André Glucksmann und die Philosophie der Abschreckung

André Glucksmann Bild: Sno/CC 3.0

Als in den 80er Jahren die Friedensbewegung in Deutschland dem Nationalpazifismus frönte und bereit, war angesichts der Bedrohung des Westens durch die Sowjetunion bereit war, um des Friedens willen die Demokratie aufzugeben, gab es in Frankreich einen Philosophen, der sich bedingungslos auf die Seite der Freiheit stellte: André Glucksmann.

Für André Glucksmann war das Lager das Chiffre des 20. Jahrhunderts. Seiner Überzeugung nach sollte eine Gesellschaft alles tun, damit sie nicht zu einer Gesellschaft der Lager wird. Und gegen jeden Feind, der sich aufmacht ein Land in ein Lagerland zu verwandeln sei es nötig, die letzte Entschlossenheit zu zeigen: Sollte er angreifen müsse man ihm klar machen, dass man bereit ist die gesamte Welt zu vernichten bevor man sich in ein Leben in Sklaverei fügt. Seine Worte klingen heute, fast 40 Jahre nach Erscheinen des Buches „Philosophie der Abschreckung“ so aktuell wie noch nie. Denn was in den 80ern ein kalter Krieg war wurde mit dem Angriff Russlands gegen die Ukraine zu einem heißen Krieg.

Putin hat sich aufgemacht, die europäische Landkarte zu verändern. Niemand weiß, wo seine Armeen irgendwann stoppen werden: Vor Lemberg? Warschau? Tallin? Will er das Russische Reich wieder herstellen, die baltischen Staaten, Georgien,  Armenien und all die anderen ehemaligen Kolonien zurückerobern?

Das weiß niemand. Aber der Tag könnte bald kommen, an dem der Westen ihn militärisch stoppen und sich entscheiden muss, was ihm wichtiger ist: Frieden oder Freiheit. Die Antwort kann nur lauten „Freiheit“. Egal um welchen Preis.

André Glucksmann: Philosophie der Abschreckung, DVA 

Dir gefällt vielleicht auch:

16 Kommentare

  1. #1 | Detlef Alwes sagt am 24. Februar 2022 um 12:04 Uhr

    Geschichte wiederholt sich – und das innerhalb von hundert Jahren:
    Hitler – Stalin – Putin
    Blitzkriege, militärische Überfälle, Einnahme autonomer Staaten und zuvor Beteuerungen, dass niemand angegriffen werden wird. Gute Nacht scheinheilige Welt. Der Westen ist nicht unschuldig daran! Wenigstens hat Macron dies angesprochen, als einziger Staatsmann des Westens.

  2. #2 | Werntreu Golmeran sagt am 24. Februar 2022 um 12:25 Uhr

    Freiheit, egal um welchen Preis ist irrational oder kurz gedsgt, irre. Vor Leuten, die so eine Ideologie vertreten, habe ich ähnliche Angst wie vor den russischen Militärstrategen.

    Diese Auffassung kann man als Indiviuum für sich selbst haben, was dann durchaus edel und anerkennenswert ist, wenn man z. B. in der Resistance oder im spanischen Bürgerkrieg bereit war, sein eigenes Leben für die Freiheit in die Waagschale zu werfen. Wenn man aber als französischer Philosoph oder Bochumer Journalist vom heimischen Computer solche Parolen verbreitet und z. B. den 2. Irak-Krieg der USA als eine Art legitimen Kreuzung rechtfertigt, ist das eine gefährliche Ideologie.

  3. #3 | Berthold Grabe sagt am 24. Februar 2022 um 15:18 Uhr

    #2
    Nun ja, der Irakkrieg wurde nur so lange al legitimer Kreuzzug propagiert, wie die Unterstellung, der Irak hätte gefährliche Waffen, aufrecht erhalten werden konnte.
    Der im Nachhinein Völkerrechtswidrige Angriff auf den Irak konnte allerdings nur deshalb stattfinden, weil US Behörden aufgrund des unbedingten Willens einen Bösewicht zur Strecke zu bringen, extrem schlampig mit dem Beweismaterial umgingen.
    Was man grobe Fahrlässigkeit in einem besonders schweren Fall juristisch nennen würde.
    Was Putin aktuelle betreibt ist skrupelloser Vorsatz und Angesichts seiner vorherigen Rückversicherung mit China hinsichtlich möglicher westlicher Sanktionen auch planmäßig im vollen Bewusstsein betrügerisch initiiert worden.
    Freiheit ist deshalb aber nicht irrational sondern nur immer relativ.
    Freiheit erfordert gerade wegen ihrer Relativität eine philosophische Auseinandersetzung und keinesfalls feiger Opportunität.
    jegliche Freiheit, die wir real erhalten haben, geht auf den philosophisch ethisch legitimierten Gedanken zurück und richtig den Leuten, die bereit waren dafür zu kämpfen.
    Da irgendwas für irre zu erklären halte ich für irre. Außer denjenigen, die damit lediglich ihren Opportunsmus schützen wollen.

