Die wahren Brände gelöscht: Deutsche Nahost-Experten machen das eigentliche Problem ausfindig

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Im Bild: Brände. Nicht im Bild: deutsche Hilfe bei den Löscharbeiten.

„Der Massenmord an den Juden verpflichte“, so beschrieb Wolfgang Pohrt die hierzulande herrschende Obsession mit dem israelisch-arabischen Konflikt, „Deutschland dazu, Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde.“ Wenn Auschwitz aber eine Besserungsanstalt war, dann keine besonders erfolgreiche – anders lässt es sich nicht erklären, dass die Nachkommen der Insassen sich schon seit bald 70 Jahren erdreisten, eine eigene Meinung darüber zu führen, was eine Sicherheitsbedrohung für das Weiterbestehen ihres Staates präsentiert. Während ganz Israel in den vergangenen Tagen also mit Löscharbeiten vielerorts wütender Brände und der Aufklärung der Ursachen beschäftigt war – ganz ohne Hilfe vom Auswärtigen Amt, das lieber ein paar unqualifizierte Meinungen zum Siedlungsbau ablieferte, so viel Zeit muss sein –, verbitten sich Deutschlands führende Nahost-Experten Israels Einmischung in dessen eigene Angelegenheiten und haben in der Kulmination von ökologischer Katastrophe und menschlichem Drama die eigentliche Story ausgemacht: Die drohende Ausschlachtung der Brände durch die Regierungs-, Pardon, „ultrarechten“ Parteien, die es dringend zu verhindern gilt!

„Ultrarechte Verschwörungstheorien“

„Dies ist nicht die Zeit für Hetze“, betitelt etwa die Frankfurter Rundschau den Artikel ihrer Israel-Reporterin und Hamas-Apologetin Inge Günther, und gibt damit gleich das passende Framing für die derzeitigen Vorgänge in Israel vor: „Arabische Knesset-Abgeordneten [sic] jedenfalls warfen dem nationalrechten Lager vor, es nutze die Feuerwelle zur Aufwiegelung gegen Palästinenser, um von anderen politischen Problemen abzulenken“ – ein Vorwurf, den man im Gegensatz zu dem der Brandstiftung nicht näher ausführen muss. Günther weiß, dass „Sicherheitsexperten […] vor allzu schnellen Schlüssen“ warnen, da stinkt Netanjahus „kurz[e] und bündig[e Erklärung], was er für eine Hauptursache der seit Tagen anhaltenden Feuerkatastrophe hält“, nämlich Terror, nicht dagegen an: „In der Knesset wird Kritik laut an ‚ultrarechten Verschwörungstheorien‘. Für eine ‚Feuer-Intifada‘ gibt es keinerlei Beweise derzeit.“ Schließlich „verschonte das Feuer weder die arabischen Olivenhaine in Galiläa im Norden Israels, noch dortige Drusendörfer“. Auch Nicola Abé auf SpOn ist sich sicher: „Rechte Politiker nutzten die Feuer, um gegen arabische Israelis Stimmung zu machen“. Wie sieht das im Einzelnen aus? „Politiker des rechten Spektrums, allen voran Premierminister Benjamin Netanyahu, sprachen von ‚Terrorismus‘. Netanyahu kündigte an, wer auch immer versuche, Teile Israels in Brand zu setzen, werde bestraft.“ Was für ein Scheusal.

Äquidistant – und das ist doch gleichbedeutend mit fair? – gibt sich Susanne Knaul in der taz. und setzt die unverhohlene Schadenfreude der Hamas, die den Einsatz von Löschflugzeugen, „die mit Benzin gefüllt sind“, vorschlägt und den „‚Duft gegrillter Zionisten‘“ riechen will, mit dem begründeten Terrorvorwurf der israelischen Regierung gleich: „Auf beiden Seiten gibt das Feuer auch Anlass zu Verdacht und Hetze.“ In der Version ihres Artikels, der in der Rheinpfalz erschien, fasst Knaul das folgendermaßen zusammen: „Hetze gibt es aber nicht nur von rechtsradikalen Juden.“ Eine Stimme der Vernunft hat sie dabei in Ayman Odeh von der Vereinigten Arabischen Liste gefunden: „‚Wer unser Heimatland liebt‘, so Odeh, ‚der konzentriert sich jetzt darauf, das Feuer zu löschen und den Verwundeten zu helfen, anstatt Hass zu säen‘“ – als würde die Regierung Däumchen drehen. Dass für Knaul Netanjahu, „der seit dem letzten Großbrand sechs Jahre Zeit hatte, um sich auf die nächste Katastrophe vorzubereiten“ der wahre Schuldige an der Katastrophe ist, steht außer Frage, und bietet neben den Korruptionsvorwürfen gegenüber Netanjahus Anwalt David Schimron (an denen sich übrigens auch Inge Günther genüsslich ergötzt hat) einen willkommenen Grund zu Schadenfreude.

