Friedhof Waltrop: Ein gigantisches Katzenklo aus Leichenresten?

waltrop-09-10-16-056-600x417Nach dem Tod einmal eingeäschert und dann in alle Winde verstreut zu werden? Für viele Menschen schon zu Lebzeiten eine irgendwie tröstliche Vorstellung. Mancherorts allerdings dann gar nicht so einfach umzusetzen.

Hier in Nordrhein Westfalen geht das grundsätzlich, trotz noch immer vorhandenem Friedhofzwang. Wer die Asche seiner Lieben in der Urne daheim auf dem Kamin haben will, der darf das bei uns so jedoch nicht. In den Niederlanden z.B. geht auch das. Soweit zumindest die Theorie.

In der Praxis sieht die Welt allerdings mal wieder ganz anders aus, wie ich am gestrigen Sonntag abermals erleben durfte. Da ist von der gewünschten Würde des Todes und angestrebten Ästhetik der Beisetzung dann mancherorts offensichtlich leider nicht mehr ganz so viel zu sehen. So auch bei mir, sprichwörtlich um die (Haus-)Ecke, hier in Waltrop (Kreis Recklinghausen).

waltrop-09-10-16-055-450x600Wer hier den städtischen Friedhof von Seite der ‚Münsterstraße‘ her besucht, der trifft zuerst, man kann es kaum anders ausdrücken, auf etwas, was an ein gigantisches, ungepflegtes  ‚Katzenklo‘ erinnert:

Graues Granulat wohin das Auge reicht. Auf etlichen Quadratmetern entlang einer rot-braunen Ziegelmauer erstreckt sich hier ein so eigentlich gar nicht vorgesehenes Areal.

Wer etwas genauer hinsieht, der erkennt in der grauen Masse rasch vertstreute menschliche Überreste. Die dort häufchenweise ausgeschüttete, sich teilweise sogar zentimeterhoch auftürmende graue Asche stammt nämlich von kürzlich durchgeführten Einäscherungen menschlicher Leichname.

Teilweise erinnern dort Kerzen oder vereinzelte Blumen an die dort frisch ‚Verstreuten‘.

Deutliche Kratz- und Schabespuren zeigen allerdings auch, dass hier inzwischen wohl längst nicht mehr überall die vollständige Aschemenge auf dem Haufen liegt.

waltrop-09-10-16-054-450x600Und wer an der Stelle ein paar Tage wartet, der sieht dann auch wie der städtische Grünflächenpfleger mit seinem Rasenmäher (samt Fangkorb) über die dortige Wiese hoppelt bei der Gelegenheit dann natürlich auch wieder ein paar Prozente der Asche im Fangkorb mit sich fort trägt.

Friedhofszwang in NRW? Eine würdevolle Bestattung? Nach dem eigenen Tode mal im Winde verstreut zu werden?

Viele hatten sich das wohl ursprünglich mal ganz anders vorgestellt, als es sich hier in Waltrop in der Praxis inzwischen ausgeprägt hat!

Was man nicht alles so sehen kann an einem frühherbstlichen Sonntagnachmittag auf dem Friedhof um die Ecke… Wir haben im Freundes- und Familienkreis  gestern jedenfalls noch einige Stunden heftig über den Sinn bzw. Unsinn dieser Praxis diskutiert.

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17 Kommentare

  1. #1 | Walter Stach sagt am 10. Oktober 2016 um 09:23 Uhr

    Die Würde des Menschen endet nicht mit seinem Tod!

    Das schient für einige sog. Angehörige der Gestorben nicht zu gelten.
    Und auch nicht für die für die Friedhofsanlage Verantwortlichen in der Stadtverwaltung?

    Robin,
    vielleicht trägt Dein Beitrag dazu bei, daß "man" nachdenklich wird .
    Und dann?
    Abwarten, ob sich und ggfls. wie sich etwas tun wird, was der Vorstellung -jedenfalls meiner- von der Würde des Menschen auch nach seinem Tod gerecht werden würde.

  2. #2 | Robin Patzwaldt sagt am 10. Oktober 2016 um 11:13 Uhr

    Offenbar wünschen ja sogar relativ viele Leute hier am Ort, dass ihre Verwandtschaft so endet, Walter. Denn sonst würde das ja nicht schon seit einem längeren Zeitraum so praktiziert. Ich jedenfalls könnte mir das so für mich und meine Familie nicht vorstellen. Obwohl ich da sonst eigentlich nicht so empfindlich bin… Aber das ist schon ziemlich würdelos so, wie auch ich finde.

