Das Massaker von Butscha – Der dekadente, westliche Pazifismus ist eine Schande

Ukrainische Polizei auf dem Weg nach Butscha Foto: Nationale Polizei der Ukraine Lizenz: CC-BY 4.0

Russland wird den Krieg in der Ukraine nicht nur nicht gewinnen, sie werden von der Ukraine im Feld vernichtend geschlagen. Was sie dabei hinterlassen, weiß die Welt seit dem 3. April endgültig. Die völlig demoralisierte Armee hat auf ihrem Rückzug Zivilisten ermordet, vergewaltigt und die Leichen am Straßenrand liegen lassen. Auch die Leichen gefallener russischer Soldaten, der eigenen Kameraden, hat die Armee nicht beseitigt. Russlands Armee ist zu einem Haufen wilder Marodeure, Plünderer und Vergewaltiger verkommen. Wer Putins Russland verteidigt, verteidigt Kriegsverbrecher.

Bis zum gestrigen Tag war der Ort Butscha völlig unbekannt, aber das war Srebrenica bis 1995 auch. Es sind einzelne Begriffe, die sich Synonym in das kollektive Bewusstsein der Menschheit einbrennen. Kollektiv für eine Reihe von Verbrechen, für Morde und barbarische Kriege. Butscha wird in diese unrühmliche Liste Eingang finden. Es ist das schwerste Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit dem Krieg in Jugoslawien.

Mehr noch zeigen die Verbrechen der russischen Armee aber, in was für einer peinlichen Alternativrealität es sich deutsche Schreibtischphilosophen und wohlsituierte Freizeitpazifisten gemütlich gemacht haben. Bei jeder Gelegenheit konnte man dieser Tage den wohlgemeinten Ratschlag hören, die Ukraine solle doch verhandeln oder gar kapitulieren, um Leid zu verhindern und überhaupt verschlimmere der Westen die Situation mit Waffenlieferungen ja nur. Die Friedensordnung, so der Tenor, gäbe es nur mit Russland. Der größte Skandal ist, dass sich die der Selbstherrlichkeit verschriebenen Claqueure und moralischen Hasardeuren nicht einmal für den eigenen Verfall schämen. Gekrönt wird dieses Maß an Dekadenz mit pietistischen Kommentaren über die sehr scharfen Äußerungen des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk, der sich ja regelmäßig „im Ton vergreife“ sowie über den ukrainischen Präsidenten Selenskyj, der sich bitte weniger vorwurfsvoll gegenüber Deutschland äußern solle, während er russische Mordanschläge überleben muss.

Der ukrainische Botschafter hat sich nicht im Ton vergriffen, er war und ist verzweifelt. Verzweifelt darüber, dass er als Botschafter vermutlich längst wusste, was in den umkämpften Orten seiner Heimat geschieht. Ob er von den Verbrechen in Butscha wusste, lässt sich nur mutmaßen. Das Entsetzen der Welt wird er teilen, die Überraschung vermutlich nicht.

Für die Verbrechen in Butscha trägt die russische Armee Verantwortung, niemand sonst. Es ist jedoch die Mitverantwortung einer im pseudo-intellektuellen Lippenbekenntnis zur Diplomatie, im Verständnis für Putin und in der Äquidistanz zur russischen Propaganda geeinten Kaste, die willentlich über Jahre weggesehen und so befördert hat, dass ein System entstehen konnte, dessen Armee menschlich verwahrlost genug ist, derartige Verbrechen zu begehen. Ursächlich ist hierfür die Feigheit, Verantwortung zu übernehmen und unbequeme Wahrheiten anzuerkennen, in Sorge, das eigene, aus der Dekadenz erwachsene Selbstverständnis jemals reflektieren zu müssen. Wegzuschauen aber ist angesichts der medialen Überrepräsentanz, auch dank Social Media, unmöglich geworden.

Selbstverständlich ist es richtig, diplomatische Wege so lange und soweit es geht zu nutzen. Selbstverständlich ist es richtig, Deeskalation zu betreiben und Menschen zu schützen. Genauso ist es aber richtig, Wahrheiten und Ableitungen daraus anzuerkennen.

Dazu gehört, dass einen Mörder im Zweifelsfall nur eine Kugel davon abhalten wird, einen Mord zu begehen. Das war nach Srebrenica die traurige Erkenntnis, das Massaker von Butscha hat diese lediglich bestätigt. NATO-Staaten müssen entsprechend nicht nur umgehend weitere Waffen liefern, sie müssen, in welcher Form auch immer, aktiv in den Konflikt in der Ukraine eingreifen, wenigsten zum Schutz der Zivilbevölkerung. Es ist wahrscheinlich, dass Butscha nicht das letzte Massaker der russischen Armee bleiben wird.

