Die Freiheit der Anpassung ist unendlich – Ein aktuelles Plädoyer gegen das Patriarchat

Terres des Femmes-Plakat auf dem Slutwalk 2011, Berlin
Terres des Femmes-Plakat auf dem Slutwalk 2011, Berlin

Niemand fragt dich, ob du geboren werden willst. Du wirst es einfach. Aus Liebe, aus Versehen, aus Vergnügen, aus Pflichterfüllung oder durch pure Gewalt. Irgendwo, irgendwann von irgendwem. Hast du Glück, gibt es mindesten 2 Menschen die sich von ganzen Herzen um dich kümmern. Hast du Pech, bist du allen egal und die wenigen, die sich überhaupt für dich interessieren, tun, wenn überhaupt, nur das Notwendigste für dich. Schläge inbegriffen. Ausgeliefert bist du jedoch allen, weil du eine Bleibe und Erziehung benötigst.

Das heißt, dass andere über dich bestimmen und deinen Gehirnschwamm mit dem auffüllen was sie für richtig halten. Dazu nimmst du auf, was die unmittelbare Umgebung an Eindrücken hergibt. Das Ganze nennt man Prägung und du kannst, wie ein Geldstück, nichts dagegen tun. Bis du zum ersten Mal bewusst Nein sagst. Aber wie laut du es auch immer tust, bedeutet das nicht, dass Jemand dich ernst nimmt. Geschweige, dass er seine Meinung ändert. Eltern und Erzieher zeichnen sich nämlich auch dadurch aus, dass sie mächtiger sind als du. Egal ob sie dich lieben oder nicht, sie wissen mehr, sie können mehr, sie sind größer und in der Regel auch stärker als du. Insbesondere wenn du ein Mädchen bist.

Das heißt: Sie können deinen wachsenden eigenen Willen brechen. Notfalls mit roher Gewalt, aber viel wirksamer noch durch Liebes- und Aufmerksamkeitsentzug. Du aber brauchst unbedingt ihre Zuwendung und ihr Wissen um zu wachsen, weil du noch viel zu schreck- und zu fehlerhaft bist, um ein eigenes Leben zu führen. Dafür musst du allerdings liefern. Das machst du am besten, wenn du sehr schnell begreifen lernst, was deine Eltern und Erzieher von dir erwarten. Vor allem aber wofür sie dich belohnen und wofür sie dich bestrafen. Das nennt man Anpassung.

Eine Fähigkeit die dich dein ganzes Leben begleiten wird, weil sie dich weiter und höher bringen kann. Weil du im Ernstfall ohne sie nicht überleben wirst. Weil du sie geschickt einsetzen kannst, um andere zu etwas zu bewegen, dass sie ohne diese nie für dich tun würden. Merk dir also: Der Verzicht auf deinen eigenen Willen ist eine tragende Säule deiner Erziehung. Erst wenn du das gelernt hast, werden sie dir überhaupt so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zugestehen. Wenn du ein Mädchen bist, verringern sich deine Chancen dafür in dieser Welt allerdings erheblich.

Wenn du Pech hast, wird deine Persönlichkeit dann aus nichts mehr bestehen als aus einem Kreuzungspunkt der Erwartungen anderer. Vor allem aber derer von Männern. Und deine Mutter wird die sein, die wesentlich dafür sorgt, dass sich das nicht ändert. Und du wirst sie dafür sogar lieben, wenn sie dafür ansonsten immer lieb zu dir war. Deinen Vater wirst du stattdessen achten, weil er, egal wie er sich dir gegenüber verhält, deine Achtung verdient. Das nennt man Patriarchat und es ist immer noch das weltweit am meisten verbreitete Erziehungssystem.

Wenn du Glück hast, wirst du in einem der wenigen Länder geboren, wo es offiziell weitgehend abgeschafft ist, oder wo es zumindest Hilfe für dich gibt, wenn du die Kraft hast, auf deine eigene Persönlichkeit zu bestehen. Wenn du auch dann Nein sagst, wenn deine Eltern und Erzieher sich auf Werte und Maßstäbe beziehen, von denen sie meinen, dass sie sogar über ihnen selbst stehen. Unverrückbare Werte, die sie allerdings gut finden, weil zu ihnen auch gehört, dass du ihnen immer gehorchen musst. Die es immer schon gab und an denen du deswegen auch nichts mitzubestimmen hast.