  3. #3 | Klaus Lohmann sagt am 10. Oktober 2016 um 13:08 Uhr

    @Robin, Walter Stach: Soweit mir bekannt ist, dürfen z.B. auf dem städtischen Hauptfriedhof Dortmund, der auch ein Gräberfeld für die Ascheverstreuung bereithält, keine Angehörigen alleine über diese Bestattungsart bestimmen, es muss explizit der schriftliche Wille der verstorbenen Person vorliegen. Ob das in Waltrop anders gehandhabt wird, weiß ich nicht.

  4. #4 | Robin Patzwaldt sagt am 10. Oktober 2016 um 13:21 Uhr

    @Klaus: Jedenfalls muss man als Waltroper wohl nicht extra in die Niederlande reisen, wenn man die Asche eines Verstorbenen unbedingt an einen Ort ausserhalb des Friedhofes bringen möchte. 😉

  5. #5 | Martin Kaysh sagt am 10. Oktober 2016 um 17:28 Uhr

    Es ist wohl kaum der Wille Verstorbener, einfach neben die Tonne gekloppt zu werden. Feines Ausbringen auf sattem Grün wäre ja für die 450-Euro-Hilfskräfte auch zuviel verlangt. Die so Verklappten träumen vorab von Ascheflug über weitem Grün, Himmalaya, notfalls der Haard. Aber nicht sowas. Sieht aus, als wäre Frau Schubert aus dem zweiten Stock auf dem Weg zur Mülltonne mit der Ofenasche gestolpert. Protestantische Entsorgungsmentalität. Ekelhaft.

    Warum Protestantisch? Weil diese Leichenverbrennung eine Unsitte ist, die aus dem Norden das Land überwuchert. ein Wunder, dass Grüne noch nicht gegen das wohlbegründete Verwertungsverbot der Krematoriumswärme vorgegangen sind.

  6. #6 | thomasweigle sagt am 10. Oktober 2016 um 20:01 Uhr

    Asche in den Wind? Wem`s gefällt, bitte! Mir wird jedenfalls die NWB oder deren Nachfolger fast über den Kopp fahren! Gefällt mir!!

  7. #7 | Klaus Lohmann sagt am 10. Oktober 2016 um 21:58 Uhr

    @#5 Martin Kaysh: Lt. städtischem Haushaltsbericht gab es in Dortmund in den letzten Jahren immer so ca. 9 bis 12 solcher gebührenpflichtigen Ascheverstreuungen pro Jahr, also ist der Wille durchaus nachweisbar vorhanden. Wie und wo genau die Asche verstreut wird, ist im Bestattungsgesetz NRW noch nicht geregelt, da hätte die SPD doch wieder ein Thema für den Wahlkrampf…

  8. #8 | Murphy42 sagt am 10. Oktober 2016 um 22:18 Uhr

    at #5
    Oh oh, da hat aber jemand nur rudimentäres Baisiwissen über Bestattungskultur und Rituale.
    Nicht falsch verstehen, der Umgang mit der Asche Verstorbener geht so gar nicht, aber ihre Anmerkungen zur Feuerbestattung sind leider ziemlich dümmlich.

    Feuerbestattungen haben mit Protestantismus sehr wenig zu tun, eher mit dem Gegenteil nämlch mit freireligiösen und aufklärerischem Denken seit 1845.

    Bedauerlich, dass jemand wie sie, so wenig über eine wichtige Facette der Arbeiterkultur im Ruhrgebiet weiß.

  9. #9 | Martin Kaysh sagt am 11. Oktober 2016 um 02:11 Uhr

    #7
    Klaus Lohmann. Verstreuen ist nicht Auskippen. Ausbringen ist nicht Wegschmeißen. Wenn so eine Wiese aschegesättigt ist, muss man halt in den Wald. Ich wollte morgen mal nach Waltrop, ein bisschen Gertrud ud Wilhelm abkratzen. Packe ich den Kids dann zu Helloween mit in die Tüte, wenn sie klingeln. Soviel Thrill muss sein.
    Oder unters Essen mischen? So Kannibalismus light? Mh.

