5

Die Metaphysik des Heimatbegriffs. Eine Annäherung

  Es gibt für den sesshaften Menschen nur ein ernstes philosophisches Problem: die Heimat. Die Entscheidung, ob und wo das Leben in Sesshaftigkeit sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Moderne. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen oder der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben. Und wenn es wahr ist, dass – nach Nietzsche – ein Philosoph, der ernst genommen werden will, mit gutem Beispiel vorangehen müsse, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da ihr dann die endgültige Tat folgen muss.

Die Banalität des Blöden

Die Südtiroler Rechtsrockband Frei.Wild bringt es in ihrem Song „Heimat“ folgendermaßen auf den eindimensionalen Punkt:

Welch Regentropfen von Glücksgefühlen
Die mich hier durchtränken
Nichts als Zufriedenheit
Und Ehrfurcht vor den Bergen
Das ist unsere Heimat, das ist Südtirol
Steh mit vollem Herzen zu dir, nur hier
Nur hier, fühle ich mich wohl.

Solch kitschiger Text treibt einen die Tränen in die kosmopolitischen Augen, wundert jedoch nicht bei einer Band, die ein Hirschgeweih in ihr Logo implementiert hat und das todernst meint. Auf einer Skala von 1-10 zur Abstraktionsfähigkeit liegt Frei.Wild mit diesem Text bei Minus zehn. Da staunt die Fancrowd und der Führer wundert sich.

„Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen.“ fasst es der Dramatiker Heiner Müller in knappe Worte. Nun ist Geld zwar ein relativ abstrakter Begriff, der sich jedoch im Falle von nicht bezahlten Rechnungen sehr schnell materialisieren kann, wenn der Gerichtsvollzieher zweimal klingelt. Ob eine ladungsfähige Postadresse direkt Heimat impliziert, darf jedoch bezweifelt werden.

Gebrauchsanweisung für Heimat

Nun legt der Piper-Verlag in seiner Reihe der „Gebrauchsanweisungen“, die sich fast immer mit weltweiten Reisezielen beschäftigen, den Band „Gebrauchsanweisung für Heimat“ vor. Autor des Bands ist niemand anderer als einer der bekanntesten deutschen Reiseautoren, der Kischpreisträger  Andreas Altmann. Dieser wuchs im bayrischen Wallfahrtsort Altötting (13.001 Ew) auf und hat dieser Gemeinde in seiner Autobiografie „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (Piper 2011) ein nachhaltiges Denkmal der dörflichen-bigotten Scheißheimat gesetzt. Ein Jahr später erschien   „Gebrauchsanweisung für die Welt“, das schnell zum Handbuch für angehende Weltenbummler und Kosmopoliten avancierte.  Und jetzt eine „Gebrauchsanweisung für Heimat“? Muss sich die zugeneigte Leserschaft jetzt Sorgen machen?

Ein Blick auf das Buchcover gibt indes erste Entwarnung. Es ist ein grafisch eindrucksvoll gestaltetes Konglomerat (Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas) von Begriffen und Orten, die man nur zu gut aus dem Vokabular Altmanns kennt; von City über Deutschland, Freunde, Frauen, Heimat, Körper, Liebe, Hanoi, Menschen, Musik, New York, Paris, Sahara, Schönheit, Sprache, Welt, Wien und Zen. Spätestens jetzt versteht der gemeine Frei.Wild Fan – sofern der deutschen Schriftsprache mächtig – sein mickriges Alpenuniversum nicht mehr. Da die Tendenz zum Zweitbuch bei dieser Gemeinde insgesamt eher schwach ausgebildet sein dürfte, können wir sie jedoch hier dumm am Gipfelkreuz sterben lassen und uns vollständig auf das vorgenannte philosophische Problem konzentrieren.

Heimat als Kulturbegriff

„Heimat“ ist unlösbar mit dem Begriff der Sesshaftigkeit verbunden, womit wiederum das dauerhafte oder langjährige Wohnen an einem Ort bezeichnet wird, den man Siedlung nennt. Der Grad der Sesshaftigkeit ist abhängig von der Verfügbarkeit der Nahrungsressourcen. Die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht leisteten somit der Sesshaftigkeit Vorschub und verdrängten damit das Nomadentum. Aus der Sesshaftigkeit entstand überhaupt erst der Begriff von Heimat, der für den Nomaden keine Rolle spielt. Der Begriff Heimat ist ein Kulturbegriff in Abgrenzung zum Nomadischen.

