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‚Fanclub Nationalmannschaft‘: Wer plötzlich die Ticketvergabe für die EM 2016 kritisiert, der hat in den letzten Jahren wohl nicht richtig aufgepasst

Im DFB-Fußballmuseum. Foto: Robin Patzwaldt

Im DFB-Fußballmuseum. Foto: Robin Patzwaldt

Die Aufregung ist groß aktuell in weiten Teilen der Fußball-Fanszene. Der DFB vergibt Tickets für Spiele mit deutscher Beteiligung bei der Europameisterschaft in Frankreich aktuell nur noch an Mitglieder des offiziellen Fanclubs der Nationalmannschaft. Diese kostet 30 Euro Jahresgebühr und ggf. 10 Euro Aufnahmegebühr.

Viele regt das auf. Auch nebenan bei der WAZ gibt man sich heute nun relativ empört über diese ‚Marketingspielchen‘.

Als langjähriger Beobachter der Geschehnisse kann einen dies aber eigentlich weder überraschen, noch kommt einem das so wirklich neu vor. Die scheinbar plötzliche Empörung bei vielen Kritikern erscheint sogar eher naiv und künstlich. Denn das Phänomen ist so weder neu noch kommt es überraschend.

In einer Zeit in der die DFB-Elf seit Jahren schon konsequent mehr und mehr vermarktet wird, bei jedem Treffen der Auswahlkicker zuerst PR-Termine wahrgenommen werden müssen, bevor dann noch irgendwann auch mal Zeit für gemeinsame Trainingseinheiten bleibt, in der selbst der Koch der Nationalmannschaft zu einer Art Einnahmequelle gemacht werden soll, da erscheint diese Art der Ticketvergabe alles andere als überraschend. Und nicht nur das. Tickets wurden bereits zu Zeiten des Sommermärchens 2006, der Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahre 2006, auf ganz ähnliche Art und Weise vergeben. Nur scheint sich da aktuell niemand mehr so wirklich daran erinnern zu können oder zu wollen.

Doch bereits im Sommer 2006 konnten Fanclub-Mitglieder, im Gegensatz zu allen unorganisierten Fans, vergleichsweise leicht an Karten für Spiele mit DFB-Elf-Beteiligung kommen.

Habe ich selber in meinem Freundeskreis so erlebt. Ein Kumpel aus Bayern war damals einer der Glücklichen, der alle Spiele der Klinsmann-Elf ab dem Achtelfinale vor Ort miterleben konnte. Auch das legendäre Halbfinale Deutschland vs. Italien in Dortmund, für das er extra aus Franken anreiste. Ich musste als Dortmunder dagegen draußen bleiben. Und dies gelang meinem Freund eben auch damals schon, weil er Mitglied im DFB-Fanclub war und ich eben nicht. Das deutsche Kontingent für die Spiele der deutschen Elf wurde nämlich schon damals exklusiv über den Fanclub verkauft.

Damals zahlte man allerdings erst 20 Euro Jahresgebühr. Zudem erhielt man als Mitglied seinerzeit offenbar einige Fanartikel für diese Gebühr (Schal, Cap usw.), was den Gegenwert des Mitgliedsbeitrag etwas relativierte. Mein Kumpel sicherte sich dann über den Fanclub ganz bequem Optionstickets von Achtelfinale bis Finale bzw. Spiel um Platz 3. Insgesamt kam er so zum Genuss von vier Begegnungen der DFB-Auswahl. Auch damals haben schon einige Leute über diese Praxis gemeckert. Im Internet wurde unter Fußballfreunden darüber diskutiert. Der große Aufreger, so wie vielleicht aktuell, war das aber damals eben noch nicht.

Auch in der näheren Vergangenheit gab es übrigens ganz ähnliche Vorzugsbehandlungen für Fanclub-Mitglieder. Denn auch bei der WM2014 gab es dann am Donnerstag nach dem Halbfinale z.B. für Fanclub Mitglieder noch ein exklusives Angebot kurzfristig noch das Finale live in Rio vor Ort mitzuerleben. Diese Offerte bekamen Fanclubmitglieder damals exklusiv per Email und umfasste Flug und Karte.