„Wer zündelt in Israel?“

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Hat mit seiner Insinuation, eine Bevölkerung, die Waldfeuer legt, habe keine moralischen Anspruch auf das entsprechende Land, deutsche Nahost-Experten verärgert: Israelischer Bildungsminister Naftali Bennett. Quelle: The Israel Project (Lizenz).

Immerhin entblödeten sich die bisher Genannten, Brandstiftung als Ursache für die Brände anzuzweifeln – für so dumm wollten sie ihre Leser dann doch nicht verkaufen. Nicht ganz so viel Glück hatten die Leser von Stefanie Järkel, die als dpa-Korrespondentin für die Berichterstattung bei gefühlt 85 % deutscher Regionalblätter (Darmstädter Echo, FrankenpostHeidelberger Nachrichten, Kölnische Rundschau, Landshuter Zeitung, Main-Post, Westfälischer Anzeiger usw. usf.) verantwortlich war und beispielsweise im Ingolstädter Donaukurier wissen wollte: „Wer zündelt in Israel?“ Und: „[G]eht es um Feuer im Kampf gegen Israel – oder werden die Feuer von Israel auch politisch instrumentalisiert?“ Die Nichtexistenz des Beweises des Terrors setzte Järkel mit dem Beweis seiner Nichtexistenz gleich und spekulierte, was überhaupt an den Vorwürfen dran sein kann, wenn nicht einmal Hamas sich dazu bekennt:

„Dabei ist sie bei palästinensischen Anschlägen auf Israelis oft schnell dabei, die Taten für sich zu deklarieren. Auch ein Vertreter der gemäßigten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) hat die Vorwürfe zurückgewiesen. ‚Israelische Offizielle versuchen damit, die israelische Öffentlichkeit gegen die Palästinenser aufzuhetzen und nicht mehr‘, sagt Wasel Abu Jussef, Mitglied des PLO-Exekutivkomitees.“

Kein Schuldiger, nur ein Bösewicht

Wenn nun die Hamas schweigt und die PLO nicht verantwortlich sein kann (sie sagt es ja selbst, würde sie lügen?), wer ist schuld? „Die Region leidet zudem unter einer andauernden Trockenheit. Starke Winde fachen die Brände zusätzlich an. […] Arabische Abgeordnete im israelischen Parlament […] verweisen darauf, dass es auch Feuer in arabischen Orten gegeben habe.“ Netanjahu soll sich jedenfalls wegen so ein bisschen Feuer nicht so anstellen: „Die Presse spricht von einer ‚Feuer-Intifada‘ der Palästinenser, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu von ‚Terror‘. Er kündigt harte Strafen an. Sofort geht es wieder um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.“ Dass nur die Brandstifter und nicht die gesamte palästinensische Bevölkerung dies- und jenseits der grünen Linie bestraft werden sollten, hätte Järkel bei ein-zwei Zeilen mehr sicherlich noch expliziert.

Also war es einfach nur das Klima und alle sind unschuldig? Nicht ganz, denn einen Bösewicht bei der Geschichte gibt es trotzdem: „Bennett machte sich bereits in der Vergangenheit für einen weiteren Ausbau der israelischen Siedlungen im Westjordanland stark. ‚Die Ära eines palästinensischen Staates ist vorbei‘, sagte er kürzlich.“ Gut, dass der wahre Verantwortliche gefunden wurde und Deutschlands Nahost-Expertenschaft mit dem Gefühl, der moralischen Pflicht Genüge getan zu haben, schlafen gehen kann. Derweil löscht Israel ein kleines bisschen weiter die Feuer und ermittelt ein kleines bisschen weiter, was da genau vorgefallen war – ganz ohne wirkliche Hilfe aus Deutschland.

