Griechenland: „Vor 5 Jahren waren die Griechen noch zu schnarchig…“

Athanasios Papapostolou ist Inhaber der Animation- und Appproduktion Elevision in Köln. Der gebürtige Gelsenkirchener hat einen griechischen Pass und enge Kontakte in das Land seiner Eltern. Die Krise verfolgt er auch über griechische Medien. Er hadert: Mit Griechenland, aber auch mit der Sicht der Deutschen auf die Krise

Europa gibt Milliarden und die Griechen revanchieren sich, in dem sie eine EU-Fahne schwenken, in denen die Sterne ein Hakenkreuz bilden. Was ist los in Griechenland?

Athanasios Papapostolou: In Griechenland finden seit Wochen friedliche Demonstrationen statt. Neue bunte Bürgerbewegungen haben sich formiert, jeder darf auch 2 Minuten, wie im antiken Athen, auf einem kleinen Podest seine Meinung kundtun. Dabei zeigt sich dann auch das ganze Spektrum der Meinungsvielfalt. Die Nazifahne, die in den deutschen Medien gezeigt wurde, kann man getrost ignorieren. Derjenige der das getan hat, repräsentiert kaum die überwiegende Masse der Demonstranten. Das aber deutsche Medien dieses Bild abgreifen zeigt eigentlich nur die Qualität der hiesigen Berichterstattung. Sie ärgert nicht nur mich sondern auch viele andere Griechen hier in Deutschland.

Was sind die Motive der Demonstranten? Wogegen richtet sich in erster Linie der Protest? Gegen die EU? Die Polotik der eigenen Regierung?

Papapostolou: Wie gesagt, es ist eine fragmentierte und sehr bunte Bewegung. Meiner Meinung nach ist die Frage auch nicht wogegen sich der Protest wendet sondern wofür. Viele die dort demonstrieren haben einfach genug vom politischen Establishment. Die bürokratische Gängelung, die ewig gleichen politischen Scharmützel der Parteien und die Korruption der (ihrer Meinung nach) Reichen Oberschicht. Natürlich gibt es auch die üblichen Motive gegen Globalisierung, Banken und Turbo-Kapitalismus. Viele aber von den Demonstranten protestieren das erste mal. Durchaus vergleichbar mit den S21 Demos in Stuttgart. Alle wollen eidlich eine faire und solidarische Gesellschaft. Das hört sich vielleicht ein wenig ideologisch gefärbt an aber jeder der die griechische Gesellschaft kennt, weiss dass das durchaus nachvollziehbare Forderungen sind. Griechenland kränkelt nämlich genau an diesen beiden Ursachen. Es gibt keinen Gemeinsinn und viel Korruption. Ich halte die Krise in Griechenland für das beste was dem Land passieren konnte und viele meiner Landsleute sehen das genau so.

Worin besteht denn die Chance dieser Krise für Griechenland?

Papapostolou: Das Land zu ändern! Zu allererst gibt es jetzt endlich eine Chance gegen die Beamten-Korruption, gegen die überbordende Bürokratie und gegen die Steuerhinterziehung zumindest einmal darüber nachzudenken. Früher wurde das als fast Gottgegeben hingenommen. Die Menschen tun das endlich. Auch reflektieren viele ihr eigenes Handeln besser als früher. In vielen Gesprächen gab es ernsthafte Selbstkritik. Und Selbstkritik ist oder besser war nicht unbedingt die Stärke eine jeden Griechen. Alles ändert sich. Die Menschen werden aktiv, Bürgerbewegungen gründen sich und es gibt viele Veranstaltungen von Intellektuellen, die neue alternative Lebensmodelle diskutieren. Vor 5 Jahren waren die Griechen dazu noch zu schnarchig, jetzt hören sie zumindest zu. Das sind durchaus positive Ansätze, die hier in den Medien aber nicht erwähnt werden. Hier wird lieber der Gewalttäter mit dem Molotowcocktail gezeigt oder eben die Nazifahne. Kein guter Zustand.

Den Griechen scheint die Zeit wegzulaufen. Die EU erzwingt als Gegenleistung Einsparungen, die auch in Deutschland zu Massenprotesten führen würden . Wieviel Zeit brauchen die Griechen für Veränderungen?

