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Hanau: Auch Wahn ist kulturell geprägt

Screenshot Twitter

Jörg Meuthen hat sich bereits erleichtert geäußert, dass der Täter von Hanau kein rechter Terrorist sei, sondern wahnhaft. Nun soll man zu allererst vorsichtig mit Spekulationen sein, aber wenn das kursierende Bekennerschreiben echt ist und wenn es nicht bewusst irreführend geschrieben wurde, dann finden sich darin sehr, sehr eindeutige Hinweise auf eine psychotische Störung des Täters. Es sieht sehr danach aus, als wäre hier ein kranker Mensch zum Mörder geworden. Was ihn dazu trieb, wie er zu seinen Ideen kam, was die Tat ausgelöst hat, all das lässt sich, wenn überhaupt, nur im Rahmen einer gründlichen Beweisaufnahme und anschließenden Begutachtung klären.

Doch ganz allgemein kann man festhalten, dass der Wahn eines psychisch kranken Menschen niemals im luftleeren Raum entsteht. Am Beginn einer Psychose steht die diffuse Störung der Ich-Umwelt-Grenze. Gedanken werden nicht mehr als zu einem selbst zugehörig erlebt oder scheinen außerhalb der eigenen Person zu existieren. Eigentlich unbewusste Assoziationen werden wahrgenommen, als würde man sie von außen als Stimmen hören. Das eigene Verhalten erscheint fremdgesteuert, Gedanken fühlen sich an wie von außen eingesendet.

Der Wahn kommt dann erst in der Folge hinzu, als Erklärungsmodell für diesen unerträglichen Zustand, der das grundlegende Gefühl für die eigene Identität erschüttert. Deshalb kann ein Wahn auch bei anderen Erkrankungen als einer Schizophrenie vorkommen, bei Depressionen etwa oder auch einfach bei Menschen, die sehr vereinsamt sind.
Der Wahn ist also ein Erklärungsmodell des Gehirns für einen eigentlich unerträglichen Zustand. Das ist der gleiche Mechanismus, der auch zu Verschwörungstheorien führt, wo Ereignisse, deren Unerklärlichkeit man nicht erträgt, in einen einfachen Zusammenhang gebracht werden. Dafür entscheidet man sich nicht bewusst. Das Gehirn füllt einfach die Leerstellen.

Sobald die Geschehnisse greifbar werden, weil man etwa einen Geheimdienst für die Verunsicherung der eigenen Wahrnehmung verantwortlich machen kann, tritt eine große Erleichterung ein. Aber nun treten Widersprüche auf, die ihrerseits mit weiteren Wahninhalten erklärt werden müssen. Der Nachbar gehört auch dazu. Die Ärzte, die das für krankhaft erklären, werden von den Verschwörern bezahlt. Die Medikamente (die die Beschwerden mildern) verblenden die Wahrnehmung auf die (vermeintliche) Wahrheit.

Der Inhalt eines solchen Wahnsystems ist im Prinzip willkürlich. Es eignet sich alles das, was die wahrgenommenen Phänomene erklären kann. Der Betroffene wird auf solche Ideen zurückgreifen, die er kennt, die für ihn naheliegen. In Kulturen, in denen Geisterglaube verbreitet ist, fühlen sich die Betroffenen vielleicht häufiger von ihren Ahnen verfolgt. Eine Weile war Strahlung ein häufiges Thema. Zuletzt beobachtet man in der psychiatrischen Praxis sehr viele Wahninhalte, die sich auf das Internet beziehen. Das gab es selbstverständlich früher noch nicht. Ausspähung über Smartphones, vermeintliche Rufschädigung in sozialen Netzwerken und ähnliche Themen sind häufig geworden. Der Glaube, von Dämonen besessen zu sein oder Engel zu hören hingegen wird nur noch selten berichtet. Naheliegenderweise von Menschen, aus einer strengen religiösen Umgebung kommen.

Vor diesem Hintergrund ist es fatal, dass jedem, der anfängt ein Wahnsystem zu entwickeln, eine Vielzahl von Verschwörungstheorien per Mausklick frei Haus geliefert wird. Und es ist nicht erstaunlich, wenn Menschen, die ein diffuses Gefühl von Bedrohung erleben und nach Antworten suchen, dabei im Netz auf rechtsradikale Positionen stoßen, die sich vielleicht eignen, ihre Ängste erklärbar zu machen. Wenn Umvolkungsszenarien, rassistische Panikmache und Umsturzaufrufe zum gesellschaftlichen Normalfall werden, wenn rechte Terroristen offen Menschen ermorden, wenn die Grenze zwischen tolerierter „Meinung“ und krimineller Agitation immer grauer wird, dann nimmt es nicht Wunder, dass Personen mit einer psychischen Störung dies aufgreifen.

Wir wissen nicht, was genau diesen Täter trieb. Wir wissen auch nicht, ob und mit welcher Begründung er in einem anderen gesellschaftlichen Klima er eine ähnliche Tat verübt hätte. Aber die Behauptung, dass solche Ereignisse nichts mit den rechtsradikalen Strömungen in unserem Land zu hätten – diese Behauptung ist Augenwischerei.

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46 Kommentare zu “Hanau: Auch Wahn ist kulturell geprägt

  • #1
    Berthold Grabe

    Meuthen hat mit großer Wahrscheinlichkeit recht!
    Der Mann weist die typischen Merkmale psychisch auffälliger Personen aus, wie übrigens bei den meisten Einzeltätern dieses Tatprofils.
    Solche Tätergreifen immer aktuelle gesellschaftliche Problemfelder auf und prägen damit ihre Feindbilder und Wahnvorstellungen bezogen auf "Schuldzuweisungen".
    Man kann sich jetzt an dem gezeigten Rassismus abarbeiten oder sich fragen, warum immer mehr Verrückte rumlaufen, die mittels pauschaler Gruppenzuweisung als Feindbild ihre Störung ausleben.
    Das Störungen zunehmen, die zu Gewaltakten führen ist doch weder neu noch überraschend.
    Neu ist nur, dass das Thema Migration das bietet, was es vorher nicht bot, nämlich höchste Aufmerksamkeit, aufgrund der öffentlichen Empfindlichkeit bezogen auf Rassismus.
    Aber selbst echter Rassismus entsteht nicht im luftleeren Raum, er entsteht auch aufgrund von persönlich empfundene Missständen, die man mit ethnischer Zugehörigkeit ursächlich und unreflektiert in Verbindung bringt.