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13 Kommentare

  1. #1 | thomasweigle sagt am 28. November 2016 um 13:29 Uhr

    Biedermänner & Brandstifter!! Nix Neues also an der deutschen Israelfront!!

  2. #2 | discipulussenecae sagt am 28. November 2016 um 16:25 Uhr

    " … verbitten sich Deutschlands führende Nahost-Experten Israels Einmischung in dessen eigene Angelegenheiten …"

    Nun gut. Aber zum Glück sind weder die von Ihnen zitierten Autoren noch deren Postillen "Deutschlands führende Nahost-Experten".

  3. #3 | Gerd sagt am 28. November 2016 um 18:33 Uhr

    Immer wieder bemerkenswert, wie Reporter Fakten ignorieren, die nicht zu ihrem vorgefassten Weltbild passen. In den sozialen Medien haben Palästinenser und arabische Israelis kein Blatt vor den Mund genommen. Sie haben sich zuerst ein Loch in den Bauch gefreut und dann aufgerufen zusätzliche Feuer zu legen. Ab da namen die Brände zu und die ersten wurden wegen Brandstiftung verhaftet bzw Anstiftung.

  4. #4 | Wolfram Obermanns sagt am 28. November 2016 um 22:08 Uhr

    Natürlich steht es jedem frei die Spirale des hate-speech eine Runde weiter zu drehen.
    Für sinnvoller halte ich es, sich kundig zu machen, wer was sagt und wer was tut.
    In Deutschlands Medien wird man da eher nicht fündig, aber bei der NZZ.
    http://www.nzz.ch/international/szenen-wie-im-krieg-die-politik-der-brandstiftung-ld.130761

  5. #5 | Helmut Junge sagt am 28. November 2016 um 22:20 Uhr

    Man sollte meinen, daß Brandstiftung für sich gesehen, genau wie Diebstahl oder Mord einfach ein Verbrechen wäre, was bestraft gehört. Das Gesetz sieht jedenfalls dafür Strafen vor. Wenn aber Israel das Opfer ist, ziehen sich hierzulande viele Stirnen kraus, weil ja möglich ist, daß es außer der Notwendigkeit, dem Gesetz zu entsprechen, immerhin noch möglich sein könnte, daß die Opfer die jeweilige Anzeige gegen die Täter auch aus einem Wunsch nach Rache, erstatten. Auf diese Idee kommen die gleichen Stirnrunzler aber nicht, wenn die Straftat nichts mit Israel zu tun hat. Und Antisemiten sind diese Stirnrunzler schon mal gar nicht. Und daß das nach ihren eigenen Kriterien, die sie immer wieder genauestens definieren, einfach ein primitiver Fall von Rassismus sein könnte, eigentlich sogar muß, kommt ihnen schon gar nicht in den Sinn. So sind die Menschen eben.
    Roh im Kopf, wenn es dem inneren Scheißkerl gerade paßt.

  6. #6 | nussknacker56 sagt am 28. November 2016 um 23:39 Uhr

    Seit vielen Jahren versteht es Inge Günther, ihre als Israelkritik verkleideten Ressentiments geschickt zwischen ihre Zeilen zu verpacken. In so gut wie keinem Artikel versäumt sie es, entsprechend „kritische“ Sätze abzusondern, die in Deutschland vom entsprechend „kritischen“ Klientel bei SPD, Grünen, Linken und Rechten dankbar aufgenommen wird. Einer der Hauptabnehmer ihrer solcherart gefärbten Produkte ist der Kölner DuMont-Verlag mit seinem Blatt „Stadtanzeiger“, wo man sich routiniert darauf versteht, israelische Opfer von Terroranschlägen bestenfalls zu Randnotizen zu verarbeiten.

    An Günthers Beispiel lässt sich verdeutlichen, wie nah sich Linke und Rechte in ihrer Ablehnung des israelischen Staates sind. Selbstverständlich distanziert man sich in sogenannten linken/linksliberalen Kreisen vom vulgären Antisemitismus, doch im Bemühen, jede konsequente Antwort auf arabischen Terrorismus als ,unverhältnismäßig‘ u.ä. zu denunzieren, ist man sich wieder einig. In letzter Konsequenz phantasieren Antisemiten/Antizionisten, BDS-Rassisten, Palästinafreunde und Faschisten vom gleichen Ergebnis: Der Zerstörung des israelischen Staates.

