››Identifikationsfiguren sind für Fans wichtig‹‹

Ist mit 70 Jahren nochmal Trainer beim Hamburger SV geworden: Das Bundesliga-Urgestein Horst Hrubesch | Foto: wikipedia / el_loko / CC-BY 4.0

Die letzten drei Spieltage stehen in der 1. Und 2. Bundeliga an: Kann Hertha BSC auf den letzten Metern noch die Klasse halten? Was macht die Arminia aus Bielefeld? Schafft der BVB noch den Sprung in Champions League? Wird Horst Hrubesch den Hamburger SV in die erste Liga bringen? Und ist das Modell VfL Bochum mit vielen Identitätsfiguren schon zu einer Art Vorbild für andere Vereine geworden? Viele Fragen, hier kommen die Antworten.  

Peter Hesse: Hallo Robin, ich bin wie du großer Fußballromantiker. Bei vielen Unterschieden, die wir hier im Blog Woche für Woche ausfechten, ist das eine Gemeinsamkeit, die wir haben. Ich bin seit vielen Jahren regelrechter HSV-Hasser, weil mir dieser Verein mit seiner „Denken Sie groß“-Attitüde nur noch auf den Senkel geht und quasi im Sechsmonatstakt einen Trainer und einen Sportvorstand nach dem anderen verschleißt. Nun haben die Hanseaten, drei Spieltage vor Schluss eine ihrer größten Vereins-Idole auf den Trainerstuhl gehievt: Horst Hrubesch – einen ehemaligen Spieler, beharrlichen Trainer, Hobbyangler und ehemaligen Dachdecker aus Hamm. Einen echten Typen eben, den ich für seine Karriere in der Bundesliga sehr bewundere. Gegen Nürnberg, in Osnabrück und gegen Braunschweig wird der 70jährige nun den Hamburger SV von der Trainerbank dirigieren – und ich fürchte fast, es wird ihm gelingen die Rothosen irgendwie in die erste Liga zu hieven. Klar, der Fußballgott ist oftmals eine launische Diva – aber, dass er einen Fan in Gewissenskonflikte einer griechischen Tragödie treiben kann – das ist schon ein starkes Stück…

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Hamburg ist für mich ein komplizierter Fall. Ich persönlich halte es da eher mit St. Pauli. Ein guter Kumpel von mir ist allerdings HSV-Fan und auch regelmäßiger Stadionbesucher. Zumindest bis Corona. Von daher kriege ich auch immer ganz gut mit, was das beim HSV los ist. Ich drücke dem HSV aber schon deshalb die Daumen, weil es der ‚große‘ Klub im Aufstiegsrennen der ersten Liga ist. Die 1. Liga hatte in den vergangenen Jahren schon zu viel Substanzverlust. Da käme die Rückkehr des Dinos gerade recht. Mit Hrubesch kann ich als Trainer allerdings nicht so viel anfangen. Wenn ich mir vorstelle, dass das mein Trainer wäre, ich hätte Probleme damit. Mich beeindrucken eher Trainer, die einen moderneren Trainertypen verkörpern. Mit Übungsleitern vom Schlage eines Neururer oder Hrubesch kann ich weniger anfangen. Aber das mag bei jungen Spielern anders sein. Mit 50 beurteilt man die Außenwirkung der Leute vielleicht anders als mit 20….

Noch ist unklar wer neben Schalke absteigen wird | Foto: Peter Hesse

Peter Hesse: Ich denke, eine 70jährige Trainerinstitution wie Hrubesch kann schon motivieren – und aus einzelnen Spielern noch was rausholen – wenn es um, wie aktuell, nur wenige Spieltage geht. Ansonsten gebe ich dir recht – ich bin auch ein Fan von modernen Trainern, klaro. Auch der HSV-Tabellennachbar Holstein Kiel hat sich nach der desolaten Leistung im DFB-Pokal gegen Holstein Kiel wieder erholt. Die Mannschaft von Trainer Ole Werner erzielte einen 2:0-Sieg im Liga-Nachholspiel gegen den SV Sandhausen. Das Finish um die Aufstiegsplätze zur ersten Liga wird auf die letzten Meter richtig spannend – darüber freue ich mich sehr.