  4. #4 | DEWFan sagt am 24. Februar 2022 um 16:31 Uhr

    Die "Friedens"-Bewegung mal wieder:
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article237124145/Ukraine-Nato-als-Aggressor-Friedensbewegung-bleibt-Putin-treu.html

    Dazu fällt mir echt nichts mehr ein – außer "der Westen ist böse", amen.

  5. #5 | Christian Scharlau sagt am 24. Februar 2022 um 19:38 Uhr

    Mit einem der allerersten Dekrete des damals gerade erstmals in sein Amt gewählten Putler wurde die von Jelcin eingeführte russische Nationalhymne (eine neue Hymne als Symbol für ein nicht-sowjetisches Rußland) abgeschafft und die alte Stalinsche Sowjethymne aus den 1940ern wiedereingeführt. (Natürlich mit etwas modifiziertem Text, der alte paßte ja offensichtlich nicht mehr – aber wen interessiert schon der Text an einer Hymne…) Ein rein symbolischer Akt, aber einer, der für mich besser als ganze Buchregale voll politischer Analysen von gelehrten Kremlologen auf den Punkt brachte, wofür der neue Präsident steht und was sein Lebensziel ist: die Wiederherstellung des sowjetischen Imperiums nach Innen und Außen – mit brutaler Zerschlagung selbst der zartesten zivilgesellschaftlichen Ansätze im Inland und wenn nötig gewaltsamer Unterwerfung der nach 1989 abgefallenen Kolonien. Und in den 22 Jahren seither hat P. keine einzige Entscheidung getroffen, die nicht mit diesem hehrem Ziel kompatibel gewesen wäre. Insofern kenne ich auf der Weltbühne keinen zweiten Politiker, der auch nur annähernd so konsistent in seinen Ansichten und Entscheidungen wäre. Chapeau!

    Von daher kann ich die Schlußfolgerung des Autors dieses Beitrags im letzten Absatz nur voll und ganz unterstützen – würde höchstens das "bald" durch "jetzt" ersetzen. Damit wir uns recht verstehen – der Autor dieser Zeilen ist kein notorischer "Russophob", sondern spricht mehrere slawische Sprachen, darunter auch Russisch, fließend. Und gerade darum ist dieser heutige Tag für mich eine noch viel schmerzlichere Katastrophe als für den deutschen Durchschnittsbürger.

    ХАЙ ЖИВЕ ВІЛЬНА УКРАЇНА!!!
    ES LEBE DIE FREIE UKRAINE!!!

    СМЕРТЬ ПУТЛЕРОВСКИМ ФАШИСТАМ!!!
    TOD DEN PUTLER-FASCHISTEN!!!

  6. #6 | Walter Stach sagt am 24. Februar 2022 um 20:52 Uhr

    Freiheit um jeden Preis……..
    Ich bin in dem Bewußtsein aufgewachsen, daß -damals die UDSSR- heute Rußland und die USA jeweils – quantitativ und qualitativ mehr als erforderlich -über Atom- bzw. Wasserstoffbomben sowie und über Langstreckenraketen zu deren Transport verfügen, um nicht nur jegliches Leben im jeweils anderen Lande restlos zu vernichten, sondern jegliches Leben auf der gesamten Welt. Dieses Arsenal wurde seitdem in seiner Effizienz stetig verbessert.. Seine "Verfeinerung" über sog. taktische Atomwaffen hat am Gefährdungspotential substantiell nichts verändert .
    Sollte es also zu einem mit Atombomben, mit Wasserstoffbomben geführte Weltkrieg kommen , ist davon auszugehen, daß an dessen Ende Menschen nicht mehr existieren könnten,, folglich deren Freiheit "kein Thema" mehr wäre. .

    Ich meine, daß eine solche Erwägung auch heutzutage nicht Außen vor bleiben kann, wenn gefordert wird, daß Freiheit "um jeden Preis" gewollt werden muß..
    Diese Erwägung treibt nicht nur mich um, sondern sehr, sehr viele Menschen weltweit , vor allem immer dann, wenn ein Krieg zwischen Russland und den USA "naheliegend erscheint oder ihm "das Wort geredet wird".

