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Warum der Gedanke von Jens Lehmann gar nicht so leicht vom Tisch zu wischen ist, wie es scheint

Das ‚Phrasenschwein‘ im Sport1-Doppelpass. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Trotz des Vorhabens die Maßnahmen zur Lockerung des Covid-19-Shutdowns möglichst bundeseinheitlich vorzunehmen, hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Tagen leider ein ziemliches Durcheinander herausgebildet.

Welcher Laden darf denn nun wieder öffnen? Welcher nicht? Welche Kriterien gelten dafür? Seid ihr euch da derzeit immer sicher? Bestimmt nicht. Mir geht es da auch so.

Und das Dumme daran ist, diese uneinheitlichen Kriterien wecken jetzt natürlich Begehrlichkeiten bei denen, die bisher noch von den Lockerungen ausgeschlossen sind.

Jüngste Beispiele (neben der Gastronomie): Kirchen-, Kultur- und Sportevents. Ja, warum eigentlich soll diesen verwehrt bleiben, was ähnlichen Wirtschaftszweigen/Veranstaltungen gewährt wurde?

Um mal ein ganz konkretes Beispiel zu nennen: Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann brachte beim sonntäglichen ‚Doppelpass‘ auf Sport1 zur offenkundigen Überraschung der restlichen Diskussionsteilnehmer eine teilweise Öffnung der Fußballstadien ins Spiel. Ein paar Tausend Zuschauer sollten doch machbar sein, wenn der Spielbetrieb in ein paar Wochen wieder neu starten soll, meinte Lehmann im Rahmen des Fußballtalks.

Und so unsinnig dieser Gedanke auf den ersten Blick sein mag, so ganz unrecht hat Lehmann natürlich nicht.

Zumindest in der Theorie müsste es tatsächlich möglich sein etwa nur jeden dritten oder vierten Sitzplatz auf den Tribünen zu nutzen. So könnten die gewünschten Sicherheitsabstände in einem Fußballstadion natürlich gewahrt werden. Wenn im Westfalenstadion also nur rund 20.000 Fans beim demnächst wohl anstehenden Revierderby zwischen Dortmund und Schalke anwesend wären, es wäre gleich aus mehreren Gründen eine viel bessere Lösung als ein Geisterspiel.

Die Vereine könnten dadurch dringend benötigte Einnahmen erzielen. Die Stimmung für die Masse der Fans vor den Bildschirmen würde zudem deutlich mehr an ein ‚normales‘ Spiel erinnern als eine Begegnung komplett ohne Anwesende auf den Tribünen. Der Grundgedanke ist also gar nicht so verwerflich, auch wenn Lehmann dafür aktuell viel Kritik einstecken muss.

Ähnliche Theorien dürften aktuell auch Gaststättenbetreiber und Kirchengemeinden durchspielen. Warum nicht einfach die Abstände zwischen den Anwesenden entsprechend vergrößern und dann mit reduzierter Personenzahl neu starten? In anderen Bereichen des Lebens reicht das doch auch. In Israel wurden am Wochenende sogar große Demonstrationen durchgeführt…. mit Sicherheitsabständen zwischen den Teilnehmern.

Nun, in Wahrheit dürfte ein solches Unterfangen in Deutschland wohl zu häufig an der Unvernunft der potenziellen Besucher scheitern. Schon auf den Wochenmärkten und in diversen Lebensmittelgeschäften wurde in den vergangenen Tagen viel zu deutlich, dass ein erschreckend großer Anteil von Zeitgenossen den Ernst der Lage eben noch immer nicht erkannt hat, auf Abstandsregeln und Hygienevorschriften pfeift.

Und weil das eben in Gottesdiensten, Kneipen und Fußballstadien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genauso wäre, ist es vernünftig hier auch in naher Zukunft keine Gäste zuzulassen bzw. die Öffnung der Versammlungsräume eben zu verhindern.

Warum man das aber in großen Möbelhäusern, bei Friseuren und in Schulen teilweise anders sieht, hier den Regelbetrieb wieder aufnehmen möchte, teilweise sogar schon aufgenommen hat, das erschließt sich einem nicht wirklich.

Kein Wunder also, dass viele Leute sich mit der Tatsache, dass ausgerechnet das was ihnen am Herzen liegt davon ausgenommen bleiben soll, schwer tun. Wirklich nachvollziehbare Kriterien für die Einzelfallentscheidungen gibt es leider viel zu häufig nicht. Trotz aller gegenteiligen Bekundungen der Verantwortlichen. So gesehen ist es schwer den Gedanken von Jens Lehmann einfach so vom Tisch zu wischen.

