrunde. Alles Dinge, die beim bundesdeutschen Fußballfan inzwischen schlicht nicht mehr wegzudenken sind.

Wer in Sachen Fußball am Montag auf der Arbeit mitreden will, der schaut sich am Sonntag den ‚Doppelpass‘ an. Nach den gut zwei Stunden Fußballtalk wusste über die Jahre dann auch manch passiver Mitgucker daheim, der sich vielleicht selber gar nicht so sehr für das laufende Fußballgeschehen interessiert, bestens Bescheid, was die Szene gerade so bewegt.

Ein Effekt, wie ihn im 21. Jahrhundert nur noch ganz wenige TV-Sendungen erreichen, teilt sich das Publikum doch inzwischen auf dutzende Sender und Angebote auf, kann jeder genau das verfolgen, was ihn interessiert. Die Zeiten in denen gefühlt die ganze Nation eine Sendung schaut, die sind schon lange vorbei. Der ‚Dopa‘ hat sich bis zum heutigen Tage ein kleines Stück davon bewahrt. Zumindest in den Gesellschaftskreisen, die es mit dem Fußball haben.

Leider ist die Entwicklung der vergangenen Jahre, und damit wären wir wieder beim gerade erwähnten Thomas Helmer, keine allzu gute.

Während seine Vorgänger Brückner und Wontorra es verstanden ihre Gesprächsrunden regelmäßig ins Laufen zu bekommen, bis heute für Momente sorgten, an die sich quasi jeder Fußballfreund erinnern kann (einige davon werden uns heute innerhalb der Jubiläumssendung garantiert noch einmal frisch in Erinnerung gerufen werden), sind solche Augenblicke mit Moderator Helmer in den vergangenen Jahren selten geworden.

Das mag einerseits daran liegen, dass in das Format immer mehr effekthascherische, den Gesprächsfluss unterbrechende Elemente (Weiße Weste, Eyecatcher der Woche etc.) integriert werden, andererseits liegt das aber auch am Moderator selber, der regelmäßig allzu ungelenk und uncharismatisch daherkommt, seine Gäste viel zu häufig an unpassenden Stellen unterbricht und am Ende selber deutlich weniger zur guten Unterhaltung beitragen kann als seine beiden Vorgänger.

Zudem fehlt der Sendung seit Jahren auch ein echter Querdenker wie Trainerlegende Udo Lattek, der der Sendung in seiner Zeit als Experte stets ein paar großartige Kontroversen lieferte. Unvergessen sind auch nach all den Jahren noch seine Streitigkeiten u.a. mit Uli Hoeneß.

Dieses Profil lässt der Talk seit Jahren vermissen. Unter der Leitung von Thomas Helmer, mit den häufig allzu ‚glatten‘ und wenig Ecken und Kanten aufweisenden Sidekicks Ruth Hofmann und Laura Papendick, hat die Sendung viel von ihrem einstigen Charakter eingebüßt.

So viel, dass man bei ‚Sky Sport News HD‘ vor Jahren ein Konkurrenzprodukt unter der Leitung von Jörg Wontorra fast zeitgleich in das Rennen um die Gunst der Zuschauer schickte. Ein Projekt, dass jedoch nach zwei Jahren scheiterte, was ich ehrlich gesagt bis heute nicht so richtig verstehen kann. Wontorra talkte mit Gäste nämlich mit deutlich mehr Tiefgang, konnte viel besser zuhören als Helmer es je tat und seine Sendung hatte auch deutlich weniger nervige Werbeunterbrechungen. Durchgesetzt hat sich am Ende in diesem Zweikampf trotzdem der Platzhirsch, der ‚Stammtisch‘ auf Sport1. Das ‚Fachgespräch‘ zog den Kürzeren.

So diskutiert man also heute, in der 1000. Ausgabe des ‚Doppelpass‘ wieder ohne jede direkte Konkurrenz über das Geschehen in der Bundesliga, was es diesmal jedoch kurioser Weise in Zeiten des Corona-Virus gar nicht gab.

Ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges Jubiläum, zu dem ich, als jemand der wohl deutlich über 90 Prozent der Sendungen gesehen hat, auch von hier aus gratuliere, selbst wenn ich die Sendung in den ersten Jahren noch deutlich mehr geschätzt habe als heutzutage.

Aber für jeden Fußballinteressierten in Deutschland ist der ‚Doppelpass‘ auf Sport1 auch nach 25 Jahren halt irgendwie noch immer ein ‚Muss‘. Herzlichen Glückwunsch!

Das berühmte ‚Phrasenschwein‘. Foto: Robin Patzwaldt

 

 

RuhrBarone-Logo

3 Kommentare zu “1000. Sendung: Der Sport1-‚Doppelpass‘ feiert ein trauriges Jubiläum

  • #1
    Blinki

    Der Niedergang geht aber bei den Reporten in D weiter, die eine Quasselei ausprägten, als seien sie Gäste bei akademischen Vorträgen. Und verknüppeln sich in flach rollenden Bällen, die sie "Vertikalpass" nennen, jeder Ball in Richtung Tor wird wie bei Drückerkolonnen ein "Abschluss", der sehr wohl in Richtung Tor getretene Ball wird, weil er nicht ins Netz geht, zum Schussversuch, ein "hoch stehender " Kicker wird mit einem Ball "in die Tiefe" angespielt, usw…. kaum ein brauchbarer Satz purzelt aus dem Kasten. Bleibt: BTsport oder gar Trumps FoxSport.

  • #2
    Thomas Weigle

    Unter Helmer ist der "Doppelpass" zum Fehlpass geworden. Mit ihm sollte man keine wertvolle Lebenszeit vertun, nicht mal zu Coranazeiten. Zumal jetzt jeder Tag neue Entwicklungen bringt. So wird der Fehlpass von heute, morgen schon der Schnee von Vorgestern sein.

  • Pingback: Warum der Gedanke von Jens Lehman gar nicht so leicht vom Tisch zu wischen ist, wie es scheint | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.