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Ein Mord in den Zeiten von WhatsApp: Für den Fame braucht der Killer die Presse nicht mehr

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist Schnee von vorgestern. Das Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit ist der Schneematsch von vorhin. Hurra, das Zeitalter der digitalen Gleichzeitigkeit ist da.

Um ein Star zu werden, braucht heutzutage niemand mehr die Presse. Man braucht nur ein Handy. Im Jahre 2017 ist jeder ist sein eigenes Medium. Jeder ist sein eigener Sender. Die alten Medien spielen dabei keine Rolle mehr. Die Verbreitung von Informationen läuft ohne sie. Weltweit und in Windeseile. In Echtzeit. Live.

Die alte Presse ist nur noch Zuschauer. Ein Zuschauer wie Millionen andere auch. Die Presse hechelt den Informationen hinterher. Sie hinkt hinterher. Sie wirkt gehetzt. Sie steht unter Druck. Es wie beim Rennen zwischen Hase und Igel: Die Presse ist langsamer als Millionen andere User. Sie ist ein Dinosaurier. Das Kaninchen vor der Schlange. Sie starrt wie alle anderen auf den Twitter-Account von Donald Trump. Mit einem Fall wie dem von Marcel Heße ist sie überfordert. Die Presse versteht die Welt nicht mehr. Alte Presse, neue Welt.

Zeitenwende im Faserland: Ein Scherbenhaufen als Sittenbild (in zehn Splittern)

1.: Smartphones statt Sensationsreporter

Wir erinnern uns an Filme wie Oliver Stones „Natural Born Killers“. Juliette Lewis und Woody Harrelson killen und vögeln sich fröhlich, frech und frei kreuz und quer durch Amerika, werden dabei von einer enthusiasmierten und hysterisierten Pressemeute rund um den rasenden Sensationsreporter Robert Downey jr. begleitet und befeuert – und weltweit als mörderisch coole Popstars und Helden gefeiert.

Um Popstar oder Held zu werden, braucht heute niemand mehr einen rasenden Reporter oder angefixten Fernseh-Fuzzi. Juliette Lewis und Woody Harrelson brauchen Robert Downey jr. nicht mehr. Sie brauchen keine fette Meute aus Presseleuten im Schlepptau. Sie haben jetzt Smartphones.

Heutzutage kann man ein Star sein, ein Superstar, ein Weltstar gar, ohne dass ein einziger Fernsehsender, eine einzige Zeitung, eine einzige Radiostation je über einen berichtet hätte.

Früher musste man eine Radiostation kapern, eine Fernsehstation entern, um seine Botschaft an den Mann und die Frau zu bringen, um auf Sendung zu sein, meistens lokal, fast nie global. Heute kann man rund um die Uhr auf Sendung sein, weltweit im Web. Man braucht keine Radiostation, man braucht nur ein Handy.

15 Minuten Ruhm. Jetzt live. Spannung garantiert, Nervenkitzel pur.

 2.: Opferschutz, Täterschutz, Jugendschutz, Internetz

Wir erinnern uns an Fälle wie das sogenannte „Gladbecker Geiseldrama“, bei dem vor lauter Begeisterung über das soeben Gesehene und grad erst Geschehende bis zur Unkenntlichkeit enthemmte „Journalisten“ den flüchtigen, freilaufenden Gangstern vor laufenden Kameras das breite Forum einer brutalen Soap-Opera feilboten. Seitdem hat sich viel geändert. Vor allem in Deutschland, vor allem in den letzten Jahren, hat sich die Presse mit dem moralischen Maßstab des Pressekodex einen ethisch gut eingenordeten Gartenzaun gezimmert, hinter dem edle Gewächse wie Opferschutz, Täterschutz, Jugendschutz gedeihen.

Doch da draußen vor diesem geschützten Gehege ist der Rest der Welt. Und dieser Rest ist riesengroß. Es ist eine neue Welt, eine neue weite, wilde Welt. Da draußen ist nämlich dieses Internetz, von dem man immer hört, wo man Opferschutz, Täterschutz, Jugendschutz aber höchstens noch vom Hörensagen kennt. Als Legenden aus einer anderen, einer alten Welt, einer kleinen Welt. Einer Journalistenwelt hinterm Gartenzaun.