    Sind das Gedanken, Erwägungen eines "über"-ängstlichen Menschen? Das mag sein, ändert aber nichts daran, dass sie existieren, und zwar bei sehr, sehr vielen Menschen hierzulande und weltweit.

  7. #7 | Werntreu Golmeran sagt am 25. Februar 2022 um 00:59 Uhr

    Lieber Herr Stach,

    ich habe mir gerade beim Einwohnermeldeamt einen Termin gebucht, um mir einen neuen Reisepass zu besorgen. Wenn das passiert, was Sie als Ihre Sorge beschreiben, hilft das zwar auch nicht, aber wenn Russland, China und die USA in ihrem Kalkül einen großen europäischen konventionellen Krieg in Kauf nehmen, und die Situation hier kontrolliert eskalieren lassen, ist es gut, man hat wenigstens einen Reisepass. Wenn Sie meinen, dass sei undenkbar, dann halte ich dagegen, dass es für mich auch damals undekbar war, dass es in Jugoslawien, mitten in Europa, einen Krieg geben könnte.

    Es ist in den lezten 30 Jahren so viel schief gelaufen in Europa und eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt umzudenken und zu überlegen, wie man ein friedliches Europa aufbauen könnte. Aber wenn ich im Radio und Fernsehen die Aufrufe und Apelle lese, der oder die Person oder Organisation müsse nun Farbe bekennen, auf welcher Seite man stehe, fühle ich mich an die Berichte von vor dem ersten Weltkrieg erinnert. Anstatt darüber nachzudenken, wie es weitergehen könnte, wird Stimmung gemacht.

    Ich fühle mich unwohl in einem Militärbündis, in dem Erdogan, Orban und die Leute von der polnischen PiS etwas zu sagen haben oder seinerzeit Donald Trump. Unter G. W. Bush war es auch nicht viel besser. Gerade Erdogan und Orban nehme ich nicht wirklich ab, dass es ihnen um die Verteidigung der Demokratie geht. Das ist doch verlogen bis zum Dorthinaus.

    Auch wenn ich Herrn Macron politisch sonst eher zweifelhaft finde, ist er derzeit einer der wenigen, dem man abnimmt, dass ihm an einer Lösung des Konflikts ernsthaft interessiert ist. Die Haltung von Biden und Blinken dagegen ist für mich völlig unverständlich.

    Wenn man zur Not auch nur mit Frankreich, den Benelux-Staaten, Österreich, Italien, Spanien. Portugal und Griechenland ein europäisches Verteidigungsbündis aufgebaut hätte, würde ich mich heute wohler fühlen. Ich war auch immer dagegen, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Die Jungen Menschen heute haben gar keine Idee davon, was Krieg bedeutet. Wenn ich höre, dass junge Ukrainer aus dem Ausland nach Hause zurückfahren wollen, um ihr Land zu verteidigen, frage ich mich wie naiv die sind. Die haben doch keinerlei Chance ohne militärische Unterstützung durch die NATO. Ich erinnere mich noch gut an die westliche Propagandaschlacht beim Irakkrieg 1991. Wenn ich heute zwischen den Zeilen richtig gelesen habe, haben die Russen auch relativ "chirurgisch" erst einmal damit begonnen, die militärische Infrastruktur zu zerstören. Wenn von Seiten des Westens keine klaren Zeichen kommen in den Konflikt einzugreifen, wovon ich nach den Äußerungen der NATO, der USA und der Stellungnahme Chinas derzeit ausgehe, wird es entweder eine kurze Sache oder ein längerer Kampf der mit vielen Verlusten bei den Ukrainern letztlich aber von diesen nicht zu gewinnen ist.

    Das ist alles nicht schön und wirklich eine Tragödie aber anders, als ich es heute ständig im Radio und Fernsehen gehört habe, kein Ding mit dem man nicht rechnen konnte. Letzte Woche hat die CIA genau das vorhergesagt, was geschehen ist. Ich habe zwar auch gedacht, dass die Russen das im Zweifel nicht machen werden, aber so unvorstellbar, wie es heute dargestellt wurde, war es nicht. Es war eine mögliche Option, die aber aus meiner Sicht Russland auf lange Sicht eher schaden dürfte. Wobei ich dabei davon ausgehe, dass die Chinesen im Zweifel kein Interesse haben, Russland über die Aktion hinaus zu stärken.

    Wer definitiv bei der ganzen Entwicklung verloren hat, ist Europa.

