Bilder aus Butscha

In mir ist es kalt: Ich habe Fotos und Videos aus Butscha gesehen. Ermordete Menschen, die wahllos auf Straßen und Bürgersteigen liegen, in Gruben unvollständig verscharrt wurden. Menschen, denen die Hände zusammengebunden wurden, bevor sie erschossen wurden. Orte, an denen Menschen, Zivilisten, gefoltert und ermordet wurden.

Eigentlich möchte ich diese Bilder hier zeigen, damit auch der Letzte versteht, was in der Ukraine passiert, was Putins Armee, was russische Soldatinnen und Soldaten tun. Es ist etwas anderes, als darüber zu lesen. Aber ich schaffe es einfach nicht, diese Bilder hier zu teilen.

In einer Art Rohr steckt unten die Leiche eine Mannes, man schaut auf seinen Kopf, vielleicht ist darunter sein Rumpf zu sehen – es ist nicht genau zu erkennen. Wir lesen seit Tagen von russischen Kriegsverbrechen. Wir wissen um die Bombardierung der Geburtsklinik, der 300 Menschen im Theater von Mariupol. Wir haben das Video von dem kleinen Jungen gesehen, der im Krankenhaus liegt, und verzweifelt nach seinem Papa ruft, ebenfalls im Krankenhaus, unklar ob er seinen Sohn noch einmal lebend sehen wird. Aber irgendetwas macht es anders. Ja, ich weiss, der Mensch ist ein Wesen, das von visuellen Eindrücken lebt. Aber die Wucht, mit der sie mich erwischt haben, habe ich nicht erwartet.

Die Hand einer Toten, mit lackierten Fingernägel, leicht gekrümmt, von Staub bedeckt. Ich habe gerade gelesen, dass Justizminister Buschmann vor dem Hintergrund dieser Bilder härtere Sanktionen angekündigt hat. Ich habe immer noch die Bundesverteidigungsministerin Lambrecht im Ohr, die sagte, dass die NATO selbst angesichts eines Chemiewaffeneinsatzes nicht direkt intervenieren wolle, weil die NATO eben keine Kriegspartei sei. Lambrecht sollte diese Fotos und Videos sehen müssen. Ihrer Logik folgend, dürften diese Bilder sie nicht zum umdenken bringen – es ist ja „noch nicht einmal“ ein Chemiewaffenangriff.

Sie liegen einfach zu Dutzenden tot auf den Straßen und Bürgersteigen. Die Realität ist oft grau. Hier sehen wir aber in Farbe, dass sie manchmal eben doch schwarz-weiß ist; so sehr sich Betroffenheitsdeutsche das auch nicht eingestehen wollen, weil es für sie so selbstwertdienlicher ist. „Wofür warst du eigentlich, als damals gezielt Menschen dutzendhaft erschossen und Frauen vergewaltigt wurden?“ mag die zukünftige Frage sein, wenn die Fotos in Schulgeschichtsbüchern abgedruckt sein werden. „Ja, also, Russland hatte ja damals die 1. von 4. Atomwaffenalarmstufen ausgerufen, und wir hatten ja auch Angst, dass wir kein Gas bekommen und ausserdem: die Ukraine war ja kein NATO-Staat. Aber ich habe auf dem Marktplatz ein Plakat hochgehalten!“ Wen mag das überzeugen?

In einer ausgescharrten Grube liegen mehrere Leichen. Eine hat das Gesicht halb im Boden (Schlamm?), der andere Teil des Gesichts wirkt unnatürlich entstellt. Immer wieder stellt sich die Frage, welche Bilder man im Westen noch bereit ist, zu sehen, bevor man endlich mit militärischem Eingreifen reagiert? Und immer wieder: wer das Atomwaffenargument wirklich ernst nimmt, und es nicht nur zur Selbstentlastung nutzt, der kann auch nicht für das Angreifen der NATO sein, wenn Polen überfallen wird. Die russischen Atomwaffen stellten dann dieselbe Gefahr da. Wieviel Bilder von Toten kann man noch ertragen in Berlin, in Paris, in Washington?

Menschen mit zusammengebundenen Händen, von hinten in den Kopf geschossen. Einfach hintereinander auf dem Boden liegen gelassen. Bilder sind etwas anderes als Texte. Vielleicht sollten wir diese Bilder teilen. Ich weiss es einfach nicht.

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9 Kommentare

  1. #1 | ZeroZero sagt am 3. April 2022 um 18:53 Uhr

    Wer es sehen will sieht es und die anderen haben ja schon ihr Relativierungspaket herausgekramt.

