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Das Ding mit dem Deutscher sein

Wichtige Frage: Was koche ich?


Ich denk den ganzen Tag über vieles nach – darüber, was deutsch ist, nie.

Welche Themen biete ich welcher Zeitung an? Habe ich vergessen, einen Text in Rechnung zu stellen? Ist noch irgendwas mit dem Finanzamt? Was koche ich heute? Soll ich einem alten Freund zum Geburtstag gratulieren, obwohl wir zerstritten sind? Wäre es nicht nett, im Winter nach Tunis zu fliegen? Hat Michael heute Abend Lust, ein Bier zu trinken? Lohnt es sich, eine Videokamera zu kaufen oder reicht für die paar Filmchen, die ich im Jahr drehe, mein iPhone? Ich mache mir viele Gedanken. Eigentlich denke ich den ganzen Tag. Und das schon ziemlich lange. Aber zu den Dingen, über die ich noch nie nachgedacht habe, gehört, was es bedeutet, Deutscher zu sein.

Dazu muss man wissen, dass dies bei mir nicht ganz einfach ist: Mein Vater ist Kreter, meine Mutter halbe Serbin. Ich wurde auf Kohle  in Gelsenkirchen geboren, machte bei der AWO in Schalke meinen Zivildienst. Wuchs in Gladbeck auf, lebte lange in Frankfurt und wohne in Bochum. Mit Deutsch als Sprache komme ich so gut zurecht, dass es Menschen gibt, die mir Geld für meine Texte geben. Griechisch spreche ich nicht. Mit meinem Vater hatte ich nie viel zu tun.  Und ja, ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, war aber, bis Rot-Grün das Staatsbürgerschaftsrecht reformierte, kein Deutscher, sondern lediglich ein deutscher Staatsbürger. Erfahren habe ich das aus der Zeitung, als diese Reform diskutiert wurde. Im Alltag spielte das nie eine Rolle.

Und nun reden alle darüber, was es heißt, ein Deutscher zu sein. Anlass zu dem Thema ist Mesut Özil, wie ich ein gebürtiger Gelsenkirchener und wie ich einer mit Migrationshintergrund. Ok, er hat keine griechischen Wurzeln, dafür spielt er besser Fußball als ich – man kann nicht alles im Leben haben.

Was es heißt, ein Deutscher zu sein, hat mich nie interessiert. Ich bin hier geboren und ich lebe hier. Ich mag die Sprache – sicher auch, weil ich keine andere besser beherrsche. Das Wetter ist, außer in diesem Sommer, eine Zumutung. Dafür ist das Essen recht gut. Ich mag Wälder, und ob es deutsche oder französische Wälder sind, ist mir egal. Solange da Bäume stehen, bin ich zufrieden. Nord- und Ostsee sind zu kalt. Der Osten ist für mich mehr Ausland als Holland.

Als ich aufwuchs, war deutsch zu sein kein Thema, denn meine Generation wuchs nicht in Deutschland auf, sondern in der Bundesrepublik. Und der Unterschied war den meisten von uns sehr bewusst: Das Deutschland vor der Gründung der Bundesrepublik war für mich als Schüler das Land der Nazis, des Chaos der  Weimarer Republik, davor waren da noch drei Kaiser, die bis auf einen, der schnell starb, die mit „Idioten“ noch freundlich beschrieben waren.

Im Gegensatz zu den Bewohnern in der DDR lebten wir in Freiheit und waren reich. Selbst als Schüler war man im Verhältnis zu den Menschen im Osten reich – auf der Abschlussfahrt meines Geschichtsleistungskurses nach Polen wurde mir klar, wie reich wir waren. Und wie frei.

Wohlstand und Freiheit waren für mich Identifikationspunkte. Unfrei in einem armen Land zu leben, das war mir spätestens nach den zehn Tagen in Warschau und Kraków klar, ist keine gute Sache.

Aber gibt es sonst noch etwas, was mich mit den anderen Menschen hier verbindet? Nun ja, mit einigen verbindet mich schon etwas: Meine Freunde und meine Verwandten mag ich nicht missen, mein Nachbar Michael ist eine Seele von einem Menschen und unvorstellbar hilfsbereit. Mit anderen, mit denen ich persönlich nicht viel zu tun habe, verbindet mich, dass wir entweder ähnliche Vorstellungen haben oder uns ganz wunderbar streiten können, was einen ja immer klüger macht.

Die meisten, auf die das zutrifft, sind Deutsche. Aber das ist auch nur der Fall, weil ich in Deutschland lebe. Ich hatte auch schon wunderbare Diskussionen in anderen Ländern. Allerdings nur mit Menschen, die deutsch oder englisch sprechen. Ich bin sprachlich, wie fast alle von uns, ein wenig eingeschränkt. Die Technik wird das zum Glück bald ändern.

Meine Identität ziehe ich nicht aus meinem Personalausweis. Wobei mir klar ist, dass ich ziemliches Glück hatte, in Gelsenkirchen und nicht in Lagos geboren zu sein. Mir ist aber auch klar, dass, wer in  Zürich geboren wurde, wohl noch etwas mehr Glück hatte.

Meine Identität ziehe ich aus mir selbst, dem, was ich den ganzen Tag mache und erlebe und einem Geflecht persönlicher Bindungen: Ich bin der Sohn meiner Mutter, der Vater meines Sohnes, der Freund meiner Freunde. Ich wohne gerne in meinem Stadtteil, die Stadt, zu der er gehört, ist mir vom Gefühl her schon wieder vollkommen egal.

