60.000 Besuchende: Christo-Ausstellung im Museum Kunstpalast verlängert

Christo und Jeanne-Claude. Paris. New York. Grenzenlos jetzt bis zum 23. Januar 2023

Wegen des hohen Publikumszuspruchs und des anhaltenden Interesses wird die Ausstellung Christo und Jeanne-Claude. Paris. News York. Grenzenlos bis Sonntag 23. Januar um eine Woche verlängert. Rund 60.000 Besuchende haben die Präsentation im Kunstpalast seit der Eröffnung bereits gesehen.

Zusammen mit Werken von Christo werden Gemälde und Objekte von Arman, Niki de Saint Phalle, Jean Dubuffet, Lucio Fontana, Yves Klein und anderen präsentiert. Aus dem vielfältigen Bezugsfeld der Avantgarde im Paris der 1950er Jahre wird deutlich, wie die spezifische Weiterentwicklung von Christo und Jeanne Claude verlief und was ihre künstlerische Position ausmacht.

Die Kunst des Verpackens

Eine Verpackung bezeichnet im Allgemeinen die Hülle eines Objektes, insbesondere zu dessen Schutz oder zur besseren Handhabung. Zugleich bezeichnet der Begriff auch den Vorgang des Verpackens bzw. den des Verpacktwerdens. Im Kontext von Handel und Produktion wird der Begriff auf die Verpackung von Produkten bezogen. Hier ist eine Verpackung (in der Kaufmannssprache auch Emballage genannt) die gezielt angebrachte, wieder möglichst ohne größeren Aufwand lösbare Umhüllung eines Produktes. Tuben, Eimer, Flaschen und Dosen sind die gängigsten Verpackungsbehälter.

Transportfähigkeit und Sicherheit geben der klassischen Verpackung also zunächst einmal einen Sinn und Zweck. Relativ abstrakter erscheint dagegen die Geschenkverpackung, die keinen anderen Zweck verfolgt, als das verpackte Geschenk zu umhüllen und zu verstecken, um dem Vorgang des Schenkens und Beschenktwerdens eine Dramaturgie zu verleihen.

Zweckfreie Verpackung und zweckfreie Architektur

Verpackt jemand einen Gegenstand ohne Schutz-. Transport, oder sonstige Funktion, so kann man von einer zweckfreien Verpackung sprechen. Als solche zweckfreien Verpackungen erscheinen diejenigen, des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude.

Volkswagen 1961

Beispielhaft kann man den Verfremdungseffekt, den die Verpackung auf den Zuschauenden hat, am Volkswagen 1961 betrachten. Das Fahrzeug ist bis auf die Räder unsichtbar geworden. Dennoch wird jeder Betrachtende sofort zu dem Schluss kommen, dass es sich um einen Volkswagen Käfer VW Typ 1 handelt, den PKW  mit luftgekühltem Boxermotor und Heckantrieb, der von 1938-2003 gebaut wurde und mit über 21,5 mio Fahrzeugen das meistverkaufte Fahrzeug der Welt war, bevor er 2002 vom VW Golf übertroffen wurde. Die ikonische Karosserieform des Käfers genügt, um das Fahrzeugmodell zu erkennen. Es ist ein Fahrzeug mit einem eigenen Charakter. Welches Fahrzeug der unteren Mittelklasse der Gegenwart kann das noch von sich behaupten?

Christo schärft also in diesem Fall durch die Verpackung den Blick auf ein einzigartiges Karosseriedesign. Wir bewegen uns alle tagtäglich im Straßenverkehr und sind andauernd von Karosserien umgeben oder befinden uns in ihnen, bewegen uns mit ihnen.

Die Landschaftsverpackungen

Von den Running Fences 1975 über die Surrounded Islands 1982 bis zu The Gates 2005 und The Floating Piers 2014 haben Christo und Jeanne-Claude immer wieder Stoffe in der Landschaft installiert, als Zäune, Schwimmkörper oder Tore. Bei dem Projekt The Gates im Jahre 2005 wurden auf einer Länge von 37 km auf Wegen im New Yorker Central Park 7503 Vinyl-Gates aufgestellt, an deren Horizontalstangen jeweils eine Platte aus safranfarbenem Nylongewebe befestigt war, die dort herunterhingen. Da sie frei hingen, waren sie Windspiele, die durch die Luftbewegungen bewegt wurden. Der Blick des Betrachtenden auf die Landschaft wird dadurch neu gelenkt, die Landschaft erhält durch die künstlerische Intervention eine andere Struktur.

