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Inside JT- Todenhöfer stellt IS-Film vor

Jürgen Todenhöfer in der Essener Lichtburg bei der Premiere seines Filmes "Inside IS". (Foto: Simon Ilger)
Jürgen Todenhöfer in der Essener Lichtburg bei der Premiere seines Filmes "Inside IS". (Foto: Simon Ilger)

Jürgen Todenhöfer in der Essener Lichtburg bei der Premiere seines Filmes „Inside IS“. (Foto: Simon Ilger)

Jürgen Todenhöfer – selbsternannter Islam-Experte – zeigte seinen Film „Inside IS“ gestern in der Essener Lichtburg. Im gut gefüllten und schlecht klimatisierten Lichtspielhaus musste eine kleine Ruhrbarone-Delegation einiges ertragen.

Protestkundgebung vor dem Kino

In der Nähe des Kinos fand  eine kleine Protestkundgebung statt. Ca. 10 Aktivisten verteilten ein schlecht formatiertes Pamphlet, das sich las, als hätte der Verfasser zu viel Zwölftonmusik und zu wenig Jazz gehört. Von dem Banner „Nieder mit dem IS und seinen Apologet*Innen“ dürften sich nicht nur männliche cis-IS-Apoloteten, sondern auch weibliche, queere und gender-nonkonforme IS-Apologetinnen angesprochen gefühlt haben.

apologetinnen

Jürgen- ein Ehrenmann

Die ausverkaufte Filmvorführung begann mit leichter Verspätung und unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Der Security-Dienst tastete Kinobesucher gründlich ab, bevor sie den Kinosaal betreten konnten. Einleitend trat Jürgen Todenhöfer unter Applaus auf die Bühne und teilte dem Publikum mit, er sei der erste westliche Journalist im Gebiet des IS gewesen. Stimmt zwar nicht. Vice News war vorher da. Ist aber egal. Das Publikum applaudierte. Jürgen sagte irgendwas über George Bush und erntete erneut Applaus. „Ami go home“ funktioniert immer.

Der Film selbst fiel wie erwartet aus. Die Kurzfassung  lautet:

1. Jürgen war zuerst da.
2. Der Westen ist schuld.
3. Das hat nichts mit dem Islam zu tun.
4. Ein Ehrenmann!

Alles Weitere ist Nebensache.

Der totale Jürgen

Die Zuschauer durften sich an einer 45-minütigen Jürgen-Bewegtbild-Montage erfreuen. Zunächst wurden Nachrichtenvideos aus Nahost und Propagandavideos des IS eingespielt. Anschließend eine Skype-Konferenz zwischen Jürgen und einem Mann vom IS. Jürgen kündigt an, dass er den Islamischen Staat besuchen will. Dann ist er dort. In Syrien. Und im Bild. Andauernd. Er ist Hauptdarsteller und Kommentator eines Films von, mit und über Jürgen.

Ab und zu dürfen sich ein paar IS-Statisten neben den Jürgen gesellen. Dann fragt Jürgen irgendetwas. Anschließend kommentiert Jürgen aus dem Off. Jürgen sagt, was der Zuschauer denken soll über das, was Jürgen gesehen hat. Und Jürgen sieht und zeigt nur das, was der IS den Jürgen sehen lässt. Jürgen geht über einen Marktplatz. Der Marktplatz ist belebt. Die syrische Wirtschaft floriert. An einem Stand filetiert ein Syrer lebende Fische. Männer mit Sturmhauben und Kalaschnikows. Der IS hat sein Gebiet vollkommen unter Kontrolle.  Jürgen spricht mit einem adipösen IS-Funktionär mit Pierre-Vogel-Zottelbart über die Weltherrschaft. Jürgen besucht ein Gerichtsgebäude. Jürgen checkt den IS-Knast aus und ist sehr betroffen. Jürgen mustert das Fußball-Trikot eines Heranwachsenden. Jürgen, Jürgen, Jürgen.

Noch mehr Jürgen

Als das Bildmaterial aus Syrien erschöpft ist, zeigt uns Jürgen Bilder vom Bataclan-Anschlag. Die Pointe: Jürgen hatte uns davor gewarnt. Mal wieder. Anschließend spricht Jürgen in Paris mit einem charmanten, muslimischen Geistlichen, der eloquent das theologische Fundament des IS aushebt.