Das Entscheidende bei der Beurteilung anderer und bei der Auswahl meiner Freunde ist nicht die Herkunft, sondern gemeinsame Ansichten und Lebenseinstellungen. Es gibt Menschen, mit denen ich so enge Bindungen habe, dass so etwas wie ein „wir“ entsteht, das über mich als Person hinausgeht. Aber das hat nichts mit der Nationalität zu tun. Es gibt jede Menge Deutsche. Und wie bei jeder anderen Gruppe mag ich mit den meisten nicht viel zu tun haben. Es gilt die Gaußsche-Normalverteilung, die einem das Leben im Großen und Ganzen angenehm macht: Ein paar sind sehr nett, ein paar sind Arschlöcher und die allermeisten sind so, dass man mit ihnen im Alltag gut klarkommt. Dass im Kapitalismus vieles durch Geld geregelt wird und der Bäcker mich nicht mögen muss, um mir ein Brötchen zu backen, trägt viel dazu bei, dass das Leben entspannt ist.

Diese Bindungen, die mir wichtig sind, vor allem, wenn sie politisch oder kulturell sind, gehen weit über die „Nation“ hinaus. Mit einem deutschen Maoisten oder einem Neonazi verbindet mich viel weniger als mit jemanden aus den USA, Israel oder Tunesien, der ähnlich liberal denkt wie ich. Ein säkularer Türke ist mir näher als ein Zauselbart wie der deutsche Salafist Pierre Vogel. Ich habe mit Australiern wunderbar über Punk,  Goethe und  Hornby diskutiert und weiß, dass das mit den meisten Deutschen genau so wenig gehen würde wie mit den meisten Australiern.

Was meine Welt in ihrem Innersten zusammenhält, sind gemeinsame Werte und Ideen: Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie, eine gewisse Gelassenheit und die Ablehnung von Angstmacherei und Hysterie. Und klar, ich mag es, wenn Menschen klug sind. Ich glaube nicht, dass Mesut Özil viele dieser Werte und Ideen teilt. Was kein Grund ist, ihn rassistisch zu beschimpfen.

Aber Özil ist jemand, der keine Probleme damit hat, sich mit einem rassistischen Unterdrücker im Wahlkampf fotografieren zu lassen. So weit weg von jenen, die ihn beleidigten, ist er wohl nicht. Und Herkunft und Nation scheinen für ihn auch wichtige Werte zu sein – auch da tut er sich mit den Hetzern auf der Tribüne nichts.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber gelesen, dass man an Özil festmachen kann, dass es ein „Wir“ und ein „die anderen“ gibt. Damit habe ich prinzipiell kein Problem. Ich mag die anderen auch nicht, nur was die anderen sind, mache ich an anderen Punkten fest: Werte, Ideen, Geschmack, Überzeugungen, Stil. Und wenn jetzt darüber diskutiert wird, was ein Deutscher ist, kann ich nichts damit anfangen, weil die Antwort auf diese Frage nie etwas mit Werten, Ideen, Geschmack, Überzeugungen, Stil zu tun haben kann, sondern immer nur mit Herkunft oder Staatsangehörigkeit. Demokratisch zu sein ist keine deutsche Eigenschaft – und auch keine französische oder nigerianische. Einer Menge Deutscher ist der Verfassung egal, viele lehnen sie ab. Dafür würden andere für sie durchs Feuer gehen, auch wenn sie nicht hier geboren wurden und einen anderen Pass haben. Mit der Nationalität ist es wie mit anderen Identitäten, für die man nicht viel mehr leisten musste, als sie mit der Geburt erworben oder durch einen Rechtsakt erhalten zu haben: Sie haben, im besten Fall, einen praktischen Wert. Nimmt man sie zur Grenzziehung zwischen irgendeinem „Uns“ und „den anderen“, kommt man nicht sonderlich weit und findet sich rasch in mindestens unangenehmer Nachbarschaft wieder. Wir sollten Grenzen ziehen – jeder von uns sollte das tun. Aber es müssen Grenzen sein, die mit Werten und Überzeugungen zu tun haben. Sowohl als Menschen als auch als  Staatsbürger dieses Landes.

 

 

 

 

 

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28 Kommentare zu “Das Ding mit dem Deutscher sein

  • #1
  • #2
    Robert Müser

    Diesem Text habe ich nichts hinzuzufügen, es geht mir genau so.

    Danke dafür!

  • #3
    thomas weigle

    Ja @ Stefan Laurin, so ist das. Wir haben Bundesbürger "gelernt". Nicht nur die "Gnade der späten Geburt," sondern v.a. die des richtigen Geburtslandes haben wir dankenswerterweise und ohne eigenen Verdienst erfahren. Nicht stolz Deutscher zu sein, sondern froh und dankbar Bundesbürger zu sein.

