››Ich habe alles auf eine Karte gesetzt‹‹

Das Filmteam während der Dreharbeiten | Foto: Dominik Asbach

Die Corona Pandemie geht vielen Leuten an die wirtschaftliche Substanz, exemplarisch stellen wir hier die Geschichte vom Filmemacher Gerrit Starczewski aus Wesel vor. Gerrit wollte seinen neuen Film ›Glanz, Gesocks & Gloria‹ (eine Ruhrgebietsklamotte im Umfeld von VfL Bochum Fans) ab dem 27. März in die Kinos bringen. Aktuell hängt seine komplette Kinotour mit über 20 Terminen in der Luft. Er wird in den nächsten Wochen keine Einnahmen haben und seine Existenz steht gerade auf dem Spiel. Der Erfinder der ›Pottoriginale‹ schreibt dazu heute in einem offenen Brief bei facebook und gibt offen zu, wie viele finanzielle Sorgen er im Moment hat – und steht stellvertretend für viele Leute aus dem Kleinkunst/Künstler-Gewerbe, die nicht wissen, wie sie bald ihre Miete bezahlen sollen.

Gerrit Starczewski hat bislang für seine Film-Projekte keinen einzigen Euro an Fördergeldern bekommen. Heute schreibt er in einem offenen Brief wie folgt: ››Zunächst einmal hoffe ich, dass es euch und euren Familien gut geht! Das ist das Wichtigste! Die gute Nachricht: unser Film ist tatsächlich fertig! Hinter mir liegt derzeit eine Achterbahnfahrt und viel Pech. Meine komplette Kinotour ist von Absagen betroffen.

Ich hatte eh zu viel Pech in den letzten anderthalb Jahren: Kompletter Neudreh des Films, Gewaltandrohungen, Content-Diebstähle meines Film-Materials, viel Papierkram mit Abmahnanwälten. Das Projekt „Pottoriginale“ hat jetzt schon massig an Kohle verloren, aber ich habe nie aufgegeben. Immer vorwärts, immer weiter, immer gerade. Und habe mich immer schützend vor das Projekt gestellt und ich stecke mit jedem einzelnen privaten Euro drin. Es ist immer wichtig sich vor Augen zu halten, das hinter Pottoriginale keine fette Produktionsfirma oder ein TV- Sender steckt – sondern eine Einzelperson ohne große Mittel – aber mit viel Herzblut und mit Idealen.

Aber ich habe mich von nichts erschüttern lassen – und immer weitergemacht. Der Film und das fertige Werk ist dabei das Wichtigste gewesen. Dabei habe ich alles auf eine Karte gesetzt und den Film (trotz großer unerwarteter Zusatzkosten) fertig gestellt, um anschließend auf eine grandiose Kinotour zu hoffen – und mit den Erlösen von Eintritt, DVDs und Merchandising dann meine Leute und Dienstleister zu bezahlen: Anwalt, Cutter, Tonmischung, Illustratoren, Grafiker, Presswerk, und so weiter. So eine Rechnung ist natürlich mutig und gewagt. Aber anders ist das auf der Independent-Ebene nicht möglich. Ich hoffe wirklich darauf, dass das Kultusministerium uns hier wirklich helfen wird.

Ich bekomme dabei auf Deutsch gesagt das Kotzen, wenn Typen wie der BVB-Präsident Watzke zur Zeit öffentlich jammern. Denn bei ihm geht es einzig um Gewinn-Maximierung, Börsen-Notierung, Millionengehälter und ein unangenehmes ›Denken Sie groß!‹-Gehabe – das ist doch pervers! Bei den Pottoriginalen geht es jetzt um eine echte Existenz: um mein blankes, wirtschaftliches Überleben. In Bochum zur Weltpremiere hatte ich sogar die magische Grenze von 1.000 Kinotickets geschafft – alles ohne Trailer und das Wochen vor der Premiere. Ein unglaublicher Erfolg und Zeichen dafür – das ihr da draußen Bock auf den neuen Film habt. Städte wie Krefeld und Osnabrück waren in kurzer Zeit sogar ausverkauft! In manchen Städten wurden sogar schon Zusatzshows angekündigt. Nun macht das Corona-Virus einen dicken Strich durch die Rechnung. Mehr Pech kann man nicht haben.

Pottoriginale Filmdreh in Herne im Sommer 2019 | Foto: Dominik Asbach

Die Absagen treffen mich richtig heftig. Seelisch und finanziell. Schließlich gilt es für mich jetzt ausstehende Rechnungen von über 20.000 € zu bezahlen – und das, wo ich in den nächsten Wochen keine Einnahmen haben werde. Wenn jemand eine Kinokarte kauft bleibt das Geld bis zur Vorstellung bei den Kinos. In der Regel dauert es nochmal 3-4 Wochen bis die Kinos die Abrechnungen fertig haben und das Geld bei mir ankommt. Es bedarf jetzt einiges an Kommunikation – ob und wie Karten ihre Gültigkeit behalten können und wann wir eventuelle Alternativtermine finden können.

