Moral und Missbrauch: Das Doppelleben von Ruhrbischof Franz Hengsbach

Schon 2023 abgebaut: Die Statue des früheren Ruhrbischofs Franz Hengsbach am Essener Dom Foto (Ausschnitt): Dat doris Lizenz: CC BY-SA 4.0

Seine Statue ist längst abgebaut, Straßen, Plätze und Gebäude tragen seit Jahren nicht mehr seinen Namen. Die Vorwürfe sexualisierter Gewalt und anderer Übergriffe haben den 1991 verstorbenen Gründungsbischof des Bistums Essen, Franz Hengsbach, bereits tief fallen lassen. Nun sind die zugrundeliegenden Fälle erstmals wissenschaftlich erfasst und kategorisiert worden. Das vom Bistum Essen mit eine Studie beauftragte Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) legte am Donnerstag (25.6.) einen Zwischenbericht vor, der insgesamt zwölf Fälle auflistet, wobei die Forscher allerdings nur fünf Fällen einen „hohen Quellenwert“ beimessen. Sie seien gut dokumentiert und plausibel, hieß es. Die anderen Fälle seien nur „eingeschränkt belastbar“, was wohl meint, ihr Wahrheitsgehalt ist unklar. Allerdings gebührt nach Meinung der Wissenschaftler auch diesen Betroffenen weitere Aufmerksamkeit sowie finanzielle und therapeutische Hilfe, so ihr Zwischenfazit.

Von den fünf plausiblen Fällen sind vier im sexuellen Bereich anzusiedeln. Der vielleicht gravierendste Fall geschah bereits Mitte der 1950er Jahre, als der 1910 geborene Hengsbach als Weihbischof im Erzbistum Paderborn amtierte. Den Aussagen einer damals 16-jährigen Betroffenen zufolge soll Hengsbach sie während eines Hauswirtschaftsjahres im Sauerland mehrfach aufgesucht und zu sexuellen Handlungen an seinem Körper gezwungen haben.

Drei weitere dokumentierte Fälle datieren aus späterer Zeit, dann schon im Bistum Essen. In den 1960er Jahren soll Hengsbach einem Mädchen, die zum Tatzeitpunkt 13 Jahre als war, mehrfach unterhalb der Kleidung an die Brust gefast haben. Ein weiterer, als plausibel eingestufter Fall betraf einen Jungen. In einem Kinderheim soll sich Hengsbach ebenfalls gegenüber einem Jungen in sexualisierter Weise grenzverletzend verhalten haben, indem er diesen auf den Schoß genommen und in einer anderen Situation dessen Kopf zwischen die Beine gedrückt haben soll. Drei andere Fälle mit Vorwürfen von sexualisierter Gewalt gegen Jungen gelten derzeit noch als nicht ausreichend belegt, hieß es.

Der vierte sexualisierte Fall, den die Forscher für plausibel halten, betrifft den Zeitraum, als Ruhrbischof Franz Hengsbach 1988 zum Kardinal erhoben wurde und auf dem Höhepunkt seines Ansehens stand. Er soll eine damals 13-Jährige, die sich auf die Firmung vorbereitete, nach einem Gottesdienst in die Sakristei gebeten haben, wo er sie im Brustbereich berührt und sexualisiert angesprochen haben soll. „Die Muster der Instrumentalisierung des Firmgottesdienstes – Herstellung isolierter Situationen und Ausnutzung sakraler Autorität – wiederholten sich über drei Jahrzehnte hinweg“, konstatieren die Forscher, darunter Theologen, Historiker und Sozialwissenschaftler. Zu Hengsbachs Entlastung betonte das IPP lediglich: Der Charakter der sexualisierten Vorfälle blieb unterhalb dessen, was zur damaligen Zeit strafbar war. Heute würde die Tatbestände allerdings auch juristisch anders bewertet werden.

Der fünfte Fall betraf einen Mann, der sich von Bischof Hengsbach in grenzüberschreitender Weise körperlich bedrängt gefühlt hat. Die Forscher werten dies jedoch nicht als sexualisierte Gewalt, zumal der Betroffene dies weder damals noch im Rückblick so empfunden hat. Tatsächlich kamen körperliche Grenzüberschreitungen bei Hengsbach, der in seiner Amtsführung als sehr autoritär beschrieben wird, öfter vor, sie dienten offenbar geradezu als Herrschaftsinstrument. So berichteten altgediente Priester, dass Hengsbach gern in demütigend-spöttischer Absicht Untergebene vor anderen an der Krawatte durch den Raum zog. Der betont konservative Bischof empfand es als unpassend, wenn Priester Krawatte trugen statt den strengeren Priesterkragen.

