
Deutschland und die Türkei sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Doch ausgerechnet Geschäftsreisen wurden für türkische Unternehmer zuletzt immer häufiger zum Geduldsspiel. Ein neues Schnellverfahren soll das ändern. Für den Deutsch-Türkischen Wirtschaftsrat ist das mehr als eine bürokratische Erleichterung.
Es sind manchmal die kleinen Hürden, an denen große Geschäfte scheitern. Ein Termin in Köln, eine Vertragsverhandlung in Düsseldorf, der Besuch einer Messe oder eines Geschäftspartners – was für deutsche Unternehmer auf dem Weg in die Türkei vergleichsweise unkompliziert ist, konnte für ihre türkischen Partner eine lange Vorbereitung bedeuten.
Ein Visum musste beantragt, ein Termin gefunden, Unterlagen mussten eingereicht werden. Gerade wenn eine Reise kurzfristig notwendig wurde, passte die Geschwindigkeit der Bürokratie nicht immer zur Geschwindigkeit der Wirtschaft.
Nun soll sich etwas ändern. Das sogenannte Business-Fast-Track-Verfahren für Geschäftsreisende aus der Türkei wird erweitert. Ab Herbst 2026 können auch Unternehmen aus dem Netzwerk des Deutsch-Türkischen Wirtschaftsrats von DEİK mit entsprechendem Deutschlandbezug Zugang erhalten. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst begrüßte die Vereinbarung bei seiner jüngsten Türkei-Reise ausdrücklich.
Das klingt zunächst nach Verwaltungssprache. Für die betroffenen Unternehmen kann es jedoch einen spürbaren Unterschied machen.
Der Business Fast Track ermöglicht eine schnellere Terminvergabe, verlangt weniger Unterlagen und kann den Weg zu längerfristig gültigen Geschäftsvisa erleichtern. Eine automatische Einreiseerlaubnis ist damit nicht verbunden: Die deutschen Auslandsvertretungen entscheiden weiterhin über die Anträge.
Aber der entscheidende Faktor für Unternehmen ist häufig ein anderer: Planbarkeit.
Wer eine Maschine verkauft, eine Produktionsanlage wartet, einen Vertrag verhandelt oder eine Investition vorbereitet, kann Geschäftstermine nicht beliebig um die Verfügbarkeit eines Visumtermins herum organisieren. In einer Wirtschaft, in der Videokonferenzen selbstverständlich geworden sind, zeigt sich zugleich immer wieder, dass Vertrauen, Investitionsentscheidungen und neue Partnerschaften noch immer vom persönlichen Gespräch leben.
„Die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen bestehen nicht nur aus Handelsstatistiken. Sie leben von Menschen, die sich treffen, Vertrauen aufbauen und gemeinsam investieren“, sagt Ahmet Başar Şen, Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Wirtschaftsrats (DTWR). „Wenn wir Geschäftsreisen einfacher und verlässlicher machen, beseitigen wir deshalb nicht nur Bürokratie. Wir erleichtern konkrete wirtschaftliche Zusammenarbeit.“
Ein Verhältnis mit besonderer Geschichte
Şen kennt beide Länder aus nächster Nähe. Der frühere Diplomat war von 2021 bis 2025 Botschafter der Türkei in Deutschland. Heute führt er den 2025 gegründeten Deutsch-Türkischen Wirtschaftsrat, dessen ehrenamtlicher Vorsitzender der frühere Bundespräsident Christian Wulff ist. Zentraler Partner in der Türkei ist der Türkiye-Germany Business Council unter dem Dach des Außenwirtschaftsrats DEİK.
Gerade deshalb hat die Visa-Frage eine Dimension, die über einzelne Geschäftsreisen hinausgeht. Deutschland und die Türkei verbindet eine Wirtschafts- und Migrationsgeschichte, die über Generationen gewachsen ist. Aus den türkischen Arbeitnehmern, die seit den sechziger Jahren nach Deutschland kamen, sind längst Unternehmer, Arbeitgeber und Investoren geworden. Gleichzeitig produzieren deutsche Unternehmen in der Türkei, türkische Unternehmen investieren in Deutschland und Mittelständler beider Länder sind über Lieferketten miteinander verbunden.
Allein NRW und die Türkei tauschten 2025 Waren im Wert von 11,2 Milliarden Euro aus. Rund ein Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels entfiel damit auf Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland. Rund 1.300 türkische Unternehmen sind nach Angaben der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen aktiv.
Umso stärker fiel in den vergangenen Jahren ein Widerspruch auf: Während Waren, Kapital und digitale Informationen immer schneller Grenzen überwinden, konnte die Reise eines Managers oder Spezialisten an einem Visumtermin hängen.
Bislang konnten rund 400 Unternehmen das Schnellverfahren nutzen; etwa 10.000 Anträge jährlich wurden darüber abgewickelt. Im Idealfall kann eine Entscheidung innerhalb ungefähr einer Woche erfolgen.
Die nun angekündigte Erweiterung soll den Kreis der Unternehmen vergrößern. Dabei bleibt der Fast Track an Voraussetzungen gebunden. Nach den aktuellen Kriterien müssen Unternehmen mindestens zwei von drei Bereichen erfüllen: einen institutionellen Bezug, eine bestimmte wirtschaftliche Größe oder einen konkreten wirtschaftlichen Deutschlandbezug. Als solcher gelten etwa Investitionen, Import- und Exportbeziehungen, laufende Verträge oder Projekte sowie technische Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen.
Für Şen liegt darin auch eine Botschaft darüber, wie Deutschland und die Türkei ihre Beziehungen künftig verstehen könnten.
„Unsere beiden Länder verbindet eine außergewöhnliche Geschichte. Aber wirtschaftliche Beziehungen dürfen nicht allein von ihrer Geschichte leben“, sagt er. „Wir müssen Bedingungen schaffen, unter denen die nächste Generation deutscher und türkischer Unternehmer neue gemeinsame Projekte entwickelt. Dazu gehört auch, dass diejenigen, die investieren, Arbeitsplätze schaffen und miteinander Handel treiben wollen, einander tatsächlich begegnen können.“
Vielleicht liegt genau darin die größere Bedeutung der vermeintlich kleinen Visa-Reform. Außenpolitik wird häufig an Gipfeltreffen, Verträgen und Milliardenbeträgen gemessen. Wirtschaftliche Beziehungen entstehen jedoch sehr viel unspektakulärer: wenn zwei Menschen an einem Tisch sitzen, einander kennenlernen – und beschließen, gemeinsam etwas aufzubauen.
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