  8. #8 | Christian Scharlau sagt am 25. Februar 2022 um 15:59 Uhr

    #7: Natürlich konnte und mußte man damit rechnen, und zwar nicht erst in den letzten Tagen und Wochen, sondern von dem Zeitpunkt an, als Putler russischer Präsident wurde. Spätestens, nachdem die Ukrainer gleich zweimal den Versuch, russische Marionetten-Regime zu installieren, durch Volksaufstände vereitelt haben. Aber daß der russische Diktator von seinem "historischen" Ziel besessen ist, das alte Sowjetimperium wieder herzustellen, und seine gesamte Politik nach Innen (Zerschlagung der zivilgesellschaftlichen Strukturen und massivste Repressionen) wie nach Außen (Zurückeroberung der "abgefallenen" Kolonien) darauf ausrichtet – das mußte einem in dem symbolträchtigen Moment klar werden, als der damals neue Präsident P. per Dekret die alte Stalinsche Sowjethymne als russische Nationalhymne wiedereinführte.

    Da die Ukraine keine wirklichen Möglichkeiten hat, sich gegen den faschistischen Aggressor zu verteidigen, wird der jetzige Krieg sicher nicht allzu lange dauern. Und ich fürchte, dann wird insbesondere Deutschland schnell zum "Business as usual" zurückkehren, genauso wie es nach der verbrecherischen Annexion der Krim war. Aber der eigentliche Terror gegen die Ukrainer – der wird erst so richtig anfangen, wenn das Land unterworfen ist (Putlers explizit angekündigte "Entnazifizierung"). Aber seien Sie unbesorgt, das wird dann, weil es diskret hinter den Kulissen stattfinden wird, ohne spektakulär-medienträchtige Kriegsbilder wie jetzt, im Westen nur noch sehr wenige Menschen interessieren – und sicher dem regen, profitablen Wirtschaftsaustausch nicht im Wege stehen.

    Selbst in Rußland, wo Putler jetzt bereits 22 Jahre Zeit hatte, alle zivilgesellschaftlichen und oppositionellen Strukturen zu zertreten und wieder totalitäre "Friedhofsruhe" zu schaffen, funktioniert das System bis heute nur mit massivsten Repressionen gegen jeden, der es irgendwie wagt, Kritik zu äußern – vom Verschwinden hinter KZ-Zäunen bis zur Ermordu)ng. In der Ukraine sind die zivilgesellschaftlichen Strukturen heute viel weiter entwickelt, als sie es in Rußland jemals waren. Und welcher unermeßliche, grenzenlose Terror erforderlich sein wird, um eine Bevölkerung, die seit Jahren Freiheit gewöhnt ist, wieder in die totalitäre Willenlosigkeit zu zwingen, wage ich mir gar nicht auszumalen.

    In den 30er Jahren hat Putlers großes Vorbild Džugašvili, um den bereits damals notorischen ukrainischen Widerstand gegen die Sowjetdiktatur zu brechen, durch Abtransport der Ernte nach Rußland und Einstellung der Lebensmittelbelieferung eine künstliche Hungersnot erzeugt, der geschätzt zwischen 3 und 5 Mio. (!) Menschen zum Opfer gefallen sind. Und dabei war das westliche Drittel der heutigen Ukraine noch nicht einmal betroffen, weil es damals zu Polen gehörte. Die Ukrainer haben also mehr Erfahrung als genug mit russischem Terror und Genozid-Politik…

    ХАЙ ЖИВЕ ВІЛЬНА УКРАЇНА!!!
    ES LEBE DIE FREIE UKRAINE!!!

    СМЕРТЬ ПУТЛЕРОВСКИМ ФАШИСТАМ!!!
    TOD DEN PUTLER-FASCHISTEN!!!

  9. #9 | Walter Stach sagt am 25. Februar 2022 um 16:15 Uhr

    Werntreu Golmeran,
    -7-
    Ich respektiere nicht nur ihre Meinung, ich stimme den meisten ihrer Überlegungen/Erwägungen zu. Ich teile zudem ihrer persönlichen Besorgnisse mit Blick auf all das, was in Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine passieren kann, auch hierzulande ; das dann durchaus denkbar militärische eingeschlossen.

    Ich hoffe (!!) weiterhin, daß es nicht zu einem "großen Krieg" -einem atomaren?- zwischen der NATO und Russland kommt. Ich bleibe bei meiner Vermutung, daß ein solcher "großer Krieg" den Hauptakteuren USA und Rußland (nebst China) viel zu risikoreich erscheinen dürfte, nicht zuletzt mit Blick auf die Gefährdung der jeweiligen staatliche Existenz.. Deutschland wäre trotz seiner "Nebenrolle" in einem solchen Falle mit großer Wahrscheinlichkeit ein Hauptkriegsschauplatz, über dessen Zustand nach einem solchen "großen Krieg" nicht lange nachgedacht werden muß. Es werden zudem dann nicht mehr viele Menschen hierzulande leben, die "nachdenklich" werden könnten.