  • #4
    Helmut Junge

    Interessant das Foto oben, denn Ketschup habe ich als Kind überhaupt nicht gekannt. Ich bin vor Gründung der Bundesrepublik innerhalb der Britischen Besatzungszone geboren. Meine steirischen Großeltern haben oft Sterz gebraten-gekocht mit Kürbisöl. Erdnußbutter und smarties vom Onkel aus Amerika, schwarze Jeans, als die hier noch keiner kannte, und viel Alpenmusik gehört, weil Onkel und Tanten so musikalisch waren. Brot haben meine Großeltern gerne in Malzkaffee getunkt. Das hieß "Einibrocken".Die anderen Großeltern mit schlesischen Wurzeln wohnten auf der gleichen Straße, aber mit denen haben wir nicht gesprochen, weil die Stiefoma zu meiner Mutter gesagt hatte, daß sie eine Hexe wäre. "wenn deine Mutter nicht so eine Hexe wäre, hätten wir viel mehr Kontakt."
    Die Männer haben sehr viel Skat gespielt. Wer macht das heute noch? Schwimmen habe ich mit Hilfe eines doppelt gedrehten Fahrradschlachs gelernt. Überall gab es noch Ruinen vom Krieg und ein etwas älterer Freund hatt immer Angst, daß da noch Russkies drin sein könnten. Während der WM 54 gab es nur in der Kneipe Fernseher. Ich war noch keine 7 und habe auf dem Schoß meines Vaters gesssen und während er das Spiel verfolgte, sein Bier ausgetrunken. Das macht mich wohl zum Deutschen. Ich bin kein Weintrinker geworden. Wein paßt nicht zu meiner kulturell oder genetisch, was auch immer) vorgegebenen Schluckgeschwindigkeit. Übrigens esse ich auch gerne Sauerkraut. Sterz habe ich mir später mal selber gemacht, aber es hat mir nicht geschekt. Einbrocken mache ich gegentlich, aber mit Bohnenkaffee. Wenn ich alles in allem nachdenke, was es heißt Deutscher zu sein, denke ich, daß es das Biertrinken sein muß, was mich zum Deutschen stempelt. Denn wer ißt schon Sterzbrei mit Kürbisöl? Ach noch was. Eine Kindheitsfreundin ist etwa 1970 nach England gezogen, hat einen Engländer geheiratet, mit ihm dort drei Kinder großgezogen, durfte aber nie wählen, weil sie Deutsche geblieben ist. Ich muß sie mal fragen, was das für sie bedeutet. Vielleich muß sie ja nach einem harten Brexit zurück?

  • #5
    Thorsten Stumm

    Stefan, macht Sinn das so zu sehen. Ich habe allerdings schon ziemlich früh erfahren was es für mich heisst Deutscher zu sein. Ich war schon seit meiner Kindheit in Jugendorganisationen von SPD und Kirche…..so mit 14 war ich in einer französischen Gastfamilie die hatten zwei Söhne im fast gleichen Alter die haben mich mit ihren Freunden bekannt gemacht…wir ziehen so durch die Stadt, bleiben so vor einem Maus mit Gedenkplatte stehen….erinnere mich nicht für wen, nur an die letzten Worte des Textes : "par la Gestapo." Und irgendwie sahen alle mich an.

    Ich bin halt der Abstammung nach reiner Deutscher. In meiner Familie gibt es die Landserfotos der Grossväter ( beide gefallen) und Onkels, von zwei auch mit der Totenkopfmütze. Oder die Erinnerung das meine Grossmutter das EK I meines Grossvaters und ihr Mutterkreuz immer in Keksdose aufbewahrte.

    Natürlich ist diese meine Geburt weder mein Verdienst noch meine Schuld. Deine Argumentation öffnet aber auch die Tür für ein Stück Geschichtsvergessenheit. Warum sich zu einer historischen Verantwortung z-B. zu Israel bekennen, wenn man dies nicht mehr als Teil der eigenen kulturellen Identität begreift, sondern nur einem Zufall geschuldet?

    Es gibt insbesondere in Frankreich und in Polen ein Nationenbegriff und ein Geschichtsbewusstsein das Deutsche kritisch beäugt, ganz besonders wenn sie angeben eigentlich gäbe es sowas wie deutsch sein nicht.

  • #6
    Dr. Hergen Albus

    Volle Zustimmung. Und was bei Dir in einem Nebensatz auftaucht, ist eigentlich der Witz. Ein Erdogan, der jetzt über den Rassismus der Deutschen herzieht, ist das nicht der eigentliche Rassist, der über türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag sagte, sie hätten "schlechtes Blut"? Vielleicht sollte man wirklich mal die Hysterie aus der Debatte nehmen. Jeder Mensch, der gerne in Deutschland lebt, kann auch Deutscher sein, wenn er es will. Wenn nicht, dann sei es. Dann lebt er halt als Ausländer hier – und auch als Ausländer sollte er hier gut leben können. Und noch eine Bitte – tu dem Text noch eine Schlusskorrektur an…

  • #7
    Joachim Temmen

    Ein schöner Text. Letztendlich ist Jeder für die Gestaltung seines Lebens verantwortlich.

    Warum igeln sich trotzdem so viele Menschen in ihren Identitäten ein? Sicherlich oft, weil diese Sicherheit in einer unübersichtlichen Welt versprechen. Zusätzlich gibts oft noch eine Portion Überlegenheitsgefühl oder Opferpathos, was für manche eine wunderbar bequeme Sache ist.

    Man sollte vielleicht versuchen, Anderen ein Vorbild zu sein – und muss trotzdem seine Herkunft nicht verleugnen. Es ist ja auch kein Verbrechen, im Schützenverein oder einer Trachtengruppe zu sein.

    Bei den Özil-Gegnern von rechts scheint auch noch eine Art Schniepelneid im Spiel zu sein, Özil, darf, was die auch gerne tun würden als stolze Teutonen *grins*

  • #8
    thomas weigle

    @ Thorsten Stumm Ich denke nicht, dass obiger Artikel Geschichtsvergessenheit fördert. Zumindest nicht hier bei den Ruhrbaronen. Die guten Seiten der Bundesrepublik anzunehmen, heißt ja nicht zu vergessen, wo sie herkommt. Auf der letzten MV der Frankfurter Eintracht fiel ein bemerkenswerter Satz: "Alles was gut geworden ist in unserem Land, steht und fällt mit der Ablehnung des 3.Reiches."