Am Ende ist es nur Geld, die Gesundheit steht über allem. Dennoch bedeutet der Verlust der Kino-Tour und die Ungewissheit, wann die Termine nachgeholt werden, nichts Gutes. Meine Existenz steht auf dem Spiel und damit auch die Zukunft des Projektes. Ich habe derzeit etwa 25 Kinotermine auf dem Zettel. Für meinen Film ist eine grandiose Weltpremiere einfach immens wichtig. Für mich ist wichtig, mit der Kinotour in Bochum starten zu können und dann die folgenden Anschlusstermine zu bespielen. Aktuell herrscht Ungewissheit bei den Kinos. Wir versuchen, neue Termine Ende August, Anfang September zu finden, aber aktuell ist noch nichts in trockenen Tüchern. Im Herbst/Winter sind viele Kinos schon mit großen Produktionen belegt, auch der neue James Bond-Film wurde ja in den Herbst verlegt. Das stellt aktuell die Kinos (aber auch mich) vor große Herausforderungen – denn niemand kann verlässlich sagen, wie lange die aktuelle Krise noch dauern wird. Kunst scheint aktuell nebensächlich zu sein. Derzeit geht es um eine weltweite Ausnahmesituation, in der wir alle zusammenhalten sollten – und uns auch vor Augen führen sollte, wie kostbar das Leben ist.

Aber Kunst wird grade in den folgenden Monaten einer Rezession wichtiger sein – als je zuvor. Es ist wichtig die Menschen zu unterhalten! Und so steigt die Vorfreude bei euch noch mehr. Wir holen alles nach und feiern umso mehr den Film – und natürlich das Leben. Jeder Moment ist wichtig. Und man sollte jeden Tag dankbar sein, gesund zu sein, frei sein zu dürfen, in der Kurve singen zu können und im Club wild feiern zu können.‹‹

Filmemacher Gerrit Starczewski und seine Darstellerin Celine Lawless noch bei besserer Laune | Foto: Dominik Asbach

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11 Kommentare

  1. #1 | Nina sagt am 16. März 2020 um 17:29 Uhr

    Jaaaaa, die Künstler…sehen immer nur sich selbst. Als würde die Welt auf dieses eine Produkt warten, in diesem Fall ein Film.
    Bei allem Mitgefühl… es sind derzeit zig Existenzen und Arbeitsstellen gefährdet. Viele Freiberufler leiden und manche werden eingehen. Warum sich da ein Filmemacher besonders hervortun muss, bleibt mir unbegreiflich. Aber man kennt es eigentlich von vielen Künstlern… sie kreisen ewig und eitel um sich selbst und besehen sich das eigene Schicksal im Spiegel.

  2. #2 | DEWFan sagt am 16. März 2020 um 18:32 Uhr

    Ja Nina, und wie konsequent er ist:
    "Ich bekomme dabei auf Deutsch gesagt das Kotzen, wenn Typen wie der BVB-Präsident Watzke zur Zeit öffentlich jammern. Denn bei ihm geht es einzig um Gewinn-Maximierung, …"

    Und dann im nächsten Absatz:
    "Derzeit geht es um eine weltweite Ausnahmesituation, in der wir alle zusammenhalten sollten…"

    Ja, watt denn nu? Sollen alle zusammenhalten? Oder geht's nur um Geld?

  3. #3 | Bochumer sagt am 16. März 2020 um 18:44 Uhr

    So ein Blödsinn. Filme und Bücher decken auch Grundbedürfnisse ab und Kunst entsteht nur dort, wo Leute Neues wagen (was nicht heißt, dass einem alles gefallen muss).
    Auf jeden Fall haben freischaffende Künstler nun ein echtes Problem und es wird sicher kein Hilfspaket geben. Vermutlich auch nicht für die selbstständige Blumenhänerin in unserer Straße. Es wird einige geben, die durchs Loch fallen.

  4. #4 | Bochumer sagt am 16. März 2020 um 18:45 Uhr

    @Nina
    So ein Blödsinn. Filme und Bücher decken auch Grundbedürfnisse ab und Kunst entsteht nur dort, wo Leute Neues wagen (was nicht heißt, dass einem alles gefallen muss).
    Auf jeden Fall haben freischaffende Künstler nun ein echtes Problem und es wird sicher kein Hilfspaket für sie geben. Vermutlich auch nicht für die selbstständige Blumenhänerin in unserer Straße. Es wird einige geben, die durchs Loch fallen.