3.: Tatvideo im Darknet – Facepalm bei 4chan

Facebook, 4chan, Snapchat, WhatsApp, YouTube, Instagram, Periscope, Pastebin: the future is unwritten, the future is now. Für viele Journalisten ist das alles nur „Darknet“. Und das „Darknet“, das ist doch für uns alle Neuland.

„Einen Film von der Tat stellte er ins Darknet“ heißt es nach dem ersten Mord in Herne allerorten. Bei der Bild, bei der WAZ, bei der BZ. Der Film „mache auch die Ermittler fassungslos”, so wird überall Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger zitiert. „Gibt es ein Video?“, „Wo bleibt das Video?“ fragt man bei 4chan.

„Man kann nur hoffen, dass sich dieses Video nicht weiterverbreiten wird“, betont der Innenminister. Gibt es ein Video? Nein, ein Video gibt es nicht.

Facepalm bei 4chan.

Wenn die Presse schon den Anspruch erhebt, man brauche sie zumindest noch, um die Dinge zu analysieren, zu kommentieren, oder wie Journalisten es gern sagen, richtig „einzuordnen“, dann haben sie in diesem Fall alles falsch gemacht.

Denn nur um es nochmal klarzustellen: Marcel Heße hatte sich über WhatsApp ausgetauscht und dort jemandem einige Bilder sowie drei Sprachnachrichten geschickt. Wahrscheinlich hat irgendwer dann irgendwo Sprachnachrichten mit Videos verwechselt. Shit happens, versendet, versandet, verrannt.

Wenn man die Presse schon nicht mehr braucht, um bekannt zu werden, dann braucht man diese Art der Berichterstattung auch nicht. Wenn das die Art von „kritischer“ oder „analytischer“ Berichterstattung ist, mit der sich der selbsternannte „Qualitätsjournalismus“ immer so wichtig machen will, na dann gut nacht.

Sind das dieselben Leute, die sonst  so schlau sind oder tun, vong „Medjenkompetenz“ her, und ihren Lesern erzählen und erklären wollen, wie man echte „News“ von „Fake News“ unterscheidet? Falls ja, dann ist es kein Wunder, dass da so mancher Jugendliche denkt: „Braucht kein Mensch“.

Die Bilder da in diesem Internet sind nicht schön. Aber das Bild, was die Presse abgibt, ist verheerend. Selten gab es so viel gequirlten Quatsch und Quark zu lesen. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten, sagte einst Dieter Nuhr. Ich bin doch nicht blöd, sagt der Media-Markt-Kunde, schmeißt die zerknitterte Zeitung weg und kauft sich ein neues Handy. Aber die Presse kann und darf und soll natürlich nicht die Fresse halten, selbst nicht bei so einem Fall, irgendwas muss in dem Blatt ja schließlich drinstehen, vor allem bei so einem Fall, und auf Facebook und Twitter müssen wir auch irgendwas machen, hat der Chef gesagt. Dies ist ein Armutszeugnis für und ein Abgesang auf den Journalismus alter Schule. Es ist ein Trauerspiel in Echtzeit-Akten, bei dem sich keiner mit Ruhm bekleckert.

Der alte zerknirschte, verknitterte Reporter denkt über den Finanzmangel seines Verlages nach und über den Personalmangel in seiner Redaktion. Dann geht er schlafen. Und träumt von Qualitätsjournalismus. Ohne Anführungszeichen.

Träum weiter. Es gab kein Tatvideo. Nichts hatte hier irgendwas mit „Darknet“ zu tun. Aber von der Presse werden noch lange Zeit „dunkle“ Gerüchte und jene „Fake News“ weiterverbreitet, vor denen sie selber immer warnt und über die die /b/tards auf 4chan währenddessen schon längst lachen. Aber gut, 4chan ist ja „Darknet“. Und WhatsApp natürlich auch.