    Genau diese Einigkeit ist es, die für mich persönlich den Verlauf zwischen reaktionär und progressiv, zwischen human und menschenverachtend neu definiert.

  7. #7 | hardy sagt am 29. November 2016 um 06:23 Uhr

    die zerstörung des isrelischen staates besorgen schon <a href="http://www.haaretz.com/israel-news/1.755884">andere</a&gt;, dafür braucht es keiner trennunscharfen möchtegerns(wasauchimmer) hierzulande, die gerne waldorf und stadler spielen. aber okay, hat halt jeder so sein thema und leute, über die er sich gerne aufregt.

  8. #8 | sol1 sagt am 29. November 2016 um 09:48 Uhr

    Ehud Barak soll ein Nahostexperte sein? Wie kannst du es wagen, hardy, den hiesigen Kreiswichs mit so etwas zu irritieren?

  9. #9 | hardy sagt am 29. November 2016 um 13:57 Uhr

    erwischt, sol1 😉

    der kreiswichs würde das natürlich nicht so nennen oder benannt sehen wollen, aber dieses ewige gefasel über finstere kreise, die dieses oder jenes falsch sehen oder keine ahnung haben inklusive des erwartbaren bauen von grauen feindbildern ist so ein nerviges zeitpappercu, da musste ich mal kurz meinen finger in das trübe wasser halten … wahrscheinlich in der hoffnung (?) am ende als antisemit gelabelt vom hof gejagt zu werden, weil ich nicht alles supi finde, was in isrel so pasiert 😉

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/11/19/oeffentlich_rechtlicher_rundfunk_in_israel_netanjahu_will_dlf_20161119_1348_2ae59693.mp3

    von den aufschrei israelischer autorinnen, die schon vor monaten das zunehmende gehetze in ihrem land beklagten, mal ganz zu schweigen.

    ein seltsames haltet den dieb!" …

  10. #10 | Rainer sagt am 29. November 2016 um 14:50 Uhr

    Wozu die Aufregung?
    Deutsche Nahostexperten/innen, die von ihren Expertisen leben wollen, müssen zwei Grundbedingungen erfüllen. Erstens: völliger Verzicht auf journalistische Grundregeln und zweitens: Haß und Verachtung gegenüber Juden. Daher ist es nicht verwunderlich, das nicht mögliche Brandstiftungen verurteilt werden, sondern die mögliche Reaktion.

  11. #11 | hardy sagt am 30. November 2016 um 03:25 Uhr

    @rainer

    > Deutsche Nahostexperten/innen …

    ih bin entzückt, daß die art und weise, wie AFD affine menschen und die donaldisten "argumentieren", nun auch bei philosemiten einzug gehalten zu haben scheint.

    manchmal denke ich, es ist einfache eine frage des alters. junge menschen brauchen dieses "die" und dieses "wir" … und rate dann immer an, den film quadrophenia zu gucken – alles eine frage des erwachsen werdens.

  12. #12 | Wolfram Obermanns sagt am 4. Dezember 2016 um 11:13 Uhr

    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159951018/Brandgefaehrlich-ist-in-Israel-nicht-nur-das-Feuer.html
    Gelesen?
    Und in einem muß ich dem Autor ohnehin zustimmen, Bibi ist ein Brandstifter und war schon immer z. B. als Hetzredner gegen Rabin einer gewesen.

  13. #13 | hardy sagt am 4. Dezember 2016 um 13:18 Uhr

    gehört?

    <a href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/11/30/der_fall_mohammed_el_halabi_israel_und_die_arbeit_der_dlf_20161130_1840_5e1e185b.mp3">Der Fall Mohammed el Halabi – Israel und die Arbeit der NGOs in Gaza</a>

    und jetzt, nachdem wir <a href="https://hinterwaldwelt.blogspot.de/2016/08/contenance-werte-prinzessinnen.html">ausführlich belegt haben</a>, daß nur antisemiten israel kritisieren können, könnten wir das feld ja wieder denen überlassen, die propaganda für diesen halunken machen /s

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