  • #2
    Berthold Grabe

    Der Autor beschreibt ganz richtig des soziopathologischen Hintergrund
    Der Schluss des Autors, um doch noch einseitige Schuldzuweisung zu betreiben ist jedoch nicht seriös!
    Im Umkehrschluss würde das bedeuten,das niemand oder keine Umstand den man für verantwortlich hält mehr dieser Verantwortung öffentlich bezichtigt werden dürfte.
    Das wäre untragbar.
    Man kann hier dann zwar die völlig undisziplinierten Blogs und Internetinhalte zu Recht ob ihrer Masslosigkeit kritisieren, nicht aber eine politische Partei verantwortlich machen, die lediglich die Versäumnisse und Fehlleistungen einer Politik anprangert, die mit der Migration in Zusammenhang steht.
    Da macht man es sich zu leicht, mit der Empörung über die AfD, weil es nur dazu dient diese Fehlleistungen zu decken und die Verantwortung einseitig auf unliebsame politische Entwicklungen zu schieben, die man letztlich zumindest mitverursacht hat.

  • #3
    Gregor Weinberger

    @ Berthold Grabe

    weist Maaßen für Sie eigentlich auch "die typischen Merkmale psychisch auffälliger Personen" auf?

  • #4
    Gerd

    Der Umgang mit diesem Verbrechen wirft ein Schlaglicht auf die Doppelmoral der Politik.

    Es wird kräftig pauschalisiert und instrumentalisiert. Und ausgerecht von denen, die sonst nicht laut genug vor einem Generalverdacht warnen können.

  • #5
    Caretaker

    Von Meuthens Einlassung abgesehen: Studien, die Ich-Störungen im soziopolitischen Umfeld untersuchen, belegen n. W. zwar eine Verbindung, allerdings zielt diese auf die allgemeine sozioökonomische Stabilität einer Gesellschaft ab, weswegen ich die Thesen des Artikels mit Vorsicht genießen würde.

    Es wird, je nach politischer Ausrichtung, die psychische (endogene) Erkrankung eines Täters nach der jeweiligen Tat heruntergespielt, das ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte sein. Ich warne vor dieser Entwicklung, die den politischen Feind in die Pflicht nimmt; der AfD-Haufen ist ohne Stigmatisierung und Instrumentalisierung der Betroffenen (man blicke zum Verschwörungstheoretiker Alex Jones!) zu demontieren.
    Es besteht die Gefahr, die Familie als oft einzig verbliebene Umwelt des Erkrankten durchleuchten zu wollen, sollte dieser ideologisch verbrämte Behauptungen aufstellen. Man läuft auch Gefahr, den Kranken zum Erfüllungsgehilfen zu erklären – ein Unding angesichts des größten Verbrechens der Psychiatriegeschichte, der Eugenik im Dritten Reich, die in Deutschland stattgefunden hat.

    Ich habe im familiären Umfeld mit Erkrankten zu tun, die phasenabhängig zum Resonanzkörper für kosmische, religiöse, politische Einflüsse jedweder Art "mutieren"; Psychose ist nicht wählerisch. In einem Schub kann jemand zum Buddhismus konvertieren und in einem anderen bizarre völkische Vorstellungen haben. Der Mechanismus ist kein Automatismus, aber zu komplex, als dass sich nun medienhygienische Maßnahmen rechtfertigen ließen.

  • #6
    Helmut Junge

    Ich verstehe den Artikel so, daß jemand der Wahnvorstellungen entwickelt, genau diese Wahnvorstellungen seinem bereits vorher vorhandenem Menschenbild anpaßt. Einer der rassistisch ist, wird dann auch eine dazu passende Wahnvorstellung entwickeln. Ein Esoteriker eine, die zu seinem esoterischen Weltbildbild paßt, ein Religiöser eine, die seiner Religion entspricht, usw. Wenn das so ist, kommt eigentlich nicht viel Neues dazu, aber es wird alles extremer.
    Der Autor kann mich ja korrigieren, wenn ich ihn falsch verstanden haben sollte.

  • #7
    Laubeiter

    Ich verstehe das Adjektiv "erleichtert" nicht in dem Satz, in dem wiedergegeben wird, dass ein Politiker einer fremdenfeindlichen Partei sich "erleichtert" dazu geäußert hätte, dass es Hinweise gibt, dass ein Terrorist, der Menschen getötet hat, nicht zurechnungsfähig sein könnte. Abgsehen davon, dass die Unzurechnungsfähigkeit des Terroristen den Verlust an Menschenleben nicht leichter tragen lässt, hört es sich so an, als wäre es eine Belastung für ihn und seine Partei, wenn der Terrorist, der die Tat mit Fremdenfeindlichkeit gerechtfertigt hat, zurechnungsfähig wäre. Ich möchte daran erinnern, dass die zwei Terroristen, die in den letzten 12 Monaten im gleichen und im benachbarten Bundesland einmal einen Politiker und beim anderen Mal eine Frau und einen Gast einer Gaststätte, die gegenüber eines jüdischen Gebetshauses lag, erschossen haben, zurechnungsfähig und fremdenfeindlich waren. Was hat der Politiker zu diesen anderen beiden, vorausgegangenen Gewalttaten zurechnungsfähiger Fremdenfeinde zu sagen?

  • #8
    Robert von Cube Beitragsautor

    @Helmut Junge: Beides ist möglich, dass bestehende Ansichten extremer werden, aber auch dass im
    Wahn Theorien angenommen werden, die völlig konträr zu den eigentlichen Ansichten sind.

  • #9
    Thommy

    Auch ein ‚irrer" Nazi , Rassist und Te
    rrorist ist ein Nazi , Rassist und Terrorist.

    Er hat letztlich das vollstreckt, wofür die Meuthens, Weidels und von Storchs und auch einige andere seit langem das Klima bereitet haben

  • #10
    Aufrecht

    "erleichtert" ist eine Unterstellung. Das ist unseriös aber man merkt sofort, wohin die Reise gehen soll. Der ganze Artikel dient nur dazu, einen Zusammenhang zu konstruieren. Das ist geschmacklos.
    Die Äußerung von Meuthen ist angemessen und richtig.