  2. #2 | Lidia sagt am 3. April 2022 um 19:17 Uhr

    Sprachlos, Massaker, wo ist die Menschlichkeit geblieben

  3. #3 | Robin Patzwaldt sagt am 3. April 2022 um 19:19 Uhr

    @Lidia: Krieg und Menschlichkeit gingen schon immer schlecht zusammen…

  4. #4 | Christian Scharlau sagt am 3. April 2022 um 19:47 Uhr

    @Robin Patzwald: Das ist natürlich richtig. Und es gibt in jedem Krieg auch zivile Opfer. Klar. Der Punkt ist allerdings, daß in der russischen Art der Kriegsführung Zivilisten nicht etwa "Kollateralschäden", sondern das Hauptziel des Angriffs sind. Egal, ob ganz gezielt Krankenhäuser, Schulen, Wohnviertel bombardiert werden (das hat Putin in Syrien und Tschetschenien nicht anders gemacht als jetzt in der Ukraine), oder ob es Terror gegen die Bevölkerung in den besetzten Gebieten ist, mit willkürlichen Massenerschießungen, Verschleppungen in russische KZs, Vergewaltigungen usw. usw. Klar, Butscha ist mit dem heutigen Tag für die westliche Öffentlichkeit aufgrund des grauenhaften Ausmaßes der Verbrechen zu einem Symbol geworden. Aber es gibt ganz, ganz viele kleinere Butschas überall in der Ukraine, wo Städte und Ortschaften von den russischen Besatzern befreit werden.

    Und darum ist Krieg, auch wenn er immer furchtbar ist, eben doch nicht gleich Krieg. Für Russland sind massenhafte, schrecklichste Kriegsverbrechen geradezu Kern der Militärstrategie – daran hat sich seit den Tagen Iwans des Schrecklichen nichts geändert.

  5. #5 | Robin Patzwaldt sagt am 3. April 2022 um 20:35 Uhr

    @Christian Scharlau: Mein Kommentar bezog sich auch lediglich auf #2. Ich hatte Großeltern, die allesamt den 2. Weltkrieg miterlebt haben. Für deren Erzählungen aus dieser Zeit bin ich ihnen heute noch dankbar. Seither rechne ich im Krieg aber auch nicht (mehr) mit Menschlichkeit. Von keiner Seite des Krieges… Das mag zynisch klingen, ist aber ein Resultat aus den Erzählungen aus einer längst überwunden geglaubten Zeit. Ich gebe mir da auch im aktuellen Fall leider nur wenigen Illusionen hin….

  6. #6 | Georg Gamsjäger sagt am 5. April 2022 um 02:54 Uhr

    Das was ich sehe ist Werbung. 🙁

  7. #7 | Sebastian Bartoschek sagt am 5. April 2022 um 21:39 Uhr

    @ #6: verstehe ich nicht?!

  8. #8 | Burger sagt am 6. April 2022 um 01:32 Uhr

    Butscha wird mit Srebrenica verglichen – zu Recht. Damals hat die Nato anschließend Milosevic militärisch zur Raison gebracht. Wie soll man nun der Ukraine vermitteln warum die Nato aktuell nicht interveniert?! Wegen der Drohung mit Nuklearwaffen? Ich denke die Psychologie von totalitär denkenden Führern wird nicht verstanden. Sie achten weder Diplomatie noch Verhandlungsangebote, auch nicht Wirtschaftssanktionen. Für sie ist das alles Schwäche. Unsere Angst vor einem Nuklearkrieg wird zum Freibrief für Putin. Für ihn zählt nur die Überlegung – was kostet mir mein aggressives Handeln (im schlimmsten Fall). Putin ist mittlerweile zum militärischem Erfolg verdammt, um den aufkommenden wirtschaftlich harten Zeiten "Erfolge" gegenüber zu stellen. Mit dem Argument – die Ukraine sei schließlich kein Natomitglied betrügen wir uns selbst. Mit dieser Haltung würden wir auch das leicht zu überrennende Baltikum nicht schützen können. Putin ist uns mit seiner brutalen Entschlossenheit bislang immer einen Schritt voraus.

  9. #9 | Ostermarsch-Teilnehmer in Duisburg einig mit Putin: "Keine Waffen in die Ukraine" | Ruhrbarone sagt am 16. April 2022 um 18:11 Uhr

    […] Bröcher, die für den VVN/BdA das Wort ergriff, zweifelte indirekt die Massaker in Butscha – von dort gibt es überprüfbare Nachrichten, Augenzeugenberichte und Satellitenbilder – […]

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