Papapostolou: Ja, man könnte wirklich meinen, dass Hellas die Zeit wegläuft. Zumindest bei der absurden Panik, die hier in Deutschland verbreitet wird. Wann sich das Land wirtschaftlich erholen wird, hängt auch zu einem grossen Teil von den Reformen ab. Wenn das Land die überbordende Bürokratisierung wirksam bekämpft, die zunftartig-geschlossenen Berufe öffnet und die überfälligen Privatisierungen einleitet dann sehe ich durchaus Licht am Ende des Tunnels. Wobei Privatisierungen auch einen schönen Nebeneffekt haben werden. Sie sorgen für mehr Transparenz und weniger Korruption. Aber das mögen Experten besser beurteilen als meine subjektive Sicht. Immerhin hat das Land 340 Mrd. Euro Schulden. Allerdings würde ich wetten, dass das Land wirtschaftlich und auch gesellschaftlich in 5 Jahren ein anderes sein wird als es das jetzt ist.

Vertrauen die Griechen denn noch Europa -und vertrauen die anderen Europäer noch den Griechen?

Papapostolou: Ob die anderen Europäer den Griechen vertrauen, kann ich nicht einschätzen. Meine Beobachtung ist, dass Deutsche Griechen nicht vertrauen. Das liegt natürlich auch an der hiesigen Berichterstattung. Wenn man sich die Headlines der Presse anschaut, darf man sich nicht weiter wundern. Jedenfalls weiß ich, dass es für die Griechen keine Alternative gibt. Sie halten sich für Europäer und wollen auch dazugehören. Aber auch dort wird das Vertrauen zur Zeit auf die Probe gestellt. Wenn aber weiterhin die Hitzköpfe auf beiden Seiten die Marschroute in der jeweiligen Kommunikation vorgeben weiß ich auch keinen Rat mehr.

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5 Kommentare

  1. #1 | Werner Jurga sagt am 27. Juni 2011 um 13:09 Uhr

    Griechenlands Exporte ziehen stark an; die deutschen Ausfuhren nach Griechenland sind stark rückläufig. Gewiss: gegenwärtig nicht mehr als der Tropfen auf den heißen Stein. Für die aktuellen Refinazierungsprobleme heißt dies nicht viel. Es widerlegt jedoch die im Beitrag erwähnte unerträgliche Arroganz hierzulande.

  2. #2 | Walter Stach sagt am 27. Juni 2011 um 14:43 Uhr

    Stefan: Ironisches,humorvolles,hintersinniges zur Schuldenkrise Griechenlands -und anderer:
    „sh.SPIEGEL, 26/2011, S.50, der 2.Absatz -einfach wunderbar!!“ Evtl.hier zitieren für die Nicht-Spiegel-leser?

  3. #3 | Mir sagt am 27. Juni 2011 um 17:29 Uhr

    Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist noch besser… jetzt müssen die Griechen beweisen, dass sie die Reformen auch umsetzen können. DAs es so zu der Krise gekommen ist liegt im griech. sozial, poltisch wie wirtschaftl. System. Vielleicht ist es jetzt eine Chance um aufzuräumen.
    Manchmal führen Reformen in die richtige Richtung. Auf die Griechen kommt eine harte Zeit, aber da müssen sie durch, geholfen wird doch. Wenn die Medien nichts mehr aufdecken können, gehen sie den Weg des Vorwurfs.
    Ich glaube nicht das die Griechen mehr Mitleid hätten wenn sie auf der Geber-Seite wären.

  4. #4 | T. schweres sagt am 27. Juni 2011 um 17:44 Uhr

    Schon 2002, anlässlich eines Besuches bei der Familie meiner Frau in Griechenland, habe ich mich über so manches dort gewundert. Steht hier:
    https://blog.telefacts.tv/2011/06/17/hellas/

  5. #5 | Stefan Laurin sagt am 27. Juni 2011 um 17:59 Uhr

    @T.Schweres: Schöner Text. Ich war zuletzt 1983auf Kreta. Da war das noch eine ganz andere Welt. 🙂

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