  • #11
    Berthold Grabe

    @Gregor Weinberger
    ich finde, es lässt viel tiefer blicken, wenn jemand Maaßen auf einer Ebene mit so einem Täter sieht.
    Das sit etwa das, was solche Täter bezogen auf ihre Problemsicht mit ihren Opfern machen…

  • #12
    Helmut Junge

    Wer seine Ansichten nicht verändert, sondern nur radikaler wird, ist vermutlich nicht psychisch krank. Nicht jeder, der unglaublich irre wirkt muß krank sein. Wo soll denn da die Grenze sein? Ich guck seit einiger Zeit wg. Syrien bei Twitter rein. Mordfantasien sondersgleichen. Was ich da allein heute gelesen habe, könnte etliche Psychater jahrelang beschäftigen.

  • #13
    Klaus Lohmann

    @#11 Berthold Grabe
    ( ) Sie haben sowohl den Artikel als auch den Kommentar #3 verstanden
    (x) Sie befinden sich tief im Herzen Ihrer braunen Filterblase

    Für Sie dann auch noch der Hinweis, dass Anders Behring Breivik trotz der Kungelei zwischen den Gutachtern des ersten medizinischen Gutachtens und der rechtsmedizinischen Kommission vom Osloer Bezirksgericht NICHT als unzurechnungsfähig aufgrund einer psychischen Störung bewertet, sondern entsprechend den Taten eines geistig völlig "normalen", strafrechtlich voll zurechnungsfähigen Täters verurteilt wurde.

    Der Generalbundesanwalt spricht heute nicht von ungefähr von "zutiefst rassistischer Gesinnung" des Hanauer Mörders und Anzeichen einer "Kurzschlusshandlung" von ihm gibt es bislang nicht.

  • #14
    Lilo Start

    Tat und Täter wird durchleuchtet werden und viele Fragen zwischen Wahn und Realität werden wohl geklärt werden! Auch die komplexe Verflechtung von Digitalisierung und Globalisierung ist wohl einer der Gründe!

    Wird es den 11 getöteten Menschenleben gerecht?
    Menschen halten Mahnwachen ab! Das gibt Hoffnung!

    Ich kann bloß auf eines verzichten! Und das sind Politiker mit ihren zurechtgelegten banalen Satzkonstruktionen, ihren aufgeblähten Bedeutsamkeiten, ihrer Schuldzuweisung und ihrer eigenen Verantwortungsabwehr!
    Man sollte sie aus diesen Mahnwachen ausschließen.

  • #15
    puck

    Wahnhafte Ideen und Geisteskrankheit sind heikel zu beurteilen.
    In gewissem Sinne haben natürlich alle Terroristen ein wahnhaftes Weltbild. Das gilt für islamistischen Selbstmordattentäter, die RAF und rechtsextremistische Gewalttäter.
    Das gilt auch für die Nazis vor 1945.
    Jeder, der sich auch nur auszugsweise "Mein Kampf" angetan hat, kann gar nicht anders, als Hitlers Weltbild als wahnhaft zu empfinden.
    Im Zuge der Nürnberger Prozesse wurden mit den Angeklagten auch psychologische Tests durchgeführt. Man hat die Ergebnisse namhaften Psychiatern zur Auswertung angeboten – das Anliegen wurde ausnahmslos – mit teils recht fadenscheinigen Ausreden – abgewiesen.
    Etwas später kam jemand auf die clevere Idee, den Experten die Ergebnisse anonym zur Auswertung anzudienen, mit dem Ergebnis, dass alle Angeklagten in medizinischem Sinne für gesund erklärt wurden.

  • #16
    Berthold Grabe

    @Klaus Lohmann,
    bin vielleicht in einer ähnlichen Filterblase wie sie, wer weis das schon.
    ich habe keinerlei Sympathie für die braunes Gedankengut.
    Aber ebenso wenig für andere Vorurteile, die immer nur Schuldige suchen aber keine Ursachen.
    Schon mal aufgefallen, dass der "Kampf gegen Rechts" keine Erfolge, dafür aber Eskalation produziert?
    Und es wir schlimmer, je hysterischer man glaubt gegen "Rechts" Stellung beziehen zu müssen.
    Der Spuk wird so aber nur eskalieren, nicht besiegt werden oder verschwinden.
    Die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg des "Kampfes gegen Rechts" stehen die Chance nahe bei null, jedenfalls solange wir noch mit rechtsstaatlichen und demokratischen Mitteln agieren wollen.
    Natürlich können sie jetzt alle überwachen um jeden irren der aus seinen politischen Ansichten meint Gewalt ableiten zu dürfen. sie könnneauch dagegen sich empören, Demonstrieren.
    Holt das irgendjemand aus seiner Echokammer heraus?
    Bringt das irgendjemand dazu Zweifle an seiner Position zu bekommen?
    die Irren fühlen sich dann nur im Verfolgungswahn bestätigt.
    Und diejenigen die eine andere Politik wollen bleiben ohne sachliche Gegenargumente.
    wer sich nur selbst überzeugen will, der ist mit dieser Strategie (Kampf gegen rechts) richtig.
    Und wer andere grundsätzlich für Böse hält, weil sie anderer Meinung sind und deshalb die Auseinandersetzung scheut, ist immer im Unrecht und diskreditiert beim politischen Gegner auch seine legitimen Positionen.
    Das hat man in der Tat wirklich so in Weimar gemacht.
    Heute ist nicht Weimar, weshalb wir nicht wissen, was dieses Handlungsmuster heute für Folgen hat. Nur etwas Gutes wird es nicht sein.

  • #17
    Klaus Lohmann

    @#16: U.a. genau das meinte ich mit brauner Filterblase: offenbar fällt Ihnen noch nicht mal mehr auf, dass hier außer Braun keiner über einen von euch selbst penetrierten Begriff namens "Kampf gegen Rechts" schreibt, sondern über den und vom Kampf gegen Nazis.

  • #18
    netzberg

    Wahrscheinlich war es einfach ein ganz normaler Nazi, der seinem Tagewerk nachging, Banker, der in der Freizeit Hirsche bereinigte via Jagdschein, und der Zeitungen und Medien online las, die man als Nazi so liest. Nix neben de Kapp, alles ein normales Nazileben, ein deutsches Leben, unauffällig.
    Krank sind die, die ihn krank wünschen. Oder eben auch Nazis. Wer weiß das schon.

