Herne kann es einfach auch nicht

In Herne demonstrierten heute einige Menschen gegen Rassismus und Krieg. Aufgerufen zu der Veranstaltung hatten im Kern die Gewerkschaften DGB und ver.di. Die Herner SPD unterstütze das Ganze, war aber heute woanders auf Klausurtagung. Neben den knapp 30-50 Demonstranten fand sich auch ein „gutes“ Dutzend besorgte Gegendemonstranten ein. Und ich, der ich eigentlich weder auf Demos gehe, noch von ihnen berichte. Es war schlimm.

Die Demonstrantion war ohnehin geplant. Am heutigen 1. September jährt sich der feige und ehrlose Überfall Nazideutschlands auf Polen zum 79. Mal. Zu diesem Anlass hatten die Herner Gewerkschaften eh vorgehabt gegen Krieg und sowasalles auf die Straße zu gehen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse von Chemnitz weitete man den Anlaß aus, bzw. widmete ihn um, und stellte sich nun auch gegen den aktuellen braunen Mob und gegen Rassismus. Mit Blick auf die bundesrepublikanische Gesamtsituation eine gute Entscheidung.

So ging es dann heute, um 11 Uhr, vorm Kugelbrunnen in der Herner Innenstadt los. Als Nichtlinker graute mir schon vorab, als ich sah, dass ein Liedermacher angekündigt war. Ich habe mittlerweile auf Altlinkendemos gelernt, was das bedeutet: einer schrubbelt über die Gitarre, trägt dabei Klamotten, die aussehen, als seien sie seit der Ära Kohl nicht gewaschen und die Qualität des Gesangs und der Reime muss hinter dem politischen Willen der Texte zurückweichen. Nun gut.  Von einer Dame, deren T-Shirt die Friedenstaube zierte, bekomme ich nachfolgenden Liederzettel in die Hand gedrückt, mit der Aussage: „Damit du mitsingen kannst.“ „Wohl nicht ,“ murmel ich in meinen Bart, lächele aber, falte den Zettel zusammen, lasse ihn in meiner Hosentasche verschwinden.

Ebenfalls unvermeidlich bei solchen Veranstaltungen: die MLPDler. Wer kein Konto hat, muss sein Bargeld investieren, die Stalinisten investieren stets in Flaggen und Infomaterial. Ansonsten wuseln sie mit Unterschriftenlisten durch die Gegend, sprechen arglose Passanten an, und wollen dass diese irgendwas unterstützen. Die Passanten wiederum sind eher irritiert, die einen haben doch schon längst unterschrieben, die anderen bleiben eher zufällig bei der Veranstaltung stehen – der Ort ist mitten in der Herner City gut gewählt – und würden wahrscheinlich eher ein Gratisabo einer Reise- und Modezeitschrift in ihnen fremdem Schriftzeichen bestellen, als der MLPD ihre Unterschrift zu geben, bleiben sie doch stehen, weil sie gegen Rassismus sind.

Rassismus. Das greifen auch die ersten beiden Redner auf, deren erster Gewerkschafter Norbert Arndt ist und als Veranstalter den Anwesenden und Unterstützenden dankt. Danach geht es um Rassismus, Krieg, Chemnitz. Die Reden sind erwartbar, der Applaus im normalen Rahmen, die folgenden Musikeinlagen von der erwarteten Qualität.

Ungewöhnlich für Herne ist jedoch eine kleine Gruppe von Menschen, die sich neben der Demo gesammelt haben. Es sind 10 bis 15 Personen, augenscheinlich normale Bürger, ohrenscheinlich besorgte Bürger. Einer derjenigen, die dort stehen, fiel mir, als er an mir vorbei ging. Lauthals schwadronierte er mit seiner Begleiterin darüber, ob er nicht schwarz-rot-gold hätte anziehen sollen. Ich dachte mir kurz, dass das wahrscheinlich tatsächlich besser ausgesehen hätte, als die verwaschene Trainingsanzugshose, und beschloß, mich neben die Herrschaften zu stellen.

Ich stehe in maximal zwei Metern Entfernung, und darf hören, was man auch in Chemnitz hätte sprechen können: dass die Flüchtlingen den Deutschen die Arbeit wegnehmen, und die Post gar spezielle Ausbildungen nur für Flüchtlinge habe und außerdem die Flüchtlinge alle nur von Sozialleistungen lebten. Schrödingers Flüchtling ist also auch dem Herner ein Begriff. Weiter geht es dann, mit Wut über Angela Merkel und so allgemein auf die-da-oben. Noch weniger als für Flüchtlinge hat man aber wohl für die Presse übrig. Ich werde fotografiert, und kritisch beäugt. Ein junger Pressekollege stellt sich zu mir und berichtet, dass er gefragt wurde, ob er denn überhaupt an der Front gedient habe. Der Kollege ist Anfang 20. Er habe entgegnet, dass er den Zweiten Weltkrieg mehrfach auf seiner Konsole durchgespielt habe. Die Antwort ist nicht überliefert.

