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Corelli: Anfang und Ende bei der Polizei Bielefeld

"Corelli" Screenshot: Trauerseite für Thomas Richter.

„Corelli“ Screenshot: Trauerseite für Thomas Richter.

Im Düsseldorfer NSU-Untersuchungsausschuss sagte heute Jerzy Montag aus. Montag war im Oktober 2014 vom Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags, dem Kontrollgremium über die Geheimdienste, als Sonderermittler eingesetzt worden. Er sollte die beinahe 20-jährige Tätigkeit Thomas Richters als V-Mann „Corelli“ des Bundesamtes für Verfassungsschutz und die Umstände um „Corellis“ Tod untersuchen. Seit Anfang Juni hat er diese Position, mit neuem Auftrag, wieder inne: Er soll eine mögliche Vergiftung des V-Manns prüfen. Der Untersuchungausschuss aus Düsseldorf stellte ihm und der Staatsanwaltschaft Paderborn dafür die Protokolle der Vernehmung des Diabetologen Prof. Werner Scherbaum, der am 2. Juni vor dem NRW-Ausschuss ausgesagt hatte, zur Verfügung. Heute schilderte Jerzy Montag ausführlich das Leben von Corelli und seine Bezüge nach Nordrhein-Westfalen. Die V-Mann Tätigkeit Thomas Richters begann mit einem Besuch bei der Polizei in Bielefeld. Nach seinem Tod ermittelte die selbe Polizei. Von Alexandra Gehrhardt und Sebastian Weiermann

Thomas Richter wurde 1974 in Halle an der Saale geboren, in einem Vorort verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Seine Schulbildung sei nicht außerordentlich gewesen, er besuchte das DDR-Gegenstück zur Volksschule und verließ diese ohne Abschluss. Anfang der 1990er Jahre zog Thomas Richter in das von Neonazis besetzte Haus in der Berliner Weitlingstraße (http://telegraph.cc/berliner-hausbesetzerinnen-geschichte-das-neo-nazi-haus-weitlingstrasse-122-in-berlin-lichtenberg/), wo er bundesweite Kontakte in die rechtsextreme Szene knüpfte. Die Weitlingstraße war zu dieser Zeit einer der bedeutendsten Fixpunkte. Kader aus Westdeutschland, von den Hamburgern Michael Kühnen und Christian Worch über den Niedersachsen Thorsten Heise bis zu Meinolf Schönborn und anderen Mitgliedern der „Nationalistischen Front“ (NF) gingen bei den neonazistischen Hausbesetzern ein und aus. Meinolf Schönborn und die NF schienen eine besondere Faszination auf Thomas Richter, der damals keine 18 Jahre alt war, gehabt zu haben. Corelli zog aus Berlin nach Detmold in das Hauptquartier der NF um, die Anfang der 1990er Jahre eine der konsequntesten rechtsextremen Organisationen war. Von ihr gingen Konzepte zur so genannten „Anti-Antifa“ und die Idee von „Nationalen Einsatzkommandos“ aus, die sich um gewalttätige Aktionen gegen politische Gegner kümmern sollten. Die „Nationalistische Front“ wurde 1992 verboten, die Kader arbeiteten allerdings in der Illegalität weiter. Im Haus des NF-Führers Meinolf Schönborn war „Corelli“ der „Junge für alles“, kümmerte sich um Reperaturen im Haus und auch um die Verteilung von Propaganda der illegalen NF.

1993 feierte Thomas Richter seinen 19. Geburtstag in Detmold. Hunderte Gäste seien erschienen, Jerzy Montag nennt sie das „Who is Who“ des damaligen Rechtsextremismus. Unter den Gästen waren auch Jan Werner, dem immer wieder eine Unterstützung des NSU vorgeworfen wird, und zwei Mitglieder der späteren Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Sie sollten später das „Dönner-Killer“-Lied aufnehmen. Die Geburtstagsparty von Richter eskalierte, in der Nacht erschienen Hundertschaften der Polizei. Es gab Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Neonazis und das Haus wurde offenbar verwüstet. Meinolf Schönborn war von der Verwüstung offenbar nicht begeistert und forderte von „Corelli“, dass dieser die Schäden „auf Heller und Pfennig“ ersetze. Später gab es einen Zivilprozess in dem sich sowohl Schönborn als auch Thomas Richter von Szeneanwälten vertreten ließen.
Am Tag nach der Party nahm Thomas Richter erstmals Kontakte zu staatlichen Behörden auf. Er ging zum Staatsschutz der Bielefelder Polizei und bot dort, gegen Geld, Informationen über die NF an. Richter wurde vom Staatsschutz an den Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen verwiesen, zog allerdings schnell wieder nach Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt um. Weil er bei einem „fliegenden Händler“ für Lederwaren arb eitet und darum im ganzen Bundesgebiet unterwegs war, traute sich auch der dortige Verfassungsschutz eine umfassende Betreuung nicht zu und verwies ihn an das Bundesamt für Verfassungsschutz. Aus Thomas Richter wurde 1994 der V-Mann „Corelli“. Und als „Corelli“ sorgte er für die Aufdeckung von Propagandalagern und Strukturen der illegalen „Nationalistischen Front“.