  • #19
    puck

    @ Berthold Grabe ’16

    Zitat:
    (…) Und wer andere grundsätzlich für Böse hält, weil sie anderer Meinung sind und deshalb die Auseinandersetzung scheut, ist immer im Unrecht und diskreditiert beim politischen Gegner auch seine legitimen Positionen. (…) (Zitat Ende)

    Seit wann ist Mord eine "andere Meinung"?
    Darum geht es hier nämlich, um Mord.

    Zitat: (…) Das hat man in der Tat wirklich so in Weimar gemacht. (…) Zitat Ende

    Hat man das?
    Da haben Sie wohl andere Informationen als ich.
    Erstmal hat man ein Weimar auf Seiten der Strafverfolgung gegen Nazis gerne mal ein Auge zugedrückt, dann hat man versucht, sie "einzubinden" – vermutlich weil man dachte, die Schlägertrupps wären auch nur "eine andere Meinung".

  • #20
    Walter Stach

    Netzberg -18-

    In Ihrem Sinne:
    War der terroristische Mörder von Hanau ein irrer Nazi oder ein nazistischer Irrer?

    "Wer weiß das schon"!.

  • #21
    Berthold Grabe

    @17und 18
    Ja wenn man glaubt, das Menschen einfach so mal eben Nazis werden, quasi weil es Ihnen im Blut liegt, dann kann man zu keinen anderen Schlüssen kommen.
    Der Täter war offensichtlich Rassist, ob er auch ein Nazi war? Eher nicht. Nazis gibt es zur Zeit nur als bedeutungslose Mikrominderheit. Wer sich ernsthaft mit der rechten Unruhe beschäftigt, kann durchaus berechtigt Sorgen haben, aber Nazis wird er fast nie finden. diese Gleichsetzung ist dann doch viel zu oberflächlich.
    Sie haben den Andersdenkenden und den ausgetickerten längst einen Stempel der Menschenverachtung aufgedrückt, wie anderswo Leute den Türken einen Stempel aufdrücken.
    Wer so ein Menschenbild hat lebt meiner Meinung nach nicht in der Realität menschlicher Gesellschaftsdynamik und begreift schon mal gar nicht, worauf Demokratie beruht.
    Es scheint aber als ob eine Mehrheit ihrer Ansicht folgen würde, wegen des Herdentriebs öffentlicher Opportunität. Was man auch ebenso ungut interpretieren könnte.
    Aber genau deshalb eskaliert bei uns die Lage, während sie sich in Österreich normalisiert hat.
    Nun sie scheinen das nicht so sehen zu können.
    Deshalb lege ich zur Zeit meinen Kindern nahe besser auszuwandern, bevor die Lage entgültig eskaliert, wobei es völlig egal ist, ob dies durch die Rechten geschieht oder die zunehmend rechtsstaatlich drastischeren Mittel der sich rechtschaffend glaubenden Bekämpfer gegen rechts.

    übrigens ist der Begriff vom "Kampf gegen Rechts" nicht aus der rechten Ecke definiert worden,sondern aus der Gruppe engagierter Künstler und Politiker des linken Spektrums.
    Aber wen noch nicht mal das eigene Vokabular unverdächtig ist, kann wohl kaum noch über das Thema vernünftig reden.

  • #22
    Peter Ansmann

    Egal ob man, mit einem Koran im Gepäck, via Flugzeug einen Wolkenkratzer zum Einsturz bringt oder mit einer Waffe diverse "undeutsche" Menschen umringt: Ohne psychopathische Züge sind diese Taten nicht denkbar. Der Anteil der AfD und ihrer Hetzer in den sozialem Medien: Sie malen ein Schwarz-Weiß-Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat: Und liefert so die Motivation für solche Taten.

    2011: NSU (OK: Den gab es vor der AfD
    2015: Gruppe Freital
    2017: Old School Society
    2018: Revolution Chemnitz
    2019: Der Mord an Lücke / Combat18

    Alle Protagonisten dieser Grüppchen haben definitiv psychische Störungen. Die sich durch das Klima, das die AfD geschafften hat und an dem sie weiterhin bastelt, entladen.

  • #23
    Daniel

    Meuthen kann ich zustimmen.
    Es gefällt wohl einigen nicht, dass sie dieses furchtbare verbrechen mit völlig unschuldigen opfern nicht für ihre politische propaganda instrumentalisieren können.

  • #24
    Berthold Grabe

    @17
    vielleicht ist Ihnen nicht aufgefallen, dass ich nichts gegen die strafrechtliche Relevanz habe gegenüber den Tätern. Es geht mir nicht darum Taten zu verharmlosen oder zu entschuldigen.
    Im Gegenteil bin ich für konsequentes durchgreifen bei Verbrechen, egal ob
    politisch oder schlicht kriminell motiviert.
    Sie haben leider Recht, das man diese Voraussetzung heute nicht mehr als selbstverständlich annehmen kann und das ich das nicht deutlich gemacht habe.
    Mir geht es eher darum das Tätermilieu zu verkleinern, bevor es sich radikalisiert und kriminalisiert.
    Wir müssen verhindern, das solche Radikalisierungen weiter um sich greifen und langfristig auch die Ursachen austrocknen.
    Mir fehlt da bezüglich der politischen Äußerungen zum Fall jegliche Einsicht.
    Über die letzten 4 Jahrzehnte ist nicht völlig grundlos ein Milieu gewachsen deren Bedürfnisse und Beweggründe arrogant übergangen wurden. sie wurden meist politisch an den rechten Rand abgedrängt, ohne etwas zu tun. Schon die Republikaner holten im Ruhrpott 16% Prozent der stimmen!
    Schon vor den Republikanern gab es immer wieder rechte Strömungen, bei gleichzeitig abnehmenden kontinuierlichen Vertrauen in die bürgerlichen Parteien (Stichwort Politikverdrossenheit)
    Mit jeder Welle wuchs deren Stimmpotential ohne qualifizierte Reaktion Seitens der offiziellen Politik
    Das hat auch Auswirkung auf instabile Unzufriedene wie den Täter von Halle. die rasten dann irgendwann aus.
    Das Ganze hatten wir ja schon mal mit der RAF, deren masslose Selbstüberschätzung anders aber ähnlich pathologisch war, wie hier bei diesen Tätern.
    Beide wähnten sich schon irreal im Widerstandsmodus.
    In Österreich war die Entwicklung ähnlich bis Kurz die Koalition mit den Freiheitlichen einging.
    Damit war den pathologisch Gefährlichen erst mal der Wind aus den Segeln genommen und eine politische inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen erzwungen worden.
    Und als die Freiheitlichen sich selbst öffentlich demontierten, blieb es auch nach deren Abgang ruhig.
    Und warum das zu der Frage führen soll, ob Maaßen auch die typischen Merkmale psychisch auffälliger Personen aufweist, kann ich nur im beantworteten Sinne verstehen.
    mir erschließt sich ansonsten der Einwurf nicht.
    Wobei ich mit dieser Begrifflichkeit nur die verschiedenen Einlassungen von Fachleuten zitiert in der FAZ und Welt aufgegriffen habe.