    Werntreu Golmeran,
    ich habe mich gestern hier bei den Ruhrbaronen auf ein Zitat berufen:

    "Dum spiro, spero". Solange ich atme, hoffe ich."

    Diese Hoffnung hat wenig zu tun mit meinem Leben, das ohnehin dem Ende zugeht, sondern mit dem Leben meiner Familie und da besonders mit dem meines zur Zeit 14 jährigen Enkels. Bis vor kurzem war es für mich undenkbar, daß der Enkel in seinem noch jungen Leben bereits erfahren muß, welche konkreten Gefahren sein Leben jederzeit bedrohen, ja existentiell gefährden können, zuerst die Corona-Pandemie und jetzt der russischen Krieg gegen die Ukraine mit zumindest mittelbaren Folgen für das Leben hierzulande. Wie wird das bisher Geschehene unabhängig von dem, was noch kommt, das Denken, das Fühlen, das Handeln der jetzt z.B. 14 Jahre Alten beeinflussen?

    Ich habe mich jetzt und hier nur noch zu Wort gemeldet wegen meiner Wertschätzung Ihrer Person gegenüber und wegen Ihrer aktuellen Wortmeldung unter -7-, aber auch in dem Bemühen, gemeinschaftlich nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken, sondern gemeinsam zu hoffen.

    Zu den Ursachen des russisch-ukrainisches Krieges, zu seinem konkreten Zustandekommen, zur Schuld am und zur Verantwortung für diesen Krieg, zur gegenwärtigen Lage auf dem Kriegsschauplatz und vor allem zum Wann und Wie eines Kriegsendes sowie zu dem "dann Weiteren "-für die Ukraine, für Russland, für Deutschland, für China, europaweit/weltweit- will ich mich jetzt und hier nicht mehr äußern. Ich habe dazu u. a. hier einige Male meine Meinung gesagt. Das reicht mir -wörtlicih und bildlich.

    Ansonsten versuche den Inhalt der Aussagen/Entscheidungen der mir diesbezüglich national und international wichtig erscheinenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu erfahren, über die nachzudenken mir sinnvoll erscheint. Im übrigen bin "stets bemüht" Meinungsbekundungen diverser Kommentatoren in allen Medien nebst einschlägiger Gesprächsrunden aus dem Wege zu gehen; klappt ganz gut und schont die Nerven.

  10. #10 | Werntreu Golmeran sagt am 25. Februar 2022 um 17:16 Uhr

    Lieber Herr Stach,

    ich hatte mich auch zunächst hier mit Kommetaren zum drohenden Krieg zurückgehalten, da ich gesehen hatte, dass Sie in den Diskussionen weitgehend das zur Sprache brachten was ich auch geschrieben hätte.

    Meine Gefühle derzeit sind ähnlich denen, die ich als Kind bzw. Jugendlicher zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses hatte und während der Zeit der Jugoslawienkriege bzw. beim ersten USA-Irak-Krieg.

    Beim NATO-Doppelbeschluss gab es noch Menschen wie Willy Brandt und, schauen Sie sich mal die Berichte dazu bei YouTube an, nüchterne und ausgewogene Berichterstattung darüber in der Tagesschau. Lanz und die ganze andere Bande schaue ich mir nur ganz, ganz selten an. Gestern habe ich einige Minuten geschaut, da Gerhard Baum angekündigt war, aber nach zwei Minuten Röttgen konnte ich nicht weiter gucken. Früher habe ich regelmäßig Weltspiegel und Auslandjournal geschaut, als die Reporter noch wirklich vor Ort waren und nicht embedded oder virtuell vor Ort. Als Scholl-Latour, Kiezle oder Marcel Pott mit beiden Seiten sprachen und auf beiden Seiten der Fronten unterwegs waren. Da hatte man wenigstens ein wenig den Eindruck etwas objektiv informiert zu werden. Gestern wurden einem in Dauerschleife die Meldungen der ukrainischen Seite mit der Bemerkung, das sei aber nicht überprüft, nachgeplappert und es wurde davor gewarnt, dass man andere Meldungen nicht glauben oder diese Weiterverbreiten solle, solange diese nicht bestätigt seien. Dann sollen die ÖR das bitte aber auch so handhaben. Ich bin nicht blöd, und weiß, dass in jedem Krieg zuerst die Wahrheit stirbt und das leider auf beiden Seiten.