  5. #5 | Randomjeff sagt am 16. März 2020 um 19:13 Uhr

    Im Vorspann dieser Ruhrbaron-Geschichte steht ja ein ›exemplarisch‹ um sicher zu verdeutlichen, wievielen Künstlern, Selfmade-Leuten oder One-Man/Woman-Firmen gerade der Arsch auf Grundeis geht. Diese Leute haben meinen Respekt, ich hoffe das sie das einigermaßen unbeschadet durchstehen und mit Glück durch die Krise kommen.

  6. #6 | Nina sagt am 16. März 2020 um 19:21 Uhr

    @#4: Die Leute haben gerade andere Probleme als "Kunst". Es trifft viele Freiberufler, Unternehmen, Firmen… Ich selbst arbeite nebenberuflich als Prostituierte und wir haben Ausübungsverbot. Für mich nur ein zweites Standbein, aber viele Kolleginnen haben nun ernsthafte Probleme. Jammern sie? Nö. Man bespricht sich untereinander, alternative Verdienste im Online-Geschäft, Anträge auf Hartz 4, Optionen von Krediten und Unterstützung des Staates…
    Aber manche Künstler sind sich anscheinend zu fein, für Geld auch mal andere Arbeiten zu machen zum Beispiel. Ein Künstler will sich ja immer selbst verwirklichen während andere gerade einfach schauen wo sie bleiben und wie es hoffentlich ganz bald für uns alle weitergehen kann.

  7. #7 | DEWFan sagt am 16. März 2020 um 20:45 Uhr

    #Bochumer: ja das stimmt ja auch, und den film werde ich mir wahrscheinlich sogar ansehen ?⚒?⚽️

  8. #8 | Thomas Weigle sagt am 16. März 2020 um 21:06 Uhr

    #6 Das ist doch der blanke Unfug. Auch im Kunstbereich müssen die meisten Menschen hart für den täglichen Teller heiße Suppe arbeiten. So wie ganz viel andere auch.
    Und es bleibt die Frage, wo sie wohl just im Augenblick Arbeit finden sollen, wo sie ihre eigentliche Arbeit nicht machen können. Wie viele andere übrigens auch.Haben sie eine Antwort, die diesen Menschen weiterhilft? Oder nur wohlfeiles Geschwätz?

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 16. März 2020 um 22:33 Uhr

    @Nina, ich vermute jeder 100ste Künstler kann von seiner Kunst leben. Wer das nicht kann, arbeitet in einem Beruf, läßt sich vom Partner ernähren, oder kriegt Hartz4. Ich denke, bei Künstlern geht es nicht um den Lebensunterhalt wie bei dir. Künstler arbeiten für ihre vernissage, odr für ihren Auftritt.
    Das ist ihr Lebensentwurf. Dafür arbeiten sie monatelang. Ich habe meine nächste Ausstellung für den 15. Mai geplant. Dafür muß ich zu einem Thema Bilder malen, die ich anderswo nicht gebrauchen kann. Findet diese Ausstellung nicht statt, habe ich von Dezember (Termin meiner letzten Ausstellung) bis Ende April umsonst gearbeitet. Leben tue ich von meiner Kunst nicht, weil ich in einem Beruf gearbeitet habe und meine Kunst bis zum Rentenbeginn nebenher betrieben habe, und Rente beziehe. Ich habe aber oft mit Künstlern, die nie etwas anderes als Kunst gemacht haben, zusammen ausgestellt. Für diese Leute ist eine Terminverlegung viel schlimmer. Vergleiche dasdoch bitte mal mit deinen Bedingungen. Die scheinen mir ausschließlich materiell zu sein, und somit nicht vergleichbar.

  10. #10 | Bochumer sagt am 16. März 2020 um 23:16 Uhr

    @Nina
    Hast du auch genug Nudeln und Klopapier gehortet?

    Ich glaube dir den Nebenverdienst nicht, klingt nach einem Internet-Fake. Ist mir aber auch schnuppe.

    Für Prostituierte wird es auch keinen Rettungsschirm geben. Sie arbeiten aber auch hart. Künstler aber auch. Beide Gruppen dürfen ihren Sorgen Ausdruck verleihen.

  11. #11 | Realmika sagt am 17. März 2020 um 07:16 Uhr

    Es ist übrigens auch nicht besser, wenn man für hunderte von Leuten verantwortlich ist. Die arbeiten und stellen Dinge her, die plötzlich niemand mehr kauft. Von den Gehältern ernähren die üblicherweise ihre Familien, die ich zum Teil kenne. Bei ausbleibenden Einnahmen kannst du nach Blick aufs Firmenkonto schon heute abschätzen, wann die Falle zuschnappen wird. Da laufen einem diese Schicksale vor dem eigenen nachts über die Bettdecke, das kann ich Dir sagen.

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