  • #25
    bob hope

    #23 Daniel: Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Meuthen und Co die Füße still halten würden, wenn die Opfer so genannte „Biodeutsche“ wären und der Täter einen „Migrationshintergrund“ hätte. Dann heißt es doch sofort: „Dank Merkel“. AfD-Brandner hat übrigens unmittelbar nachdem das Attentat bekannt wurde, einen Tweet abgesetzt, in dem er ähnliches andeutete. Etliche AfD-Accounts in deren Follower haben ähnliches getwittert: Da war von Clan-Kriminalität, islamistischem Terror etc. die Rede. Als der wahre Hintergrund bekannt wurde, hat man schnell versucht, die Tat zu psychologisieren und den Mörder als Einzeltäter hinzustellen.

    Nochmal zum Motiv: Der Täter hat seine Opfer bewusst ausgewählt, seine krude Theorie besteht aus Versatzstücken völkischer, nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Ideologie – Inhalte, die man bei Terrorristen wie Breivik oder dem Attentäter von Christchurch ebenso findet wie bei militanten Neonazis, bei den Identitären, bei Pegida, AfD, Kubitschek, Maaßen und Co. Selbst wenn der Mann psychisch krank war, ideologisch ist die Sache eindeutig. Der Wahn manifestiert sich lediglich in der Tat.

  • #26
    Berthold Grabe

    @22
    man könnte aber auch feststellen, dass alle diese Ereignisse und Gruppierungen letztlich nur unterschiedliche radikale Reaktionen auf die Selben empfundenen Missstände darstellen.
    Eine Verschwörung, die ihre Gleichsetzung ja zur Folge hätte, hat es wahrscheinlich nicht gegeben.
    Es gibt aber eine Zusammenhang zwischen Innenminister Schily dem Verfassungsschutz und der NSU.
    Dieser Zusammenhang entstand aus Paranoia gegenüber rechten Umtrieben und führte zu einer massiven Infiltration der rechten Milieus durch den Verfassungschutz, was gleichzeitig eine Menge Staatsgeld und ungewollte professionelle Unterstützung in das Milieu pumpte beim Versuch mit Finanzmitteln an Informationen zu gelangen.
    Es gab damals den geflügelten Spruch im Innenministerium, das das rechte Milieu nur noch aus V Männern und Verfassungschutz bestünde so dicht seihen sie unterwandert. Und entsprechend trügerisch sicher wähnte man sich.
    Deshalb gibt es sowenig Aufklärung über die Beziehung Verfassungschutz versus NSU.
    Das ist ein megapeinliches Thema.

  • #27
    Berthold Grabe

    @19
    ich habe nicht die Absicht Mord zu entschuldigen oder mildernde umstände gelten zu machen. das wäre eine Missverständnis.
    Aber wenn Mord in derartiger Häufigkeit mit gesellschaftlicher Unzufriedenheit einhergeht, dann gilt der Spruch, "wo Rauch ist, ist auch Feuer"!
    Bezüglich Weimar, ist es eine Frage, ab welchem Zeitpunkt sie einsteigen. Denn lange bevor die Nazis relevant wurden, hatten sich die Demokraten auf diese Weise selbst Schachmatt gesetzt und große Teile des Wählervertrauens verloren.
    In folge passierte dann all das was sie aufführen.
    Abgeschwächt lässt sich ja ähnliches beider Verfolgung linker Straftaten bei uns heute feststellen. Eine eher zu lasche Strafverfolgung, siehe Hamburg.

  • #28
    Klaus Lohmann

    Nochmal, auch wenn es Braun wehtut: Anders Breivik wurde lt. norwegischem Strafrecht wegen Terrorismus und mehrfacher vorsätzlicher Tötung zur in Norwegen möglichen Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt und zwar trotz eines offensichtlichen Gefälligkeitsgutachtens, welches ihm die Zurechnungsfähigkeit aberkennen wollte, aber vom Gericht nicht zur Schuldsprechung herangezogen wurde – Breivik war in all seinen Wahnvorstellungen über gefährlichem Multikulti, Islam, Regierung und liberaler Immigrationspolitik ein auch durch Bekennerschreiben, Netzaktivitäten und Videos erkennbar zurechnungsfähiger, "normaler Nazi" und darin unterscheidet er sich *nicht* von den bisher bekannten Erkenntnissen über Tobias Rathjen.

  • #29
    Thomas Weigle

    #21Ein starker Rechtstaat ist also genau so abzulehnen wie terroristische Rechtsradikale, wie ein von Rechtsradikalen dominierter Staat? Aber sonst geht`s danke, ja?

  • #30
    Nina

    Wahnvorstellungen sind eben nicht willkürlich. Ich kenne viele Betroffene und es hat immer eine Geschichte, die mit der Vita, Erlebnissen, den Erfahrungen eines Menschen zu tun hat. Wer vorher nicht bereits rechts war, der wird es nicht in der Psychose!
    @#22 Peter Ansmann: Nein, Terroristen und Mörder haben nicht alle eine "psychische Störung". Das bitte sauber auseinanderhalten.
    Die Kriminalitätsrate unter Menschen mit einer tatsächlichen psychischen Erkrankung ist nicht signifikant höher als bei Menschen, die psychisch gesund sind.

  • #31
    nussknacker56

    Ich möchte dafür plädieren, wieder mehr den Einsatz von Argumenten zu verwenden statt emotionalen Schuldzuweisungen, die einer kritischen Betrachtung nicht Stand halten.

