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Kampf gegen Identitäre: „Klassische Aufklärungsarbeit funktioniert“

Identitäre Foto: Ataraxis1492 Lizenz: CC BY-SA 3.0


Noch vor zwei Jahren sorgten die Identitären im Ruhrgebiet für Aufsehen. Heute ist von den Hipster-Rechten nicht mehr viel zu sehen. Auch ein Erfolg der Arbeit antifaschistischer Gruppen.

2013 war das Jahr, in dem die Identitären sich zum ersten Mal im Ruhrgebiet bemerkbar machten. An Autobahnbrücken war ihr Logo zu sehen, bei den Protesten gegen die Schließung des Opel-Werks in Bochum mischten sie sich unter die Demonstranten, es gab Kontakte zur Burschenschaft VDSt-Breslau zu Bochum, die in einem heruntergekommenen Haus am Rand der Innenstadt residiert und zur damals frisch gegründeten AfD.

Für rechte Gruppen wuchsen in dieser Zeit im Ruhrgebiet: Die Nazi-Partei „Die Rechte“ schaffte es 2014 in den Dortmunder Rat, die AfD zog im selben Jahr überall wo sie antrat in die Rathäuser ein und auch die Identitären erhielten Zulauf: Innerhalb weniger Jahre bildeten sich in ganz NRW zahlreiche Stammtische der Identitären. Zur Jahreswende 2017/2018 traf man sich regelmäßig in Paderborn, Bielefeld, Aachen, Düsseldorf, Münster, Dortmund, Bochum, Duisburg und Essen, Köln, Bonn sowie im Bergischen Land.

„2017“, sagt Tom*, der an der Dokumentation „Identitäre in Bochum“ mitgearbeitet hat, „war das Jahr, in dem die Identitären im Ruhrgebiet am aktivsten waren.“ Neue Gruppen entstanden in ganz NRW und sie suchten die Öffentlichkeit: An der Ruhr-Uni warben die Identitären um Studenten, eine Party linker Hochschulgruppen wurde gestört, ein Plakat vor das DGB-Gewerkschaftshaus gehängt und zahlreiche Aufkleber rund um das Ver.di-Haus zwischen Uni und Innenstadt geklebt.

In einem Club im Kneipenviertel Bermudadreick suchten Identitäre die Auseinandersetzung mit den Gästen und flogen raus. Später wurde einer von ihnen von Unbekannten nahe dem Hauptbahnhof zusammengeschlagen, was dann sowohl die Junge Alternative (JA) als auch Identitären zur Opferwerbung nutzen, denn der Betroffene war wohl in beiden Organisationen aktiv, obwohl die JA offiziell Distanz zu den Identitären wahrt.

„In dem Jahr gingen wir aber auch dazu über, uns offensiv mit den Identitären Auseinanderzusetzen“, erinnert sich Tom. Gruppen begannen, über die Identitären zu informieren. „Wir haben den Mythos zerstört, dass es sich bei den Identitären nicht um Rechtsradikale, sondern um hippe, kluge junge Menschen handelt, die unkonventionell denken.“ In zahlreichen Veranstaltungen im Ruhrgebiet wurde über die Identitären aufgeklärt, ihre Geschichte wurde erzählt und ihre Wurzeln in der Nazi-Szene nachgewiesen.

Von den fast ein Dutzend ID-Gruppen sind heute nur noch vier aktiv: Westfalen, Rheinland, Bergisches Land und „Ruhrpott“. Nicht viel für ein Land wie Nordrhein-Westfalen mit über 18 Millionen Einwohnern. Unter dem Namen „Defend Ruhrpott“ haben sich die verbliebenen Aktivisten der Identitären aus Bochum, Dortmund, Essen und Duisburg versammelt – kein Zeichen der Stärke, eher eins des Niedergangs und der Schwäche. Die Polizei Bochum geht auf Anfrage  nur noch von „einer einstelligen Personenzahl“ an Anhängern in ihrer Stadt aus.

Neben der Aufklärung und verschiedener Aktionen sieht Tom aber noch weitere Gründe für den Rückzug der Identitären: „Im Ruhrgebiet gibt es nur wenige Burschenschaften. Und zwischen Burschenschaften und Identitären gibt es große Überschneidungen.“ Auch völkische Siedlergemeinschaften, die vor allem im Norden aktiv sind, gibt es in der Stadtlandschaft zwischen Köln und Dortmund nicht.