Im Finale sieht man nochmal Jürgen allein im Bild. Er sagt irgendetwas mit bedeutungsschwangerem Tonfall. Jürgen sagt, was Jürgen immer sagt. Der Film endet. Jürgens Name erscheint noch ein paar Male im Abspann. Jürgen. Ein Wort aus weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund. Ende. Applaus. Ein Ehrenmann!

Jürgen diskutiert über Jürgen

Nun folgt der spannende Teil der Veranstaltung: die Zuschauer dürfen Jürgen Fragen stellen. Die Anzahl der Fragen, welche sich kritisch mit Jürgen und seinem Film auseinandersetzen, tendierte gen null. Der Inhalt der Fragen war Jürgen jedoch auch ziemlich egal, früher oder später führte er jede Antwort zu seinem Lieblingsthema: Amerika.

Bush und Obama sind schuld und Jürgen der, der ihnen nachreist, um das auszubügeln, was die beiden verbockt haben. Es bleibt also eintönig: Amerika ist schuld an Paris, am IS und überhaupt an allem. Der IS räche sich auch nur für den westlichen Terrorismus. Bemerkenswerterweise wirft Jürgen den USA exakt 72 Jahre nach dem D-Day vor, (irakische) Städte nicht zu befreien, sondern nur zu zerstören.

Überhaupt seien Bomben der falsche Weg, „Verhandeln statt bombardieren“ wird proklamiert. Ob dieser Aussage lässt sich ein Zuschauer zum von Jürgen goutierten Zwischenruf „Gilt auch für Israel!“ hinreißen. Wo Antiamerikanismus ist, kann die sog. „legitime Israelkritik“ nunmal nicht weit sein.

Jürgen will also reden, aber nicht nur mit dem IS, auch mit den Überresten der Baath-Partei, den ganzen syrischen Rebellengruppen und sonstigen Terrorbanden. Alle an einen großen Tisch und erst wieder rauslassen wenn Frieden ist. Hätte Jürgen dem dicken Deutschen in seinem Film zugehört, wüsste er, dass Reden nicht primäres Interessengebiet des IS ist, Europa einnehmen und Ungläubigen die Kehle aufschlitzen ist deutlich angesagter. Jürgen fabulierte noch etwas weiter aus seiner kruden Welterklärungslogik und verlas anschließend Passagen aus seinem offenen Brief an Abu Bakr al-Baghdadi – seinem ehemaligen Busenfreund.

Danach lud Jürgen noch zum Fastenbrechen und Signieren seiner Bücher ein, wir hatten aber keine Lust mehr.

RuhrBarone-Logo

13 Kommentare zu “Inside JT- Todenhöfer stellt IS-Film vor

  • #1
    Markus Kellner

    Oha, Autorengruppe mit Jürgen Phobie. Seid ihr von einer Schülerzeitung? So liest es sich auf jeden Fall. Und schade auch, dass ihr, obwohl ihr euch bestimmt sehr bemüht habt, nicht ans Micro gekommen seid und eurem Jürgen mal ne ordentliche Frage zu stellen.

  • #2
  • #3
  • #4
    Simon Ilger

    Ob meiner potentiellen Frage, warum Jürgen – als Schützer der Demokratie und Rächer der Unterdrückten – eine Kamera und kein vollautomatisches Maschinengewehr auf den IS richtet, hätte ich mich vermutlich mit dem Lynchmob auseinandersetzen müssen.

  • #5
    Alex Gro

    Was soll dieser Artikel widerspiegeln? Ironie auf Förderschulniveau, unsachliche Kritik und eine Polemik die von Mario Basler stammen könnte. Ich war ebenfalls Gast auf dieser Veranstaltung und teile einige Thesen die JT aufstellt ebenfalls nicht. Aber der lächerliche Vorwurf des Antiamerikanismus ist ja kaum auszuhalten. In den letzten 300 Jahren waren es Briten, Franzosen und Amerikaner, die dort unten immer wieder tabula rasa gemacht haben. Kein Historiker würde mir da widersprechen, keiner, es ist ein Fakt, den könnt Ihr euch nicht mehr schön reden. Einzig seine Pauschalisierung, wenn er von dem "Westen" spricht, hat mich angekotzt. Deutschland hat NIEMALS (bis auf Afghanistan) einen Krieg im nahen Osten geführt, in den letzten 300 Jahren, der der Bevölkerung dort nicht genehm war…. Ganz im Gegenteil aus machtpolitischen Gründen wollte man sogar die britische Kolonialherrschaft dort beenden (1.WK).