  • #9
    paule t.

    Die allgemeine Haltung zum "Deutschsein" finde ich sehr sympathisch und teile sie. Allerdings sollte man eins nicht vergessen: Eine solche Haltung ohne größere persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Identität haben zu können, ist m.E. ein Privileg – nämlich das Privileg derjenigen, deren Zugehörigkeit nicht in Frage gestellt wird. Wer regelmäßig erlebt, dass seine Zugehörigkeit zu diesem Land immer wieder fraglich ist – ob wegen seines Aussehens, seines Namens, seiner Religion … -, kann eine solche sympathisch gelassene Haltung nur sehr schwer haben.
    [Oder sehen Sie, Herr Laurin, dass mit Ihrem Migrationshintergrund anders? Ich für meinen Teil hätte bisher überhaupt nicht gewusst, dass Sie einen haben. Wenn das bei vielen Leuten, denen Sie so begegnen, so ist, würden Sie diese Infragestellung ja auch nicht so erleben wie jemand, der zB Özil heißt …]

    In einer solchen Situation ist mMn Özil. Ja, seine Haltung zu Erdogan ist unsympathisch. Aber schlimmer als die diverser Fußballer und Fußballfunktionäre zu Putin oder den katarischen Veranstaltern demnächst? Ich weiß ja nicht. Und seine Haltung kritisch zu sehen, heißt ja auch nicht, dass er nicht selbst Rassismus erfhren könnte – ich finde das ganz eindeutig.

    —————————————-

    Eine Sache habe ich im Text nicht verstanden, Zitat:
    "… ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, war aber, bis Rot-Grün das Staatsbürgerschaftsrecht reformierte, kein Deutscher, sondern lediglich ein deutscher Staatsbürger".
    War nicht auch vorher schon jeder Staatsangehölrige "Deutscher" im Sinne des GG (Art. 116)? Wie konnte man also Staatsangehöriger (oder ist das was anderes als "Staatsbürger"?) sein, ohne Deutscher zu sein? (Ja, man konnte irgendwie nach ethnischen Kriterien "Deutscher" sein, ohne Staatsangehöriger zu sein – aber mW nicht umgekehrt. Oder was habe ich da falsch verstanden?)

  • #10
    ke

    Ich hatte mehr Glück, Dortmund als Geburtsort, d.h. ich durfte als Fan der Bundesligamannschaft meiner Heimatstadt auch Meisterschaften erleben.
    Meine Familie ist vor vielen Jahrzehnten ins Ruhrgebiet eingewandert. Ich habe viele Länder bereist, arbeite international. Ich war auch bei der Bundeswehr zu Zeiten der äußeren Bedrohungen, da ich es sinnvoll fand, dass man in der Lage ist, sich zumindest theoretisch zu verteidigen. Ich wollte dem Warschauer Pakt nicht meine Heimat kampflos übergeben, dafür fand ich die Welt, in der ich aufgewachsen war, eigentlich zu gut.

    Auch heute reagiere ich empfindlich, wenn jemand die Freiheit/das System angreift, das meine Vorfahren/meine Nation für diesen Fleck der Erde aufgebaut hatten. In der Schule ging es immer wieder auch um individuelle Verantwortung und "wehret den Anfängen".

    Der BRD Pass bedeutet insbesondere Unabhängigkeit. Mit welchem Pass kann man so weit reisen. Meistens ist man sogar willkommen.

    Mag ich Deutschland? Eigentlich immer mehr. Wenn ich alleine daran denke, welch tolle Landschaften wir in dieser kleinen Region der Erde haben (Alpen, Nordsee, Mittelgebirge, Flüsse etc.). Auf den Fernreise sind wir oft einen Tag von einer Attraktion zur nächsten Attraktion gefahren.
    Ja, Deutschland hat auch viele tolle Seiten. Das ganze Jahr Sommertemperaturen wäre wohl nichts für mich.

    Wenn jemand sich mit diesen Werten/dem Land, in dem ich geboren wurde, nicht anfreunden kann, ist das OK. Wenn er sich einer anderen Nation zugehörig fühlt, soll er das tun. Dann bitte auch, wenn möglich, ohne diesen Pass der Chancen. Deshalb mag ich die doppelte Staatsbürgerschaft nicht. Ich betrachte es als sehr schwierig, 2 Identitäten gleichzeitig zu haben. Als Erwachsener sollte man sich entscheiden.

    Ich glaube auch, dass ich in den meisten Ländern der Erde leben könnte. Ferner habe ich gemerkt, dass ich schon nach kurzer Zeit im englischen Umfeld auch auf Englisch denke/träume. Irgendwie bin ich also nicht zu stark an die Heimat gebunden. Ich kenne einige Zuwanderer, die auch noch nach Jahren in der Geburtssprache träumen.

  • #11
    Walter-Stach

    "Deutscher sein…"
    "Franzose sein…"
    "Russe sein……"
    "Chines sein….."
    "Amerika sein….."

    Immer und überall wird man auf Probleme, auf Widersprüchlichkeiten, auf vage Begrifflichkeiten, auf sehr unterschiedliche "Empfindungen", auf z.T. heftige politisch/ideologische Konflikte stoßen, wenn "man" sich daran macht, losgelöst von der (verfassungs-) rechtlich normierten Staatsangehörigkeit zu begründen, zu erklären versucht, wer " Deutsche", wer "Franzose", wer ….. ist und sich dann daran macht, von dem so definierten Deutschen ,von dem so definierten Franzosen ein Verhalten in der Gesellschaft zu verlangen, das ihn unterscheidet,zu unterscheiden
    hätte und damit abgrenzen würde von……????

