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Die Leiden des jungen L

Was ist hinter der Hassmaske von L? (Symbolfoto. Quelle: Janni Kay/ Flickr/ cc by 2.0)

In Berlin wohnt L. Er ist Mitte/ Ende Dreißig. Er trägt eine Brille und er ist Journalist. L hat über 5 Jahre für verschiedene, große, öffentlich-rechtliche und linke Medien in Deutschland publiziert. Viele Geschichten, wie jeder Journalist berichtete er mal besser, mal schlechter. Irgendwann entdeckte L den Nahen und Mittleren Osten als Thema seiner Berichtserstattung. Ein Minenfeld. Es ist voll von Meinungen, die mitunter den Blick auf die Fakten erschweren. Viel menschliches Leid, viel Manipulation, wenig Grautöne. L entschied sich für die Seite der Hamas. Seine Argumente wirken da mitunter krude, wenig reflektiert, voll im Sog der Propaganda. Es folgt, wie üblich, der Diskurs. L fällt dadurch auf, dass er in Schreiben einerseits aggressiv Forderungen aufstellt, andererseits fast schon devot Kontakt sucht, zu denen, die ihn angreifen. Finanziell läuft es nach dieser Zeit wohl nicht mehr gut bei ihm. Die großen Gazetten und Medien nehmen ihm seine Geschichten da nicht mehr ab – in doppelter Hinsicht. Was dann folgt, darüber gibt es eigentlich wenig Verbindliches. Das Ende des Prozesses ist bekannt, der Prozess selbst ist ein innerlicher, und somit von Außen nicht oder nur schwer aus der Ferne beobachtbar und beurteilbar. Man könnte sagen, dass L sich radikalisiert, Anhänger des Islamismus wird, zum Islam konvertiert. Man könnte aber auch sagen, dass L ein psychisches Problem entwickelt, deren Ausdruck eine paranoide und zunehmend psychotische Weltsicht ist, deren Ausdruck die Anhängerschaft zum Islamismus und schließlich die Liebe zu einem Diktator ist.

In jedem Fall bekommt L Reaktionen. Von Kritikern, Hassern, Menschen, die sich lustig machen – aber auch von Fans, von Islamisten, von Diktaturfans – darunter Trolle, die Beifall zollen, um sich lustig zu machen. L sieht sich bestärkt. Sein Tun wird immer bizarrer. Er redet über den Willen seines Diktators als sei er ein Gott, er spricht auch von Gottes Willen. Er reist auf Kosten des Diktators in sein Land, um dort eine Brücke zu küssen. Parallel bittet er seine Anhänger um Geld, während er wohl daheim in einer mitunter unbeheizten Wohnung sitzen muss. Menschen, die L schon länger kennen, teilen mit, dass sich seine Familie Sorgen um L macht,  ihn zu erreichen versucht, damit aber scheiter. L stellt dies in seinen Videos anders dar. Als L bei einer seiner bizarren Aktionen niedergeschlagen wird, lacht ihn sein eigener Kameramann aus, eine weitere skurille Gestalt, die in einem 80er-Jahre-Action-Film den Klischee-Handlanger aus dem Nahen Osten hätte spielen können. L hält ihn für seinen Freund.

Als L schließlich den Holocaust anzweifelt, wenden sich seine Islamistenfreunde von ihm ab. Zu offensichtlich wird der übersteigerte Hass, oder die psychische Problemlage, ihres Vorzeigejournalisten. Und L selbst leidet unter diesem Liebesentzug, kann die Ausladung von Veranstaltungen nicht ertragen. Kleinlaut bittet er um Entschuldigung. Immer und immer wieder seit dem, und verweist immer und immer wieder auf seine Entschuldigungsbitte. War die Anzweiflung des Holocaust, waren die Ausführungen zum Willen Gottes zur Vernichtung der Juden Ernst gemeint? Waren sie Ausdruck eines Schubs einer Psychose? Hat sich da einer im Narzissmus immer weiter selbst hoch gepusht, angestachelt von Social Media Kontakten, die immer Krasseres feiern?

Unlängst nun wandte sich L dem Sommer zu. In seiner Lieblingsdiktatur gab es zu starke Regenfälle, L schreibt daher, dass dies am Wetterwaffen gegen das Land läge. Das Netz johlt. Und ja, es ist witzig, lustig, bizarr, skurril. Aber was ist, wenn L tatsächlich einfach psychisch gestört ist, wenn er Hilfe braucht, Mitleid, Unterstützung, Menschen, die ihm helfen? Darf man über einen psychisch Gestörten lachen, ihn fertig machen? Was gebietet die Menschenwürde?

Ein Teil des Problems ist, dass L sich selbst als Beleg seiner Argumentation zu inszenieren sucht, und von einigen islamistischen Medien genau dies übernommen wird. „Weil ich L bin, und seriöser Journalist, und Chef-Redakteur, ist Aussage AB wahr,“ so in etwa läuft das bei ihm. In der Tat ist dies natürlich keine gute Argumentation, man nennt das ein Autoritätsargument, und bereits im 17. Jahrhundert wurde darauf hingewiesen, dass solch ein „argumentum ad verecundiam“ eigentlich nichts wert ist. Doch in Zeiten der Social Media verschmelzen Inhalt und Sprechender immer mehr. Das „Wer“ des Sprechenden ist meist genauso wichtig, wie das „Was“. Persönliche Glaubwürdigkeit ist für viele zentral. Andersherum: wer sich in den Mittelpunkt seiner Argumentation stellt, der muss mit Angriffen auf sich rechnen.