4.: Zwei Stühle, keine Ahnung

„Die Tat geschah offenbar nicht aus dem Affekt heraus, deshalb hat er sich mit dem Mord wohl vorher intensiv beschäftigt und sich emotional darauf vorbereitet. Im ‚Darknet’ könnte er dann weitere Menschen getroffen haben, die ähnlich normabweichende Gedanken hatten wie er. Mit diesen Leuten hat er dann möglicherweise vorher über seine Phantasien gesprochen, sie könnten ihn noch in seinem Vorhaben bestärkt haben. Nur dort hätte er – auf eine bizarre Art – Rückhalt erfahren.“ Aha. Auf Focus-Online wird der „Experte“ Helmut Kury zum Mordfall in Herne und zu Marcel Heße befragt. Und wie so oft, wenn ein Reporter einen „Experten“ interviewt, hat man vor lauter „Gedanken“ und „Phantasien“ im Darkwald den Eindruck, zwei Leute, die beide nicht wissen, wovon sie reden, reden einfach drauf los. Machen dabei bestimmt ein ernstes Gesicht und tun wichtig bei einem Gespräch, bei dem dann und wann vom Fachmann zum Kenner wie ein weißer Elefant sogar eine Binsenweisheit vorbeizieht, die nicht vollkommen falsch und so ganz verkehrt ist.

Zwei Stühle, eine Meinung. Zwei Stühle, keine Ahnung.

„Über seine Phantasien gesprochen“. Ja? Ja. „Auf bizarre Art Rückhalt erfahren“. Ja? Ja. Im „Darknet“. Ja? Ja. Chatroom  im „Darknet“,  ist das ein Song von HGich.T, ja ja?

„Focus, deine Mudder is bizarr!“ mag manch ein /b/tard bei 4chan dem Magazin da zurufen.

5.: The non-importance of being a journalist: where is all the power gone?

Die drei WhatsApp-Sprachnachrichten sind längst allesamt bei YouTube zu finden. Natürlich, Kinderleicht, mehrfach. Opferschutz, Täterschutz, Jugendschutz? Egal. Normal, bei YouTube kann ja auch jedes Kind Filme sehen, die in Deutschland ab achtzehn oder eigentlich als jugendgefährdend indiziert oder gar als gewaltverherrlichend beschlagnahmt sind. „Ein Zombie hing am Glockenseil“. Auf Deutsch. Unbeschnitten.

Der alte Journalist, der grad noch hinterm Pressekodex-Gartenzaun lang und breit darüber nachsinnierte, ob er Marcel Heße eigentlich beim vollen Namen nennen könne oder solle oder dürfe – hm, oder vielleicht doch lieber nur „Marcel H.“? –, fragt sich nun, ob er im Zweifelsfall vielleicht auch erstmal selber den YouTube-Link zu diesen WhatsApp-Sprachnachrichten posten kann. Oder darf. Oder soll. Gehört hab ich die eh alle schon, sagt der Igel zum Hasen.

Für die Bildzeitung versieht ein gewisser Klaus Felder derweil ein WhatsApp-Selfie von Marcel Heße mit seinem eigenem Fotocredit. „Foto: Klaus Felder“. Was hat Klaus Felder da gedacht, was hat Klaus Felder da gemacht? Das Selfie unten abgeschnitten? Das Bild leicht verpixelt?

Fragen über Fragen. Ein Scherbenhaufen im Schnelldurchlauf. Splitter des laufenden Wahnsinns:

Hat Marcel Heße „nur“ einen Mord begangen? Oder doch zwei? Einen Mann? Oder eine Mutter? Die war dick? Und ihre Tochter? Die war 15? Also drei Tote? Und was ist mit diesem auf Englisch verzapften Manifest da auf Pastebin? Da steht doch was von fünf Toten. Und schreibt da grade wirklich der echte Marcel Heße auf 4chan?

Auch wenn sich später alles als falsch rausstellt, grad weil sich später alles als falsch rausstellt: Heutzutage gibt’s die 15 Minuten Ruhm nur live. Marcel Heße konnte sich nur solange als „Star“ inszenieren, solange noch nichts klar war. Marcel Heße war nur solange ein „Phänomen“, solange er noch nicht verhaftet war. Ist erst alles aus, ist erst alles aus, ist’s vorbei mit Ruhm und Fame. Solang es noch live ist, so lang ist’s noch true. The medium is the message, the killer in me is the killer in you, live is live und Fake ist, wenn Schluss ist. Da simma dabei, der Letzte macht das Licht aus, das Handy bleibt an.

Der alt und müde gewordene Reporter pflanzt im Gehege hinterm Gartenzaun neben seinen edlen Gewächsen nun buchstäblich Kraut und Rüben. Es ist eine wirre, wildwuchernde Welt. Vielleicht schaufelt er sich auch schon sein eigenes Grab. Sterbendes Gewerbe? Is this true or is it not?