Es ist aber auch eine Wahrheit, dass eine erhebliche Mehrheit der russischen Bevölkerung Putins Invasionskrieg unterstützt. Hier sind schärfere, wirtschaftliche Sanktionen notwendig, ohne dabei gebetsmühlenartig zu rezitieren, dass ja auch „Zivilbevölkerung“ getroffen werde. Diese sind jedoch nur möglich, wenn sich Deutschland von ideologischen Denkblockaden verabschiedet und zunächst die Energiesicherheit mit den zahlreichen, noch vorhandenen Erzeugungskapazitäten sicherstellt, ohne sich dabei in Scheindebatten und parteipolitische Propaganda zu verlieren.

In diesen Tagen beweist sich, welche Bedeutung und Deutungshoheit die oft beschriebenen „westlichen Werte“ tatsächlich haben.

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10 Kommentare

  1. #1 | Carsten sagt am 4. April 2022 um 10:21 Uhr

    Ich stimme nicht zu, dass Pazifismus eine Schande ist aus dem einfachen Grund, dass er nicht das Gegenteil von Krieg ist, sondern der schwierige Versuch, Konflikte mit friedlichen Mitteln lösen zu wollen. Dieser hat uns in Westeuropa 75 Jahre Frieden ermöglicht und ist immer noch richtig. Er hält uns nicht davon ab, Wahrheiten zu erkennen, sondern ermöglicht es erst, denn erst aus unserer pazifistischen Sicht heraus auf den Krieg lässt uns ihn als Unrecht erkennen und uns dagegen zu stellen.

  2. #2 | festus sagt am 4. April 2022 um 10:48 Uhr

    Was sind westliche Werte verglichen mit 3-6% weniger Wirtschaftswachstum in Deutschland?

  3. #3 | Peter Ansmann sagt am 4. April 2022 um 11:07 Uhr

    @1:

    Diese lange Friedenszeit in Europa hat ihrer Meinung nach nichts mit der Tatsache zu tun, dass die Amerikaner, Briten, Franzosen uns mit ihrem Atompotenzial und der Botschaft an die Sowjetunion "Wenn ihr zuerst schießt, stirbt ihr als zweites" zu tun? Das ist ja das Prinzip der Abschreckung.

  4. #4 | Wolfram Obermanns sagt am 4. April 2022 um 11:49 Uhr

    Das Problem dürfte eher ein fahrlässiger Umgang mit dem Wort Pazifismus sein.

    Kriminologen raten Frauen, die vergewaltigt werden, dazu, sich nicht zu sehr zu wehren, weil so die Überlebenswahrscheinlichkeit steigt.
    Ist dieser (richtige) Rat feminisistisch?
    Ist es feministisch einer Frau während der Vergewaltigung zu sagen, sie solle still halten?
    Ist es feministisch sich um die Vergewaltitung herum aufzubauen und Widerrede gegen eine handfeste Intervention zu erheben?
    Ist es feministisch zu sagen, im Falle einer Vergewaltigung würde man einfach schnell weglaufen (Max Uthoff bei Till Reiners' Happy Hour)?

    Mit dem Wort Pazifismus, der Widerständigkeit gegen den Krieg auch unter persönlichem Einsatz meint, wird schon mal gerne Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und Hasenfüssigkeit veredelt. Diese Selbstveredelung ist sehr, sehr menschlich. Es reicht darum aber auf diese Selbstinszenierungen nicht hereinzufallen.
    Dieses Verhalten diskreditiert jedoch nicht jedweden Pazifismus als solchen.