    Ich gebe auch zu, dass seine Lösungsansätze vielleicht im Phantasialand funktionieren, aber nicht in dieser Welt. Jedoch finde ich trotzdem, dass die Doku aufschlussreich war. Ich war zwar nicht schockiert über das Gezeigte, habe aber in den Augen der IS-Hampelmännern, denselben Hass und Fanatismus gesehen, wie bei der SS damals…die kämpfen nicht mehr für eine Religion, die sind geltungssüchtig, bestes Beispiel war der dicke deutsche Junge. In der Schule garantiert gemobbt und jetzt da unten den Dicken machen um Macht über andere Menschen auszüben.

    Kleine Anmerkung noch, warum habt Ihr in der Fragerunde eigentlich keine Fragen gestellt? Ich gebe zu, es war schwer dran zu kommen, aber ich denke nicht, dass Ihr den Mumm hattet euch da hinzustellen und eure Kritik, die sich im Artikel wiederfindet, dort zu äußern. Das sagt einiges über eure charakterlichen Werte aus.

  • #6
  • #7
    Arnold Voss

    @ Alex Gro # 5

    Deutschland war Verbündeter des Osmanischen Reichs und später hat die deutsche Ausrottungspolitik gegenüber den Juden für einen wesentlichen Grund gesorgt, dass die Forderung der Zionisten nach einem israelischen Staat von den Westmächten mit Unterstützung der Sowjetunion auch vor Ort durchgesetzt/unterstützt wurde.

    Wenn sie nach dem Film zu wissen glauben, dass der Hass der IS-Schergen nichts mit Religion aber umso mehr mit der faschistischen deutschen SS zu tun hat, dann habe ich jetzt an sie eine Frage: Wieso berufen sich dann die IS-Krieger nicht auf Hitlers "Mein Kampf" sondern auf den Koran.

    Übrigens: Wenn ihnen eine Polemik nicht passt, ist sie deswegen noch lange nicht auf Förderschulniveau, und Menschen die keine Fragen stellen, sind deswegen nicht mut-, geschweige denn charakterlos. Oder haben s i e nach der Filmvorführung eine Frage gestellt? Und wenn, dann würde mich interessieren welche?

    Ach ja, und den Krieg zwischen Schiiten und Sunniten gibt es schon lange,lange, lange bevor es die USA überaupt gab.

  • #8
    Helmut Junge

    @Alex Gro,
    " In den letzten 300 Jahren waren es Briten, Franzosen und Amerikaner, die dort unten immer wieder tabula rasa gemacht haben. Kein Historiker würde mir da widersprechen, keiner, es ist ein Fakt, den könnt Ihr euch nicht mehr schön reden. "
    Ihre Aussage stimmt nicht!
    Amerikaner in dem Sinne gab es vor 300 Jahren noch gar nicht.
    Die ersten Europäer, die nach Indien fuhren, um dort das Handelsmonopol Venedigs zu umgehen, waren die Portugiesen. Die mußten(!) nur um solchen Handel treiben zu dürfen, sich gegen eine große Flotte des Sultans von Ägypten, der sie in Diu in Indien in einer Seeschlacht verwickelte, kämpfen. Anders wäre das mit dem Handel nicht gegangen. Für den Sultan stand viel Geld aus Venedig zur Disposition. Der Sultan verlor diese Seeschlacht in Indien und damit seine riesige Flotte im Jahre 1509, und damit seine vielleicht wichtigste Einnahmequelle. Das hat ihn erheblich geschwächt und das haben die gerade erstarkten Osmanen ausgenutzt und ihm in der Schlacht von Aleppo (!) am 24. August im Jahre 1516, (500-Jahr- Feier steht an), also sieben Jahre später vernichtend geschlagen. Muslims gegen Muslims! Weil den Osmanen der Indienhandel nicht so wichtig war wie die Vorherrschaft im Mittelmeer konnte das kleine Portugal sich 100 Jahre in diesem Raum halten. Engländer und Franzosen haben sich von den Portugiesen ihre Stützpunkte erobert. Die Osmanen haben dann nach und nach alle muslimischen Länder im Mittelmeerraum erobert, aber auch die Bastionen Venedigs, die mit dem ägyptischen Sultan verbündet waren. Heute tut man so, als seien alle Agressionen von den christlichen Europäern ausgegangen, weil man gerne Geschichte so verflacht, wie es politisch ins Konzept paßt. Sie auch @Alex Gro.
    Nochmal, Amerkaner gab es damals noch nicht, die Briten haben sich gegen die Portugiesen gestellt, und die Franzosen hatten anfangs sogar manchmal Bündnisse mit den Osmanen gegen die Portugiesen geschmiedet. Schwarz-Weißdenken ersetzt keine historischen Kenntnisse.