Zwei Welten driften auseinander, im Hintergrund lachen die /b/tards. 

6.: Darkwald, Darkroom, Second-Hand-News

Okay, dann muss halt auch RTL mal kurz kucken gehen – und geht live zu /b/ auf 4chan. Die /b/tards kucken derweil geschlossen RTL und posten live on air, während RTL live on air den b/tards beim Posten zukuckt.

Doch nicht nur hier und heute und in diesem Fall schaut der Zuschauer den Sendern beim Zuschauen zu. Kuck mal, wer da kuckt, wie wo was sich im world wide web wohl so tut.

Der Voyeur sieht dem Voyeur beim Zusehen zu. News aus zweiter Hand. Das ist modern. Das ist postmodern. Das ist Postmoderne auf der Metaebene. Das ist Recherche.

Wer will sehen, wie das Fernsehen im Internet surft und Internetsurfer beim Surfen sieht? Hat vielleicht Katy Perry was Neues auf Instagram gepostet?

Die Presse hechelt dem Internet hinterher und will sich gleichzeitig davon distanzieren.

Das kann nicht klappen. „Das braucht kein Mensch“.

Natürlich gibt es noch die Leute, die morgens beim Frühstücksei ihre WAZ aufschlagen wollen und sich mit leichtem Grusel und unwohlem Schauer was vom Pferd erzählen lassen. Vom Pferd im „Darknet“. Dem ominösen. Dem bösen.

Noch.

Der alte Journalist, der sich soeben noch darüber ärgerte, dass er bei der Verwendung der Formulierung „mutmaßlicher Täter“ doch glatt das Wörtchen „mutmaßlich“ vergessen hat, und sich fragt, wie schlimm es wohl ist, dass er einen „mutmaßlichen Täter“ einfach nur als „Täter“ bezeichnet hat und was das für Folgen hat, fragt sich manchmal heimlich, wer eigentlich diese YouTube-Stars sind, von denen die „jungen Leute“ immer reden.

Hat Donald Trump heute schon getwittert?

7.: Für Präsenz braucht der Politiker die Presse nicht mehr.

Während die guten alten Medien mitunter noch dabei sind, einen kurzen neuen Trump-Tweet lang und tiefschürfend zu analysieren, zu kommentieren, zu kritisieren oder gar zu ironisieren, hat manch munterer Hobbyblogger das bisweilen schon längst viel knackiger auf den Punkt gebracht. Der schaut so mancher Pressemensch ein wenig neidisch auf ein solches Posting, das da grad millionenfach in diesem Internetz geteilt wird – und weil ihm nichts Besseres einfällt, teilt er es erst einmal auch. So wie Millionen andere User. So wie einer von vielen. Er ist nichts besonderes mehr.

Pressekonferenzen an sich sind eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Live-Pressekonferenzen kamen erst nach dem zweiten Weltkrieg durch das Fernsehen in Mode. Im 21. Jahrhundert sind sie möglicherweise ein sterbende Gewerbe. So wie möglicherweise die ganze Presse an sich. Nicht nur in Amerika. Is it true or is it not?

Früher hing man den Lippen, heute an Twitter. Und ist, ach, als Reporter doch oft ach so machtlos. Denn, nochmal Trump: Der Typ macht einfach weiter. Und wird auch noch gewählt. „Interessiert es überhaupt noch einen, was ich schreibe?“ fragt sich da der arme alte Pressemensch. Unfassbar! Das muss doch auf Dauer frustrierend sein.

Ja, ja, es ist traurig und lustig zugleich, wie alle am Trump-Twitter-Tropf hängen. Der selbsternannte „Qualitätsjournalismus“ klebt an jedem noch so piseligen und ach so widersprüchlichen Trump-Tweet. Gleichzeitig abhängig und angewidert. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, Journalisten als Junkies. Es hat fast was Parasitäres. Live is live und Kleben heißt Leben. Was ist das für 1 Life?

So wie Donald Trump selber keine Pressekonferenzen mehr „braucht“, um Öffentlichkeit und Medienpräsenz zu kriegen – er weiß, er bekommt sie sowieso mit jedem Tweet –, so braucht auch der moderne Killer keine Medien-Berichterstattung mehr. Er ist sein eigenes Medium.