    Manchmal gibt es noch auf den Spartenkanälen oder spät abends Berichte, die vor Ort recherchiert sind und wenn man die gesehen hat, wie ich damals vor der Trump-Wahl, war man alles andere als überrascht, als der Herr dann plötzlich gewählt war.

    Ich hoffe auch immer, aber ich habe zu viele historische Bücher über Kriege und Katastrophen, Völkermorde etc. gelesen und was ich daraus gelernt habe, ist, dass man nicht darauf vertrauen darf, dass es immer so friedlich weitergehen wird, wie es in den letzen 77 Jahren hier in der BRD war. Da viele der Bücher Autobiografien, oder Berichter von Kindern oder Enkelkindern waren, wurde dort auch ganz oft beschrieben, dass nur die überlebt haben, die rechtzeitig erkannt hatten, wo die Reise hingehen könnte. Und leider, ja, meist waren das Menschen mit höherer Bildung und/oder höherem sozialen Status.

    Wenn ich hier was von Ihnen lese, werde ich, wenn die Zeit es zulässt, veruchen auch zu antworten. Manchmal, wenn ich zu konkret werde, werden meine Kommentare hier aber nicht freigeschaltet.

    Zum Abschluss noch ein wenig Hoffnung:

    "I hope, the Russions love their children too:"

    https://youtu.be/wHylQRVN2Qs

    Bleiben Sie gesund!

  11. #11 | Werntreu Golmeran sagt am 25. Februar 2022 um 17:40 Uhr

    Hallo Herr Stach,

    hier noch ein kurzer Nachtrag bzw. Hinweis auf einen Artikel, in dem Herr Dohnanyi von einer NATO-Übung in den 80er berichtet:

    https://www.heise.de/tp/features/Das-waere-das-Ende-des-heutigen-Deutschlands-6526084.html

    Hier Dohnany:

    https://youtu.be/HB-XD9R17cg?t=502

    Das sollte man auch immer im Hinterkopf behalten. Ein Bekannter war damals als Reserveoffizier auch immer dabei und übersetzte in irgend einem Hauptquartier als Verbindungsoffizier die jeweiligen Befehle. Er berichtete auch, dass es üblich war, dass jeder der daran teilnahm mindestens eine Flasche Schnaps oder Whisky beisteuerte.

    Wer in der Zeit noch nicht gelebt hat, sollte sich die etwas unernste aber sehr gut gemachte fiktive Serie Deutschland 83 ansehen, die sich u. a. mit dem NATO-Manöver Arble-Archer 1983 beschäftigt, während dem "aus Versehen" fast die Ganze Welt den Atom-Tod gestorben wäre.

    https://www.amazon.de/Atlantic-Lion/dp/B08K1JT1CN/ref=sr_1_1?keywords=deutschland+83&qid=1645806869&sprefix=deutschland%2Caps%2C103&sr=8-1

  12. #12 | Walter Stach sagt am 25. Februar 2022 um 20:04 Uhr

    Danke für die Info -11-.
    Interessante Anmerkungen mit historischem Bezug zu -1o-.

    Ich neige zu der Mutmaßung, dass ein kluger, weitsichtig und undogmatisch denkender und handelnder Staatsmann derzeit mehr denn je nötig wäre, über Diskurse mit den Beteiligten/Betroffenen Problemlösungen zu finden, die für alle -mehr oder weniger- akzeptabel sein könnten.
    Brandt +) hat diese Fähigkeit bewiesen, ohne die z.B. der Vertrag zwischen der BRD und der DDR über "die Grundlagen der Beziehungen" von 1972 undenkbar gewesen wäre. Es lohnt sich mit Blick auf die aktuelle Lage in Osteuropa sich im Bewußtsein der damals extrem gegensätzlichen Positioen aller Beteiligten mit dem gesamten Prozess und den an diesem Prozess Beteiligten noch einmal näher zu befassen, auch damit, wie die Interessen der beteiligten Parteien beachtet wurden, indem diesem Vertrag diverse Briefwechsel zur Absicherung weiterhin bestehenden unterschiedlichen
    Positionen als Anlage beigefügt wurden -"Meisterwerke der Diplomatie" , die zeigen, daß trotz aller grundsätzlich extrem unterschiedlichen Systeme Übereinstimmungen erzielt und völkerrechtlich verbindlich festgehalten werden konnten.

    Dasselbe gilt für den Vertrag vom 7.12, 197o zwischen der BRD und der Volksrepublik Polen. Der Inhalt des Art. I dieses Vertrages könnte für Rußland und die Ukraine durchaus als Arbeitsgrundlage dienen, wenn diese sich bemühen sollten, sich über Status und Grenzfragen zu verständigen.