„Corelli“ besuchte aus eigenem Antrieb Konzerte und Demonstrationen der rechtsextremen Szene in großem Umfang. Ende der 1990 Jahre war „Corelli“ einer der Pioniere im Bezug auf Auftritte von Neonazis im Internet. Er betrieb persönlich die Seite „oikrach“, in der es um rechte Musik und Devotionalien ging, die Richter auch verkaufte. Außerdem betrieb er die Website „Nationalisten gegen Kinderschänder“. Über Websiten von „Corelli“ erhielt auch das neonazistische Fanzine „Der Weisse Wolf“ einen Internet-Auftritt. Der „Weisse Wolf“ bedankte sich 2002 beim „NSU“, kurz zuvor war dort eine Spende von 2.500 Euro eingegangen. Die wichtigste Internetseite, die „Corelli“ betrieb, war der „Nationale Demobeobachter“, in den Jahren 2002 bis 2008 sammelte Richter hier Demonstrationstermine und Berichte der extremen Rechten. Bundesweit machte er sich außerdem einen Ruf als Demofotograf und -filmer. Im ganzen Bundesgebiet dokumentierte „Corelli“ Aufmärsche. Aus den Jahren 2007 und 2008 filmte Thomas Richter auch Demonstrationen in Dortmund. Ein weiterer Kontakt nach Dortmund, den Jerzy Montag im Untersuchungsausschuss nannte, sind Besuche von Konzerten der Band „Oidoxie“, von denen Richter seinem V-Mann Führer berichtete. Über Details will Sonderermittler Montag nichts sagen, dies sei nicht von seiner Aussagegenehmigung gedeckt. Ob und inwiefern „Corelli“ mit Dennis Giemsch aus Dortmund zusammen arbeitete, der wenige Jahre nach ihm zu einem der wichtigsten Internetbetreibern der extremen Rechten wurde, erzählte Jerzy Montag leider nicht. Eine engere Bekanntschaft ist allerdings nicht unwahrscheinlich, da sich Thomas Richter ähnlich wie Neonazis aus Dortmund zu den „Autonomen Nationalisten“ bekannte und an deren Aufbau beteiligt war, mindestens einmal nahm „Corelli“ an einem Kameradschaftsabend im „Nationalen Zentrum“ in der Rheinischen Straße 135 teil. Außerdem findet sich, so ein Hinweis des Sonderermittlers, die Telefonnummer eines führenden Dortmunder Neonazis in einem Handy, das nach Corellis Tod beschlagnahmt wurde.

Im Bundesamt für Verfassungsschutz galt „Corelli“ als „Top-Quelle“, Montag schildert, eine gute Quelle würde rund 20 Leitz-Ordner füllen, die Berichte von Thomas Richter umfassten 180 dieser Ordner. Teilweise berichtete „Corelli“ sogar live von Aktionen der neonazistischen Szene und löste dadurch direkt Einsätze der Polizei aus. Wie offen Richter im Umgang mit dem Verfassungsschutz war, ist für Jerzy Montag schwer zu beurteilen, er tendiert allerdings dazu, dass der V-Mann „nachrichtenehrlich“ gewesen sei und tatsächlich berichtete, was er über Aktivitäten der extremen Rechten wusste.