Das  kann man  doch nicht vergleichen, sprach da der alte Häuptling der Reporter.

8.: Facebook ist schlimmer als 4chan

Während auf Facebook ein virtueller Lynchmob tobt und sowieso allen Kindermördern und Kinderschändern wünscht, der Sensenmann möge sie beim Kacken in zwölf Teilchen zerhacken und ihnen vorher am liebsten noch alle Glieder „einzelnt“ abreißen oder den Hintern in unschöner Weise zerbeißen, geht es bei 4chan geradezu sachlich und fachlich zu: Gibt es neue Bilder? Gibt es Beweise? Is this true? Pics or it didn’t happen!

Während auf Twitter und Facebook die blanke Wut der versammelten Volksseele kocht, geht es bei 4chan unemotional und zynisch zu. Mit Hass gekocht? Och nö, nein danke. Da bleibt man kühl. Kein Gefühl. Man mag sich aussuchen, was einem sympathischer ist.

Die Aufrufe zu Kastration und Selbstjustiz auf Facebook sind reinste Gewaltverherrlichung, „gruselige Community“ und „kranke Welt“ nennt die WAZ derweil die Darkworld von 4chan. „Gruselig“, „krank“, „bizarr“ – solcherlei Ausdrücke sind anscheinend Ausdruck eines fachlichen, sachlichen „Qualitätsjournalismus“.

Bei Facebook erreicht die Verlogenheit regelmäßig neue Höhepunkte, wenn ein und dieselbe Person, die einerseits andauernd die allgemein krass grassierende Sensationsgeilheit anprangert, andererseits immer wieder selber neue News und Gerüchte zu einem Fall wie dem Mord in Herne in ihren eigenen Status müllt und spült. Bei 4chan steht man offen offensiv zu seiner Sensationsgeilheit: Wo bleiben die Bilder? What’s new, Marcel? Man mag sich aussuchen, was heuchlerischer und was ehrlicher ist.

Anders als 4chan kann man ja die allermeisten Einträge bei Facebook auch gar nicht über die Google-Suche finden, grübelt der Journalist. Facebook ist mehr „Darknet“ als 4chan. Und WhatsApp erst recht.

8.: The times, they are a-changing.

Zehn Jahre ist es her, 2007, da filmten sich in der Ukraine ein paar als Dnepropetrovsk Maniacs berüchtigt gewordene Jugendliche dabei, wie sie ahnungslosen Passanten auflauerten und diese zu Tode folterten. Eines der Videos (insgesamt wurden 21 Menschen getötet), in dem sie den Frührentner Sergei Yatzenko am Straßenrand mit einem Hammer und einem Schraubenzieher ermordeten, dreht bis heut seine Runden im Internet.

Fünf Jahre ist es her, 2012, da postete der zuvor aus Schwulenpornos bekannte Luka Rocco Magnotta ein Video, das ihn beim Mord an dem chinesischen Studenten Lin Jun zeigte, während im Hintergrund der Pop von New Order lief – ein paar Tage später wurde Magnotta in einem Berliner Internetcafé gefasst, während er grad die Nachrichten und Neuigkeiten über sich selbst durchscrollte.

Das alles scheint ewig her, lange vor dem endgültigen Siegeszug der totalen Social-Media-Vernetzung und allesfilmenden Smartphones.

Jetzt, heute, hier, im Jahr 2017, haben sich in Schweden vor ein paar Wochen drei Männer bei einer Vergewaltigung gefilmt – live bei Facebook. Das Video wurde gestreamt, nicht gespeichert und ist verschwunden. So kann es gehn und so ist das mit Live-Videos, manchmal. That’s Life? „Fame für eine öffentliche Vergewaltigung“? Wir leben in einer Zeitenwende. 15 Minuten „Ruhm“? Nur noch live. Ohne Altersbeschränkung. Ohne Kontrolle. Ohne Pressekodex.

Ohne Gartenzaun.

10.: Is it the end of journalism as we know it?

And isn’t it ironic, dass sich viele Journalisten einst über Merkels Ausspruch „Das Internet ist für uns alle Neuland“ lustig gemacht haben? In jener ihnen oft eigenen Arroganz? Kleiner Mann auf hohem  Ross, und nun,  was  tun?