    Inakzeptabel ist, wie manche versuchen, jegliche andere Position als die eigene, einer „braunen Blase“ zuzuordnen ohne dass auch nur der Versuch unternommen wird, dies argumentativ zu unterfüttern. Geradezu gruselig wird es, wenn ein anderer davon spricht, dass „Er … letztlich das vollstreckt [hat], wofür die Meuthens, Weidels und von Storchs und auch einige andere seit langem das Klima bereitet haben“.

    Wer hier den Verstand eingeschaltet lässt, wird auch beim schlechtesten Willen keinen Grund dafür finden, welchen Nutzen diese Morde für Obengenannte haben soll. Hier geht es nach dem Motto: ich habe recht, ich bin gut, die anderen sind absolut böse – also treffen hier automatisch alle nur denkbaren negativen Zuweisungen zu.

    Die Art und Weise, wie versucht wird, die AfD in direkter Linie für die Morde in Hanau verantwortlich zu machen, erinnert mich an den damaligen Versuch der konservativen Parteien und Medien, die Linke für die Morde der RAF schuldig zu sprechen oder ihnen zumindest eine geistige Mittäterschaft zuzuweisen.

    Ein Vergleich mit dem rechtsradikalen Massenmörder Anders Breivik geht fehl. Dieser hatte ein geschlossenes, rechtsradikales Weltbild. Auch wenn dieses wahnhaft ist, so ist es der Betreffende keineswegs. Dies gilt übrigens auch für sämtliche Islamisten dieser Welt. Bei dem Täter von Hanau kommt jedoch eine ganz andere Dimension dazu. Nach eigenen Worten glaubt er, dass in den USA Kinder in Militärstützpunkten gefangen und gefoltert werden, er habe am ersten Tag seiner Geburt eine Stimme gehört, die … usw. Dies deutet auf eine schwere Psychose hin, welche die Vorgenannten nicht aufweisen. Sie sind im eigentlichen Sinn „normale“ Rechtsradikale.

    Fragen zur direkten Verantwortung für die Tat in Hanau müssen gestellt werden an:
    – das direkte Umfeld des Täters (dass eine so schwere Psychose über Jahre
    hinweg unbemerkt bleibt, ist nur schwer vorstellbar)
    – den Schützenverein, in dem der Täter ungehindert üben konnte
    – und vor allem an den Lieferanten der Waffen sowie der Munition

    Wer AfD-Funktionäre pauschal für die Tat eines offenkundig Geisteskranken verantwortlich macht, versucht diese zu entmenschlichen. Das ist von allen zurückzuweisen, denen der politische Kampf gegen die AfD als einzig gangbaren Weg am Herzen liegt. Einer der treffendsten Aussagen (ich hoffe, diese richtig interpretiert zu haben) stammt von „Caretaker“ #5, der schreibt: „… der AfD-Haufen ist ohne Stigmatisierung und Instrumentalisierung der Betroffenen … zu demontieren.“

    Die politische Auseinandersetzung mit der AfD muss weitergeführt werden. Doch Bezeichnungen wie „Nazischlampe“ an Alice Weidel sind pure Menschenverachtung, die auf das Schärfste zurückgewiesen werden müssen. Und genau das passiert nicht.

    Für den Umgang mit der AfD sind auch Methoden zu unterlassen, dieser in Talkshows (wieder bei Weidel) den Ton herunter zu regeln, damit sie schwerer verstanden werden. Solche Methoden lassen Vorwürfe wie „Lügenpresse“ plötzlich gar nicht mehr so absurd erscheinen. Genau das sind die wahren Steigbügelhalter der AfD, die – und das wird immer wieder vergessen – auch wegen der Unfähigkeit und den Versäumnissen von Parteien wie SPD, Linke, Grüne eine Massenbasis bekommen hat.

  • #32
    Werner Huber

    @ nussknacker56

    so ein langes Gelaber, nur um deine heile rechte Welt aufrecht erhalten zu können?

  • #33
    Klaus Lohmann

    @#31 "Dieser hatte ein geschlossenes, rechtsradikales Weltbild. Auch wenn dieses wahnhaft ist, so ist es der Betreffende keineswegs."
    Eine frei im Raum schwebende, autoritär gefärbte Behauptung ersetzt keine Fakten und Fakt ist nun mal, dass die bisherigen Ermittlungen beim Terroristen *neben* den Verschwörungs-Wahnvorstellungen das gleiche geschlossen rechtsradikale, rassistische Weltbild ergaben wie bei Breivik.

    Dass solche geschlossen rechtsradikalen Weltbilder *auch* und nicht selten entweder Psychosen entstammen oder deren Ursache sein können, lässt sich der Literatur entnehmen, die sich gottseidank *nicht* auf der gleichen ideologischen Tiefebene mit den Gehirnabsonderungen von AfD-Spitzenfunktionären mit "M" im Nachnamen befindet. Also der Literatur im allgemeinen und generell.

    Übrigens haben die von mir erwähnten Gutachter Anders Breivik durchaus eine schwere Psychose nachgewiesen, die u.A. in seinem Selbstbildnis eines Tempelritters zur Rettung Norwegens gipfelte (https://www.sueddeutsche.de/panorama/attentaeter-breivik-fuer-schuldunfaehig-erklaert-bizarre-wahnvorstellungen-1.1221919).
    Das Gericht hat sich vernünftigerweise nicht dem Fazit der Gutachter angeschlossen, diese schwere Psychose würde ihn als "unzurechnungsfähig" für seinen Terror definieren, sondern ihn als voll zurechnungsfähig betrachtet – was absolut keinen Widerspruch zur aktuellen Lehrmeinung über Psychosen bei Straftätern darstellt, denn solche Psychosen behindern Mörder wie Breivik oder Rathjen nicht in der Wahrnehmung der Unrechtmäßigkeit und der Folgen ihrer Taten, was die jeweiligen Bekennerschreiben ja deutlich manifestieren.

  • #34
    Maluch

    #31
    Danke! Die Brandmauer gegen Forenirrsinn heisst nussknacker56 und ist bester Qualität!

