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Ich geh wählen

wahlurne

Marcus Bensmann hat gestern erklärt, warum er nicht wählen geht. Er hat gute Gründe von der Politik enttäuscht zu sein. Ich gebe trotzdem morgen meine Stimme ab.

Wenn ich morgen nach dem Frühstück zur Schule an der Ecke gehe um zu wählen, werde ich danach unzufrieden sein: Keine Partei begeistert mich, ich werde Kompromisse eingehen müssen und mich dann später wieder über die Politiker ärgern die ich gewählt habe. Das ich mich meistens noch mehr über diejenigen ärgere, die ich nicht gewählt habe, macht es nicht viel besser.

Ich bin kein begeisterter Anhänger irgendeiner Partei, ich ärgere mich über Politik und Politiker seitdem ich denken kann. Aber ich bin froh, in einem Land zu leben, wo ich mich nicht nur ärgern, sondern das auch zeigen und darüber schreiben kann. Vor dieser Wahl haben ein paar Prominente wie Richard David Precht oder Harald Welzer öffentlich damit kokettiert nicht wählen zu gehen. Jan Fleischauer hat das im Spiegel als Demokratieverachtung bezeichnet, aber es ist noch mehr als das: Es ist Wichtigtuerei und PR für frisch geschrieben Bücher und TV-Shows – auf Kosten der Demokratie. Was es noch ein wenig schmieriger macht.

 

Dazu kommt aber noch ein weiterer Punkt: Geschichtsvergessenheit. Seit Jahrhunderten gehen Menschen auf die Straße und kämpfen für Demokratie, Meinungsfreiheit und das Wahlrecht. Nicht weniger bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Es mag kitschig klingen, aber wenn ich nicht zur Wahl gehe habe ich das Gefühl, diese  Menschen zu verraten und das werde ich nicht tun.

Wenn mich etwas stört ist es, wenn meine Freiheit eingeschränkt wird – wie kann ich dann freiwillig auf ein Grundrecht verzichten? Also morgen das gleiche Programm wie in jedem Jahr: Morgen Brötchen holen, dann Frühstücken, dann zur Wahl – anschließend ein Spaziergang. Das Wetter soll ja gut werden. Und um 18.00 Uhr sitze ich dann vor dem Fernseher, das iPad auf dem Schoß, und versuche, wild herumklickend und herumschaltend, keine noch so kleine Information zu verpassen. Ist das ein Ritual? Ja klar – aber es ist eines, das ich liebe.

 

 

 

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9 Kommentare zu “Ich geh wählen

  • #1
  • #2
  • #3
    Nansy

    Auch Nichtwählen ist eine Option – mit Demokratieverachtung hat das nichts zu tun. Das wäre nur dann der Fall, wenn man aus Bequemlichkeit oder weil das Wetter so schön ist nicht zur Wahl ginge.
    Vergessen wird immer, dass es Menschen gibt, die in den Programmen (oder in der Politik) der altbekannten Parteien kein Angebot sehen, dass ihren Vorstellungen auch nur ähnlich kommt. Sie sehen in Kleinstparteien kein Auffangbecken für ihre Stimme (5% Hürde).
    In vielen Artikeln (Spiegel u.s.w) kommt die ganze Arroganz zum Vorschein, die man immer wieder antrifft, wenn überzeugte Wähler meinen, missionieren zu müssen.
    Der Spiegel schreibt: “Die Hochmütigen halten sich für die bessere Demokraten, besser jedenfalls, als die Parteien und ihr ach so mediokres Personal.” Für den Spiegel sind gebildete Menschen, die sich als Nichtwähler outen und die sich nicht zur ungebildeten Unterschicht zählen lassen, offensichtlich ein echtes Ärgernis.
    Die Verweigerung der Wahl kann in demokratischen Systemen ein Notsignal sein – für diejenigen, die den Machtwechsel herbeiführen wollen, ist diese Haltung allerdings ärgerlich.

    Ach ja, damit ich nicht in eine gewünschte Ecke geschoben werde – ich gehe wählen!

  • #4
    Herbert

    Wählen nicht Wählen blablabla und jeder versucht noch irgendwie selbstrpofit aus der ganzen scheisse zu schlagen.
    Sicher die Gründe in den beiden Texten sind alle nachvollziehbar und richtig. Grade das es in Deutschland eine absolute errungenschaft ist wieder wählen zu drüfen stimmt. dafür haben millionen von menschen ihr leben gelassen, dass problem ist nur das interessiert ein großteil der deustchen einfach nicht…
    Da kann man sich dann drüber aufregen oder es als stillen protest abtuen, beides quatsch.
    Das einzig witzige an der ganz wahlgeschichte ist das verzweifelte drumherum und die möglichkeit Wahlplakate umzugestalten.
    Eins steht faktisch fest ändern wird sich auf anhieb nichts, deutschland bleibt weiterhin rechts-konservativ mit liberalen anstrich ob der jetzt gelb (eher nicht) oder rot ist macht da keinen Unterschied.

    Es fehlt schlicht an alternativen und dem Willen bzw. das interesse der hier lebenden Menschen etwas zu ändern.

