Das zusätzliche Risiko im Fall einer Covid-19 Erkrankung ist für die meisten Menschen nicht vom Alter abhängig

Hochzeitsfeier Foto: Tom Pumford Lizenz: CC0 1.0


Sterben an Covid-19 nur die Alten? Könnten Jüngere ohne Rücksicht ihr gewohntes Leben führen? Sollten sie das gar tun, sobald Risikogruppen geimpft sind? Von unserem Gastautor Dirk Specht.

Diese Fragen werden bisher hauptsächlich medizinstatistisch beantwortet. Bevor man dem folgt, sollte man wissen, dass es versicherungsmathematisch nicht so aus sehen würde! Während nämlich Mediziner nach absoluten Häufigkeiten suchen – was vollkommen richtig ist, denn da gibt es den größten medizinischen Bedarf – schauen Versicherungsmathematiker nach etwas anderem: Hier geht´s ums Geld. Denn Versicherungen handeln mit Risiken gegen Geld. Man übergibt ihnen also ein Risiko und bezahlt dafür mit Geld. Das Ziel der Versicherung ist es, mit dem Geld das Risiko abdecken zu können und zusätzlich einen Gewinn zu erzielen. Daher rechnen Versicherungsmathematiker – ich war einige Zeit in dem Bereich tätig – Risiken anders.

Die absolute Größe von Risiken ist nur ein Parameter, viel wichtiger sind relative Veränderungen. So wird beispielsweise im Bereich der Lebensversicherungen sehr genau untersucht, ob das individuelle Sterberisiko vom allgemeinen abweicht. Wenn das der Fall ist, lehnen Versicherer entweder ab oder sie kalkulieren einen höheren Preis.

Ich möchte insbesondere Jüngere nun anregen, darüber nachzudenken, ob die medizinische oder die versicherungstechnische Sicht vielleicht zur individuellen Risikoeinschätzung besser geeignet ist. Will ich als junger Mensch also danach entscheiden, dass viel mehr Ältere gefährdet sind oder will ich mich daran orientieren, wie meine eigenen, ganz persönlichen Risiken in meinem Alter aussehen und wie hoch das Covid-19 Risiko im Vergleich dazu aussieht?

Nun, wer sich mehr für sich selbst und weniger für andere Altersgruppen interessiert, findet in einer Untersuchung der CDC – das ist die zentrale Gesundheitsbehörde der USA – gute Antworten. Die Daten der CDC sind deshalb für uns so interessant, weil Covid-19 dort aufgrund seiner Ausbreitung sehr valide Zahlen liefert. Da wir in Deutschland aufgrund des bisher vergleichsweise weniger schlechten Pandemiemanagements ein geringeres Geschehen haben, sollte man sich besser bei der Bewertung von Risiken nach Ländern richten, in denen es – so traurig das ist – genauere Statistiken gibt.

Das beigefügte Chart aus einer CDC-Veröffentlichung von Ende Oktober zeigt für verschiedene Altersgruppen die Übersterblichkeit durch Covid-19. Das ist also die relative Veränderung an Sterbezahlen gegenüber dem langjährigen Durchschnitt und damit ist das der Vergleich zu ALLEN anderen Todesursachen in den entsprechenden Gruppen, vom Treppensturz über Verkehrsunfälle bis zu Krankheiten. Wie man sieht, sind sogar die sehr jungen Menschen, hier unter 25 Jahre, mit bis zu 10% Übersterblichkeit erkennbar und zwar explizit in dem in den USA exzessiv abgelaufenen Party-Sommer. Auch diese sehr jungen Menschen sollten sich fragen, ob dafür ein 10% steigendes Sterberisiko angemessen ist?

Was wir aber darüber hinaus sehen: In allen anderen Altersgruppen, also bereits ab 25 Jahre, sind die Unterschiede sehr gering. Überall sehen wir eine Steigerung des Sterberisikos um bis zu 50%. In welcher Phase der Epidemie das war, ob mitten in der ersten Welle, über den Sommer oder im beginnenden Herbst, darf man als Zufall betrachten. Erkennbar ist hier kein wesentlicher Einfluss des Alters! Keiner!!

Damit das nicht wieder als Panikmache ausgelegt wird: Wir sehen hier die VERÄNDERUNG des Sterberisikos im Falle einer Covid-19 Erkrankung. Das absolute Risiko ist in jüngeren Jahren gering. Aber das ist halt die Normalität, Jüngere sterben seltener, Ältere häufiger. Daran ändert Covid-19 natürlich nichts. Was aber jeder für sich sehen sollte: Das zusätzliche Risiko im Fall einer Covid-19 Erkrankung ist für die meisten Menschen NICHT vom Alter abhängig.
Das ist kein Appell, sich im Keller zu verkriechen. Das Leben besteht aus Risiken und es ist unsere Aufgabe, diese zu managen. Dazu gehört es, Risiken einzugehen und abzuwägen, wofür man das tut. Mit Angst hat das nur bei der Erkennung von Risiken zu tun. Wer das Thema erledigt, indem er das Risiko ignoriert, ist genau da stecken geblieben.

PS: Das zweite Chart zeigt die Übersterblichkeit durch Covid-19 insgesamt. Das ist leider nur die 1. Welle in den USA. Die Jahresbilanz folgt noch. Ein kleiner Gruß an alle, denen in Deutschland noch nicht genug gestorben wurde. Der vollständige Bericht ist hier zu finden: https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/69/wr/mm6942e2.htm

PPS: Zu beachten ist, dass die USA mit eLearning sehr weit sind und daher mit Universitäten, Schulen und Kitas sehr restriktiv verfahren wurde. Die sind jetzt beispielsweise auch überwiegend geschlossen. Ob wir also bei den ganz jungen Menschen hier Zahlen haben, die für unsere Verhältnisse passen, muss man kritisch hinterfragen!

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Aufrecht
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3 Jahre zuvor

Diese monokausale Interpretation ist nicht korrekt. Die Kurve der Sterblichkeit enthält alle Todesursachen, inklusive Suizide. Ursachen für die Übersterblichkeit können alles mögliche sein: z. B. Angst vor Pleite, verspätete Behandlung /Therapie. Man könnte genauso gut behaupten, es wären die Maßnahmen gegen Covid-19, die die höhere Sterblichkeit verursacht haben. Im Prinzip spricht die hier analysierte Altersverteilung sogar für andere Ursachen als Covid-19, da andere Daten zeigen, dass das Covid-19 Risiko definitiv altersabhängig ist.

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