    Ein, wie die aktuelle Lage zeigt, nicht nur problematisches, politisch-rechtliche höchst bedenkliches
    Unterfangen, sondern letztendlich die Folge einer rassistischen/fremdenfeindlichen Grundeinstellung.

    Insofern , so meine ich, hätte Stefan Laurin "als Franzose" wahrscheinlich Gleiches geäußert wie jetzt "als Deutscher" in seinem o.a. Kommentar -und das wäre dann ebenfalls gut so.

    PS
    -sh.paule.t-
    Dass in einer Verfassungsnorm selbst -sh. Art 116GG – normiert ist, daß Deutscher nicht nur derjenige ist, der die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, sondern auch diejenigen, die….
    ist der seinerzeitigen Ausnahmesituation in Deutschland geschuldet -heutzutage nur noch in wenigen Fällen relevant. Insofern, so meine ich, wäre es Zeitvergeudung, sich darüber jetzt im Detail auszulassen und ggfls.darüber kontrovers zu diskutieren.

    Allerdings belegt die -vergangene?- verfassungspolitische und verfassungsrechtliche Diskussion in Deutschland zum Verfassungsbegriff " deutsche Volkszugehörigkeit im Sinne des Art. 116 (1)" die von mir vorstehend umschriebene Problematik , wenn "man" nämlich versucht, die Zugehörigkeit zu einem Volk über die Staatsangehörigkeit hinaus zu definieren bzw. -sh.116-zu erweitern.

    paule.t,
    Der Begriff Staatsbürger ist "nur" ein politischer , kein rechtlicher und hat insofern keinerlei Beziehung zum Rechtsbegriff Staatsangehöriger.

    Man könnte folglich als Staatsangehöriger ein "schlechter" Staatsbürger sein.
    Man könnte folglich als Nichtstaatsangehörigerein "guter" Staatsbürger sein.
    Verständigen müßte man sich vorab allerdings darüber, wie "man" den Staatsbürger begreift und wie man ihn definieren könnte.

  • #12
    Thorsten Stumm

    @thomas weigle
    Das ist für die RB sicher richtig…..allerdings habe ich das neulich anders erlebt. Mein Sohn geht in der Nordstadt zum Gymnasium, Migrantenanteil < 90 %. Die Behandlung des 3. Reiches und der Shoah im Geschichtsunterricht war da ein schwieriges Unterfangen. Die Mehrheit der SchülerInnen bekommt zu hause und durch ihr heimisches Fernsehen nämlich eine komplett andere Erzählung dieser Zeit. Der neue Sultan ist ja ein grosser Fan von (jüdischen) Verschwörungstheorien……

    Für diese SchülerInnen, in der grossen Mehrheit in D. geboren und deutsche Staatsbürger ist die Shoah nämlich nicht Teil ihrer Geschichte….anders als für mich und meine Familie.

  • #13
    ke

    @12 Thorsten Stumm:
    Gut, dann haben wir noch das Thema, dass die Evolutionstheorie nur ab der Uni unterrichtet wird.
    Kann das unser Maßstab sein?

    Wenn ich in der Mongolei leben würde, hätte Geschichtsunterricht vermutlich auch eine andere Priorität. Hier besteht der Geschichtsunterricht im Wesentlichen aus der dt. Geschichte. Das ist blöd, war aber zumindest bei mir so.
    Geschichte beschäftigt sich auch immer mit der Vergangenheit, d.h. einer Zeit, mit der Kinder im Regelfall nichts verbinden können, außer Spuren aus der Vergangenheit zu betrachten. Das gilt aber für alle Kinder.
    Offen ist natürlich, warum Kinder, die ihren Lebensmittelpunkt in D haben, ausländische Sender konsumieren und diese als Informations-/Bildungsquelle nutzen. Der restliche Rundfunk verbreitet dann die "alternativen Fakten"?

    Muster der Geschichte wiederholen sich immer wieder. Kanzler Kohl hat ja immer wieder darauf verwiesen.
    Die Methoden in totalitären Staaten sind meistens gleich. Das ist Wissen, das für jede Generation unabhängig der Herkunft wichtig ist, ebenso gilt dies auch für Genozide.

    Wir haben viele Gedenkstätten, in der Nordstadt bspw. die Steinwache. Buchenwald war für mich sehr wichtig, da es auch zeigte, dass Lager auch nach dem 2. Weltkrieg nicht geschlossen wurden. Diese können natürlich auch besucht werden.

    Bzgl unserer Vergangenheit müssen Schulen und Lehrer konsequent sein. Sie müssen auch diese Muster, die zeigen wie Diktatoren und Schlächter agieren, aufzeigen und vergleichen. Zu meiner Zeit waren die Lehrer an meiner Dortmunder Schule konsequent. Für mich war aber die Zeit vor meiner Geburt Geschichte, mit der ich nichts zu tun hatte und meine Eltern hatten mit der Zeit vor 45 auch nichts tun. Auch für mich war diese Zeit fern. Wir konnten natürlich als kleine Kinder in den Wäldern noch die Bombentrichter identifizieren.