Nun schrieb ein tapferer Schreiberling den Wikipedia-Artikel über 4chan nahezu 1:1 ab und hievte ihn hochwertig als Text in die Zeitung. Copy and paste. Es wirkt nicht so, als kenne er sich aus und wolle seine Leser informieren. Es wirkt so, als höre er selber zum ersten Mal von 4chan und wollte nun, erst mal für sich selber, bei Wikipedia nachkucken, wat dat is. Den WAZ-Leser schaudert’s beim Frühstücksei. Gruselgefühl statt Völlegefühl. Wer informierter ist, liest vielleicht gar nicht mehr Zeitung. Alle anderen schreiben das ab. Jeder bei jedem. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Ist das noch Selbstverliebtheit oder schon Selbsthass?

Es ist eine weite wilde wirre Welt. Draußen vor der Tür zur Gartenlaube.

Das Ende naht, die neue Zeit bricht an. Die Polizei hat aus ungeklärten oder unerklärlichen Gründen einen Hund aus dem Netz gefischt. Wow. Die See ist rau im World Wide Web. Was ist das für 1 Hund?

Die Presse bringt das Hundefoto in Umlauf. Die /b/tards lachen. Troll, troll, troll. Spaß muss sein? Satire darf alles? Was ist das für 1 Fake? Der alte ausgebrannte Journalist denkt sich heimlich, ach, wie auch immer, so ein Hundefoto bringt doch auch Klicks. Erhöht die Reichweite. Klicks, Klicks, Klicks. Hat er jedenfalls mal gehört. Sich mal sagen lassen. Von einem, der sich auskennt.

End of an Era? Schöne neue Welt? Es ist eine verwirrende Zeit.

Da steht am Ende der alte aussterbende Pressemensch und fragt sich, ob er das Foto des „mutmaßlichen Täters“ „Marcel H.“ nun verpixelt oder unverpixelt zeigen kann oder soll oder darf, und verwendet Wörter wie „Tötungsdelikt“, „Ermittlungsverfahren“, „Fahndungsdruck“ und „Hinweisaufkommen“, während er auf der anderen Seite noch einmal staunend auf das gesammelte WhatsApp-, 4chan-, Pastebin-Material starrt. Und über die „Verantwortung“ der Presse nachdenkt. Dilemma, Sackgasse, Scheitern am eigenen Anspruch? Manchmal kommt der Pressemensch sich fast niedlich vor, manchmal hilflos, fast immer überfordert, manchmal fast feige.

Nein, die Presse ist nicht raus aus der Verantwortung, sie ist größtenteils einfach nur raus aus einem Spiel, das eben längst ohne sie stattfindet. Es ist heut ein Kinderspiel, berühmt oder berüchtigt zu werden. Um jemanden bekannt zu machen, dafür ist die Presse, wie wir sie kennen, längst obsolet geworden, sie hechelt hinterher, sie hinkt hinterher. Und das mit dem „Hinterherecherchieren“, das mit dem „ Einordnen“ will leider auch nicht mehr so klappen, wie es sollte. Läuft grad nicht rund, wa? Eher schlecht als recht, wenn wir ehrlich sind. Und „Verantwortung“? Für den Leser? Für die Jugend? Die „jungen Leute“ kommen schon von alleine auf Ideen. Auf neue Ideen. Auf neuen Wegen, mit neuen Handys, auf neuen Kanälen.

Coming soon: Natural Born Instagramers. Digital Native Maniacs.

Diese Geschichte geht nicht gut aus. Demnächst auf ihrem Handy. Die Geiselnahme im Zeitalter der digitalen Gleichzeitigkeit.

Wer springt auf den fahrenden Zug noch auf? Da kommt doch kein rasender Reporter mehr mit.

Der erste Live-Video-Amoklauf. Der erste Serienkiller auf Snapchat.

„Hat das jemand abgespeichert?“ fragen die /b/tards auf 4chan.

It’s a weird world. Game  over.

