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Deutsche Zumutungen II/IV

Deutsche Zumutungen

Deutsche Zumutungen

In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jeden Sonntag Aphorismen von unserem Gastautor Emmanuel Brand-Pfeiffer. Ungewöhnliche Texte, von denen wir glauben, dass Ihr Sie mit Gewinn lesen werdet.

§ 1

Es ist kein Verbrechen, bubble-tea und frozen yoghurt zu vergiften.

ii

Besuchte erstmals seit Jahren meine alma mater. Die Vermassung des Universitätsbetriebs ist kaum auszuhalten. Die Bachelorstudiengänge sind bestenfalls mit einer Sekundarstufe III zu vergleichen. Als ich noch studierte, saßen wir zu zehnt im Schatten eines Olivenbaums und ließen uns Geometrie und Rhetorik von gebildeten Sklaven beibringen.

iii

Graffiti ist die Kunst, jeden Ort aussehen zu lassen, als lägen Spritzen auf dem Boden.

iv

Diese beneidenswerten Leute, von denen gesagt wird, dass sie alles richtig gemacht haben, neigen dazu, mich zu langweilen.

v

Veganismus ist ein verbreitetes Symptom von moralischem Hospitalismus, der dort entsteht, wo sich ernsthafte, moralische Fragen nur noch theoretisch stellen.

vi

Starbucks. Warum sieht der Barista aus wie der Kasper aus der Werbeagentur?

vii

Immer öfter treffe ich diesen Schlag von Menschen, der glaubt, jedes Gespräch sei ein Bewerbungsgespräch, das Dasein eine Art Assessment-Center. Eine eindimensionale Zumutung.

viii

Kurios, dass Leute sich anstrengen, die Erwartungen eines Durchschnitts-Personalers erfüllen und diese Anstrengung dann Selbstverwirklichung nennen.

§ 9

Authentizität heißt das Gebot der Stunde. Authentizität bedeutet: Konformismus mit Pfiff.

x

Reisen sind das wohl beliebteste Statussymbol der Mittelstands-Abkömmlinge.

xi

Poetry-Slam ist die Kreuzung von Kleinkunst und Kleingeist. Eine Reihe bemüht-komischer Darbietungen, die sich zu Poesie verhalten wie Musicals zu Oper, Comedy zu Kabarett, Bildungshubertum zu Bildungsbürgertum, Kraftclub zu Blumfeld. Wenige Minuten auf einer Slammer-Veranstaltung reichen aus, um zu verstehen, was ein Sloterdijk bei der Lektüre des neuen Precht empfinden muss.

xii

Und es gibt sie immer noch, die deepness: In Leuten, die Jonathan Meese, Ai Weiwei oder Philipp Ruch für subversive Künstler halten.

xiii

Ich begegne losen Bekanntschaften, die nach einem Auslandssemester in fast jedem Satz das Wort anyway benutzen oder sich einen quasi-britischen Akzent andressiert haben. Was kosmopolitisch wirken soll, ist lediglich Indiz für das Zusammentreffen von hohem Profilierungswillen und geringer Identitätsbildung.

xiv

Der Lebensentwurf des Juristen ist vorrangig von der Angst vor der Normabweichung geprägt. Seine Tätigkeit meist auch.

xv

Eine Nacht im Schanzenviertel. In den besenreinen Seitengassen liegen der sanierte Wohnraum und die Schaufenster mit den veganen Leder-Schuhen und Holzspielzeug für Dinkelkinder namens Hauke. Mehrere Plattenläden, die das erste Vinyl-Album von dieser angesagten Band, die keiner kennt, verkaufen. Auffällig viele gebärfreudige Stuttgarter Rinder mit North-Face– Anoraks und citybikes. Vor der roten Flora ein paar refugees als Kiez-Requisite und für’s Gewissen. Viele Bommelmützen, nerd-Brillen und Fritz-Cola-Flaschen. Ironische Voll- und Schnauzbärte. Auf einem Jutebeutel steht: Ich bin Lügenpresse. Preise auf Touristenniveau. Es ist tatsächlich wie erwartet. Dennoch erträglicher als die versiffte Sexkirmes nebenan mit ihren angeranzten Fressbuden und verhaltensoriginellen Bewohnern.

xvi

Schanzenviertelbeschimpfung: Ein exilschwäbisches Biotop mit jährlichem Krawallritual. Am Wochenende gehen hier tätowierte Polizisten  gerne mal feiern. Dass ich den Benz auf einen Behindertenparkplatz stelle, dürfte der höchste Akt von Subversion sein, den dieses Viertel seit Jahren gesehen hat.

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