    +) Brandt hatte seinerzeit mit Egon Bahr den denkbar besten Vorbereiter, Zuarbeiter und Vertragsgestalter zur Seite.

    Ich hätte , wenn es um kluges, weitsichtiges und undogmatisches Denken und Handeln von Staatsmännern geht, dann, wenn eigene Interessen in einer "schwierigen Gemengelage " durchgesetzt werden sollen auch H.Kohl +) erwähnen können und sein Geschick im Umgang mit der damaligen UDSSR als es darum ging, völkerrechtlich verbindlich die Wiedervereinigung auszuhandeln und völkerrechtlich verbindlich zu vereinbaren.
    +)
    Kohl hatte seinerzeit in der Person…….(?)Name fällt mir momentan nicht ein, einen ähnlich herausragenden Zu-/Mitarbeiter wie es Bahr für Brandt war.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Läßt sich keine Persönlicihkeit vom Kaliber Brandt oder vom Kaliber Kohl finden, z.B. aus einem neutralen Land wie der Schweiz, die fähig wäre mit Russland, mit der Ukraine -unter Einbindung von…z.B der Nato, der EU und, und….- Vereinbarungen auszuhandeln, die , weil "gesichtswahrend" für Beide und für die Nato- und EU-Mitglieder akzeptabel wären?

    Werntreu Golmeran,
    nachdem ich das jetzt niedergeschrieben habe, frage ich mich selbstkritisch: Warum?
    Ich muß zudem festhalten, daß es ein Beweis großer Überheblichkeit meinerseits ist, wenn ich mich daran mache, eigene Ideen , die auf historischen Vorbilder beruhen, hier vorzutragen, um so ein Problem lösbar erscheinen zu lassen, das derzeit mittels eines Krieges gelöst werden soll.

    Oder hilft hier nur noch Beten? Der US-.Präsident und der Papst haben -neben vielen Anderen- dazu aufgerufen.

  13. #13 | Werntreu Golmeran sagt am 26. Februar 2022 um 00:40 Uhr

    Hallo Herr Stach,

    gerade jetzt ist es notwendig, dass alle sich Gedanken machen, wie man aus dem Dilemma herauskommt. Und gerade jetzt sollte man auf Menschen hören, die Erfahrungen gemacht haben, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Ich habe die Zeit der Ostverträge zwar nur als Kind erlebt, aber bin durch diese Zeit und den Geist der durch Brandt, Bahr, Ehmke, Wehner, Jahn, Eppler und Co. verbreitet wurde nachhaltig geprägt worden. Das war eine sehr freie und zukunftsfrohe gute Zeit. Wenn man wie meine Kinder aber nichts anderes erlebt hat, als Regierungen unter Unionsführung, braucht man schon viel Phantasie, sich eine so reformfreudige, intelligente und richtungsweisende Regierung mit Mut und Geschick vorzustellen.

    Es kann sein, dass Sie Horst Teltschik meinen, den Chefstrategen von H. Kohl, der übrigens die Sache ähnlich sieht, wie Sie:

    https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/ukraine-konflikt-ex-siko-chef-teltschik-warnt-vor-eskalation,SyFVS2I

    Es ist ein wenig komisch, dass ich heute auf Leute aus der CDU verweise, die bei mir, als sie in Amt und Würden waren, nicht besonders hoch geschätzt waren. So z. B. auch Willy Wimmer, Staatssekretär im Verteidigungsministerium unter Kohl, der die Wendezeit mitgestaltet hat und aus erster Hand berichten kann, was den Russen damals zugesichert wurde. Das sind sicherlich keine Putinversteher sondern erfahrene Politiker und Diplomaten, die wissen welche Sicherheitsinteressen wo bedacht werden müssen. Auch Dohnanyi war ja eher ein konservativer Genosse, mit dem ich eher selten einer Meinung war. Der hat aber den Krieg noch bewusst erlebt und musste in den letzten Kriegsmonaten noch in den Volkssturm und den Reichsarbeitsdienst. Wenn der z. B. darauf hinweist, dass die Amerikaner teilweiße andere Interessen haben als wir und deswegen im Zweifel für das eigene Überleben Europa opfern würden, sollte man das ernst nehmen.

    Ihnen ein friedliches Wochenende!

  14. #14 | Arnold Voss sagt am 26. Februar 2022 um 09:18 Uhr

    Glaubt hier einer wirklich, dass die Brandtsche Ostpolitik stattgefunden hätte, wenn damals Putin die Sowjetunion geführt und sich genauso verhalten hätte wie jetzt gerade? Putin beweist doch gerade selbst, dass der Wunsch der Ukraine in die NATO zu kommen in jeder weise gerechtfertigt war. Dass er selbst systematische dafür sorgt, dass seine Anrainerstaaten im Westen in die NATO streben müssen, ob sie wollen oder nicht. Nicht die NATO hat Russland umzingelt, sondern Putin sich selbst um es dann der NATO vorzuwerfen.