Als dann die Redner gegen Rassismus und den „braunen Mob in Chemnitz“ ausführen, wird von dem dreckigen Dutzend munter gebuht. Ein Herr zeigt sich äußert aufgebracht, in dem deutschen Besserwisser eigener Manier gestikuliert er munter Richtung Bühne, sprich der Stelle am Brunnen, wo der Redner steht.

Ein wenig später muss eben jener Herr seine Dame zurückhalten, als diese nicht nur mit dem Finger gestikulieren will, sondern gerne zum Mikro möchte. Das Ganze wirkt eher skuril, denn bedrohlich, als hätte die Dame einmal im Fernsehen oder bei RT deutsch mal gesehen, dass man sowas machen könne, und nun versucht sie, es umzusetzen.

Das trifft übrigens auch auf eine blonde Dame zu, die entweder ein Handy, oder ihren kleinen Hund, hochhält. Den Hund zum Kuscheln, das Handy, um die Demonstranten und immer dann mich zu filmen oder fotografieren, wenn meine Kamera in ihre Richtung zeigt. Wahrscheinlich hat sie irgendwo gesehen, dass die echten Neonazis das so machen, und die AfDler. Was sie wohl mit den Fotos machen wird? Ob es irgendwo in Herne nun einen Lügenpresse-Altar gibt, auf dem auch mein Foto, säuberlich ausgedruckt, nun seinen Platz gefunden hat? Ich werde es wohl nie erfahren.

Insgesamt war das alles sehr befremdlich. Die Form des Widerstands gegen Rassismus und Rechtsradikale war nicht meiner. Aber er fand statt, und jede Form hat ihren Platz verdient, und ist vor allem mehr als das Nichts all der Herner der bürgerlichen Mitte, die sich empören, aber nichts tun.

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23 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 1. September 2018 um 13:42 Uhr

    Zumindest haben wir jetzt vermutlich einen zufriedenen Autor, der gemerkt hat, dass sich alle Vorurteile bestätigt haben :-).

    Ich weiß noch nicht, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn sich die Herner Friedensinitiative nur ein "monthly" hat.

  2. #2 | Sebastian Bartoschek sagt am 1. September 2018 um 14:55 Uhr

    Tatsächlich bin ich viel weniger zufrieden, als ich es gerne wäre. Ich hätte gerne eine Demo gehabt, die von Altlinken ausgehend große Mengen bis tief in die bürgerliche Mitte mobilisiert hätte. Allerdings frage ich mich zunehmend, ob die bürgerliche Mitte überhaupt zu mobilisieren ist.

  3. #3 | Reimund Zysk sagt am 1. September 2018 um 15:01 Uhr

    Trauerspiel
    20 Demonstraten 2 Polizisten die noch nicht mal ausgestiegen sind
    Die Gegendemonstranten waren Herner Bürger die sich kannten, dazu gehörte ich auch
    Bin ja zu ihnen hin gekommen und habe Sie gefragt zu welchem Verein Sie gehören
    Von der AfD war gar keiner anwesend
    WIE KANN MAN SO EINEN SCHEISS ZUSAMMENSCHREIBEN

  4. #4 | Sebastian Bartoschek sagt am 1. September 2018 um 15:16 Uhr

    Wer hat denn behauptet, dass die AfD anwesend war?

    Und es waren definitiv mehr als 20 Demonstranten.
    Die Polizei schätzte wohl knapp 100 samt Laufpublikum – da liege ich mit meinen 30-50 vor Ort wohl ziemlich gut.

    Ansonsten: was genau soll denn "SCHEISS" in dem Artikel sein?

  5. #5 | Lawrenz sagt am 1. September 2018 um 15:16 Uhr

    So ein verlogenes und zusammengesponnenes Wirrwar von Buchstaben kennt man sonst eigentlich nur von der Bild. zumindest gut, dass man den Autor namentlich kennt, so können die Anzeigen für nicht genehmigter Bilder schneller zugestellt werden.

  6. #6 | Sebastian Bartoschek sagt am 1. September 2018 um 15:18 Uhr

    @ #5 – das mit der Pressefreiheit ist schon was kompliziert, oder?

