Hätten Poller den Anschlag von Trier verhindert?

Poller verhindert Durchfahrt von Autos
Versenkbare Poller können Fußgängerzonen schützen (Foto: Johann H. Addicks – addicks@gmx.net – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Hätte der Anschlag von Trier mit schlichten Pollern verhindert werden können? Nein, das sei nicht möglich, sagt OB Wolfram Leibe (SPD). Weil kein Weihnachtsmarkt stattfindet, waren auch keine Absperrungen vorgesehen. Tatsächlich plante jedoch das Trierer Tiefbauamt bereits seit längerem Poller zu installieren – genau an der Stelle, an der der Amokfahrer in die Fußgängerzone fuhr. Nur gebaut wurde bisher nichts…

Die tragische Amokfahrt von gestern in Trier erinnerte sofort an ähnliche Verbrechen wie am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016. Damals fuhr der islamistische Terrorist Anis Amri mit einem LKW in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche.

Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) sagte nach der gestrigen Tat, dass diese kaum zu verhindern gewesen sei. Eine Absperrung hätte es in den vergangenen Jahren für die Weihnachtsmärkte gegeben. Da dieses Jahr Corona-bedingt kein Weihnachtsmarkt stattfindet, wären auch keine Absperrungen an der Einfahrt zur Fußgängerzone vorgesehen gewesen.

Da irrt der Oberbürgermeister aber gewaltig: Sein eigenes Tiefbauamt plant schon seit längerem Poller in der Trierer Innenstadt aufzubauen. Dafür sind mehrere Stellen und Straßen im Gespräch, unter anderem auch genau die Stelle, an der der Amokfahrer in die Brotstraße, der zentralen Fußgängerzone Triers, hineinraste.

Triers OB Wolfram Leibe
Trier-OB Wolfram Leibe (SPD): „Da Corona-bedingt nichts stattindet in der Stadt, gab es auch keinen Grund eine Pollersicherung zu machen.“ (Foto: Stadt Trier)

Sogar ein formelles Bürgerbeteiligungsverfahren hat das Tiefbauamt in Gang gebracht. Bürger sollen sich zu den Planungen der Stadt äußern und ihre Wünsche mitteilen. Auf https://www.trier-mitgestalten.de/poller ist fein ordentlich die Planung mit Karte und Standorten sowie technischen Details aufgeführt.

Denn die Stadt hat nach eigenen Angaben insgesamt 19 Standorte identifiziert, an denen Zufahrtsbeschränkungen installiert werden sollen. So auch an der besagten Einfahrt zur Brotstraße, die der Amokfahrer benutzte.

Der Trierer Verkehrsdezernent Andreas Ludwig lässt sich auf der offiziellen Internetseite der Stadt Trier zitieren:

„Tag für Tag sind viele Fahrzeuge ohne Berechtigung in der Fußgängerzone unterwegs. Mit den Pollern wollen wir diese dreisten Verkehrsteilnehmer heraushalten, um das Flanieren und Einkaufen in der Fußgängerzone für die breite Masse attraktiver zu machen.“

Selbst mehrere Fotomontagen mit Pollern sind auf der Internetseite der Stadt Trier zu finden. Auch eine von der genau der Stelle, an der der Amokfahrer einfuhr und tötete.

Fotomontage Trier mit Pollern
Hätten Poller die Amokfahrt von Trier verhindert? Fotomontage des Tiefbauamts Trier: So hätten Poller an der Einfahrt zur Fußgängerzone installiert werden sollen (Foto: Stadt Trier)

Die Lokalpresse veröffentlichte sogar eine ganze Fotostrecke mit Fotomontagen, wie an den unterschiedlichsten Zufahrtsstellen zur Fußgängerzone Poller aufgestellt werden können: https://www.volksfreund.de/fotos/regionale-fotostrecken/moegliche-stellen-fuer-poller-in-der-trierer-innenstadt_bid-49346425#1

Weiß der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) also nicht, was seine eigene Verwaltung plant und vorhat? Weiß er nicht, was sein eigener Verkehrsdezernent über die „dreisten Verkehrsteilnehmer“ denkt, die in die Fußgängerzone einfahren? Oder ist seine Behauptung, ein Schutz durch Absperrungen sei nicht möglich, in Wahrheit nichts anderes als eine Schutzbehauptung für ihn selbst, dass bisher nichts passiert ist?

Fadenscheinige Ausrede des OB?

Auch scheint es fadenscheinig, wenn der Oberbürgermeister sagt, dass man für die Weihnachtsmärkte immer Absperrungen vorgesehen hätte. Weiß er denn nicht, dass es Amokfahrten auch zu anderen Zeiten als zu Weihnachtsmärkten gegeben hat? So zum Beispiel in Nizza auf der Promenade des Anglais mitten im Sommer 2016, als ein Islamist in die flanierende Menschenmenge fuhr und 86 Menschen tötete und 400 verletzte?

Und will es der Oberbürgermeister jetzt achselzuckend einfach dabei belassen, dass nur Weihnachtsmärkte abgesperrt werden? Er sagt, dass der Täter auch anderswo Fußgänger hätte totfahren können, wenn er es nicht geschafft hätte in die Fußgängerzone zu kommen. Heißt das, dass er auch weiterhin Poller und ähnliche Schutzmaßnahmen ablehnt?