Warum jetzt also diese plötzliche Empörung?

Der DFB befindet sich doch schon seit Jahren auf diesem durchaus kritikwürdigen Weg. Zumal der häufig mit vorgefertigten Sponsorenbannern auftretende ‚Fanclub‘ mehrheitlich eben wohl kaum ‚echte‘ Fans repräsentieren dürfte, wie sie eben ansonsten häufig in ’normalen‘ Fanclubs organisiert sind.

Natürlich kann man das Alles kritisieren und sich auch darüber kräftig empören. Doch wenn man das jetzt erst so richtig tut, dann ist man entweder ganz neu in der Szene, oder man hat in den letzten Jahren nicht richtig aufgepasst.

Denn wirklich neu und/oder ungewöhnlich ist hieran aktuell eigentlich nichts… Hier wird offenkundig nur eine langjährige Entwicklung konsequent fortgeschrieben.

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6 Kommentare zu “‚Fanclub Nationalmannschaft‘: Wer plötzlich die Ticketvergabe für die EM 2016 kritisiert, der hat in den letzten Jahren wohl nicht richtig aufgepasst

  • #1
    langsamdenker

    Robin, nur weil etwas seit "einigen Jahren" so läuft, muss es deswegen nicht gut sein. Ärgert dich die Ticketvergabe oder die Kritik daran? In der Buli bekommst du immer Tickets im freien Verkauf – auch ohne EBay. Das muss mMn auch für die DFB Elf möglich sein.

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Mich ärgert bzw. wundert hier vor allem die plötzliche, große Empörung bei Fans und Medien über etwas, was inzwischen doch schon seit Jahren so läuft. Ich kann das nicht nachvollziehen. Der DFB geht diesen Weg nun schon seit gut 10 Jahren. Die Ticketvergabe rund um die EM 2016 passt da konsequent ins Bild. Warum sich plötzlich alle aufregen oder sich zumindest so erstaunt zeigen, das ist mir weitestgehend ein Rätsel. Denn die Ticketvergabe lief ja schon spätestens seit der WM 2006 ganz ähnlich ab. Das war der Grund, warum ich das Thema hier heute noch einmal kurz aufgegriffen habe. Über die Vergabepraxis selber kann ich mich nach all den Jahren schon nicht mehr wirklich aufregen. Das ist nicht schön, aber inzwischen eben offenbar sehr häufig so üblich. Der ‚normale‘ Fan wird benachteiligt zu Gunsten betuchter Eventbesucher. So ist das bei diesen Veranstaltungen halt. Fußball wird an der Spitze extremst vermarktet. Da ist der ‚Fanclub‘ der Nationalmannschaft halt auch ein kleiner Baustein des Ganzen. Und eben auch keine neue Erscheinung.

  • #3
    WALTER Stach

    Robin,
    im Sinne von langsamdenker -1-:
    Langjährige Praxis und geringer Widerstand in der Vergangenheit ändern für mich nichts daran, daß ich das Prozedere des DFB -sorry- " Scheiße" finden.
    Aber….
    läßt sich Anderes als solcher "Sch…." von DFB-Spitzenfunktionären erwarten?

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Walter: Das geht mir ja nicht anders. Aber mich hat das eben auch schon 2006 aufgeregt. Jetzt plötzlich ganz empört so zu tun als sei da irgendetwas neu oder gänzlich unerwartet ist schlicht völliger quatsch. Entweder hat man dann, wenn einen das hier irgendwie überrascht, 10 Jahre lang geschlafen, oder man ist bzw. war ganz schlecht informiert. Denn das Ganze ist, und das betone ich noch einmal, ganz und gar nicht neu. Und viele denken das offenbar, bzw. tun aktuell so.

  • #5
    Klaus Lohmann

    Im Zuge der Präsentation äußerster Verkalkung und Dummheit beim DFB in der Bewältigung von Korruption und Steuerhinterziehung ist jeder "Schachzug" zur Geldräuberei durch jene Altherrenriege ein willkommener Anlass für die Medien, noch einen und noch einen draufzuhauen – egal wie alt das Thema schon ist.

    Und ich finde, diese Arteriosklerose-"Superstars" des DFB haben jede Haue verdient.

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