Live und in Falten: Der Wrapped Arc D‘Triomphe

Betrachtet man die Fotos vom Wrapped Arc de Triomphe, so fällt sofort ins Auge, dass die Struktur des Monuments durch die Verhüllung verändert wurde; statt der Reliefs bestimmen nun die silbernen Stoffbahnen mit dem dominanten, vertikalen Faltenwurf und den wenigen horizontalen Schnürungen das Bild. Der silberne Stoff schimmert im Sonnenlicht, was dem Monumentalbau eine Leichtigkeit und eine beinahe sakrale Aura verleiht, der Faltenwurf verstärkt durch die Lichtschattenbildung den Eindruck der Vertikalen als dem dominierenden Sichtfokus. Die mit Gerüsten geschützten Skulpturen im unteren Bereich führen zu Ausbuchtungen der Verhüllungsplanen, die das Darunter weiterhin vermuten lassen. Was fehlt, sind die Geschichten der Schlachten, sie sind verhüllt. Die Menschen besuchen den Triumphbogen normalerweise, um von diesen Geschichten mitgerissen, gebannt, beeindruckt, erhoben, entsetzt, ergriffen, gespannt, befreit, zerstreut, erlöst, in Schwung gebracht, aus ihrer eigenen Zeit entführt, mit Illusionen versehen zu werden. Um es mit Brecht zu sagen, sie fühlen sich in das Kunstwerk ein.

„Was konnte an die Stelle von Furcht und Mitleid gesetzt werden, des klassischen Zweigespanns zur Herbeiführung der aristotelischen Katharsis? Wenn man auf die Hypnose verzichtet, an was konnte man appellieren? Welche Haltung sollte der Zuschauer einnehmen? Er sollte nicht mehr aus seiner Welt in die Welt der Kunst entführt, nicht mehr gekidnappt werden; im Gegenteil sollte er in seine reale Welt eingeführt werden, mit wachen Sinnen. Das Prinzip besteht darin, anstelle der Einfühlung die Verfremdung herbeizuführen.

Christo und Jeanne-Claude schärfen mit der Verpackung des Arc de Triomphe den Blick des Zuschauers auf den historischen Aspekt des Schlachtenmonuments, die Fokussierung auf die Vergänglichkeit des Geschehenen versetzt die Betrachter in die Haltung, für sich souverän zu entscheiden, das Monument entweder als klassisches Denkmal zu betrachten oder als Mahnmal wider die Kriege der Welt.

Dies sind nur ein paar Nuancen dieser großartigen Ausstellung im Kunstpalast, die auch die künstlerische Entwicklung von Christo und Jeanne-Claude nachzeichnet; von den ersten Verpackungen von Gegenständen über die Rideau de fer in der Rue Visconti bis zu den Monumentalverhüllungen. Die gestapelten Fässer in der Rue Visconti scheinen heute wie ein Fingerzeig auf die Zukunft; Mastaba of Abu Dhabi, eine Monunemtalskulptur aus zigtausenden Ölfässer ist bislang noch nicht verwirklicht und es ist bislang unklar, ob es jemals realisiert werden wird.


Christo sagt zu seiner Arbeit:
„Das Projekt entwickelt seine eigene Realität, die weit über meine Vorstellungskraft hinausgeht. Das Projekt provoziert und die Gesellschaft reagiert auf eine Art und Weise, wie sie sonst nur auf den Bau von Brücken, Straßen oder Autobahnen reagiert. Der einzige Unterschied zu unseren Projekten ist, dass diese ganze Energie für ein fantastisches, vollkommen irrationales Vorhaben aufgebracht wird, und das ist der Kern unserer Arbeit.“

Eine absolut sehenswerte Ausstellung über die Entwicklung der künstlerischen Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude!

Zur Ausstellung ist ein 200 Seiten umfassender deutschsprachiger Katalog mit zahlreichen Abbildungen, einem Vorwort von Felix Kramer, einem Essay von Kay Heymer, einer Chronologie von Matthias Kodenberg sowie einem Interview mit dem Sammlerpaar Ingrid und Thomas Jochheim erschienen, der für 38 € im Museumsshop erworben werden kann.

Christo und Jeanne-Claude. Paris. New York. Grenzenlos
Museum Kunst Palast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf
Di-So, 11-18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr
Kunstpalast: 12 € / erm. 9 €
Kinder / Jugendliche unter 18 Jahren: frei
Mitglieder des Freundeskreises: frei
Weitere Infos unter: www.kunstpalast.de

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