  • #14
    Thorsten Stumm

    @ke
    "Bzgl unserer Vergangenheit müssen Schulen und Lehrer konsequent sein"

    bin ich ganz bei Dir….erlebe ich nur anders……mein Sohn geht nun mal im Zeitalter des Kulturrelativismus zur Schule….und der erste in unserer Familie auf den die tausend Jahre keine direkten Auswirkungen hatte…..

  • #15
    Ke

    @14 T Stumm
    Alternative Fakten an Schulen?
    Wie soll denn dann das Geschi Zentralabi aussehen?
    Eine wissenschaftliche Lösung und für Propagandaschauer eine Lösung mit alternativen Geschichten?
    Für Nazis die Version "The Man in the High Castle"?

    Und in Mathe ist 1+1=3?

    Noch übersteigt das mein Vorstellungsvermögen.
    Aber bei der aktuellen Inkonsequenz ist das wahrscheinlich durchaus ein Szenario.

  • #16
    Thorsten Stumm

    @ke
    Es geht nicht um alternative Fakten…..es geht eher darum wie Dinge die auf unterschiedliche kulturelle Vorbehalte treffen umschifft werden……Beispiel, mein Sohn erzählte mir sie hätten "Schindlers Liste" in der Schule im Unterricht gesehen. Fand ich gut, belebt den Geschichtsunterricht….falsch gedacht….war im evangelischen Religionsunterricht….. so läuft das…..

  • #17
    Wolfram Obermanns

    Geht’s denn ernsthaft darum, ob wer Deutscher ist,
    oder doch darum wie schlecht man performen, gleichzeitig sich als politisch skrupellos zeigen und obendrein als Repräsentant des Landes als weltoffen, integrierend und leistungsgerecht inszenieren kann?
    Diesen Dreisprung hat Özil offensichtlich nicht geschafft. Die übrige Entourage hat nur in Teildisziplinen versagt und eignet sich darum weniger als Sündenbock.

    Davon losgelöst sollte die Frage gestellt werden, wieso der DFB Sündenbockbedarf hat und was das über die dort Verantwortlichen sagt.

  • #18
    Arnold Voss

    Das Problem des Deutsch-Seins fängt da an, wo einen die Anderen so sehen oder auch nicht sehen wollen. Ich bin in meiner Jugend sehr oft als un- oder nichtdeutsch bezeichnet worden, bzw. hat man mich sogar immer wieder gebeten dieses Land zu verlassen. Ich bin allerdings in diesem Land als "Biodeutscher" geboren und habe seitdem natürlich auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Fremd zu sein, weil (politisch/kulturell/geschlechtlich usw.) sehr anders als die meisten, ist auch ohne Migration möglich. Ansonsten finde ich deinen Texte ganz ausgezeichnet, Stefan.

  • #19
    Wolfram Obermanns

    Die Anderen sind manche Andere. 50% der Bevölkerung hat einen IQ unter 100. Manche können also manchmal ganz schön viele sein. Da ist nichts zu beschönigen.
    Trotzdem ist es zunächst an einem selbst, wie man mit der Dummheit mancher umgeht.

    Resilienz scheinen wir alle eher unstrukturiert im individuellen Umgang zu lernen, oder eben auch nicht. Solang das so ist, ist das ganze mehr eine Diskussion über Geschmacksfragen als einer ambitionierten Sozialpolitik gefallen könnte.
    Vermutlich entspringt dieser Frustration ein gut Teil der (destruktiven) Vehemenz mit der das Thema beackert wird.

  • #20
    Walter-Stach

    "Wenn ich mit der Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher und die Franzosen, ich sei Weltbürger.
    Erweist sich die Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei Jude"

    Albert Einstein

    Dem ist , auch nicht mit Blick auf Özil 2o14 nach dem WM-Sieg 2o14 und dem Vorrundenaus 2o18 mit Özil und mit Blick auf die allgemeine Frage nach dem Deutschsein nichts hinzuzufügen -sh. im übrigen Satz 1 im Beitrag von Arnold Voss -18-.

  • #21
    Helmut Junge

    Einstein hat mehrfach die Staatsbürgerschaft gewechselt Und deswegen paßt dein Vergleich mit dem Gelsenkirchener Fußballer und deutschen Nationalspieler nun mal gar nicht.
    Aus Wiki
    "Im Laufe seines Lebens war Einstein Staatsbürger mehrerer Länder: Durch Geburt besaß er die württembergische Staatsbürgerschaft. Von 1896 bis 1901 staatenlos, ab 1901 bis zu seinem Tode Staatsbürger der Schweiz, war er 1911/12 in Österreich-Ungarn auch Bürger Österreichs. Von 1914 bis 1932 lebte Einstein in Berlin und war als Bürger Preußens erneut Staatsangehöriger im Deutschen Reich. Mit der Machtergreifung Hitlers gab er 1933 den deutschen Pass endgültig ab und wurde 1934 vom Deutschen Reich strafausgebürgert. Zusätzlich zu seinem seit 1901 geltenden Schweizer Bürgerrecht erwarb er 1940 noch die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten. "

  • #22
    Ines C.

    Was zählt ist auf’m Platz, oder?
    Wer Wahlkampfhilfe für einen Rechtsnationalisten betreibt, der sein Land stramm in Richtung Faschismus führt (Erdogan will nicht der 13. Staatspräsident sein, sondern der 1. der neuen Staatsordnung), den kritiser ich. Und bei dem zieh ich eine Grenze.
    Egal ob er aus Deutschland oder Malaysiastammt – oder Lippe 😉 wie unser Bundesbeauftragter für Fremdschäm-Momente Schröder.
    Stefan Laurins Satz "Demokratisch zu sein ist keine deutsche Eigenschaft – auch keine französische oder nigerianische" bringt den Kategorienfehler in der Debatte auf den Punkt.