  5. #5 | thomas weigle sagt am 4. April 2022 um 14:04 Uhr

    Mal "Häusliche Gewalt" oder "Gewalt gg.Frauen in Russland" googeln. 14.000 Femizide,sowie 3000 tote Ehemänner zeigen deutlich,dass in Russland ein anderes Verhältnis zu Gewalt besteht als hierzulande. In Deutschland sind etwa 120 Femizide ein zu recht wiederkehrendes Thema,in Russland gibt es nicht mal ein Gesetz gg. häusliche Gewalt. Sämtliche Versuche ein solches zu verabschieden scheiterten. Das ist nach über zuvor 70 Jahren Gleichberechtigung im "Vaterland aller Werktätigen" durchaus bemerkenswert. Wobei schon Lenin oder auch Gorki die etreme Gewalt v.a. im ländlichen Russland geiselten,wenn ich das recht erinnere. Was den Vernichtungsfeldzug der russ.Armee in der Ukraine angeht,so ist doch klar, dass der von einer großen Mehrheit der Russen goutiert wird. Schließlich mindert er den Phantomschmerz,unter dem viele Russen seit 1991 leiden, ganz erheblich. So wie schon die massakerhaften Feldzüge der russ. Armee im Kaukasus. Was hierzulande nicht allzuviele störte.
    Was die Sanktionen angeht,so ist ein schneller Erfolg nicht zu erwarten. Die Russen sind um einiges leidensfähiger als wir Deutsche. Wie sonst hätten sie bspw.70 Jahre Sowjetkommunismus ertragen können? Das heißt aber nicht,dass der Gashahn offen bleiben kann.Da müssen wir durch,denn gegenüber dem Leid der UkrainerInnen sind unsere Einschränkungen durch einen rigorosen Energieboykott ein Fliegenschiss.

  6. #6 | abraxasrgb sagt am 4. April 2022 um 16:55 Uhr

    Der (Irr)Glaube, dass Energie-Sanktionen einen kausal lindernden Effekt auf den Krieg haben, ist angesichts eines Landes, das über eigene Rohstoffe, Energie und Fabriken zur Rüstungsproduktion verfügt, mehr als naiv.
    Russland ist (nach den USA) der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt.

    Deutschland würde sich mit (Energie-)Sanktionen wirtschaftlich nicht ins Knie schießen (#scnr für die Metapher), sondern ins Rückenmark, ohne dass es einen nennenswerten Effekt auf den Krieg hat.

    Wer glaubt, was völlig OK ist, dass er mit der Einsparung von irgendwelchen Formen von Energie (Gas, Kraftstoff etc.) oder symbolischen Verzicht auf Pelemi und Wodka irgend etwas großartig Humanistisches leistet, mag das gerne tun. Was mir mal wieder gehörig auf den Zeiger geht, ist der generalistische, kategorische Zwang, der auf diejenigen ausgeübt werden soll, die das anders sehen. Z.B. Tempolimits oder "Frieren für den Frieden" … moralisierendes Bullshit-Bingo der Betroffenheit.

  7. #7 | Thomas Schweighäuser sagt am 4. April 2022 um 19:13 Uhr

    Noch mehr als "wohlsituierte Freizeitpazifisten" verachte ich wohlsituierte Freizeitbellizisten, die gratismutig vom Schreibtisch aus Schlachten führen und nicht kapieren wollen, dass dieser Krieg enden muss, sofort, auch wenn die Hoffnung, dass Wagnergruppen und Asowregimenter, die endlich einen Sinn in ihrem trostlosen Leben gefunden zu haben scheinen, nämlich den, andere Leben zu zerstören, von sich aus damit aufhören werden, gering ist.

  8. #8 | Reginald sagt am 4. April 2022 um 21:35 Uhr

    Ja wir waren Pazifisten.Aber nur bis 1989.Es gab eine tolle Mauer.Wir hatten unsere Ruhe und alles war gut.Die wird es bald wieder geben.Aber erst müssen wir die eigenen Reihen säubern und alle Despotenliebhaber auch zu İhren Lieblingen bringen Erst dann haben wir wieder Ruhe und Frieden.

  9. #9 | Burger sagt am 5. April 2022 um 21:41 Uhr

    Einem totalitären Regime kann man nicht mit Pazifismus gegenüber treten, da keine vernünftbasierte Kommunikationsebene möglich ist. Anders formuliert – wenn zwei Parteien von unvereinbaren Werten ausgehen ist kaum ein Kompromiß möglich. Ein Diktator empfindet Friedensangebote seines "Opfers" stets als dessen "willkommene" Schwäche.
    Appeasement wirkt immer als Freibrief für alle Expansionsgelüste von Diktatoren. Ein Diktator kalkuliert im Schema – was kostet es mir im schlimmsten Fall….So gilt es den Preis für Aggression möglichst hoch zu halten.
    Hätte man Hitler vor 1939 durch eine entschlossene Allianz Einhalt geboten, hätte dies wohl viele Menschenleben vor dem Tod bewahrt.
    Und klar- jeder Ratschlag aus unseren Wohnzimmern heraus an die Ukraine ist absurd und verbietet sich von selbst – schon vor Butscha.

  10. #10 | Carsten sagt am 6. April 2022 um 13:31 Uhr

    @3
    Abschreckung ist Ihrer Ansicht nach schon die Abkehr vom Pazifismus? Dann wäre jedes Drohen und jede hitzige Diskussion ein Abwenden vom Frieden. Ich glaube, das ist nicht haltbar.

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