Im Herbst 2012 drohte der V-Mann „Corelli“ aufzufliegen. Im Zuge des ersten Bundestags-Untersuchungsausschuss zum NSU wurde über diese Quelle gesprochen. Am 18. September nannte die „Magdeburger Volksstimme“ erstmals den Namen Thomas Richter. Der V-Mann wurde abgeschaltet und erstmal für einige Tage ins Ausland gebracht. Beim Verfassungsschutz machte man sich Gedanken, wie man Richter nun schützen könne. Sein langjähriger V-Mann-Führer schlug vor, mit „Corelli“ in eine geheime Wohnung zu ziehen. Beim Bundesamt lehnte man diese Idee ab.

Generell wirft die Beziehung zwischen Richter und seinem Führer Fragen auf. Beide waren seit 1998 oder 1999 in einem Arbeitsverhältnis. Auch nach seiner Abschaltung versuchte er Kontakt zu seinem V-Mann Führer zu halten. Eine engere Beziehung zwischen Richter und seinem V-Mann Führer scheint allerdings möglich. Jerzy Montag möchte im NSU-Ausschuss jedenfalls nicht über Richters sexuelle Orientierung oder eine mögliche Beziehung zum V-Mann Führer sagen. Der V-Mann Führer, so Montag, konnte „nicht von Corelli lassen“. In Halle an der Saale gibt es zudem schon länger das Gerücht, dass Thomas Richter homosexuell sei. Im Komplex „Corelli“ wirft eine mögliche Beziehung natürlich neue Fragen auf. Hat der V-Mann Führer alles, was ihm „Corelli“ sagte, an seine Vorgesetzten weitergegeben? Hielt er Informationen zurück, um die „Arbeitsbeziehung“ zu „Corelli“ nicht zu gefährden?

Das Leben von Thomas Richter endete Anfang April 2014 in einer Wohnung in Paderborn. Zwei Verfassungsschützer drängten den Vermieter Richters, der nun als Thomas D. lebte, dazu, die Wohnung aufzubrechen, nachdem sie ihn über Tage nicht erreicht hatten. In der Wohnung fand man am 7. April die Leiche von „Corelli“, auch wegen der Verbindung zum Verfassungsschutz wurde eine Mordkommission eingerichtet. Bei den Sicherheitsbehörden liefen die Telefone heiß. Die Ermittlungen wurden von der Polizei Bielefeld und der Staatsanwaltschaft Paderborn an das BKA und die Generalbundesanwaltschaft übernommen. Der Versuch, „Corelli“ unter seinem Tarnnamen zu beerdigen, wie es der Verfassungsschutz vorschlug, scheiterte. Knapp eine Woche nach dem Ableben Thomas Richters meldete sich dessen Bruder Lothar. Der Verfassungsschutz hatte vorher behauptet, es gäbe keine Kontakte zu seinen Brüdern.

Der Tod von „Corelli“ wirft seit der Sitzung des NSU-Ausschusses am 2. Juni neue Fragen auf. Bis dahin galt ein hyperglykämisches (diabetisches) Koma als 100-prozentig sicher. Die Obduktion der Rechtsmedizin Münster hatte dies ergeben, auch der Diabetes-Experte Werner Scherbaum hatte dies bestätigt und eine Vergiftung vor zwei Jahren aus. Im NSU-Ausschuss nahm Scherbaum diese Aussage allerdings zurück. Mit dem Rattengift „Vacor“ sei es möglich, ein diabetisches Koma künstlich herbeizuführen. Das Rattengift war allerdings nur in den Jahren 1975 bis 1979 auf dem deutschen Markt erhältlich. Eine Vergiftung scheint also eher unwahrscheinlich. Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat nun allerdings ein neues toxikologisches Gutachten angeordnet, um auch diese Möglichkeit zu überprüfen.

Im Fall „Corelli“ sind also noch lange nicht alle Antworten gefunden. Der NSU-Ausschuss in Nordrhein-Westfalen wird diese Antworten vermutlich nicht mehr finden. Die Ausschussmitglieder verfügen nicht über alle nötigen Akten und das Bundesamt für Verfassungsschutz lässt nicht zu, dass „Corellis“ V-Mann Führer vernommen wird.

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Ein Kommentar zu “Corelli: Anfang und Ende bei der Polizei Bielefeld

  • #1
    Andreas Säger

    Was bei den Verfassungsschutzämtern richtig gut läuft erfahren wir nicht einmal im Nachhinein. Was alles schief läuft und wessen Geistes Kind diese Leute sind (und immer schon waren) dürfte mittlerweile jedem klar sein. Auflösen. Aber sofort.

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