    Diese historischen Vergleiche und das Lob der Politiker von damals helfen jetzt leider überhaupt nicht weiter. Es ist eine völlig andere Situation mit eine absolut veränderten oligarchischen Weltmacht Russland unter der Führung eines korrupten Mafiosi der alle Formen der Täuschung und Manipulation beherrscht und die neuesten Techchniken der Massenbeeinflussung und Propaganda perfekt anwendet, bzw. anwenden lässt. Ein Mann der im Ernstfall vor nichts zurückschreckt.

    Dieser Mann ist kein Verhandlungspartner, weil man ihm, wie er die letzten Jahre und Monate bewiesen hat, nicht trauen kann. Er lügt eigentlich schon, wenn er den Mund aufmacht. Da ist dann auch jede Diplomatie am Ende, geschweige denn lassen sich mit so Jemanden keine verlässlichen Verträge abschließen, weil man dauernd damit rechnen muss, dass er sie bricht.

  15. #15 | Walter Stach sagt am 26. Februar 2022 um 14:37 Uhr

    Horst Teltschick,

    Werntreu Golmeran, danke für den Hinweis. An den hatte ich gedacht.

    Arnold Voss,
    geschichtliche Parallelen zu ziehen, um daraus Erkenntnisse für die Analyse einer aktuellen Situation zu gewinnen, ist unbestritten immer (!!) problematisch. Das gilt auch für die Analyse der wesentlichen Akteure und ihres jeweiligen Handelns und das m.E. folglich auch für den derzeit gängigen Hitler-Putin-Vergleich.

    Meine hier einschlägigen Hinweise auf Brandt/Bahr und Kohl / Teltschick resultieren aus meiner Wahrnehmung eines Mangels an vergleichbaren politischen Führungspersönlichkeiten hierzulande und in der gesamten sog. westlichen Welt -besser wohl im antirussischen Lager. Nur eine "Randnotiz".
    Ansonsten……………
    Ich nehme momentan nichts substantiell Neues wahr -weder auf dem Kriegsschauplatz noch in den Worten/Taten aller mittelbar/unmittelbar Beteiligten/Betroffen -in der Ukraine, in Russland, im übrigen Europa, weltweit.
    Ich bin weiterhin nur einer unter Milliarden Beobachtern des Dramas, dessen Ausgang mir absolut ungewiss erscheint. Bewirken kann ich in diesem Drama nichts, und das bedenke ich, wenn ich mich u.a. hier bei den Ruhrbaronen zum Meinungsaustausch melde.: Und das wird immer weniger der Fall sein, denn verständlicherweise überwältigen die Emotionen derzeit zunehmend das Rationale und ich will nicht zusätzlich Öl in das lodernde Feuer der Emotione gießen.

    In diesem Sinne

    Werntreu Golmeran und Arnold Voss

    ich wünsche ein Wochenende, an dem die Gedanken zumindest dann und wann gar nicht , zumindest dann und wann nur "nebenbei" belastet sind durch das Drama des russischen Krieges in der bzw. gegen die Ukraine.; ganz los wird mandiese Gedanken wohl nicht.

  16. #16 | Berthold Grabe sagt am 26. Februar 2022 um 17:13 Uhr

    Historische Vergleich sind nur problematisch, wenn man sie ausschließlich auf einem Gesamtkontext bezieht.
    Wenn es um Verhaltensmuster geht werden sie gerne abgewiesen, aber nur weil sie dann zu unangenehm sind.
    Zum Beispiel passt die Situation München 1938 von der Strategie Hitlers eins zu eins zu Putins verhalten und ist keinesfalls legitimierbar.
    Hitlers Interesse gegenüber Polen und "Böhmen und Mähren" war sehr ähnlich und nicht weniger legitim als Putins Anspruch auf die Ukraine. Wer hier Putin folgt, muss auch Hitlers Gebietsansprüche 38/ und 39 für genauso legitim halten.
    Es ist auch prinzipiell nicht von Belang, ob man bei einem Angriffskrieg hunderte oder Millionen umbringt, weshalb entsprechende Vorwürfe gerne als Relativierung abweist, was vollkommene Nonsens ist.
    Weil nicht die Zahl der nachweisbaren Toten darüber bestimmt, ob man prinzipiell verwerflich handelt, das ist absurd.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.