  • #23
    Walter-Stach

    Helmut,
    ich habe nicht die Person Einstein mit Özil verglichen; das wäre " so oder so" ein unsinniges Unterfangen.
    Mir ging es der Intention des Kommentars von Stefan Laurin entsprechend "nur" darum, mit Hilfe der Einstein-Worte daran zu erinnern, daß die Behauptung Dritter, jemand sei "Deutscher" oder "Nicht-Deutscher", jemand sei "Franzose" oder "Nichtfranzose" oftmals von der augenblicklicher subjektiver Einschätzung des Jeweiligen Dritten über diesen Jemand davon abhängt, ob dessen Tun oder Lassen, ob dessen Denken oder Handeln ehe als positiv oder ehe als negativ, ehe als gut oder ehe als schlecht dem eigenen Weltbild zugeordnet werden kann.
    Und nur insofern, so meine ich weiterhin, kennzeichnen doch die Einstein-Worte exakt das Verhalten vieler Özil-Kritker, die ihn "noch gestern" als vorbildlich integrierten Deutschen mit türkischen Wurzeln gefeiert haben -nicht zuletzt als spielbestimmende Persönlichkei der WM-Elf 2o14- und die " ihn heute" verteufeln als einen letztendlich nicht integrierte türkische stämmigen Fußballer, der nur de jure Deutscher ist. Im Sinne der Einstein-Worte habe ich hier schon ‚mal gefragt, wie wären denn die "national-istischen" Deutschen mit "ihren Özil" umgegangen, wenn die DFB-Auswahl nach dem Özil-Erdogan Bild in Rußland mit Özil Weltmeister geworden wäre?
    Helmut, nichts anderes als die Bekräftung des Grundes für diese meine Frage hatte ich im Sinne, als ich das Einstein-Zitat gebracht habe.

    -22-
    Ines C.
    demokratisch zu sein ist für mich überhaupt keine menschliche Eigenschaft und kann folglich weder "dem" Deutschen, " "dem" Franzosen, "dem" US-Bürger pp. als eine ihm eigene oder gar als "nur ihm eigene" zugerechnet werden.
    Wer eine demokratisch-rechtstaatliche Ordnung für die beste unter allen denkbaren gesellschaftlich-staatlichen Ordnungssysteme hält, macht das aus Überzeugung, die ihm nicht angeboren wurde, sondern über die er dank seiner Erziehung, seiner Sozialisierung, seiner Bildung, seiner Erfahrungen im Laufe seines Lebens -früher oder später- gekommen ist, und über die keineswegs "aus sich heraus" zugleich eine unantastbarae Bestandsgarantie hat, sondern laufend selbstkritisch hinterfragt und so laufend neu begründet und gefestigt werden muß . Und das gelingt nicht jedermann.

    Ines C.,
    für mich ist die Meinungsfreiheit eines der wichtigsten Elemente des freiheitlich-demokratischen Rechtstaates. Dazu gehört, jedenfalls für mich, daß ich Rahmen dieser Meinungsäußerungsfreit zu akzetieren habe, daß rd. ….(?) % "der" Deutschen bezüglich des Umgang mit geflüchteten Menschen, mit Fremden, mit "Anderen" eine fundamental andere Meinung haben als ich.
    Und das gilt auch für jede Meinungsäußerung Özils, z.B. für die, die er mittels Bild über Erdogan kommunziert.
    Dass das dann im Gegenzug gegenteilige Meinungsäußerungen hervorruft, ist so selbstverständlich, dass es "eigentlich" nicht erwähnenswert ist.
    Wenn diese sich allerdings losgelöst vom Thema des jeweiligen Meinungsstreites sich mehr und mehr als Rassenhass infolge eines prinzipiellen Rassenwahns erweist, ist eine "andere "Ebene" der Auseinandersetzung erreicht. Und das ist leider in der Causa Özil weitestgehend der Fall.
    Und das, nur das, stimmt mich nachdenklich, macht mich besorgt..

  • #24
    paule t.

    Dieses "Egal ob aus Deutschland oder …" ist allerdings bei sehr vielen Debattenteilnehmern ersichtlich nicht gegeben.

  • #25
    Helmut Junge

    Walter, der bisher einzige deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker, ein Supergenie, der sich von ‎1894–1921, also 27 Jahre, auf dem Schachthron gehalten hat, ist von den Nazis die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen worden, weil er Jude war. Deutscher Jude, aber eben als Deutscher seitens der Nazis nicht erwünscht.
    Dieser Emanuel Lasker wurde am 6. Mai 2008 wurde Emanuel Lasker in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.
    Ob ihm posthum die deutsche Staatsangehörigkeit wieder zurückgegeben wurde, weiß ich im Moment noch nict.
    Aber der Deutsche Schachbund, dem ich angehöre, hat dieses Jahr 2018, dem 150igsten Geburtsjahr Laskers zum Lasker-Jahr erklärt.
    https://www.schachbund.de/lasker-jahr.html
    Ich glaube aber, daß das kaum jemanden interessiert und denke darüber nach, warum das so ist.

  • #26
    Ines C.

    @Walter Stach: Genau. Scheint also so, dass bei dem Gelsenkirchener die Grundkoordinaten für freiheitlich-liberale Demokratie so wenig gefestigt sein könnten, dass er einem Diktator im Gesellenjahr "Respekt" erweist und kostenlos(?) Promotion für ihn macht. Bei dem Lipper Gerhard Schröder natürlich ebenso.