  • #35
    Daniel

    @#32 und #33: da heulen ja wieder genau die Hunde, die es auch betrifft.
    Es wäre aber nicht nötig gewesen, die Aussagen von #31 nochmal zu bestätigen. Wir wissen schon, welche Textbausteinen sich immer wieder wiederholen… 😉

  • #36
    Helmut Junge

    Ob ein Mörder psyschisch krank ist oder nicht, sollte erst einmal BEWIESEN werden. Also erst dann, wenn genügend Informationen vorliegen. Aber jedesmal, wenn so eine unfaßbare Tat begangen wird, behaupten viele Leute spontan, daß der psychisch krank wäre.
    Warum eigentlich? Ich sehe das als laienhafte Amateurdiagnose an, oder als Schutzbehauptung.

  • #37
    abraxasrgb

    Es könnte hilfreich sein, die Maßstäbe, die man sonst anlegt, auch dem politischen Opponenten zuzubilligen.
    Das, was mir derzeit Sorge macht, ist ein konfrontativer politischer Klimawandel mit chronischer Hyperventilation.
    Eine gruppenbezogene Generalisierung, wie es derzeit geschieht ist nur noch mit kopfloser Hysterie zu umschreiben.
    Wenn sonst nur von Einzelfällen gesprochen wird, kommt jetzt die Sippenhaft zur Anwendung.
    Der sogenannte "K(r)ampf gegen Rechts" produziert sein eigenes, geschlossenes hermetisches Weltbild, dem mit Argumenten und Vernunft anscheinend nicht mehr beizukommen ist. Es ist ein Versagen der politischen Kultur, wenn es nicht gelingt, bis zu 25 % der Wahlbevölkerung zu integrieren, vor allem in das eigene Weltbild, als andere Meinung.
    Den Rest regelt immer noch das Strafrecht und nicht der eigene moralische Dünkel.

  • #38
    Wolfram Obermanns

    Der Artikel biegt an einer Stelle falsch ab und führt zu spekulativen Ferndiagosen der Psyche eines (auch) Selbstmörders als Grundlage des politischen Diskurses. Geht es im Ergebnis dümmer?

    Als erhellend empfand ich hingegen das Interview bei Cicero
    https://www.cicero.de/innenpolitik/anschlag-hanau-rechtsextremismus-rassismus-einzeltaeter-polarisierung-gesellschaft/plus
    Als Konklusion läßt sich dem entnehmen, die Täter in ihrem kruden Phantasien inhaltlich nicht zu ernst zu nehmen, gleichzeitig aber gewiß nicht die Stichwortgeber im politischen Diskurs aus der Verantwortung für ihr Gelaber zu entlassen.

    Meuthen macht es sich demnach deutlich zu einfach.
    Die völlige Abwesenheit von dezidierter Distanz zum Treiben dieser Irren, sagt genug über den politischen Verstand der AfD-Prominenz, die sich lieber mit den das Tun erklärenden angeblich real gegebenen Gründen und den politischen Fehlern der vergangenen Jahre der "Systemparteien" zu profilieren suchen. Die AfD ist demnach ein unterstützendes Milieu für diese (irren) Mörder.

    Muslime, die mir erzählen islamistischer Terror habe nichts mit dem Islam zu tun, korrigiere ich auch dahingehend, daß die Auffassung der Killer nichts mit dem Islamverständnis meines momentanen Gegenübers zu tun haben wird, aber gerade seine Kompetenz als Muslim gefragt ist, dies deutlich zu machen, auch um nicht vereinnahmt zu werden. Muslime die dies nicht verstehen wollen, brauchen mir nicht mehr erzählen, "Islam ist Frieden" und wie sehr sie das Treiben islamistischer Killer bedauern. Diese Muslime lügen sich im besten Fall wie die "Patrioten" bei der AfD in die eigene Tasche, nicht unwahrscheinlich ist es im Einzelfall hingegen, daß sie wie z.B. der Nazi Höcke versuchen andere zu belügen.

    Was den Irren von Hanau betrifft, halte ich es als weiteren Schluß auch dem Interview nicht für geboten landesweit einfach Märsche gegen Rechts zu initiieren. Solche Märsche sollten, wenn man sie schon veranstaltet, immer gleichzeitig mit Hinweisen auf Wachsamkeit für derart psychisch Erkrankte und Hinweise für Hilfsangebote verbinden. Die simplen Empörungsmärsche befeuern die Irren in ihrem Geltungsdrang, erlauben es den Meuthens sich in einer Opferrolle zu verschanzen und stabilisieren wahrscheinlich die Gewaltwelle.

  • #39
    abraxasrgb

    Wolfram Obermanns,
    das Gedankenexperiment würde ich gerne aufgreifen und auf die Spitze treiben … was, wenn man, außer als Mensch, als Humanum, einfach Anteil nimmt und sich gar nicht beim Vorwurf "rechts" zu sein – zu recht(sic!) und rechtmässig – nicht angesprochen fühlt?
    Sich für irgend eine Meinung* rechtfertigen(sic!) zu müssen, ist doch erst einmal eine fragwürdige These? Ich bin weder Identitär, noch identitätspolitisch, noch komplett idiotisch, noch rein individuell, aber auch nicht interdependent. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit integer 😉

    *Damit meine ich nicht meine Meinung, sondern die Meinung anderer über mich?

  • #40
    Richard

    @ abraxasrgb #39

    wie man sich selbst sieht, hat in der Regel nichts mit dem zu tun, was man ist. Oder kann:

    "Was einer besonders gerne tut, ist selten ganz besonders gut."

    kann es sein, dass Sie gerne reden? Nicht nur über sich?

  • #41
    Arnold Voss

    Das mit dem Wahn und dem Irresein ist eine sehr komplexe Sache. Aber sie ist auf keinen Fall mit Schuldunfähigkeit zu verwechseln. Der Täter von Hanau hat eindeutig planvoll und absichtlich gehandelt, egal welcher rationale und welcher wahnhafte Anteile daran entscheidend waren. Es heist ja deswegen Wahnsinn, weil der Wahn der Menschen anfallen kann, für sie selbst Sinn macht, bzw. eine eigene, in sich folgerichtige Weltsicht erzeugt.

    Wenn diese dann teilweise oder ganz durch das politische, kulturelle und soziale Umfeld, einschließlich der Medien, bestätigt wird, ergibt sich sehr wohl ein Motivierungszusammenhang. Ob damit ein direkte Schuld, oder zumindest Mitschuld, gegeben ist, halte ich für fragwürdig. Aber der Zusammenhang ist nicht zu leugnen und muss deswegen auch politisch angegangen werden. Und da kommt nun mal die AfD als treibende politische Kraft ins Spiel.