  7. #7 | ke sagt am 1. September 2018 um 15:43 Uhr

    Die "bürgerliche Mitte" ist ein interessanter Bereich.
    Warum geht sie nicht/nur selten zur Demo. Warum war die Beteiligung in Herne eher gering?

    Ich habe noch nie demonstriert.
    Aktuell hätte ich bspw. in Herne auch große Probleme. Soll ich alleine demonstrieren?
    Ich finde die NATO gut, d.h. ich möchte mich nicht zu den Hardcore Friedensaktivisten gesellen. Ebenso habe ich Probleme mit den sehr linken Ideen.
    Da bleibt der DGB. Das ist aber zu oft ein Funktionärstreffen.
    Das PRoblem für mich ist, dass ich in allen Fällen immer sehr schnell auch zu einer Gruppe von "Dauer-Demonstranten" gehören würde, mit deren Zielen, die sie zu jeder Gelegenheit äußern, ich eigentlich nichts zu tun haben möchte. Dann kommen noch Journalisten/Netzwerke und veröffentlichen Fotos.

    Die Ant-Rechts-Demos in Dortmund kommen für mich nicht in Frage, weil ich bspw. bei der ersten Demo, die ich wahrgenommen hatte, dachte, dass ein Einmarsch von militärisch trainierten Gruppen im schwarzen Kampfanzug stattfindet. Das waren dann aber der Bus mit den Gegen-Rechts-Demonstranten.

    Da wähle ich den bequemeren Weg und bleibe zu Hause.

  8. #9 | Klaus Lohmann sagt am 1. September 2018 um 16:11 Uhr

    @Lawrenz: Erst mal selbst die deutsche Rechtschreibung erlernen und *danach* was über ein angebliches "Wirrwar von Buchstaben" absondern, dann werden Sie evt. auch gelesen. Dass Sie sonst nur "Bild" kennen, glaube ich Ihnen allerdings aufs Wort.

  9. #10 | Filomena sagt am 1. September 2018 um 16:39 Uhr

    @ Klaus Lohmann

    hast du ein Problem mit der "Bild"? Dann bist du hier falsch:

    "Seit 2010 ist Bartoschek journalistisch tätig, u. a. für die BILD Ruhrgebiet"

    https://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Bartoschek#Journalistische_Tätigkeit

  10. #11 | Em sagt am 1. September 2018 um 16:50 Uhr

    Der Artikel entspricht der Wahrheit und skizziert exakt, warum man sich beim Anblick eines derartigen Trauerspiels vor lauter Fremdschämen die Augen aus dem Kopf schaben möchte, nachdem man sich die Ohren abgerissen hat. Was nicht Kirmes und/ oder Kleingartenverein ist, funktioniert in dieser Stadt nicht. Politisch interessierte und womöglich auch noch egagierte Einwohner wandern nicht ohne Grund zum demonstrieren in die anliegenden Nachbarstädte (sowie zum shoppen, spazieren und demnächst womöglich auch noch zum gemeingefährlichen Trampolinspringen [die WAZ berichtete zu diesem Thema detailliert und ganzseitig!!!] ). Denn DAS ist zu diskutieren – scheiß auf die Gefahren des braunen Gedankenguts, Bildung und Politik.
    Danke für dieses einmalige Fazit, lieber Herr Bartoschek!

  11. #12 | Nina sagt am 1. September 2018 um 17:16 Uhr

    Zu Kommentar 3 und 5 habe ich eine Frage.

    wann hatten Sie das letzte Mal Sex?
    Sie wirken so verbittert und angepannt.

  12. #13 | Klaus Lohmann sagt am 1. September 2018 um 17:40 Uhr

    @Filomena: Wenn Sebastian Bartoschek als Psychologe der Bild Expertenauskünfte gibt, habe ich überhaupt kein Problem damit. Darum geht es aber nicht, das sollte eigentlich auch Nur-Bild-Lesern klar sein.

  13. #14 | Sebastian Bartoschek sagt am 1. September 2018 um 17:52 Uhr

    Bevor wir uns alle missverstehen:

    – derzeit gebe ich BILD gerne Kommentare und Einschätzungen.

    – früher habe ich 2 Jahre bei BILD gearbeitet (vor über 6 Jahren).

    Ich habe meine Zeit bei BILD geliebt. Ich mag BILD immer noch sehr.
    Es steht natürlich jedem frei, BILD ganz oder in Teilen Scheisse zu finden.

    Was hat das jetzt mit Herne und heute zu tun?