  10. #10 | Martin Kaysh sagt am 11. Oktober 2016 um 02:20 Uhr

    #8
    Murphy. Deutliches Nord-Süd-Gefälle. Das auch schon, als das Beitrittsgebiet noch nicht beigetreten war.
    Mag sein, dass die Sozen und Freidenker da treibend waren. Aber erstens ist evangelisch quasi gottlos im Talar, und zweitens haben Katholiken sich diesem ekelhaften Entsorgen widersetzt, schon aus religiösen Gründen. Was selbst die Deppenseite Wikipedia zu berichten. Zitat:
    "Die Kongregation für die Glaubenslehre unter Papst Leo XIII. untersagte am 15. Dezember 1886 Katholiken die Feuerbestattung … und nannte die Feuerbestattung eine „barbarische Sitte“.
    Das Dekret legte fest, dass für Katholiken, die letztwillig ihre Verbrennung verfügt hatten, keine kirchliche Begräbnisfeier gehalten und sie nicht auf dem Kirchhof bestattet werden konnten. Mit dem Codex Iuris Canonici von 1917 wurde dies ins Kirchenrecht aufgenommen…
    Die evangelischen Kirchen standen gegen Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts der Feuerbestattung zunächst ebenfalls überwiegend ablehnend gegenüber, danach setzte sich eine tolerierende (wenn auch nicht fördernde) Haltung durch.
    Luschenladen halt.
    Und was das Ruhrgebiet angeht: Ich komme aus dem guten Teil der Gegend, aus dem kurkölnischen Vest. Hier wählte man Zentrum, und Anhänger evangelischer Sekten durften hier lange nicht mal übernachten.

  11. #11 | Martin Kaysh sagt am 11. Oktober 2016 um 02:37 Uhr

    #8
    Statisik. 1998. Anteil Feuerbestattungen in Prozent:
    Irland 4,56
    Großbritannien 74,42
    Schweden 67,84
    Dänemark 71,11
    Deutschland 39,06
    Spanien 10,91
    Italien 4,09

    Mag sein, dass im 19. JH pure Armut zur Feuerbestattung trieb.
    Mag sein, dass heute noch Erben auf die paar hundert Euro scharf sind, die sie so sparen, und Versterbende voraus eilend derlei Verwertung zustimmen. Nur kann man die Asche auch liebevoll und würdig verteilen. Man soll ja auch der Seebestattung zugedachte Asche nicht in die Emscher kippen, weil die ja auch irgendwie ins Meer fließt.

  12. #12 | Klaus Lohmann sagt am 11. Oktober 2016 um 09:28 Uhr

    @#9 Martin Kaysh: Gut, dass es zum Spazi nach Waltrop und nicht in die römisch-katholische Schwyz geht. Dort wird die Asche schon per Flugzeug verteilt (http://www.naturbestattungen.de/index.php?pos=arten.html#luft) und Berge mit offenem Mund bestaunen wäre dementsprechend so richtig bäh.

  13. #13 | Murphy42 sagt am 11. Oktober 2016 um 10:29 Uhr

    #10
    Ach ich mag den Katholerer an sich. Dieses Vertrauen, man bestimme durch Dekrete oder irgendwelche lustige Erlasse, die Wirklichkeit. Es ist diese Leugnung der Realität, der die Sonne um die Erde kreisen lässt und auch sonst eher dem kindlichen Denken behaftet ist, der das katholische so niedlich macht.
    Dieser märchenhafte Glaube an die paradiesiche Auferstehung, der Verbrennen ablehnt und Verrotten für gottgefällig hält, läßt mich ob seiner pathologischen, geistigen Verwirrung, stets wohlig erschaudern.
    Es kommt einem so vor, als wenn katholisch nur eine Umschreibung für die selbst durchgeführte geistige Kastration ist, welche allerdings "gottseidank" schmerzfrei ist.

    Im übrigen gebe ich dir Recht, natürlich kann man die Asche Verstorbener auch würdevoller verstreuen und sollte es auch besser machen als in Waltrop.

  14. #14 | Wir und Heute – Abgekratzt | Ruhrbarone sagt am 16. Oktober 2016 um 13:43 Uhr

    […] mit. Als David erfährt, was es damit auf sich hat, kann er es kaum fassen. Den Skandal hatte Robin Patzwaldt bei den Ruhrbaronen aufgedeckt. Außerdem diskutieren Martin und David darüber, welches System hinter der Verbindung zwischen […]

  15. #15 | Die Stadt Waltrop findet diese Aschehaufen auf dem Friedhof eine ‚würdige Bestattungsart‘ | Ruhrbarone sagt am 20. Oktober 2016 um 12:59 Uhr

    […] seit Jahren gepflegt wird, hat nun, zehn Tage nachdem ich das Thema hier im Blog am 10. Oktober noch einmal frisch aufgebracht hatte, und wenige Tage nachdem auch die Kollegen David Schraven und Martin Kaysh dies in ihrem […]

  16. #16 | Manche Dinge ändern sich scheinbar nie: Immer noch würdelose Bestattungen in Waltrop! | Ruhrbarone sagt am 31. März 2019 um 22:06 Uhr

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  17. #17 | Gesellschaft im Wandel: Bestattungen zwischen karibischem Traum und einem Ende als Katzenklo | Ruhrbarone sagt am 4. August 2019 um 13:27 Uhr

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