Robin Patzwaldt: Dass auch junge Trainer beeindrucken können, das hat ja Nagelsmann gezeigt. Der war vom ersten Tag in der Bundesliga an beeindruckend. Ich würde jedenfalls als Spieler eher einem Coach wie Nagelsmann, Tuchel oder Klopp zuhören als einem Typen wie Hrubesch oder Neururer. Aber das ist sicherlich auch von Mensch zu Mensch verschieden. Klar ist, der HSV muss arg in Not gewesen sein diesen Zug so spät in der Saison zu machen. Ich bin gespannt, ob er sich am Ende auszahlen wird. Ich würde mich über eine Rückkehr des Dinos in Liga 1 jedenfalls mehr freuen als über einen Aufstieg von Fürth, Kiel oder Heidenheim. Nicht weil ich die Klubs nicht mag. Ganz im Gegenteil. Ich bin Fan von Frank Schmidt und seiner Arbeit in Heidenheim. Aber für die 1. Liga wäre es einfach nicht gut, wenn die Anzahl der ‚großen‘ Klubs weiter sinken würde.

Peter Hesse: Ich springe mal thematisch zur Castroper Straße: Beim VfL Bochum wurde häufig gelobt, wie gut es dem Verein gelungen ist, alte und verdiente Vereinsikonen mit ins aktuelle Tagesgeschäft einzubeziehen. Sebastian Schindzielorz als Sport-Geschäftsführer, Trainer Thomas Reis oder Dariusz Wosz als Technik-Trainer sind nur einige Namen im VfL-Gefüge, die für solide Arbeit mit dem Faktor Stallgeruch stehen. Ich denke, dass ist vielleicht auch ein Grund warum man ausgerechnet Horst Hrubesch beim HSV bekniet hat Trainer zu werden – oder warum sich Schalke 04 nun Youri Mulder in den Aufsichtsrat geholt hat. Identifikationsfiguren sind für Fans wichtig und können auch bei Sponsoren-Gesprächen wichtige Türöffner sein. Wie siehst du das?

Das Stadion vom VfL Bochum an der Castroper Strasse | Foto: Peter hesse

Robin Patzwaldt: Identifikationsfiguren sind eine gute Wahl, wenn sie denn auch Ahnung von der Materie haben. Das kann man als Außenstehender immer nur schlecht beurteilen. Wichtig ist halt, dass sie außer ihrem Namen auch etwas mitbringen. Da bin ich mir manchmal aber gar nicht so sicher. Ich sehe das eher pragmatisch.

Peter Hesse: Kommen wir mal zur entscheidenden Frage für Borussia Dortmund: wird die Champions League erreicht werden? Ich bin sehr skeptisch…

Robin Patzwaldt: Ich bin grundsätzlich eher skeptisch veranlagt. Daher halte ich es in Anbetracht des herausfordernden Restprogramms des BVB auch für unwahrscheinlich, dass das mit der Königsklasse noch klappt. Leipzig und Leverkusen sind schwer zu schlagen und auch Mainz ist aktuell gut drauf. Wenn es der BVB nicht schafft, dann hat er es aber nicht im Endspurt, sondern in der Mitte der Spielzeit verzockt, als einfach zu viele Punkte liegen gelassen wurden. Ich halte den Sieg im DFB-Pokal jedenfalls für wahrscheinlicher als einen Platz unter den ersten Vier. Und über einen Pokaltitel würde ich mich auch freuen. Allerdings wäre das finanziell für den Verein wohl nicht so lukrativ, wenn es so ausginge.

Peter Hesse: Ich glaube auch nicht, dass der BVB das schaffen wird – und setze auch auf den DFB Pokal, der natürlich mit Leipzig auch hochkarätig besetzt ist. Und im Tabellenkeller stehen meine Kandidaten auch fest. Hertha hat jetzt in den kommenden 16 Tagen fünf Partien zu absolvieren: Freiburg, Arminia Bielefeld und Köln kommen in die Hauptstadt, und das Team von Pal Dardai muss noch nach Schalke und Hoffenheim. Ich glaube, das ist eine zu schwierige Aufgabe – ich denke (von der jetzigen Perspektive her gesehen) landet Köln auf dem vorletzten Platz und Hertha muss wohl in die Relegation. Nur was passiert, wenn sich noch mal ein Hertha Spieler mit Corona anstecken sollte? Das darf man sich ja gar nicht vorstellen….

Auf Hertha wartet ein ganz schweres Restprogramm | Foto: wikipedia / Frankinho / CC BY 4.0

Robin Patzwaldt: Ja, die Corona-Problematik sehe ich auch. Aber das betrifft ja auch andere Ligen. Wollen wir hoffen, dass wie die Endphasen in allen Bereichen gut über die Bühne kriegen. Aber viel Zeit bleibt auch danach nicht. Dann kommt ja direkt die EM. Aber da werde ich mir mal eine Auszeit vom Fußball gönnen. Wirst du die Europameisterschaft intensiv verfolgen, oder wie ich eher auf Abstand dazu gehen?

Peter Hesse: Momentan krazt mich das null. Aber wie sagte schon Rainer Calmund: Der Appetit kommt ja meistens beim Essen…

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