    Ob Rassenwahn als Feedback Rassenwahn erzeugt – ein sich selbst aufschwingendes System?
    Aber wahrscheinlicher ist, dass dieses dagobertinische Imperium DFB einen historischen Clusterfuck produziert hat. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass anno 2018 so eine unprofessionelle PR-Kampagne in einem so großen Unternehmen möglich wäre.

  • #27
    Walter-Stach

    Helmut,
    Dein erinnernder Hinweis auf Emanuel Lasker sollte jedermann, abgesehen von seiner Sinnhaftigkeit als Erinnerung an das Lebensschicksal des en jüdischen Deutschen Lasker -im zum ehrenden Gedenken- klar machen, daß "unsere Gesellschaft" heutzutage

    – trotz aller Probleme, trotz aller Widrigkeiten im täglichen Miteinander aller hier lebenden Menschen und gemessen an ihrer Verfaßtheit in den 192oer/193oer Jahren, ganz zu schweigen von der Zeit von 1933 bis 1945, aber auch im Vergleich zu ihrem Zustand von 1945 bis Mitte der 6oer Jahre-

    eine freiheitlich-pluralistische ist,

    in der es zu den Selbstverständlichkeiten gehört, daß z.B. Mitglieder mit türkischen Ahnen/Urahnen "deutsche Nationalspieler" sind, daß es im Prinzip nicht interessiert, ob jemand Jude ist, ob jemand muslimischen Glaubens ist, daß diese Gesellschaft damit zu leben weiß, daß sie Mitglieder hat, die nichts mehr zu hassen scheint, als Freiheit und Pluraliät, daß es Menschen gibt, ihr Glück im Konstrukt einer vorgeblich heilen,längst vergangen Welt zu suchen wider jegliche Vernunft und in der man folgenlos z.B. in Sachen Özil folgenlos unterschiedliche Meinungen äußern
    darf und in der vor allem auch Özil meinen und sagen darf, was er für angebracht hält.

    Helmut,
    bei allen Problemen, die einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft ihrem Wesen nach inne wohnen, kann die Erinnerung an Lasker ja möglicherweise helfen, selbstbewußter als es dann und Fall scheinen mag, und konstruktiv kritischer , aber auch mit gewissem Stolz – dh. für mich mit besonderer Hochachtung- festzustellen, daß wir "hier und heute"in einer Gesellschaft leben, leben und alle Chancen haben, weiterhin leben zu können, von der von der Lasker mit Blick auf "sein Deutschland" bestenfalls geträumt haben dürfte.
    Auch deshalb, auch mit Blick auf Lasker:
    Mir scheint, so wie Du es ja schon zu Beginn der Debatte festgestellt hast, die Lappalie um und mit Özil ist und bleibt eine solche trotz allen medialen Getöses. Sie läßt "Beschädigte" zurück, führt aber bei keinem der Beteiligten/der Betroffenen in einen Zustand ideeller/materieller Not: im Gegenteil.

    Was mich nachdenklich und besorgt macht -sh.3-abschließend ist, daß auch im Zusammenhang mit der "Sache Özil" sich massiv widerwärtige Rassisten öffentlich ungehemmt auszutoben fähig und willens sind und dieses Nachdenken/diese Besorgnis hat mich daran erinnert, daß eine freiheitlich-pluralistische Gesellschaft nicht auf ewig "aus sich heraus" existieren kann, sondern daß "man" für ihren Bestand zu kämpfen hat dem Motto gemäß: Wehret den Anfängen jeglicher Art von Rassismus, von Judenhass, von Hass auf Muslime, von Hass auf alle Menschen, deren Ahnen/Urahnen nicht in Deutschland gelebt haben, denn nur dann kann ein neuer Faschismus verhindert werden. Insofern kann ich der "Sache Özil", dieser Lappalie und der ihr medial jedes vernünftige Maß überschreitenden Zuwendung letztendlich Positives abgewinnen, nämlich ein Nachdenken über den "Wert einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft", über ihre Gefährdungen durch den Rassismus , durch Judenhass, durch Hass auf Muslime und darüber, daß auch ich permanent verpflichtet bin, mich für den Bestand dieser Ordnung zu engagieren.
    Helmut, das zu tun dürfte könnte auch im Gedenken an E.Lasker geschehen.

    E.Lasker war mir durchaus bekannt. Völlig unbekannt war mir bisher, dass der deutsche Schachverein, wie Du schreibst, daß Jahr 2o18 zum Lasker -Jahr erklärt hast. Du könnest ja
    "Deinem " Verein gegenüber anregen, dieserhalb seine Öffentlichkeitsarbeit zu optimieren -noch ist das Jahr 2o18 nicht zu Ende.

    Ines C.,
    der DFB war und ist eine Großorganisation, die personell, organisatorisch, prozessual, zugänglich ist für alle denkbaren Definitionen ihres Zustandes, aber nicht ‚mal ansatzweise als ein großes Unternehmen; das gilt u.a. für das was man gemeinhin Unternehmenskommunikation nennt das gilt aber auch für ihr die Rekrutierung ihres Führungspersonales, vor allem seit ihrem Bestehen demonstriert bei der Wahl ihrer Präsidenten unter denen Grindel die neueste Fehlbestzungen ist, jedenfalls dann, wenn man Maßstäbe anlegt, die denen in Großunternehmen nahe kommen würden.

  • #28

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