    Sie gehört deswegen nicht nur unter kompletter Verfassungschutzbeobachtung sondern sie muss auch öffentlich entsprechend angegangen werden. Jemand, der z.B. die Greueltaten Nazi Deutschlands als "Vogelschiss" abtut oder aktuell von "Umvolkung" und "Volkstot" faselt, hat nicht mit Verständnis oder Dialog sondern mit Ausgrenzung zu rechnen, weil es da nichts mehr zu diskutieren gibt. Jeder kann eine Meinung haben, aber deswegen muss diese nicht auch noch akzeptiert, geschweige denn ihr ein mediales Forum gegeben werden.

    Selbst ein Parlament muss sich nicht jede Rede anhören. Parlamentarier dürfen mit Fug und Recht den Plenarsaal verlassen, wenn dort von Leuten Reden geschwungen werden, die das Ziele haben eben dieses Parlament und die dahinter stehende Verfassung anzugreifen, bzw. gegen Minderheiten zu hetzen und politische Gegner mit Falschbehauptungen zu diffamieren. Eine wehrhafte Demokratie muss sich nicht alles gefallen lassen. Denn Faschisten werden nicht zu Demokraten, wenn sie in ein Parlament gewählt worden sind.

  • #42
    bob hope

    Die Relativierungen hier sind schon bemerkenswert. Der NSU, die Mörder von Kassel, Halle oder Hanau hatten etwas gemeinsam, ebenso wie ihre Opfer: Letztere waren aus Sicht der Täter Menschen, die angeblich nicht zu Deutschland gehören und das Land gefälligst „verlassen“ sollen – egal ob tot oder lebendig. Das ist der Konsens, auf den sich AfD und militante Neonazis geeinigt haben.

  • #43
    abraxasrgb

    @ Arnold
    Denn Faschisten werden nicht zu Demokraten, wenn sie in ein Parlament gewählt worden sind.
    Absolute Zustimmung!

    Selbst ein Parlament muss sich nicht jede Rede anhören.
    Völliger Widerspruch.

  • #44
    Wolfram Obermanns

    "…as, wenn man, außer als Mensch, als Humanum, einfach Anteil nimmt und sich gar nicht beim Vorwurf "rechts" zu sein – zu recht(sic!) und rechtmässig – nicht angesprochen fühlt?…"
    Dann lohnt ein Blick darauf, wieso Eigen- und Fremdwahrnehmung so weit auseinanderfallen kann.
    Das gilt für ein Individuum und noch viel mehr für Repräsentanten einer politischen Partei. Meuthen scheint dies inzwischen selbst erkannt zu haben.

  • #45
    Berthold Grabe

    Wolfram Obermann legt hier zu Recht den Finger in eine die AFD belastende Wunde. Außer des hier zitierten Meuthen ist es auffällig still bezüglich der Verurteilung von taten, wie in Hanau.
    Was einen Ansatzpunkt gäbe hier die AfD zur rede zu stellen.
    Ich stimme auch Abraxas zu, ein Parlament muss sich jeder Rede stellen und ihr inhaltlich begegnen.#
    Und Drittens alle Parteien müssen sich dem Migrationsthema frei vom Rassismusvorwurf stellen.
    Zum einen, um dem Rassismus keine Bedeutung zu verleihen und zum Anderen, um argumentativ zu entkräften oder zu bestätigen, was letztlich haltbar ist und was nicht.
    solange das nicht geschieht, tragen alle Parteien Verantwortung für die Eskalationen die wir zur Zeit erleben.
    Sei es die Bedrohung und Verfolgung von liberalen Politikern in Thüringen oder Taten wie die in Hanau. Wer die übergroße Mehrheit derjenigen, die solche Taten weder hüben wie drüben unterstützen hinter sich vereinen will, darf nicht von vorne herein ehrabschneidende Motive unterstellen, selbst dann nicht, wenn das auf einen Teil der politischen Führung zutreffen sollte.
    Es gilt nicht diese Leute zu bekämpfen, sondern deren Wähler zu überzeugen bzw. deren anliegen zu respektieren.
    Wer Radikalen erlaubt reale Probleme und seriöse Positionen für sich zu vereinnahmen weil er sie mit seinem eigenen Weltbild nicht vereinen kann handelt weder demokratisch noch moralisch.
    Kriminalität bei einer signifikante Minderheit der Migrantenklientels sind eine Realität, ebenso wie das bewusst ignorierte Clanwesen.
    Das kann man nicht einfach mit Verweis auf relativ geringe Zahlen abtun oder sogar glatt Lügen darüber zu verbreiten ,die man mittlerweile eingestehen musste.
    Wer eine generelle Linie der Liberalität nicht diskreditiert sehen will, der muss den verdrängten Schattenseiten stellen und Lösungen finden.
    Wäre das befolgt worden, gäbe es keine relevante rechte Partei rechts von der CDU!
    Und dem Problem wird nicht mit Ausgrenzung und teilweise eben auch berechtigten Vorwürfen aus der Welt zu schaffen sein, solange der Teil der als Problem wahrgenommen wird, nicht befriedigend gelöst wird.
    Und hier leistet unsere Regierung sich schlicht ein Totalversagen auf ganzer Linie.
    Wir können uns weiter selbst zerlegen im Streit um die Radikalität der AfD oder aber die Missstände beheben, die der politischen Radikalität die Grundlage entzieht.
    Wir müssen die Grenzen unserer Liberalität anhand der Preise, die diese für verschiedene Lebensumstände hat, und soweit wir überhaupt eine Wahl haben, praktisch ausdiskutieren und nicht ideologisch theoretisch.
    Die Illusion das eine sinnvoller Kompromiss niemanden trifft oder nichts kostet ist zu beenden. Ebenso wie die einseitige Anmaßung über so Grundlegendes darüber ohne Mehrheiten befinden zu dürfen.

  • #46
    Klaus Lohmann

    "Als die Nazis die Kommunisten holten,
    habe ich geschwiegen,
    ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
    habe ich geschwiegen,
    ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten,
    habe ich geschwiegen,
    ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie mich holten,
    gab es keinen mehr,
    der protestieren konnte."

    Martin Niemöller (1892-1984)

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