„Seitdem Facebook und Instagram begonnen haben, die Auftritte von Identitären zu löschen, fehlt ihnen auch die Aufmerksamkeit.“ Besonders viele Menschen seien ihnen zwar auch online nicht gefolgt, aber selbst diese Überschaubare Reichweite hätten sie nun auch verloren.

Als Reaktion auf die Löschungen erfolgte dann 2018 die einzige Aktion, mit der die Identitären aus dem Ruhrgebiet eine größere Aufmerksamkeit erhielten: Sie besetzten im April das Dach eines Bürogebäudes in Essen, in dem Facebook ein „Löschzentrum“ betreibt. In Duisburg sorgten sie vor ein paar Wochen mit einer Kurzen Aktion in Marxloh für etwas Aufmerksamkeit. Transparent entrollen, Foto machen, Fersengeld geben.

Die Schwäche der Identitären wird auch vom NRW-Innenministerium bestätigt. Auf Anfrage teilte das Ministerium mit: „Die Identitäre Bewegung Deutschland verfügt in Nordrhein-Westfalen über einen Aktivistenkreis von bis zu 25 Personen.“ Zusätzlich gäbe es noch einen 40 bis 50 Anhänger umfassenden Personenkreis von aktionsorientierten Sympathisanten.

Das Innenministerium beobachtet auch eine Zusammenarbeit der Identitären mit der AfD und Neonazis. Der Verein „Publicatio e.V.“ unterstützt nach Informationen des Verfassungsschutzes NRW mit seinem „Arcadi-Fest“ und dem „Arcadi-Magazin“ die Identitären logistisch und propagandistisch. Zu seinen „Arcadi-Festen“ in den Jahren 2017 und 2018 waren führende Protagonisten der Identitären Bewegung nach Nordrhein-Westfalen eingeladen. Im „Arcadi-Magazin“ wird für Aktionen und Positionen der Identitären Bewegung geworben. Der Vorsitzende von „Publicatio e.V.“, der das „Arcadi-Fest“ veranstaltet und das „Arcadi-Magazin“, ein rechtes Lifestyleblatt, herausgibt, ist Kreisvorsitzender der AfD in Leverkusen.

Das Verhältnis zu Neonazis ist nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden ambivalent: „Einige IB-Protagonisten weisen in ihrer Biographie durchaus Bezüge zu neonazistischen Organisationen auf. Zudem gab es in der IB-Gruppierung Aachen starke Überschneidungen mit der Neonaziszene.“

Andererseits hätten sich die Identitären von der Bonner Gruppierung um die Aktivistin Melanie Dittmer, die auch zahlreiche Demonstrationen des Düsseldorfer Pegida-Ablegers organisierte, mit der Begründung getrennt, dass diese zu offensichtlich Anschluss an das neonazistische Spektrum suchte.

Die Bochumer Gruppe zu der auch Tom gehört sieht die Krise der Identitären mit Zufriedenheit. „Es ist uns gelungen, die Identitären zurückzudrängen und wir haben gezeigt, dass das mit bewährten Mitteln wie Aufklärung, Information und Beharrlichkeit geklappt hat.“

*Name geändert

Mehr Infos:

Identitaere in Bochum

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World

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4 Kommentare zu “Kampf gegen Identitäre: „Klassische Aufklärungsarbeit funktioniert“

  • #1
    Oe

    Dass einer von den Identitären ins Koma geprügelt wurde steht ja schon im Text und ist meiner Meinung nach ein wichtiges Zeichen im "Kampf gegen Rechts". Ansonsten könnte vielleicht noch ergänzt werden, dass mehrfach Autos dieser Ultrafaschisten abgefackelt und Häuser in der Nachbarschaft beschmiert wurden.

  • #2
  • #3
    Gerd

    Ob das Lob für die linken Extremisten angebracht ist? Es würde mich nicht überraschen, wenn die Identitäten mit ihrem Studium fertig sind und sich um Dinge wie Arbeit kümmern müssen. Ein Konzept, dass Linke immer weniger nachvollziehen können.

  • Pingback: Das ist keine Propaganda | Ruhrbarone

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