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9 Kommentare zu “Ein Mord in den Zeiten von WhatsApp: Für den Fame braucht der Killer die Presse nicht mehr

  • #1
    Arnold Voss

    Diesen Artikel kann man in der Sprache des alten Journalismus mit Fug und Recht als Versuch einer Einordnung bezeichnen. Danke dafür. 🙂

  • #2
  • Pingback: Ein Mord in den Zeiten von WhatsApp: Für den Fame braucht der Killer die Presse nicht mehr – HandyBiZZ.de

  • #4
    ke

    Musik, Nachrichten, Interessen, …. Jeder kann etwas im Internet als konstengünstige Plattform vermarkten. Abhängigkeiten sinken. Ein Minicomputer reicht.

    Das Informationsprivileg bröckelt. Ein Reisebüro muss heute einen Mehrwert bieten im Vergleich zur Suchmaschine im Wohnzimmer. Ein Anlageberater muss durch Kompetenz punkten und nicht durch sein Privileg, auf ein System Zugriff zu haben.

    Das bedeutet auch, dass Journalisten einen Mehrwert generieren müssen, und einen Weg finden müssen, wie sie mit der neuen Konkurrenz umgehen.

    Nachrichten müssen aktuell sein, auf der anderen Seite müssen sie sofort überprüft werden. Das sind Zielkonflikte, bei denen Journalisten einen Weg finden müssen.

    Ebenso müssen die Online-Plattformen sicherstellen, dass sie trotz der gewaltigen Datenmengen die lokalen Gesetze einhalten.

    Der Globus dreht sich weiter und jeder muss seinen Weg finden. Im Regelfall geht dies über Gesetze oder durch Mehrwert.

    Ich finde es positiv, dass Eintrittsbarrieren in vielen Bereichen sinken. Die Entwicklung ist auch nicht so neu. Jeder muss sich darauf einstellen. Insbesondere auch der Gesetzgeber und die Strafverfolgungsbehörden. Lebenslanges Lernen wird zur Pflicht.

  • #5
    Klaus Lohmann

    "Das Ende naht, die neue Zeit bricht an" – Ich hab lange keine mehr gesehen. Stehen die Zeugen Jehovas eigentlich heute mit iPad Pro hochkant statt laminiertem Print-"Wachturm" in der Fußgängerzone?

  • #6
    Dirk Krogull Beitragsautor

    .. die zeugen jehovas posten ab morgen echtzeit-endzeit-video-visionen im darknet ..

  • #7
    Arnold Voss

    Dass das menschliche Elend jetzt permanent für fast alle sicht- und hörbar ist, ändert doch nichts an diesem Elend selbst. Oder doch? Zuschauer und Zuhörer haben den Menschen immer schon zu Höchstleistungen herausgefordert. Könnte man aber deswegen sagen, dass das Internet das im Menschen immer schon veranlagte Unmenschliche verstärkt? Dass sein Sadismus durch die jetzt beliebig zu vergrösserndem echtzeitigen Zuschauerzahlen erst richtig zu sich selbst kommt?

  • #8
    ke

    @7:
    Wenn ich an die Vergangenheit denke, war menschliches Leid selten so im Verborgenen wie aktuell.

    Es gab:
    Öffentliche Hinrichtungen, …
    Gladiatorenkämpfe im Stadion, ….
    Krankenpflege in der Wohnung, …
    Dauerhafte kriegerische Auseinandersetzungen, …

    Auch das Schlachten von Tieren erfolgt heute in D im Verbogenen.

    Die Steinigung im "Leben des Brian" und viele Hinrichtungs-/Folter-Szenen in historischen Filmen zeigen immer wieder den öffentlichen Charakter dieser Gewalt.

    Insgesamt ist es aus meiner Sicht wohl eher so, dass Menschen noch nie so gewaltlos aufgewachsen sind wie die meisten Menschen in West-D.

    Eine große Zuschauerzahl wird es nicht geben, wenn die Strafverfolgungsbehörden auf die jetzt auch nicht mehr neuen Anforderungen reagieren, und es nicht zum Töten/Verletzen von Menschen aus Vergnügen, wie es in einigen Filmen als Szenario dargestellt wird, kommt. In diesen Filmen/Romanen wurden aber bisher hauptsächlich TV-Sender beschrieben, die für die Reichweite sorgten.

  • #9
    der, der auszog

    Ein klasse Text, der erfrischend anders ist als das psychologische und pseudowissenschaftliche Gesülze, das man sonst zu solchen Themen vorgesetzt bekommt. Lieber Dirk. Ich hoffe da kommt in Zukunft noch mehr.

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