Wenn du allerdings keine Hilfe bekommst und dich deine eigene Kraft verlässt, bleibt dir nur noch eine einzige Möglichkeit: Diese Werte ohne Wenn und Aber anzunehmen und sie mit aller Kraft und deiner ganzen Intelligenz zu verteidigen. Je mehr du das tust, desto mehr wirst du glauben, dass das deine eigene Entscheidung war. Und je mehr du das glaubst, desto mehr wird es am Ende auch zu deinem eigenen Willen. Das nennt man Überanpassung und sie funktioniert prima. Denn auch die anderen  glauben dann, dass du das freiwillig tust.

Dann wirst du die Zeichen und Symbole für diese Werte mit Stolz tragen. Du wirst, wenn du Mutter wirst, diese Werte mit Freuden deinen Kindern beibringen. Du wirst verstehen lernen, dass man sie notfalls auch mit Gewalt durchsetzen muss, auch wenn du das selbst  gegenüber deinen Kindern nie tun würdest. Dafür sind die Väter da, und die anderen Männer in deiner Familie. Denn diese Familie ist es, die in deinem Leben wirklich zählt. Und du bist für sie mitverantwortlich, auch wenn du nichts daran zu sagen hast. Das ist dir aber egal, weil die Freiheit der Anpassung keine Grenze kennt, außer deinen eigenen Zusammenbruch.

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7 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 27. Juni 2018 um 13:33 Uhr

    Das sind interessante Gedankengänge, die aus meiner Sicht etwas zu vereinfacht sind. Offen ist aber, ob diese einfachen Modelle für 9x Prozent der Fälle ausreichen.

    Unsere Gesellschaft hatte sich für ein Outsourcen der Familien/Dorf/Clan-Aufgaben an den Staat entschieden. Dies ermöglichte viele individuelle Freiheiten.
    Durch Zuwanderung aus sehr entfernten Gebieten kommen jetzt wieder andere Modelle des Zusammenlebens ins Spiel. Offen ist welche Modelle sich langfristig durchsetzen.

    Dass Kinder das Verhalten der Eltern übernehmen und im Regelfall ihre Kinder optimal mit ihren Erfahrungen für die Gesellschaft, in die sie hineingeboren werden, ausstatten, ist selbstverständlich. Nur wenn sich die Umgebungen schnell ändern, fehlen die Erfahrungen, die Eltern weiterreichen können. Dies mag durch technische Entwicklungen oder aber auch durch Wechsel des Lebensmittelpunkts passieren. Andere Möglichkeiten lasse ich jetzt weg.

    Wenn ich jetzt in eine Wüste gebeamt würde, könnte ich meinen Kids auch nur sehr wenig zum Überleben beibringen.

  2. #2 | Arnold Voss sagt am 27. Juni 2018 um 13:51 Uhr

    Ke, dass die meisten Menschen denken, das die Welt (zu) kompliziert (für sie) ist, nützt vor allem denen, die sie beherrschen. 🙂

    P.S.: Und natürlich habe ich vereinfacht und zugespitzt.Wir sind hier nicht im Seminar.

  3. #3 | Michael sagt am 27. Juni 2018 um 14:43 Uhr

    "Unsere Gesellschaft hatte sich für ein Outsourcen der Familien/Dorf/Clan-Aufgaben an den Staat entschieden."

    Kann man so nicht stehen lassen, weil der Staat, so wie er heute erscheint, in einer Abfolge von Kämpfen entstanden ist. Da hat niemand und schon gar nicht d i e Gesellschaft etwas entschieden.

    " Dies ermöglichte viele individuelle Freiheiten."

    Eher das Gegenteil ist der Fall. Dieser Staat nimmt dem Einzelnen immer mehr Freiheitsgrade. Bin mir definitiv sicher, dass der Eismann Ötzi mehr Freiheiten hatte als ich.

  4. #4 | Walter Stach sagt am 27. Juni 2018 um 20:30 Uhr

    Arnold,
    und zu allem, was Du ausführst, füge ich hinzu:

    Du solltest Dein Leben leben in der stetige Gewissheit, daß es ein endliches ist.

    Du solltest Dein Leben leben in der stetigen Gewissheit, daß Du und jeder Deiner Mitmenschen -auch Vater , Mutter, Brüder. Schwestern pp– menschliche Wesen sind, die zum Guten und zum Bösen befähigt sind.