Dass eine teilweise Öffnung der Fußball-Tribünen für Zuschauer ein großes Gesundheitsrisiko mit sich bringen würde, dürfte klar sein. Und doch kann man nicht wirklich nachvollziehbar erklären, warum ich ab kommender Woche wieder zum Friseur gehen darf, aber nicht in ein Restaurant oder aber in ein Fußballstadion. Denn dort können die Sicherheitsabstände eher besser als schlechter eingehalten werden, im Vergleich zu einem Friseursalon oder einer S-Bahn im Berufsverkehr.

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6 Kommentare zu “Warum der Gedanke von Jens Lehmann gar nicht so leicht vom Tisch zu wischen ist, wie es scheint

  • #1
    Ke

    Wie sollen sich wenige Zuschauer bei Ordnung und Disziplin in einem so grossen Gebäude im Freiluftbereich anstecken?

    Wir müssen mal jenseits der ausgetretenen Pfade und mit Intelligenz flexibel reagieren.

    Alles verbieten kann jeder !

  • #2
    auweia

    mit zwei sekunden nachdenken sollte einem direkt auffallen dass es sich um eine totale schnappsidee handelt. schon die an- und abreise und erst recht der ein- und auslass oder gar die hz-pause ist sicher nicht mit entsprechendem abstand zu bewerkstelligen. aber selbst wenn ist ein zwei meter abstand im stadion schon rein rechnerisch durch eine viertelung nicht einmal ansatzweise zu erreichen. jeden vierten platz zu besetzen wäre noch zu nah und die abstände nach vorne und hinten sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. abgesehen davon dass die abstände bei den stehplätzen noch viel niedriger sind und die rechnung weiter verschlechtern. man bekommt selbst in dortmund wohl nichtmal 4000 sinnvoll platziert.
    ganz abgesehen von den hygieneproblemen: wer soll diese plätze bekommen? werden die dann für tausende euro versteigert. und wem soll das viel bringen? ein paar tausend in dortmund wirken immer noch wie ein geisterspiel. sorry robin. keine ahnung wie man auch nur auf die idee kommen kann lehmanns vorschlag ansatzweise ernstzunehmen.

  • #3
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @auweia: Ich bin auch nicht dafür solche Gedankenspiele in die Realität umzusetzen. Bitte nicht missverstehen. Nur es gehen einem ja die Argumente aus so etwas pauschal abzulehnen, wenn man gleichzeitig Möbelhäuser und Friseursalons wiedereröffnen lässt. Genau so wie ich dort Vernunft und Augenmass der Leute als Argument für eine Öffnung gelten lasse, müsste ich das beim Fußball, in der Kirche und im Restaurant dann ja eigentlich auch machen. Über Zahlen und Abstände kann man ja diskutieren, aber einfach pauschal zu sagen, dass das eine geht und das andere eben gar nicht, das ist aus meiner Sicht so ja fast schon Willkür. Zumindest müsste man das dann eben mit nachvollziehbaren Argumenten unterfüttern. Und das kann bisher (aus meiner Sicht) eben keiner. Genauso wie bei dieser recht willkürlich erscheinenden 800qm-Grenze bei den Läden. Ich persönlich würde deutlich vorsichtiger lockern, als es aktuell geschieht, wenn ich dabei was zu sagen hätte. Aber so wie es aktuell läuft, kann man Lehmanns Gedanken eben auch nicht, wie es gerade vielfach geschieht, einfach etwas verächtlich lächelnd vom Tisch wischen.

  • #4
    Lutz

    Singen (Chor, Kirche) und auch Fußball (energische Anfeuerungsrufe etc.) sind besonders tröpchen-intensive Events. Kommen dann noch genügend sorglose Zeitgenossen hinzu, ist der Infektionsherd perfekt. Und wie will man den Zugang und das Verlassen des Stadions mit ausreichend Abstand organisieren?

  • #5
    Arnold Voss

    Das ist der Haken an der Lockdown Strategie. Egal wie klein die Öffnung der Lockerungstür ist, es werden sich fast alle auf sie stürzen. Der ökonomische, soziale und psychologische Druck, den diese Strategie auf die Betroffenen auszuüben gezwungen ist, ist nun mal so hoch, dass diese Reaktion, so falsch oder unangemessen sie jeweils epidemologisch sein mag, nicht verwunderlich ist. Man kann den Deckel eines Kessel nicht unter höchster Belastung setzen und sich dann darüber aufregen, dass beim geringsten Öffnen erhebliche Turbulenzen entstehen. Vor dem Problem wird früher oder später auch der jetzt noch gefeierte Söder stehen.

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