Struktur

Andreas Altmann strukturiert seine „Gebrauchsanweisung für Heimat“ zweispurig; die einzelnen Themenkomplexe, innerhalb derer er sich dem Thema Heimat in seinen unterschiedlichsten Facetten annähert, wechseln sich ab mit Schlaglichtern, kurzen Erzählungen von persönlichen Erlebnissen an Orten und Metropolen der Welt, die am konkreten Beispiel beleuchten, welche besondere Bedeutung der jeweilige Flecken für das Dort-und-nirgendwo-anders-sein hat, welche Möglichkeit von Heimat dem innewohnt.

Heimat Deutschland

Thematisch beginnt er mit dem härtesten Brocken; Deutschland. Altmann vermisst die Ambivalenz eines möglichen Heimatgefühls zwischen dem Unbehagen der Geschichte, den Dichtern und Denkern, parlamentarischer Demokratie und weiteren Facetten.

„Der Mensch muss raus, muss weg, er soll von der Welt wissen und lernen: die intelligenteste Voraussetzung, um ein kosmopolitischer Patriot zu werden.“

Das ist nicht weniger, als die Synthese von modernem Nomaden und Patrioten, der Mensch, der seine Heimat verlässt, in der Welt umherreist, andere Länder, Kulturen, Sitten, Regierungsformen kennenlernt, inkubiert, um anschließend mit einem differenzierten und distanzierten Blick auf die persönliche Verbindung zur eigenen Heimat zu schauen. Altmann adaptiert damit das erkenntnistheoretische Höhlengleichnis Platons für die Erkenntnis des Einzelnen von Heimat: Der Mensch, der nie seine Heimat – bei Platon die Höhle – verlässt, hält die Schatten für Realität. Erst indem er die Höhlenheimat verlässt und hinausgeht in die Welt, erfährt er, was die Welt tatsächlich ist. Mit dieser Erfahrung kann er anschließend in die Heimat zurückkehren und davon berichten, wieviel mehr die Welt bedeutet, als nur das Schattendasein in der Höhle.

Musik als Heimat

Im zweiten Kapitel „Musik“ wird es abstrakt. Kann Musik Heimat sein? Für jeden Musiker, der in ihr lebt und ohne sie nicht überlebensfähig wäre, unbedingt. Doch auch für jeden sinnlich empfänglichen Menschen wäre ein Leben ohne Musik stumm und lautlos wie die Person in Edvard Munchs Bild „Der Schrei“.

Sprache als Heimat

Im Kapitel „Sprache“ läuft Altmann zu Höchstform auf, aus jedem Satz spricht die bedingungslose Hingebung des rettungslos verlorenen, sprachverliebten Autors, der die Fron am Schreibtisch auf sich nimmt, um aus den 5,3 Millionen Wörtern, welche die deutsche Sprache dem Schreibenden zur Verfügung stellt, exakt das jeweils richtige zu benutzen:

„Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen Wort ist derselbe wie zwischen dem Blitz und dem Glühwürmchen.“
Mark Twain

Neben dem Nomadischen des Reiseschriftstellers gibt es zwei weitere maßgebliche Prinzipien für den Autor:

„Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Sprache, nebenbei wohne ich in Paris.“

Einmal ist das die bewusste Entscheidung für eine Wahlheimat, die sich gerade vom Ort der Herkunft unterscheidet. Das Wort „Wahlheimat“ impliziert die Wahl und die Tatsache, dass der Wahlheimatbürger vorher den Ort seiner Herkunft verlassen und die Welt bereist hat, um verschiedene Orte von Heimat kennenzulernen und miteinander vergleichen zu können, siehe Platon. Außerdem ist die deutsche Sprache der Teil von Heimat, den der Autor Altmann immer und überall hin mitnimmt, wo auch immer er sich aufhält. Schreiben als angewandte Sprache ist dabei ein Überlebensprozess: „Das Leben einatmen und als Sprache ausatmen – es aufschreiben.“ Der Autor mit seinem Blatt Papier findet seine Heimat im Schreibprozess.

Das Kapitel „Freunde“ geht von der These aus: „Freunde sind Heimat“ und der Autor liefert einige persönliche Beispiele von Freunden, von Freundschaftsverläufen, von gescheiterten Freundschaften, von den Bedingungen wahrer Freundschaft und von ihrer notwendigen Bedingungslosigkeit.

