Alte Motive im neuen Glanz – Lichtinstallation auf Haniel

Halde-Haniel Foto: Jens Herre Lizenz: Copyright


Im Norden von Oberhausen an der Grenze zu Bottrop liegt die Halde Haniel. Mit 185 Meter über Normalnull eine der höchsten Halden im Ruhrgebiet. Wohlbemerkt: Sie liegt auf Bottroper Stadtgebiet, aber ich als Oberhausener spreche, glaube ich für viele, wenn ich sage, irgendwie gehört sie auch zu uns. Von unserem Gastautor Jens Herre.

Die Halde begleitet mich schon mein ganzes Leben. So manches Silvester habe ich dort oben verbracht. So manchen Sturz mit dem Mountainbike habe ich überlebt und mit so manchem Mädel im Arm habe ich Nachthimmel und den Blick über mein Revier bestaunt. Immer wenn ich Abstand vom Alltag brauche, gehe ich auf diese Halde. Auch beruflich kreuzten sich meine Wege. Als Technischer Leiter der Kulturhauptstadt RUHR.2010 hatte ich dort so einige Events. Kurzgesagt: Es ist «meine» Halde.

Seit über zehn Jahren lebe und arbeite ich nun in der Schweiz und genauso lange fotografiere ich. Inzwischen mit einer abgeschlossenen Ausbildung im Bereich Fotografie. Meine Themenschwerpunkte sind Industriefotografie und Langzeitbelichtungen bei Nacht. Das Ruhrgebiet – und ja – ich vermeide den Begriff Metropole Ruhr, ist und bleibt meine Heimat und ist der Hauptarbeitsbereich meines fotografischen Schaffens.

In den letzten Jahren wurde ich müde. Müde, immer die gleichen Motive zu fotografieren oder in Social Media die 32168.Version vom Landschaftspark Duisburg zu sehen. Das Ruhrgebiet wurde für mich fotografisch langweilig. Ein kleines Highlight ist es, wenn man bekannte Motive in einer anderen, seltenen Perspektive sieht. Aber am Ende das Gleiche, wirklich neu ist selten was. Und so sieht es bis heute in den unzähligen Facebook Fotogruppen rund um das Thema Industriekultur aus. Aber wo sollen neue Industriemotive herkommen, wenn immer mehr historisch imposante Industrieanlagen dem Erdboden gleich gemacht werden und neue charakterlose Hallen gebaut werden?

Schon 2010 lernte ich Torsten Thies kennen, damals im Schachtzeichen Team. Schachtzeichen, eines der großen RUHR.2010 Projekte, dass die Bevölkerung begeisterte. Torsten fotografiert mit derselben Leidenschaft wie ich und das schon sein Leben lang. Seit Jahren sind wir nachts unterwegs. In der Ruhe der Nacht, wenn alle schlafen, machen wir unsere Bilder. Aber wie?

Und dann kam sie. Die Idee.

«Wenn die Lichter in Deutschland ausgehen, dann schalten wir sie eben wieder an. Die Halden sollen brennen»

Nach einem Pilotprojekt auf der Halde Norddeutschland, bei der wir das Hallenhaus illuminiert hatten, war nun diesmal unser großes Ziel, die Totems auf der Halde Haniel zu beleuchten. Eine ungleich viel größere Herausforderung.

Die 2002 von Augustin Ibarrola aufgestellten über 100 Totems sollten leuchten. Imposant und gut zu sehen sein. Zumindest für eine Nacht, für ein Projekt. Für ein Foto. Geldgeber würde es keine geben. Brauchte es aber nicht. Alles in Eigenregie: Idee, Finanzierung, Umsetzung.

Während sich Torsten um die ganzen erforderlichen Genehmigungen kümmerte, schließlich sind wir ja in Deutschland, kümmerte ich mich um die technische Umsetzung.

An einem Spätsommerabend war es dann so weit. Das Wetter spielte zu 100% mit. Wir hatten nur für zwei Nächte eine Genehmigung und wollten eigentlich direkt in der ersten Nacht alles schaffen. Dank dem Wetter erreichten wir unser Ziel.

Über 100 LED Lampen (eine Lampe pro Totem) und zwei Leistungsstarke Movinglights beleuchteten die Halde. Die Totems strahlten wie noch nie zuvor. Die Programmierung erfolgte mit einem Lichtpult. Alle Scheinwerfer wurden per Akku betrieben. Für die Movinglights hatte ich extra ein 230V Akkupack besorgt statt eines Dieselaggregates, welches uns 8 Stunden mit Strom versorgte. Das nennt sich dann glaube ich «nachhaltiger» als Aggregate, zumal die Akkus in der Schweiz geladen wurden.

Und dann standen wir oben in der Nacht. Ohne Publikum, gezielt unangekündigt. Wir wollten allein sein. Ungestört. Wie wir es immer machen. Auch in normalen Zeiten. Wir mögen einfach die nächtliche Ruhe und Langzeitbelichtungen, bei denen keiner stört und durchs Bild läuft. Will man solche Fotos machen, dann kann man keine Zuschauer gebrauchen.

Wie üblich fotografierten wir die ganze Nacht. Unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Farbstimmungen, verschiedene Einstellungen. Sogar eine Drohne kam zum Einsatz. Am Ende entstanden beeindruckende Bilder, die es so noch nie gab und es ohne Aufwand nicht so schnell geben wird. Alte Motive im neuen Glanz.

Langsam fangen wir an über dieses Projekt zu berichten und zeigen die Bilder. Wie in der heutigen Zeit üblich, zunächst in Social Media. Im nächsten Jahr werde ich einige der Bild in meinen Ausstellungen zeigen.

Aktuell nehme ich an einem Fotowettbewerb der Firma DataColor zum Thema Rot teil. Auch wenn meine Serie eher blau ist, so gab es dann doch auch einige Rote Stimmungen, die zum Wettbewerb passen. Wer mich beim Wettbewerb unterstützen möchte, kann hier für mein Bild stimmen:

https://fotowettberbrot.hc-apps.de/app/view/contest/65383?contentId=27073628&d=true&tab=overview

Mehr Bilder von diesem Haldenprojekt findet man auf meiner Homepage in der Galerie.

Und war es nun die letzte Inszenierung, die wir beleuchten? Nein. Denn «Wenn die Lichter in Deutschland ausgehen, dann schalten wir sie wieder an.»

Mehr:

www.jens-herre.com

https://www.instagram.com/jensherre/

 

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Annalena Schneider
Annalena Schneider
1 Jahr zuvor

„Im Norden von Oberhausen an der Stadtgrenze zu Bottrop?“

An alle Oberhausener: Finger weg von unseren Halden!

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