    Du solltest Dein Leben leben in der stetigen Gewissheit, daß es weder im kleinen ( in der Familie, in der Nachbarschaft, in.. ) noch im großen (im Staat, zwischen den Staaten) die heile Welt geben kann -frei von Neid, Hass, Mißgunst, von Streit, frei von Mord und Totschlag, frei von Angst, frei von Hunger, frei von Gefahren.

    Du solltest Dein Leben leben in der Gewissheit, daß es menschenmöglich ist, das Miteinander der Menschen, der Völker, der Staaten so zu organisieren, daß für jeden, der auf dieser Welt lebt, zu leben hat, ein Leben in Würde geben kann, daß dieses Mögliche jedoch nur selten, nur zeitlich/räumlich begrenzt, nie absolut Realität war, Realität ist und Realität bleiben wird.
    Und Du solltest Dir im Laufe Deines Lebens möglichst frühzeitig, die Frage stellen, ob es für Dich sinnvoll, ob es für Dich lohnend sein könnte, Dich für das, was menschenmöglich erscheint -trotz alle Wenn und Aber, trotz aller Relativierungen- zu engagieren.

    Und das Alles kann gelingen, kann nur gelingen, wenn…

    Wenn Du zu begreifen bereit bist, daß jeder Mensch, der Dir begegnet, Deines Gleichen ist.

    Arnold,
    Letzteres wäre für mich eine Maxime, die ich jetzt und hier, heute und morgen in der Tat als "unverrückbaren Wert" postuliere und bis an mein Lebensende postulieren werde, allerdings in der Gewissheit, daß selbst dieser Wert keine Bestandsgarantie für die Ewigkeit haben kann.

    Und Arnold, dem Kontext Deiner Eplika gemäß:
    Auch das muß "Du" stets bedenken.

    Arnold,
    Beiträge "zum Wort am Sonntag"?

    Nee, ich denke, es ist dann und wann notwendig, sich daran zu erinnern, daß es die problemfreie, die sorgenfreie, die heile Welt , daß es die ewigen Gewissheiten weder im kleinen noch im großen gibt bzw. geben kann -wider alle Heilsversprechen durch wen auch immer und wie auch immer begründet.
    Und dieses Erinnerung könnte m.E. einhergehen mit der Erkenntnis, daß "wir" in Deutschland, daß "wir" in Europa derzeit in einem Zustand leben, der mehr als sonst wo auf der Welt am ehesten einem für alle Menschen wünschenswerten am nächsten kommt.
    Der Zustrom geflüchteter Menschen ändert daran nichts, gar nichts, wohl aber kann sich dieser Zustand fundamental ändern, wenn die Menschen den Heilsbringern, den Heilslehren, den irrealen Versprechungen einer heilen Welt mehr und mehr zu folgen bereit sind- wider jede "kritische Vernunft" – und das sowohl einhergeht mit einem politischen Führungsverhalten, das mehr denn je und heute ungehemmter denn je gekennzeichnet zu sein scheint von der Handlungsmaxime des dem Erhaltes/der Sicherung politischer Macht als auch von einem kommunikativen Umgang der Menschen untereinander in den sozialen Netzwerken -den a sozialen?-, der bei mir mittlerweile dazu führt, über die Entwicklung von einer Demokratie zur Ochlokratie nachzudenken wie sie von Polybios als geschichtliche Zwangsläufigkeit erkannt bzw. benannt wurde.
    Arnold,
    und daß ich lebe, daß ich jetzt und hier lebe, daß ich in Frieden und Freiheit und in Zufriedenheit lebe, ist weder von mir so bestimmt worden noch ist es mein Verdienst.

    Glück, Pech, Zufall Fügung, Gotteswille, Schicksal ; dann und wann ist es angesagt, mich daran zu erinnern und das so auch im Gespräch , z.B. mit meinem Enkel , zu kommunizieren.

  5. #5 | Walter Stach sagt am 27. Juni 2018 um 20:34 Uhr

    Arnold,
    Deiner "Epistel"….
    wie komme ich auf Eplika….?????????

  6. #6 | Arnold Voss sagt am 27. Juni 2018 um 21:30 Uhr

    Das ist die Wortkreuzung von Epistel und Philippika. 🙂

  7. #7 | Walter Stach sagt am 27. Juni 2018 um 23:07 Uhr

    -6-
    Arnold,
    Ja, so wird es sein. Ich denke darüber nach, wie es bei mir zu dieser Wortschöpfung kommen konnte; schon irritierend -für mich.

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