Die engere Bedeutung von „Heimat“

„Dass dieses Buch ein Heimatloser schreibt, ist eine gute Idee. Sagen wir, er hat seine ‚natürliche‘ Heimat verloren, nein, er hat sie verlassen.“

Die Geschichte der eigenen Flucht aus dem Herkunftsort Altötting hat Altmann im „Scheißbuch“ detailliert beschrieben. In der „Gebrauchsanweisung“ macht er die Suche nach einer neuen Heimat am Beispiel des Angolaners Kenneth fest, indem er dessen Fluchtgeschichte erzählt. Es ist außerdem eine Meditation über die Frage, was es mit einem macht, wenn die Herkunft aus Gründen wie Armut, Hunger, Krieg und Perspektivlosigkeit nicht mehr Heimat sein kann und man gezwungen ist, sich einen neuen unbekannten Ort suchen muss, um in Würde zu leben. Derzeit befinden sich knapp 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, schreibt die Hilfsorganisation action medeor auf ihrer Seite. Der Autor Harald Welzer hat bereits 2009 in seinem Buch „Klimakriege“ auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel, dem erbitterten Kampf um Nahrungsressourcen und die erwartbare Zunahme von daraus resultierenden Fluchtbewegungen in der Dimension ganzer Völkerwanderungen hingewiesen. Die Sesshaftigkeit mitsamt dem althergebrachten Heimatprinzip wird vom modernen Nomadentum zurückgedrängt. Heimat entwickelt sich zu etwas, was der Einzelne suchen und erwerben muss, um es zu besitzen.

FRAUEN – Männer – Liebe

In François Truffaut’s Film „Der Mann, der die Frauen liebte“ (Originaltitel: L’Homme wui aimait les femmes) verliebt sich die Hauptfigur Bertrand Morane zunächst in die Beine einer ihm unbekannten Frau. Frauenbeine sind seine Obsession und bedeuten schließlich auch sein Ende. Bücher und Frauen sind die Leidenschaften, die Truffaut in all seinen Filmen thematisiert hat. Altmann erzählt in seinem Buch Frauen.Geschichten über seine Begegnungen mit diesen sowohl anbetungswürdigen als auch furchteinflößenden Wundergeschöpfen und das endlose Drama zwischen Mann und Frau. Insofern ist Altmann ein Bruder im Geiste Truffauts und es wundert nicht, wenn er im Kapitel  „FRAUEN – Männer –  Liebe“ zu dem Fazit kommt

„Selbstverständlich – hier redet ein heterosexueller Mann – ist eine Frau Heimat. So ein Zielpunkt, an den man zurückkehren will. Um das Innige wiederzufinden, die Verlockung nach ihrem Esprit und ihrem Körper, das sagenhafte Gefühl, willkommen zu sein. Mit allem Seinem.“

Mit Gefühlsbestimmungen wie Geborgenheit und Verlockung begibt sich Altmann, der die tatsächlichen körperlichen wie geistigen Möglichkeiten von Nähe zwischen Männern und Frauen in seinen Frauen.Geschichten sehr akribisch und gelungen durchgespielt hat, hier auf dünnes Eis, indem er die Frau als Subjekt auf ihre Körperlichkeit als Zielpunkt männlicher Sehnsucht herunterreduziert. Das Wiederfinden von geistiger und libidinöser Innigkeit hat nichts mit Heimat zu tun. Selbst die manchmal behauptete Sehnsucht nach dem Wunsch der Rückkehr in die Urheimat des pränatalen Uterus bietet hier keinen belastbaren Interpretationsansatz. Altmann liefert lediglich Beispiele für das Scheitern von Beziehungen, in denen die Möglichkeit von Nähe durch den Wunsch von Besitztum des Partners verspielt wird.

Heimat und Spiritualität

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau schreibt auf ihrer Seite zum Thema Heimat:

„Die Bibel gibt ganz unterschiedliche Wörter und Wendungen für Heimat. Das Wort Heimat kommt – einschließlich der erweiterten (apokryphen) Schriften – überhaupt nur fünfmal vor. Gemessen an der Gesamtzahl der Wörter in der Bibel von knapp 800.000 ist das extrem wenig. Manchmal ist auch vom „Vaterland“ die Rede oder vom Land in dem „Milch und Honig fließen“. Heimat ist immer auch der Tempel auf dem Zionsberg. Oder es ist das Paradies, das Adam und Eva verlassen müssen.“

Die Gemeinde ist für die Gläubigen der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam natürlich Heimat, die in den Orten Synagoge, Kirche und Moschee gelehrt, vollzogen und gelebt wird.