  • #9
    nussknacker56

    Exzellenter Artikel, der das Phänomen „Jürgen“ und seine Masche sehr genau getroffen hat. Kein Wunder, dass manche seiner Fans jetzt etwas ungehalten sind.

  • #10
    viktor_bln

    Wer etwas an Todenhöfer kritisieren möchte, kritisiere dies: Er gehörte in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik zu den entschiedensten und entscheidenden Befürwortern und Förderern der "Mudschaheddin" in Afghanistan, deren Sieg dort die laizistischen staatlichen Strukturen zerschlug und von denen nicht wenige – u.a. Osama bin Laden – den Weg in den modernen Dschihadismus fanden. Er hat somit eben jenes Muster direkten oder stellvertretergestützten Interventionismus der postkolonialen Mächte installieren helfen, das er jetzt kritisiert. Dazu würde man von J.T tatsächlich einmal gern etwas hören.

    Dass es jetzt Leute gibt, die – was der Duktus ihtrer Mobilisierung anzuzeigen scheint – es tatsächlich für links oder gar linksradikal halten, gegen einen Kritiker eben dieser Politik zu mobilisieren, ist indessen nur noch absurd. Diese Leute tragen in schönstem Antifastyle quasi ein Sample außenpolitischer Leitartikel der "Welt" als Kämpfer*innen-Transpi vor sich her.

    Wirklich der Gipfel der Absurdität.

  • #11
    Aimée

    #5 "….Was soll dieser Artikel widerspiegeln? Ironie auf Förderschulniveau, unsachliche Kritik und eine Polemik die von Mario Basler stammen könnte.."

    Das ist Kritik auf Todenhöfer Niveau!

    Todenhöfer hat keinerlei Erkenntnisse über das Innenleben des Daesh hervor gebracht, er hatte auch keinerlei Interesse dies rauszufinden, warum auch. Sein Klientel liebt seine Relativierung und das Anprangern/ die Schuldzuweisung gegenüber den USA und Israel. Das ist kommod und Balsam für Seele der Menschen, die sich weigern sich selbstkritisch mit ihrem Weltbild auseinander zu setzen.

    Todenhöfer ist in voyeuristischer Manier also zum Daesh gereist, hatte schon vorher sein Bild und dies ist eher populistisch als aufklärerisch.
    Es gibt nun einige Leute, die sich mit Rückkehrern als auch Gefährdern des Daesh beschäftigen. Würde Todenhöfer etwas verändern wollen, würde er sich informieren, was denn Hintergründe bzw. die Psyche der Ausreisenden sind. Diese sind vielfältig, allerdings hat es immer etwas mit dem Islam gemeinsam.
    Er hingegen relativiert da auch und ist damit ein Unterstützer!

  • #12
    astuga

    Achtung vor den Jürgen-Fans, die erklären sonst noch den Jihad im Namen Todenhöfers!
    Und wer ist dann wieder Schuld – Amerika & Israel!
    @Aimee
    Daesh – den Begriff sollte man nicht verwenden, das soll meist nur zeigen, dass man den IS nicht mit dem Islam in Verbindung bringt.
    Aber es ist eine unnütze Verrenkung.
    http://metro.co.uk/2015/12/02/david-cameron-will-now-use-daesh-instead-of-isis-heres-why-5540037/
    Daesh is an abbreviation for Dawlat al-Islamiyah f’al-Iraq wa al-Sham
    It means Islamic State in Iraq and the Levant – al-Sham being a geographical area centred on Syria, known in English as ‘the Levant’

    Es heißt also ebenfalls Islamischer Staat im Arabischen, allerdings spricht man damit dem IS gleich die gesamte Levante zu (also auch Libanon, Zypern und bis nach Alexandria, so wird traditionell der Großraum Levante eingegrenzt).

  • Pingback: Die große Heulerei: Todenhöfers neuster Streich... | Ruhrbarone

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