Amokfahrer sind nicht immer cool und nüchtern

Oberbürgermeister Wolfram Leibe übersieht dabei gleich mehrfaches: Erstens, es waren nicht nur Weihnachtsmärkte Anschlagsziele für Amokfahrer. Zweitens, sind die Täter nicht immer nur angebrühte, cool planende Verbrecher und Terroristen, die immer einen Weg finden. Vielmehr zeigt gerade der Anschlag von Trier, dass schlicht Kranke, Verrückte und Besoffene zu den Tätern gehören. Sie planen nicht großartig, sondern nehmen den einfachsten Weg, um Aufmerksamkeit durch ihre Schandtat zu erreichen. Und sie fahren dann auch den einfachsten Weg, der sich ihnen bietet – so wie die Brotstraße in Trier. Bereits einfache Absperrungen könnten solche Täter leicht an ihrem Tun hindern und Schlimmes verhindern. Sie können schlicht Leben retten, Leben wie die der fünf Toten gestern in Trier.

Alle Anschläge zu verhindern wird schwer. Aber schwerer machen kann man es den Attentätern schon. Zum Teil geht es mit ganz einfachen Mitteln wie schlichte Poller. Diese können „einfache“ Attentäter leicht schon am Anfang ihrer Tat wirkungsvoll stoppen. 

Nicht mit Nachahmern gerechnet?

Drittens, übersieht der Trierer Oberbürgermeister schlicht den Nachahmungseffekt, den derartige Schreckenstaten mit ihrer medialen Großaufmerksamkeit nach sich ziehen. So ist auch nach Trier mit Nachahmern anderswo zu rechnen.

Wikipedia führt eine tragische Liste aller Amokfahrten:

Amokfahrten in Deutschland
Nicht nur Weinachtsmärkte: Wikipedia-Liste mit Amokfahrten in Deutschland 1949 bis 2020 (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Amokfahrten)

All dies war auch vor der gestrigen Tat bekannt. All dies musste auch dem Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe bekannt gewesen sein. Warum ist dann nicht viel schneller und vor Jahren schon gehandelt worden? Warum hat seine Verwaltung Zufahrtshindernisse nur unter dem Gesichtspunkt von Falschparkern und Lieferverkehr und nicht unter Sicherheitsaspekten betrachtet? Warum wurden aus Berlin, Nizza, Münster und anderen Amokfahrten keine Schlussfolgerungen gezogen, um die gestrige Tragödie zu verhindern?

 

 

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4 Kommentare

  1. #1 | thomas weigle sagt am 2. Dezember 2020 um 14:21 Uhr

    Ja, die Poller hätten den Anschlag, die Amokfahrt dort verhindern können. Nur, wie wäre obiger Artikel ausgefallen, hätte sich der Amokfahrer anstelle der Einkaufsstraße eine Bushaltestelle mit bspw. vielen wartenden Kids vor einer Schule ausgesucht, oder oder oder oder? Selbst ein aus der Innenstadt verbannter Individualverkehr kann letztlich solche Amokfahrten nicht verhindern. Wie heißt es so unschön wie treffend: irgendwas geht immer.

  2. #2 | Emscher-Lippizianer sagt am 2. Dezember 2020 um 14:26 Uhr

    Sehr viele vorwurfsvolle Fragen. So tragisch das Geschehene ist, kommt mir der Artikel wie der Versuch einer Skandalisierung vor. Die geplanten Poller sind ja nun scheinbar gegen Kfz' ler geplant gewesen und nicht gegen Amok-, Terror- oder ähnliche Fahrten gedacht.
    Nach jetzigem Erkenntnisstand hat ein Mensch mit psychischen Problemen in Trier eine Schadensmaximierung betreiben können. Und zwar weil er es dort konnte. Ansonsten wäre er wahrscheinlich woanders tätig geworden.
    Welches Maß an Aufwand soll eine einhunderttausend Einwohner zählende Kommune betreiben? Stadttore zu und Einlasskontrolle? Ein Witz… Europa und Deutschland haben die Grenzen offen wie Scheunentore aber Weihnachtsmärkte und Fußgängerzonen müssen jetzt Festungen werden?

  3. #3 | Bebbi sagt am 2. Dezember 2020 um 23:59 Uhr

    Wenn Straftaten mit dem PKW komplett verhindert werden sollen, kommt man nicht um die Abschaffung der PKW herum. Oder man stellt soviele Poller auf, dass man die Kfz nicht mehr nutzen kann.

  4. #4 | Erdgeruch sagt am 3. Dezember 2020 um 05:27 Uhr

    Etwas unredlich, nicht die ganze Geschichte zu veröffentlichen. Was der OB da macht ist was ganz anderes, nämlich keine Vorwürfe verteilen, auch an die Bürger der Stadt, denn wie ist die Reihenfolge?

    Protokolle des Stadtrats kann man problemlos recherchieren. Daraus ist zu entnehmen:

    2008 – Poller werden angesprochen
    2015 – Fußgängerzone schützen – Sachstandsanfrage
    2018 – Anfrage SPD-Fraktion:
    „versenkbare Poller dringend notwendig“
    2020 – Bürgerbeteiligung PLANUNG Pollerkonzept abgelehnt

    So, diese Bürger wären dann „schuld“. Soll der OB jetzt rumlaufen und den allen sagen: „Ihr Mörder?“.

    Also lieber erst sauber recherchieren.

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