Seit dem „Scheißbuch“ ist bekannt, dass sein Autor genauso wenig mit dem Scheißkatholizismus am Hut hat, wie mit allen anderen theistischen Religionen, die Götzenanbetung betreiben. In „Triffst Du Buddha, töte ihn“ schreibt er 2010 das erste Mal ausführlich über seine Suche einer götzenfreien Spiritualität und jahrelange Erfahrungen mit dem Buddhismus.

In Heimat erläutert er die Funktionsweise von Zen:

„Ein existentielles Ereignis voller Rätsel, von dem ich nur wenig begreife, wenn ihm nur mein Hirn begegnet. Der Leib muss dabei sein. (…) Hält der Mensch durch, wird daraus irgendwann eine Heimat, eine Art spirituelles Zuhause ohne Götzen und Götter, ohne überirdische Verheißungen, dafür immer irdisch, immer mitten im Jetzt.“

Altmann erzählt davon, wie er nach Japan fliegt und dort zu einem kleinen Zenkloster reist, um dort in acht Monaten beim Roshi Imamura-San mit dem Training von Festigkeit und Hartnäckigkeit Unbedingtheit zu erlernen. Acht Stunden sitzen und meditieren am Tag.

„Das ist das unheimliche Geheimnis von Zen. Nichts wird unterrichtet, keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelt, kein Handwerk gelehrt, keine Ideologie verabreicht, keine Fertigkeit. Wenn nicht die eine: zu sitzen und den Atem – das ‚Aktuellste‘, was wir haben – zu beobachten. Also das eine, so sagenhaft Schwere zu lernen: sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, anders gesagt, das Tollhaus unter der Schädeldecke zu besänftigen.“

Zen wurde so eine „Heimat, in die ich seither flüchte, wenn ich Hilfe brauche. – Ich brauche sie jeden Tag.“

Altmann führt viele weitere wichtige Aspekte des Zen-Buddhismus an, die hier nicht vorweggenommen werden sollen. Jedem, der an Thema von Heimat als götzenfreier Spiritualität interessiert ist, sei dieses Kapitel besonders ans Herz gelegt. Hier schreibt ein Wissender aus eigener und langjähriger Erfahrung und die zutiefst warmherzige Art, in der er schreibt, macht unglaubliche Lust, sich intensiver mit dem Thema Zen als spiritueller Heimat zu beschäftigen.

Die Kapitel „Körper“ – der Körper als die lebenslängliche Heimat des Ichs – und „Menschen“ beschließen die „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Fazit

„Das Suchen, nicht der Besitz von Wahrheit“ ist das Wesen der Philosophie.“ schreibt Karl Jaspers: „Philosophie bedeutet ‚auf dem Weg sein‘, ihre Fragen sind wichtiger als ihre Antworten“. Diese Grundlegung gilt auch für die „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Hier schreibt einer, der sein Leben lang unterwegs ist, ein Reisender auf der Suche nach Antworten in der Welt, die ihn zu wieder neuen Fragen führen, auf dass die Reise und die Fragen kein Ende nehmen. So ist die „Gebrauchsweisung für Heimat“ ein thematisch sehr ausdifferenzierter und philosophischer Diskurs zum Thema, und eben keine Gebrauchsanweisung im Sinne einer popeligen Anleitung.

Epilog

Es gibt für den Bibliophilen, den lesenden Menschen eine weitere Heimat. Es ist seine Bibliothek, dieses persönliche Universum aus Buchstaben, Wörtern, Büchern, von denen jedes – sofern es seinen Platz in der Bibliothek zu Recht erobert hat – ein kleiner Edelstein des Denkens seines Autors ist, der den Lesenden mit dem Glück geistiger Inspiration im Lesen, Denken, Wiederlesen und Neudenken beschenkt. Andreas Altmanns „Gebrauchsanweisung für Heimat“ ist so ein Edelstein, der diesen Platz für sich in der Bibliothek des Rezensenten erobert hat und damit fortan ein Stück der Heimatbibliothek bedeutet. Herzlichen Dank dafür.

Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Andreas Altmann: Gebrauchsanweisung für Heimat.
München, 15. März 2021
224 Seiten, Klappenbroschur
ISBN-13 978-3492277433 – € 15,00

Kindle Ausgabe Piper Verlag, München 15. März 2021
ASIN B08LDTF598 – € 12,99

Buchpremiere:
Montag, 25. Oktober 2021 in Berlin
Andreas Altmann liest aus: „Gebrauchsanweisung für Heimat“
20.00 Uhr
Pfefferberg Theater
Schönhauser Allee 176
10119 Berlin

Weitere Termine auf: www.piper.de

RuhrBarone-Logo

5 Kommentare zu “Die Metaphysik des Heimatbegriffs. Eine Annäherung

  • #1
    Ali Mente

    "Der Mensch, der nie seine Heimat – bei Platon die Höhle – verlässt, hält die Schatten für Realität. Erst indem er die Höhlenheimat verlässt und hinausgeht in die Welt, erfährt er, was die Welt tatsächlich ist"

    Achtung Verschwörungsmythos! Laut dem Antisemitismusbeauftragten Michael Blume ist Platons Höhlengleichnis "die Mutter aller europäischen Verschwörungsmythen". Es gibt keine Höhle und kein draußen. Zitat: "Wir würden demnach allesamt als Gefangene in einer Höhle leben, festgehalten von verschwörerischen Machthabern, die uns Schattenspiele an der Höhlenwand vorgaukeln würden."

  • #2
    Andreas Lichte

    @Ali Mente

    Michael Blume sagt NICHTS.

    Blume ist einer der grössten Nichts-Sager, die mir bisher begegnet sind. Ich habe einige der Laber-Texte Blumes gelesen, als Recherche für meinen Artikel: „Der Antisemitismus-Beauftragte und die Anthroposophie", https://hpd.de/artikel/antisemitismus-beauftragte-und-anthroposophie-19076

    Ob man überhaupt das "Höhlengleichnis" bringen muss, ist eine andere Frage. Wie Andreas Altmann es in "Gebrauchsanweisung für Heimat" tut, kenne ich nur aus der Inhaltsangabe von Daniel Kasselmann.

    Bei Michael Blume wird das "Höhlengleichnis" – also "Platon" – zu einem reinen namedropping: Blume versteht nichts – wie immer, wen er versucht, etwas "Originelles", "Philosophisches", zu sagen …

  • #3
    abraxasrgb

    Ali Mente
    In den knapp 2500 Jahren europäischer Kulturgeschichte gab es vor ca. 40 Jahren den spannenden Aufsatz von Thomas Nagel „What is it like to be a bat“, der für einige Jahrzehnte die Anregung einer spannenden Kontroverse geblieben ist.
    Oder Leibniz paraphrasierend: Wir sind alle nomadische fensterlose Monaden (Sloterdijk nannte das schon vor Jahrzehnten „Blasen“, bevor jeder Depp von Filterblase, Echokammer, Egolalie etc. sprechen konnte, weil Ihm die Begriffe fehlten) 😉

    Wer „Enttäuschung“ (durchaus im Sinne Platons verstanden) nicht als autopoetischen Halo-Effekt der eigenen mentalen Beschränktheit erkennen kann, wird halt von jeder Glühwürmchen-Idee ge- bzw. verblendet. So, wie der platonische Troglodyt die Sonne nur als Blendung erstmalig ansieht und nicht in der direkten Schau in die Lichtquelle den eigenen Blinden Fleck(sic!) wahrnimmt.

    Ich befürchte, dass Philosophie skeptisch macht ..? Sogar sich selbst gegenüber?
    Damit wir uns aber nicht selbstübersteigernd am eigenen Schopfe aus dem logischen Sumpf ziehen, hat uns Hans Albert ja das wunderbare Münchhausen-Trilemma vorgeführt 😉
    Nur eine Logik, die sich in Ihrer Beschränktheit und Fehlbarkeit mitdenkt, kann aus Fehlern lernen.

  • #4
    Andreas Lichte

    @ Daniel Kasselmann

    "Sex und Zen"

    mit diesem Titel hätte man sicher mehr Leser erreicht – sowohl Sie, als auch Andreas Altmann.

    Da gibt es offenbar einen Widerspruch, der die Sache spannend macht, mal abgesehen von den unschlagbaren buzzwords …

    können Sie das gerade mal für mich auflösen? Danke!

  • #5
    WALTER sTACH

    Danke, Daniel Kasselmann, für die Buchempfehlung. "Der Altmann" geht bei mir alsbald in Gebrauch.

    Und ein ganz besonderes Danke für Ihre Rezension, die für mich eine "geistige Inspiration" war, das Denken, das Lesen, das Neudenken, das Fragen und das Suchen nach Antworten beflügelnd.
    Was will ich mehr? Nichts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.