Doch was, wenn ein psychisch gestörter Mensch das nicht (mehr) richtig einordnen kann? Was ist, wenn ein psychisch Gestörter zu Haß und Gewalt aufruft? Viele Menschen sind mit der Bezeichnung „psychisch gestört“, „krank“, „irre“, „einen am Kopp“ zu schnell dabei. Die meisten Menschen die Böses tun, tun dies ohne psychisch gestört zu sein. Das Label der „psychischen Störung“ dient vielmehr oft der Aussonderung von Straftätern, um sich nicht klar machen zu müssen, dass Böses aus normalen Denken heraus geschehen kann, oder dass niedere Motive jedermann zum Mörder machen können. Doch bei L gibt es tatsächlich – aus der Ferne und mit aller Vorsicht – Anzeichen einer psychischen Störung. Seine Rede wirkt mitunter fahrig, hektisch. Seine Gedanken nicht geordnet. Seine Glaubenssysteme wirken psychotisch eben so verzerrt wie seine Wahrnehmung. Er überschlägt sich, kehrt immer wieder wahnhaft zu Personen und Daten zurück. Er erscheint Kritik nicht mehr zugängig – andererseits: wer von uns sucht schon ernsthaft und wertschätzend den Dialog mit L? Manchmal scheint L Schübe zu haben, die einige Tage später abklingen, und die er dann bereut. Was also, wenn L wirklich psychisch gestört wäre?

Es bleibt letztlich komplex: jemanden freien Lauf zu lassen, bei all dem Hass und Rassismus, scheint keine sinnvolle Option zu sein, zumal er ja wirklich Menschen bewegt – und von Medien genutzt wird, in beiderlei Richtung. Ihn persönlich maßlos mit Hass und Häme zu überziehen, wird jedoch auch keine Besserung bringen. Im Kern ist L ein Mensch, nicht ein menschenartiger Clown, nicht ein virtueller Salafist, nicht eine fiktive Satirefigur, die man entmenschlicht behandeln dürfte. Die Demontage seiner Argumente wiederum ist die Zeit nicht wert – sie sind substanzlos – seine Rede beinhaltet meist inhaltsleere Hetze gegen die Andere, gegen Juden und Demokraten.

Was nun also tun mit L? Vielleicht ihn hart konfrontieren, und ja, auch über ihn lachen, wenn er Dummes sagt, aber doch im Hinterkopf haben, dass er ein Mensch ist, vielleicht bis wahrscheinlich gar ein kranker Mensch. Rassisten muss man bekämpfen, wer auch immer sie sind und wieso auch immer sie so sind, wie sind. Aber mit welchen Mitteln, das hat man selbst in der Hand.

Manchmal wünsche ich mir, einfach mal einige Stunden mit L sprechen zu können. Ohne Kameras, ohne Livestreams, nicht über Politik, über ihn selbst. Vielleicht würde das was bringen. Zusammen einen Tee trinkend, in seiner Wohnung in Berlin. Vielleicht wäre es aber auch verlorene Liebesmüh. Ich wäre bereit, es zu versuchen.

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5 Kommentare zu “Die Leiden des jungen L

  • #1
    ichoderdu

    ach du bist schon ein guter Mensch. Das ist ernst gemeint. Muß man ja im Internet immer sagen. Bin mir nicht sicher ob er im klinischen Sinne krank ist. Sollte ich bei allen die an Chemtrails glauben oder haarp oder Reptiloiden oder was es sonst noch so gibt das diese Menschen im klinischen Sinne krank sind? Ich bin da kein Experte deshalb kann ich das wohl nicht beurteilen. Es würde wahrscheinlich beruhigen wenn es so wäre. Aer dran glauben tu ich nicht. Es gibt einfach viele "Verrückte" auf der Welt, denen die Welt einfach zu komplex ist und die deswegen irgendwelche Auswege für sich suchen. Aber macht einen das zu einem "echten" Verrückten?
    Am besten finde ich die letzten 3 Absätze des Textes. Vielleicht braucht die Person wirklich eine Therapie. Aber ist so eine überhaupt möglich bzw. zielführend wenn die Person selber überhaupt kein Problembewusstsein hat?

  • #2
    JM

    Kurze Performancekritik: "Man könnte aber auch sagen, dass L ein psychisches Problem entwickelt, DESSEN Ausdruck eine paranoide und zunehmend psychotische Weltsicht ist, deren Ausdruck die Anhängerschaft zum Islamismus und schließlich die Liebe zu einem Diktator ist."

  • #3
    Patrick Brun

    Bei L. werden gleich drei Faktoren vermischt: Der persönliche mentale Zustand, die Art der Kommnikation bei sozialen Netzwerken und die Ausübung seines Berufes als Journalist. Facebook und Co. sind toll. Aber auch gefährlich: Jeder kann und darf hier seine Meinungen ungefiltert veröffentlichen, auch wenn es noch so abstrus ist. Da wird nichts gegengelesen, kein Redakteur überprüft den Text usw. . Das sind einfach Meinungen, die geäussert werden.
    Journalismus ist anders. Da gibt es Regeln. Dazu müssen die geistigen Fähigkeiten aber ausreichen.
    Ich will während meiner Blinddarmoperation keinen besoffenen Chirurgen und in ein Flugzeug, das von einem blinden Piloten gesteuert wird, steige ich nicht ein. L. wünsche ich eine gute Besserung. Seine Texte kann ich allerdings nich t ernstnehmen.

  • #4
    Yadgar

    Dieser Martin Lejeune scheint ja wirklich ein weiteres Argument für die Abschaffung des Internets zu sein…

  • #5
    thomas weigle

    @ Yadgar Nööööö. Dann gäb`s die Rbs nicht mehr. Auch der hübsche Artikel wäre uns wahrscheinlich nie zur Kenntnis gelangt, wäre möglicherweise nicht mal geschrieben worden.

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