Ein paar Gedanken zum Halle-Prozess

Stephan Balliet Quelle: Twitter

Von unserer Gastautorin Anastasia Iosseliani

Geehrte Leserinnen und Leser,

Nun, da wir Juden Rosh HaShana, zu Deutsch «Das Haupt des Jahres», sprich das jüdische Neujahrsfest gefeiert haben, und somit auch Jom Kippur vor der Tür steht, möchte ich mich hier mit etwas befassen, dass die jüdische Gemeinschaft in der deutschsprachigen Welt im letzten Jahr beschäftigt hat. Nämlich mit dem Attentat von Halle an Jom Kippur und dem anschliessenden Prozess.

Zuallererst muss ich etwas Kontroverses loswerden. Nämlich, dass meiner Ansicht nach der Prozess von Halle etwas offenbart hat, dass ich in den letzten Jahren vermutet habe: Dass wir Juden von weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft immer noch, bestenfalls, als tolerierte Minderheit und nicht als Teil dieser Gesellschaft gesehen werden. Aber lassen Sie mich das ein bisschen elaborieren.

Zuerst, wie die jüdische Gemeinschaft in Halle, und auch anderswo, vor dem Prozess behandelt wurde. Nämlich, dass legitime Bedenken und Ängste bezüglich der Sicherheit von den verantwortlichen Behörden nicht ernst genommen wurden und die jüdische Gemeinschaft in Halle somit primär aus der eigenen Tasche für ihre Sicherheit aufkommen musste. Man behandelte Menschen mit legitimen Ängsten, Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, wie lästige Bittsteller und feilschte darum, wie auf einem Basar. Dies führte dazu, dass der Anschlag von Halle in dieser Form überhaupt erst möglich wurde. Denn nicht nur wurden die absolut legitimen Bedenken der jüdischen Gemeinschaft offensichtlich nicht ernst genommen, es wurde auch kein nachhaltiges Konzept erarbeitet, wie man solche Anschläge verhindert, oder was zu tun sei, wenn es doch zu solchen Anschlägen kommt. Die Realität ist in Europa nämlich Folgende: Synagogen und andere jüdische Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen müssen mit Panzerglas und dergleichen geschützt werden, eben aufgrund von Antisemiten, die uns selbst an Jom Kippur meucheln wollen.

Wie verschiedene Medien berichtet haben, fuhr ein Streifenwagen vorbei, als der Attentäter Stephan Balliet schwer bewaffnet vor der Synagoge in Halle gestanden ist. Und was taten die Beamten im Streifenwagen? Die fuhren einfach weiter, weil sie dachten, dass dort ein Film gedreht würde. Somit konnte Stephan Balliet ungestört seinen Wahn in diese Tat umsetzen, und am Ende wurden zwei Menschen deshalb von ihm ermordet. Während seinem Prozess kamen noch einige weitere Unappetitlichkeiten zum Vorschein, nämlich, dass der Attentäter besser über jüdische Kultur und Feier- und Fasttage (Jom Kippur ist ein Fast- und kein Feiertag) bescheid wusste als die örtliche Polizei. Deshalb gab es nicht einmal an Jom Kippur Polizeischutz vor der Synagoge in Halle. Deshalb auch dauerte es nach dem Notruf aus der Synagoge eine ganze Weile, bis wieder Beamte vor der Synagoge eintrafen, und es ist nur der Tatsache geschuldet, dass die Ausrüstung des Attentäters wie die selbstgefertigten Schusswaffen und Sprengkörper, nicht richtig funktioniert haben und es nicht mehr Tote gab.

Und das ist meiner Meinung nach das wahre Problem! Nicht nur versuchen Antisemiten verschiedener Couleur, ihr Mütchen an uns Juden zu kühlen, weil sie uns für Covid-19, Zuwanderung, Feminismus und den kläglichen Zustand der islamischen Welt verantwortlich machen, die Mehrheitsgesellschaft bleibt auch untätig, legt die Hände in den Schoss und ignoriert den mörderischen Antisemitismus bis zum geht nicht mehr. Dies wird vom Prozess von Halle deutlich zu Tage gebracht. Wie ein Bekannter von mir berichtet hat, der bei diesem Prozess anwesend ist, wurden auch Videos des Attentats gezeigt, darunter die Aufnahmen der Überwachungskamera der Synagoge, die nichts für schwache Nerven sind und die keinen Zweifel daran lassen, dass Stephan Baillet der Attentäter ist.

Nun stellt sich nicht nur die Frage, wie seiner Familie, mit der er offensichtlich zusammengelebt hat, entgangen ist, wie und wozu er Waffen gebastelt und gehortet hat, sondern auch, warum die Polizei in Halle und Umgebung vor, während und nach dem Anschlag reagiert hat, wie sie eben reagiert hat. Man darf nicht vergessen, dass es Stephan Balliet fast gelungen ist, aus dem Untersuchungsgefängnis «Roter Ochse», das mitten in der Stadt Halle liegt, auszubrechen. Für gut 5 Minuten konnte sich der Attentäter frei innerhalb des Gefängnisses bewegen und nur die Tatsache, dass eine Türe verschlossen war, hinderte ihn an der weiteren Flucht. Deutsche Behörden haben offenbar sehr naive Vorstellungen von Attentätern und stellen sich diese wohl als missverstandene Eierdiebe vor. Anders ist diese fast schon kriminelle Nachlässigkeit angesichts von radikalisierten Gewalttätern für mich nicht zu erklären.

Aber auch mit dem Prozess endet die Causa Halle für uns Juden nicht. Denn wie ich oben schon erläutert habe, ist das Thema «Sicherheit» für uns Juden in Europa immer noch brandaktuell. Wie die «Jüdische Allgemeine» am 17.09.2020 berichtet hat, will die deutsche Bundesregierung jüdische Einrichtungen mit 22 Millionen Euro zusätzlich unterstützen. Dieses Geld ist für den Schutz jüdischer Einrichtungen geplant, und meiner Ansicht nach ist es eine Tragödie, dass dieses Geld überhaupt gebraucht wird, und dass, bis jüdische Einrichtungen in Deutschland, dieses Geld zugesprochen bekommen haben, Menschen ermordet werden mussten, bevor uns Juden geglaubt wurde, dass wir bedroht sind und wir nicht weiter von den verantwortlichen Behörden als paranoid abgestempelt werden. Was die Mehrheitsgesellschaft denkt, steht auf einem anderen Blatt und meist auch in den Kommentarspalten von verschiedenen Tageszeitungen, lesen auf eigene Gefahr. Und somit wird uns Juden auch im neuen Jahr Antisemitismus und die damit einhergehende Gefahr für unser Leibe und unsere Leben weiterhin beschäftigen.

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