Generell sehen die Wissenschaftler einen destruktiven und selbstherrlichen Machtgebrauch bei Hengsbach: „Die Akkumulation von Ämtern und Ehrungen, fehlende Kontrolle bischöflicher Macht und der Nimbus der Unangreifbarkeit schufen Verhältnisse, die Grenzübertretungen ermöglichten und Aufklärung verhinderten.“ Diese Strukturen seien nicht allein an Hengsbach als Person geknüpft, sondern – so die These – kennzeichneten den katholischen Klerus im 20. Jahrhundert insgesamt. Aufgrund der wichtigen Rolle, die Hengsbach im Ruhrgebiet weit über das kirchliche Leben hinaus spielte, galt er aber als besonders unantastbar und fühlte sich ganz offenkundig  auch so.

Am Fall Hengsbach zeige sich die „Doppelbödigkeit“ einer Kirche, die nach außen in sexuellen Fragen hehre moralische Werte vertrat, nach innen aber Machtstrukturen und Mentalitäten heranzüchtete, die sexuellen Missbrauch ohne einschneidende Konsequenzen ermöglichten. Insbesondere das mystifizierte, mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit versehene Priesteramt sei für ein solches Gebaren anfällig. Wie sehr Franz Hengsbach zur Doppelmoral neigte, beschrieben die Forscher am Beispiel seines Umgangs mit Priestern, die sich in Frauen verliebt hatten und somit mit dem Ehe- und Beziehungsverbot in Konflikt gerieten. Der Bischof habe diese Priester einerseits unter Druck gesetzt, ihnen andererseits aber die „Lösung“ eröffnet, ihre Beziehung heimlich fortzusetzen. „Der Schutz der institutionellen Fassade hatte offenkundig Vorrang vor den eigenen zumindest proklamierten moralischen Ansprüchen“, heißt es im Zwischenbericht des IPP.

Kritisch setzte sich das IPP, unterstützt von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte und dem Institut „Dissens“, mit der Art auseinander, wie das Bistum Essen Informationen zu Hengsbachs mutmaßliche Verfehlungen behandelt hat. Bereits im Jahr 2011, kurz nach Amtsantritt des jetzigen Bischofs Franz Josef Overbeck, erhielt dieser einen telefonischen wie auch schriftlichen Hinweis aus dem Erzbistum Paderborn zum Missbrauch jener damals 16-jährigen jungen Frau. Overbeck hat diesen Vermerk nicht dort zu den Akten nehmen lassen, wo er hingehört hätte und gefunden worden wäre. Später will er ihn dann „vergessen“ haben, als weitere Hinweise auf Verfehlungen seines Amtsvorgängers aufkamen. So war dieser wichtige Vorgang für die erste, vom Bistum selbst initiierte Missbrauchsstudie zunächst nicht nutzbar

Overbeck bat für diesen „Fehler“ jetzt um Entschuldigung. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Bischof, dessen Nachfolger ich gerade geworden war, zu solchen furchtbaren Taten fähig ist.“ Auch er sei damals noch befangen gewesen in jenen überhöhten Vorstellungen vom Priestertum, die heute als wichtiger Teil des Problem erkannt seien. Er habe für sich persönlich gelernt, dass Machtpositionen wie die eines Bischofs stets zu hinterfragen seien und versehe sein Amt in diesem Sinne. Gleichwohl gab es auch in den Jahren 2022 und 2023 noch einen kommunikativen Umgang mit Hinweisen sexualisierter Gewalt, den die Institute bei der Vorlage des Zwischenberichts als verbesserungswürdig skizzierten.

Die Endfassung der Studie soll 2027 vorgelegt werden, ein Jahr später soll dann auch ein Buch über das Leben von Franz Hengsbach erscheinen, das der Historiker und Theologe Dr. David Rüschenschmied von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte plant. Eine weitere Biografie über Hengsbach haben die Journalisten Julia Rathke und Wolfgang Kintscher in Arbeit.

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