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„Gott sei Dank haben wir beide uns gehabt …“

Dirk von Lowtzow Foto: Achim Raschka (talk) Lizenz: CC BY-SA 3.0


Ruhrbarone-Gastautor Mathias Meis über das Buch „Aus dem Dachsbau“ von Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzows.

Die Sterne waren von jeher die tanzbarsten, Blumfeld immer die klügsten und Tocotronic sowieso die coolsten Absolventen des Elitelyzeums Hamburger Schule. Frank Spilker veröffentlichte 2013 seinen Großstadt-Roman Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen, in welchem er lakonisch die Geschichte vom Niedergang des Thomas Troppelmann erzählt. Zwei Jahre später veröffentlichte Jochen Distelmeyer Otis, ein Berlin-Roman über den erdachten Grübler Tristan Funke. Zu Tocotronicerschienen bislang Thees Uhlmanns Tocotronic-Tourtagebücher Wir könnten Freunde werden sowie die von der Band beauftragte und vom Musijournalisten Jens Balzer geschriebenen Tocotronic Chroniken. Einem Fan, wie mir, reichte das selbstverständlich nicht und es war eine natürliche Frage der Zeit, bis auch Dirk von Lowtzow, Dichter, Denker, Sänger, Komponist und Hasardeur unter die Romanciers gehen würde.

Zur Erklärung: So sehr die Band Tocotronic und ihr Konzept des Band-Seins Fantum ablehnen oder verneinen, so sehr bin ich es. Angelehnt an die schwedischen Psycheldelic-Rocker um Ebbot Lundberg sind Tocotronic The Soundtrack Of My Life!

Als ich 12 Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester in ein kleines Kaff nach Sachsen, weil mein Vater dort, nachdem die Zeche auf der er malochte schloss, Arbeit fand. Die fünf Jahre dort waren, sind und bleiben ein nachhaltiger (Kultur)Schock für das Leben: Ich habe in der sächsischen Tristesse zum ersten Mal von Nazis aufs Maul bekommen und wurde aufgrund meines durch das Ruhrgebiet gefärbten und doch verhandlungssicheren Hochdeutsch gehänselt: „Schwul“ war dabei nur eine der Kategorien … Mitten in diese Beschissenheit der Dinge platzten an einem Nachmittag Tocotronic. Genervt und unverstanden warf ich mich nach der Schule auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Auf VIVA zwei erklangen die an Europe angelehnten Fanfaren von Let There Be Rock, Tocotronic erschienen auf dem Bildschirm und sie sangen „Wir haben gehalten – in der langweiligsten Landschaft der Welt … „. Ich wusste wovon sie sangen, fühlte mich verstanden und gab mich Ihnen hin. Erst danach entdeckte ich den ächzenden LoFi-Parolen-Indierock der Vorgängeralben von K.O.O.K, der mein angenommenes persönliches, politisches, kulturelles und sexuelles Anderssein noch viel stärker und treffender artikulierte. Ich versuchte mich auch phänotypisch anzunähern: Cordhosen, Chucks, verwaschene Tshirts und der missglückte Versuch einer Art Britpop-Frisur waren das Ergebnis. Heute weiss ich, dass die Friseurin im Salon Ramona mir die Art von modischer Kurzhaarfrisur mit akzentuierten Koteletten verpasste, die sie auch junggebliebenen Mitfünfzigerinnen andient. Lediglich auf auberginefarbene Tönung verzichtete sie. Der, in Teilen berechtigte, Spott meiner Mitschüler war mir sicher.

Später zogen meine Eltern in die Peripherie der Provinz zwischen südlichem Westfalen und nördlichem Sauerland. Zugedröhnt von gestrecktem Haschisch hingen wir am Ufer des Möhnesees, blickten auf die Wipfel der Bäume am Südufer und hallizunierten zu “Alles wird in Flammen stehen” den verfluchten und ersehnten Untergang dieser sauerländischen Einfalt.

Im Sommer 2002 sah ich die Band zum ersten mal. Bis heute habe ich weit über 30 Auftritte gesehen. Beim Introducing-Festival traten Tocotronic auf. Es war traumhaft: Sie spielten vor allem ältere Stücke (zwischenzeitlich waren Tocotronicim sogenannten Diskurspop angelangt und setzten im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf musikalische Präzision) und ich fühlte mich inmitten dieser vielen coolen, schlauen, schönen Großstadt-Menschen als einer von Ihnen, obgleich ich ein pubertierender Schalumeier war. “Für mein Alter bin ich ganz schön altklug sagen sie” singen Tocotronic in Es ist einfach Rockmusik – das traf auch auf mich zu.

Seit 2004 ist Rick McPhail der zweite Gitarrist und das vierte Mitglied der Gruppe Tocotroni. Obgleich es dem Songwriting und den Auftritten der Band gut tut, weil er ein wesentlich besserer Musiker als Dirk von Lowtzow ist, bleibt er bis heute eine Art Fremdkörper in der Band für mich. Ich kann dafür keine sachlichen Gründe vorbringen. Vielleicht, weil er zum Zeitpunkt meiner Entdeckung nocht nich da war … das wäre ebenso schlimm, wie reaktionär. Aber irgendwie ist es so.

Auf Einladung des damaligen Intendanten Elmar Goerden spielten Tocotronic 2008 im Bochumer Schauspielhaus. Ich besuchte dieses bis heute für mich besondere Konzert mit meinem Freund und Mitbewohner Vincent – wir kamen recht ramponiert dort an und fläzten uns in den noch heute unbequemen Sesseln des Theaters. Mit dem Gitarrenanschlägen schreckten wir aus unserem Bier-Film auf und waren gefangen vom Konzert. Am Ende erklang ein wunderschöner Chanson, der schließlich in die Interantionale kippt. Nach einiger Zeit entdeckte ich den Song: “Die Großen weißen Vögel” gesungen von der Schauspielerin und Fassbinder-Muse Ingrid Caven. Sie trat auch im Video zu “Im Zweifel für den Zweifel 2013 auf.

Eigentlich gibt es so noch viele Episoden zu erzählen, die mich und Tocotronic verbinden. Stoff für ein Buch? Vielleicht. Es würde sich jedoch niemand dafür interessieren oder es lesen. Außer mir selbst und Freunden und Freundinnen, die ich nötigen würde. Wichtig ist vielleicht oder doch in jedem Fall, dass der erste gemeinsame Konzertbesuch mit dem Menschen, den ich bis heute liebe und den ich geheiratet habe auch Tocotronic war. Im E-Werk. In Köln.

Im Februar 2019 ist Dirk von Lowtzows Buch endlich erschienen: Aus dem Dachsbau. Es ist nicht wirklich ein Roman geworden. Ich bekam das Buch drei Tage vor Erstveröffentlichungstermin von Kiepenheur & Witsch zugeschickt. Ich setzte mich in ein schäbig eingerichtetes chinesisches Restaurant mit hervorragendem Essen, bestellte diverses Kirin und Gyoza und las das Buch in einem durch. Motive, Episoden, Sujets, Miniaturen, Eigenheiten, Tourmomente werden in geradezu kafkaesken Phantasmen stilsicher zu einem postromantischen Künstlerroman verflochten. Nach diesem Abend, diesen Kirin und dieser Lektüre kann ich „Gott sei Dank haben wir beide uns gehabt … “ nicht mehr hören ohne eine Träne zu vergießen. Aus dem Dachsbau ist der traurig-schöne Marginalienband zu einer Band, die mich nun seit 22 Jahren begleitet und dank der ich das System durchschaut habe…

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