    I can´t relax in…

    PS. und nein ich freue mich nicht auf den trubel und rituale morgen lieber würde ich wie 90% meiner Artgenossen auch auf pro7 oder RTL irgendeinen scheiss Film gucken und mir denken “ach geht es mir hier gut”

  • #5
    der, der auszog

    Wer die Wahl hat, hat die Qual.

    So abgequält, wie bei dieser Bundestagswahl, habe ich mich allerdings noch nie, was daran liegt, dass ich denjenigen, die von der Idee her meine Interessen vertreten könnten, nicht zutraue, dass sie es in der Praxis auch so umsetzen. Ein Bisschen beneide ich da all diejenigen, die Mitglied einer Partei sind und sich im Zweifelsfall an der Tradition orientieren können, in die sie sich durch ihre Mitgliedschaft gestellt haben. Als Parteiloser werde ich darüber hinaus auch nie die Möglichkeit haben, durch Rückgabe meines Parteibuches der von mir favorisierten Partei einen Denkzettel zu verpassen. Das einzige, was einem klassischen und leidenschaftlichen Wechselwähler bleibt, ist das Kalte Kotzen. Aber:

    Kotzen befreit Leute!

    Diese Freiheit, die mir die Möglichkeit gibt mich über politische Themen und Politiker jederzeit und überall öffentlich auskotzen zu können, ohne mit irgendwelchen Repressalien rechnen zu müssen, ist es alleine schon wert, wählen zu gehen.

  • #6
  • #7
    der, der auszog

    @Dummkopf

    Statt Bachblüten wählen Sie am Sonntag besser ein Apomorphin. Das wirkt direkt über die Dopamin-Rezeptoren auf das Brechreizzentrum in ihrem Hirn und sorgt so für den Abtransport Ihres Mageninhaltes entgegen der Richtung der normalen Peristaltik.

    Vielleicht reicht es aber auch schon aus, wenn Sie sich einfach den Nagel aus ihrem Schädel ziehen und ihn sich tief genug in den Hals stecken. In diesem Sinne: Viel Erfolg

  • #8
    TuxDerPinguin

    Nichtwählen ist eine Option, die man den Menschen ruhig lassen soll. Sonst müste man ja ne Wahlpflicht einführen.

    Ich finde es nur witzig, wenn Menschen aus Unzufriedenheit nicht whlen gehn. Denn Nichtwählen gehen ist im Endeffekt ja das deutlichste Zeichen für Zufriedenheit.
    Wer unzufrieden ist, müsste immer wählen gehn. Gibt ja genug Parteien…

    Ich glaube viele gehn aus Unzufriedenheit nicht wählen. Nicht sehr intelligente Menschen. Oder eben PR-Menschen, wenn sie das noch groß breittreten. Die Nichtwähl-Statements von den sog. Intellektuellen können mich nicht im Ansatz überzeugen. Diese pauschale Politikerschelte…. zumal die meisten, von denen das stammt irgendwas mit Medien zu tun haben. Es also in der eigenen Hand hatten, das man nicht in den alltäglichen Skandalismus verfällt, sondern über größere Themen spricht..

    ich wär übrigens sehr für die Einfuhr von Präferenzstimmen.
    Schafft meine partei A es nicht über die 5%, solldie Stimme an Partei B gehen…

  • #9
    Frank

    @Tux und Herbert:

    Wahlenthaltung bewirkt nichts. Es ist so als würde man sich bei der Abstimmung über die Klassenfahrt weil nichts gefällt “aus Protest” enthalten, aber dennoch mitfahren müssen.

    Wer nicht wählt hat vorher versäumt sich selbst einzubringen. Die AfD (sorry wenn ich so konkret werde) zeigt, wie mühselig es ist, was Neues auf die Beine zu stellen. Alt- und Neuparteien sind immer im Risiko, dass eitle, unpolitische oder extreme, jedenfalls status- oder machtgeile Spinner ans Ruder kommen. Es wird getäuscht, intrigiert, attackiert usw.. Auf die Wahllisten kämen zu oft nicht die Besten sondern die, die brutal genug waren, wenn es nicht so etwas wie Selbstreinigungskräfte gäbe. Funktioniert aber nur, wenn sich JEDER in die Partei einbringt. Das kostet Zeit und Nerven und so üben sich auch innerhalb der Parteien viele in Enthaltung und meckern hinterher anstatt an den Abstimmungen teilzunehmen. Denen, die an der Macht bleiben nützt eine hohe Enthaltung, denn um umso weniger Stimmen müssen sie sich kümmern. Diese Taktik verfolgt ja Merkel.

    Was ich an vielen Kritiken auf der Straße naiv finde -oft von jüngeren Wählern geäußert: “Die Politiker lösen die Probleme nicht.” Das ignoriert, dass es in Abstimmungen nur um Interessen geht. Weder was ein Problem ist, ist objektiv feststellbar, noch die Lösung. Das ist ein unreifes Verständnis von Politik und meint, dass sich immer jemand wohlwollend -wie eine “Mutti” für einen einsetzt.

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