  14. #15 | Filomena sagt am 1. September 2018 um 18:05 Uhr

    @ Klaus Lohmann

    wer ist denn hier "Nur-Bild-Leser"? du?

    aber der ist echt gut: "Wenn Sebastian Bartoschek als Psychologe der Bild Expertenauskünfte gibt"

  15. #16 | Still not loving autoritäre Charaktere sagt am 1. September 2018 um 18:21 Uhr

    Ich stehe der radikalen Linken zwar sehr nahe, lehne aber alles ab, was regressiv daherkommt und kann es sehr gut verstehen, dass sogenannte bürgerliche Kreise keine Böcke haben, sich mit der MLPD und ähnlichen Verrückten gemein zu machen. Da scheint das Herner Bürgertum dem Chemnitzer, das sich ohne Probleme bei Nazis einreiht, einiges vorauszuhaben. Hut ab! In Niedersachsen holen sich gerade diverse Gruppen einen darauf runter, dass es zuletzt gelungen sei, bei einer Demo gegen das neue Polizeigesetz "einen großen linksradikalen Block" konstituiert zu haben. Statt wenigstens ein bisschen darauf zu achten, dass man für ein so wichtiges Anliegen offener und attraktiver für möglichst breite Kreise auftritt, die ja schließlich auch von dem Gesetz betroffen sind, scheint es den genannten Gruppen wichtiger zu sein, sich in seiner subkulturellen Blase wohlzufühlen und ordentlich einen auf Macker zu machen. Das ist sehr schade, denn so wird die Linke den Kampf gegen die autoritären Kräfte auf jeden Fall verlieren.

  16. #17 | thomas weigle sagt am 1. September 2018 um 20:42 Uhr

    Historische Ergänzung: am, ich glaube am 17.9. jährt sich zum 79.Mal der Jahrestag des feigen und ehrlosen Überfalls der radikallinken Sowjetunion auf Restpolen, dass die Nazis noch nicht unter ihrer barbarischen Fuchtel hatten. Entscheidender Unterschied für die polnische Bevölkerung: die einen, die Nazis, kamen tagsüber und ermordeten bzw. verschleppten ihre Opfer, die Kommis kamen nachts bzw zu Zeiten, in denen man normalerweise damals bestenfalls den Milchmann erwartete, um ihre Opfer zu ermorden bzw. einzugulagieren.
    Diesem zweiten Überfall wird hierzulande von v.a. linker Seite ungerne gedacht

  17. #18 | Sara sagt am 1. September 2018 um 20:53 Uhr

    Eigentlich wurde schon alles gesagt. Entweder man stellt sich zu den Hutbürgern, oder zu den MLPD-Faschisten. Da ich mit beidem nichts anfangen kann bleibe ich solchen Veranstaltungen lieber fern.

  18. #19 | Lawrenz sagt am 1. September 2018 um 20:59 Uhr

    @Lohmann
    Der war echt gut. Was würden wir bloss ohen euch komischen Oberlehrer machen?
    Komischerweise werd ich zumindest von Typen gelesen, die Spass daran haben anderen die Rechtschreibung nahezulegen.
    Ich muste niecht merr weil iech nach 8 Jahre Gynasum die Lehrerin geheirat hap.

  19. #20 | Klaus Lohmann sagt am 1. September 2018 um 21:27 Uhr

    @Lawrenz: „Was würden wir bloss ohen euch komischen Oberlehrer machen?“ Noch mehr orthografisch blindmachenden braunen Müll absondern?

  20. #21 | Klaus Lohmann sagt am 2. September 2018 um 10:59 Uhr

    @Daniel: Ich bin nicht verheiratet. Sie scheinen da eher Probleme zu haben, besonders mit Ihrer Hetze und den bekannten persönlichen Angriffen gegen Ihre eingebildeten Feinde. Dagegen gibt es professionelle Hilfe.

  21. #22 | Gerd Hermann Balzer sagt am 2. September 2018 um 12:45 Uhr

    Voll das Battle hier.. Glaub ich hol mir ne Tüte Chips 😀

  22. #23 | horst sagt am 3. September 2018 um 00:14 Uhr

    hat nicht mehr gereicht für bild, sebi? ok nette einschätzung. man merkt ihre art des schreibens an, das sie mal dort beheimatet waren. neutral ist was anderes. hab kurz gelacht, geweint, und verdammt, die bild-zeitung mit ihrer verfickten macht zu erkennen. ja. ich war nicht vor ort bei dieser demo, doch mag es irgendwelche idealisten gewesen sein, die einiges nicht immer richtig sehen. aber… hey, 1000mal lieber das, als gewalt-demos… 😀 aber hey, schwamm drüber 🙂

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